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Flüchtlinge, unsere Werte und was das mit dem Zahnarzt zu tun hat

Am Morgen: Der Sohn macht sich bereit, um zum Kieferorthopäden zu gehen. Er soll eine feste Zahnklammer bekommen. Der Mitwohner unterhält sich mit dem Sohn. „Mach dir keine Sorgen“, „Das ist gar nicht schlimm“, und so weiter. Ich höre das Gespräch mit und schrecke auf: „Der Sohn hat gar keine Angst vor dem Zahnarzt. Mach ihm bitte auch keine!“, sage ich. „Ach so!“, der Mitbewohner.

Was war passiert? Der Mitbewohner hat sein Wissen um die gängige Angst vor Zahnärzten eingesetzt. Er hat angenommen, der Sohn sei von diesem Massenphänomen betroffen und seine Aussage entsprechend formuliert. Eigentlich wollte er ihm Mut zusprechen und etwas Nettes sagen. Aber die Annahme war falsch und so konnte das Gesagte nicht die gewünschte Wirkung erzielen.

Beabsichtigte Wirkung: Mut, ein gutes Gefühl, sich angenomme, verstanden, behütet fühlen

Mögliche Wirkung 1: Der Sohn versteht nicht, was ihm der Mitbewohner sagen will, wundert sich, ist irritiert.

Mögliche Wirkung 2: Der Sohn bekommt Angst vor dem Zahnarzt, denn offenbar gibt es ja Grund dazu.

Mögliche Wirkung 3, besonders gerne bei Pubertierenden oder anderweitig emotional labilen Personen zu beobachten: Aggression, offene Ablehnung, weil das Sich-nicht-gesehen-Fühlen emotional heftige Reaktionen auslöst

Was hat das mit Flüchtlingen und unseren Werten zu tun? Nun ja. Geflüchtete werden dauernd mit Annahmen konfrontiert, die wir über sie, ihren kulturellen Hintergrund, ihre Werte oder Absichten hegen. Und so angesprochen.

Es müssen noch nicht einmal die geläufigen krassen Vorurteile sein. Etwa, ein muslimischer, arabisch oder nord-afrikanisch aussehender Mann könne nicht respektvoll und auf Augenhöhe mit Frauen kommunizieren. Oder noch schlimmer: Habe er nur die Gelegenheit, falle er über jede her, die nicht komplett verschleiert ist. Oder umgekehrt: Die kopftuchtragende Frau sei konservativ und rückständig oder werde in diese Rolle gezwungen und müsse befreit werden. Solche Vorurteile sind dumm. Dass wissen viele, die wesntlich differenzierter denken. Unmut und Enttäuschung können aber auch andere, sogar sehr wohlmeinende Vorurteile auslösen.

Was allen Vorurteilen gemein ist: Wir urteilen bevor wir fragen. Ist unsere Annahme treffend, fühlt sich unser Gegenüber vermutlich verstanden, gesehen. Ist unsere Annahme falsch, löst dies – je nach Beziehung, den Vorurteilen unseres Gegenübers und seines Wesens – unterschiedliche Wirkungen und Reaktionen aus. Da wären wir wieder bei der Angst vor dem Zahnarzt.

Selbst wenn 80 Prozent der Bevölkerung diese Angst hätten, so weiß ich doch nie, ob dies auch für den Menschen vor mir gilt.

Warum schreibe ich das alles? Ich möchte einladen, offener mit unseren Vorurteilen umzugehen. Öfters mal innezuhalten und die eigenen Annahmen zu hinterfragen.

Wir alle haben Vorurteile (nennen Sie es Klischee, Stereotyp, egal). Übrigens wir Einheimischen ebenso wie die Geflüchteten und Migrierten. Wir sind alles Menschen. Unser Gehirn ist so gebaut. Es arbeitet mit Verallgemeinerungen und kann gar nicht anders. Es ist also nicht wirklich hilfreich, zu versuchen, keine Vorurteile zu haben. Die brauchen wir zum Überleben. Es wäre vollkommen ineffizient, jedes Mal bei Null anzufangen und zu überlegen, ob eine Platte auf vier Beinen ein Tisch, Stuhl oder Hocker ist. Ein Beispiel: Sie betreten einen Raum und erkennen im Bruchteil einer Sekunde, wer Chef ist und wer Putzkraft.

Viel hilfreicher ist es, davon auszugehen, dass wir 1000te kleine Vorurteile haben. Manchmal helfen sie uns, manchmal behindern sie uns. Lassen Sie uns darüber nachdenken, darüber sprechen und wenn wir entdecken, dass wir einem solchen aufgesessen sind, gemeinsam darüber lachen.

Unser Gehirn kann nämlich noch etwas: Es lernt. Bis zu unserem letzten Atemzug baut es Straßen, Wege und Vernetzungen im Kopf auf, ab und um. Lassen Sie uns diese Lernfähigkeit nutzen.

Am Ende ist das, was Menschen wollen, so verschieden nicht: sicher leben, friedlich und gut miteinander auskommen, eine Perspektive haben, Freunde, Familie oder einfach liebe Menschen um sich herum haben.

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