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Identität – Ich bin überall zuhause – Folge 28

Identität als Weltbürger

Alberto Gutierrez* ist als erwachsener Mann und Bauingenieur mit seiner deutschen Frau von Argentinien nach Köln gezogen. Hier musste er nochmal von vorne anfangen. Heute sieht sich der Bolivianer als Weltbürger. Der Rückhalt in der eigenen Familie und der seiner Frau haben es ihm leicht gemacht, in neuen Ländern und Kulturen anzukommen.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich kann sagen, dass sich das Konzept der Identität in meiner Person im Laufe meines Lebens verändert hat. Aus der Sicht der Identifikation mit dem Ort, wo man lebt, identifizierte ich mich in meiner Jugend mit meinem Land. Bolivien war das schönste und beste Land der Erde, bolivianisches Essen das leckerste. Aus heutiger Sicht denke ich, da habe ich auch viel idealisiert. Als Erwachsener, der in drei Ländern gelebt hat, erkenne ich, dass ich ein Bürger der Welt bin. Ich habe kein Problem, in irgendeinem Land zu leben. Die Welt ist meine Heimat.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Heimat La PazIm Laufe meines Lebens bin ich mich mehrmals umgezogen. Als Kind zog ich mit meiner Familie von einem kleinen Haus zu einem größeren Haus mit einem Garten in La Paz in Bolivien. Im Alter von 24 Jahren ging ich zum Studieren nach Buenos Aires in Argentinien Zuerst wohnte ich bei meiner Mutter. Später hatte ich eine eigene Wohnung und ein Haus. Ich heiratete und gründete eine Familie. Im Jahr 2001 sind wir wegen der Wirtschaftskrise in Argentinien von Buenos Aires nach Köln in Deutschland umgezogen. Da meine Frau Deutsche ist, war das naheliegend. Inzwischen sind wir geschieden und ich bin in Köln geblieben. Auch hier wohne ich lieber in Häusern als in Wohnungen, weil ich das aus meiner Kindheit und Jugend aus Bolivien so gewohnt bin.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Im Allgemeinen hatte ich nicht so viele Probleme, mich an eine neue Situation oder Lage anzupassen, weil ich immer die Unterstützung der Menschen um mich herum hatte.

In Deutschland war es schon sehr anders und ich musste praktisch von vorne anfangen. Mein Studium als Bauingenieur wurde und wird hier nicht anerkannt. Ich habe zuerst an der VHS Deutsch gelernt und parallel dazu als Lagerist gearbeitet, um Deutsch zu üben. Später machte ich eine Ausbildung zum IT-Systemadministrator und als die spanische Firma, in der ich heute arbeite, merkte, dass ich ein Studium als Bauingenieur habe, wurde ich intern entsprechend versetzt. Heute arbeite ich als Prozessingenieur in verantwortlicher Position.Ich musste praktisch von vorne anfangen. Klick um zu Tweeten

Was mir wirklich geholfen hat, hier anzukommen waren die Familien, meine eigene in Bolivien und Argentinien und die meiner Ex-Frau hier in Deutschland. Darum habe ich es nie als wirklich schwierig empfunden. Dass ich hier klein anfangen musste, fand ich nicht schlimm. In Buenos Aires habe ich mich ja auch hochgearbeitet, wenn auch auf einer Ingenieursstelle.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Heimat in der WeltIch hatte eine glückliche Kindheit, obwohl meine Eltern, die beruflich sehr beschäftigt waren, nicht so viel Zeit mit uns verbrachten. Unsere Au-Pair-Mädchen kümmerten sich um uns und wir waren sehr glücklich, wenn meine Eltern nach Hause kamen. In der Jugend habe ich viel gefeiert und das Leben genossen, manchmal vielleicht ein bisschen zu viel. Aber es gab Onkels, die mich geerdet haben, mein eigener und der meiner heutigen Ex-Frau. Von ihnen habe ich gelernt, korrekt zu sein und die Dinge zu schätzen, die man hat.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Für mich ist Heimat, wo ich glücklich und integriert bin. Zuerst, als ich nach Buenos Aires umgezogen bin, vermisste ich La Paz sehr. Vielleicht, weil es meine erste Erfahrung war, einen Ort zu verlassen, an dem ich so lange gelebt habe. Im Laufe der Jahre und nach mehreren Veränderungen kann ich sagen, dass die Welt meine Heimat ist.Für mich ist Heimat, wo ich glücklich und integriert bin. Klick um zu Tweeten

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Eine gute App, um die lokale Sprache zu verstehen, viel Optimismus und die richtigen Personen an meiner Seite.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Heimat in DeutschlandIch habe keine Probleme, wenn sie mich fragen, wo ich herkomme, da ich das gleiche tue. Die interessante Sache ist zu fragen, wo sie denken, woher ich bin. Normalerweise sagen sie mir, dass ich aus Pakistan, Iran oder aus der Türkei komme, was ich interessant finde. Das gibt mir eine Gelegenheit, Ihnen zu erzählen, wie Bolivien und Argentinien sind.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Wie schon gesagt habe, ich habe kein Problem damit und ich nutze die Gelegenheit, um von Bolivien und Argentinien zu erzählen.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Als Agnostiker kann ich jetzt sagen: leben und leben lassen oder jeder Jeck ist anders.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Identität in der Heimat

Ich wünsche mir, dass Deutschland seine Neubürgerinnen und Neubürger besser in die Wirtschaft integriert. Damit meine ich, dass es Wege geben sollte, wonach jemand mit einer guten Ausbildung auch in dieser arbeiten kann. Heute ist es oft noch so, dass Ausbildungen und Studienleistungen aus anderen Ländern nicht anerkannt und gewürdigt werden und die Menschen quasi bei Null anfangen müssen.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

New York, Central Park. Es ist eine Stadt mit viel Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch!

* Name geändert // Die Fotos wurden von Alberto Gutierrez zur Verfügung gestellt, die unteren beiden habe ich mit dem Handy fotografiert.

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