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Im Wohnzimmer der Demokratie

Köln spricht: Wohnzimmer der Demokratie

Heute war ich bei Köln spricht: Wohnzimmer der Demokratie. Dort treffen sich Menschen, die sich Gedanken machen, wie es mit uns und unserer Gesellschaft weitergeht. Seit Februar gibt es das in Köln und seit Kurzem auch in Düsseldorf. Dort treten Rednerinnen und Redner auf und viele Leute, die mitdiskutieren. Ich finde die Idee super. Wieder mehr debattieren und nach Lösungen suchen, statt nur zu jammern. Heute war ich in Köln eine der Rednerinnen. Mein Thema: Was kann der Einzelne tun gegen die Spaltung in der Gesellschaft und wie kommen wir wieder besser ins Gespräch miteinander?

Es war meine erste echte Rede und ich war entsprechend nervös. Da ich frei gesprochen habe, ist der folgende Beitrag nicht identisch mit meiner Rede, aber es ist das, was ich vorbereitet hatte und in etwa das, was ich erzählt habe. Für alle, die nicht dabei waren:

Trump, Brexit, AfD, Erdogan… überall ist von einer Spaltung der Gesellschaft die Rede. Im Internet wimmelt es von Beschimpfungen und Beleidigungen. Sind wir wirklich so gespalten? Warum? Und was können wir tun, um die Gräben zu überbrücken?

Ich glaube: Viele von uns sind nicht mehr geübt darin, andere Meinungen auszuhalten. Linke gehen bei rechten Positionen an die Decke und umgekehrt. Wir reagieren auf Reizwörter und kommentieren dann unsere Meinung. Die einen etwas höflicher, andere zynisch und ironisch und wieder andere offen beleidigend. Aber wo führt das hin? Wenn ich jemanden beschimpfe, wird er sich verteidigen. Wenn ich ihm nicht zuhöre, wird er lauter schreien, weil er gehört und verstanden werden will. Wenn ich ihn ignoriere und wegschaue, kriege ich nicht mehr mit, was sich zusammenbraut.

Hinschauen sollten wir also. Aber wie spricht man mit Menschen, die eine Position vertreten, die man selbst für total bescheuert und absurd hält?

Beschimpfungen bringen uns nur weiter auseinander. Daher meine These: Wir müssen wieder lernen, einander auszuhalten und uns im besten Sinne zu streiten. Wenn wir zuhören und verstehen wollen, müssen wir uns und unseren Gesprächspartnern Zeit geben: Zeit zum Zuhören, Zeit zum Verstehen, Zeit zum Nachdenken

Zeit nehmen und zuhören

Das ist anstrengend. Unsere Gesprächskultur hat das Zuhören verlernt. Nicht nur bei politischen Themen: Mails werden nur halb gelesen. Der Callcentermitarbeiter gibt einem schon eine Antwort, obwohl man die Frage noch gar nicht fertig formuliert hat. Das macht Kommunikation hektisch und anstrengend. Sie geht oft am Kern vorbei, produziert Missverständnisse, versaut die Stimmung oder es bleibt beim oberflächlichen Blabla.

In der politischen Kommunikation im Internet liest sich das dann ungefähr so:

  • A: Endlich sind mal die deutschen Kinder dran.
  • B: Ja, finde ich auch. Den Flüchtlingen wird es in den A. geschoben und wir bekommen nichts.
  • C: Was für eine Nazi-Scheiße
  • D: Die so etwas schreiben, sind minderintelligent.

Ihr kennt alle solche Verläufe. Nach Reizwörtern wie Flüchtlinge, Ausländer, Kapitalismus, Feminismus, Sexismus, Veganismus, Flüchtlingspolitik, Leitkultur geht es oft rund. Am Ende wird beleidigt und erniedrigt oder man kommt zu dem Schluss, mit der anderen Seite sei sowieso nicht zu reden.

Ja, können wir denn nur noch mit Menschen reden, die unsere eigene Meinung bestätigen? Sind wir so einfach gestrickt, dass wir nur auf Reizwörter reagieren und dann unsere Meinung absondern, noch bevor wir verstanden haben, was der andere sagen will?

Wir sollten uns besser erstmal vergewissern, ob wir den anderen richtig verstanden haben, nachfragen, Quellen prüfen und auf Augenhöhe in die Debatte treten, egal, ob uns der andere Mensch sympathisch ist oder ob wir ihn für einen Vollpfosten halten. Das habe ich in den letzten Wochen probiert und interessante Erfahrungen gesammelt.

Nachfragen hilft Verstehen

Die Zitate aus dem Beispiel mit den deutschen Kindern sind erfunden. Aber die Aussage „Endlich sind mal die deutschen Kinder dran“ gab es wirklich. Bei mehreren Kommentatoren, die diese Formulierung verwendeten, stellte ich die Frage, wen sie denn meinen, wenn sie deutsche Kinder schreiben. Ich habe sehr unterschiedliche Antworten bekommen:

Eine Frau antwortete: Deutsch ist für mich, wer einen deutschen Pass hat, Herkunft egal. Diese Definition ist sachlich und entspricht dem deutschen Rechtsstandard. Wie auch in anderen Nationalstaaten sind bestimmte Rechte an den Pass gekoppelt.

Eine andere Person schrieb, dass das eine blöde Frage sei und ich solle doch ihre Großmütter fragen. In einem anderen Kommentar erklärte sie, deutsch sei, wer deutsche Eltern und Großeltern habe. Klar regte sich in mir Widerspruch und mir kamen blöde Sprüche in den Sinn. Aber ich wollte diese Technik ausprobieren. Deswegen blieb ich sachlich und habe mir jegliche Ironie verkniffen. Ich dachte die Rasselogik weiter, fragte, wo die Grenze des Erlaubten und was unzulässiges Multikulti sei. Ich machte auf das Problem aufmerksam, auf diese Weise eine rheinische Rasse zu definieren, weil hier doch seit 2000 Jahren über Kulturgrenzen hinweg Nachkommen gezeugt werden. Und ich legte offen, wie nah diese Vorstellungen an der Arierprüfung der 30er Jahre liegt. Das Absurde in solchen Kommentaren wird schnell deutlich, wenn man sachlich bleibt.

Quellen prüfen für die Glaubwürdigkeit

In anderen Posts bietet es sich an, die Quellen zu recherchieren. Fragt nach: Woher haben Sie die Information? Wie kommen Sie zu diesen Zahlen? Ein beliebtes Vorurteil lautet zum Beispiel, Flüchtlinge oder Ausländer seien krimineller als Deutsche. Auf meine Frage nach der Quelle wurde mir ein Link zu einem rechtslastigen Online-Artikel geschickt. Ein Klick auf die Seite und das Lesen des ersten Absatzes genügte, um feststellen und begründen zu können, dass die Quelle unseriös ist. Das ließ sich sehr einfach belegen und ich schrieb es sachlich im Kommentar. Daraufhin bekam ich einen Link zu einem BKA-Bericht, ebenfalls in der Absicht, die kriminelle Energie von Zugewanderten zu belegen. Offenbar hat die betreffende Person nicht damit gerechnet, dass sich jemand die Mühe macht und nachliest.

Denn in dem verlinkten BKA-Bericht stand das glatte Gegenteil von dem, was die Person behauptete: Es war vom Rückgang der Kriminalität durch Zugewanderte die Rede. Gleichzeitig stand darin, dass Gewalt gegen Zugewanderte auf hohem Niveau bleibe.

Konkret werden differenziert

Es lohnt sich also, nachzufragen, nachzuprüfen, was jemand genau meint und worauf er diese Meinung begründet. Wenn sich jemand nur missverständlich ausdrückt, wird das dadurch aufgedeckt, ohne dass jemand in eine Ecke oder Schublade gesteckt wird. Verfasser von absurden Thesen oder Falschmeldungen zerlegen sich mit dieser Methode schnell selbst. Denn genau das wird ebenfalls aufgedeckt und jeder kann sich selbst eine Meinung bilden. Selbst wenn das den Verfasser solcher Fakes nicht beeindruckt, wir kommentieren im Internet nicht im Zwiegespräch. Wir tun das in der Regel für eine kleinere oder größere Öffentlichkeit. Für die Masse an Menschen, die nur still mitlesen oder leisere Kommentare schreiben. All diese Menschen bilden sich eine Meinung, treffen Entscheidungen, gehen wählen.

Ich habe diese Technik jetzt ein paar Wochen probiert und mir sind zwei Dinge aufgefallen: 1. Meinten Menschen oft etwas anderes, als ich im ersten Moment verstanden habe. Es lohnt sich, erstmal nachzufragen. Zwischen Schwarz und Weiß ist viel Platz für Grautöne. 2. Reagierten vor allem die Profile wütend, die besonders laut extreme Positionen vertraten.

Es gab unterschiedliche Anfeindungen. Es wurde versucht mich lächerlich zu machen. Ich wurde beleidigt. Eine Person log und behauptete, ein von mir verlinkter Artikel sei ein Virus.

Propaganda braucht diffuse Kampfbegriffe

Irgendwie ist es logisch, dass sich Propagandisten so aufregen. Seit jeher funktioniert Propaganda emotional. Menschen werden hinter diffusen Kampfbegriffen versammelt, als Gruppe eingeschworen und gegen eine andere aufgehetzt, die dieser Gruppe etwas Wichtiges wegnehmen will. Als nächstes wird die andere Gruppe entmenschlicht, um Gewalt zu legitimieren.

Nachfragen, Quellen prüfen, konkret machen, versachlichen ist der Feind von Hetze und Propaganda. Es stört sie. Wer konkret wird, regt zum Nachdenken an. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden sichtbar, Gedankengänge nachvollziehbar. Klare Grenzen lösen sich auf. Der Mensch als Mensch gesehen.

Meinungsvielfalt aushalten

Und bei einer Sache müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen: Wir müssen mehr Meinungsvielfalt aushalten lernen. Demokratie ist nicht, dass am Ende eines Gespräches alle die gleiche Meinung haben. Demokratie heißt, andere Meinungen und Lebensweisen auszuhalten.

Ich bin ganz sicher: Wenn wir einander wieder mehr zuhören und in echten Austausch treten, wird den Trumps dieser Welt der Resonanzraum entzogen.

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