Suche
Suche Menü

Vom Deutschsein und von Benachteiligung

Hunderassen als Symbol für Identitäten und Rasseideologie

Eigentlich wollte ich über das Deutschsein schreiben. In den Internetdiskussionen dieser Tage ist oft davon die Rede.  Aber der Beitrag entwickelte sich zu einem offenen Brief an ein Facebookprofil mit dem Namen Eike J. Herr oder Frau J. hat unter einem Post auf der Facebook-Seite der Hilfsorganisation Hoffnungsträger sehr viele Kommentare geschrieben und dabei eine Sicht auf die Welt offengelegt, die mir sehr fremd ist. Aus den Kommentaren geht hervor, dass er oder sie sich für benachteiligte Kinder engagiert, vier eigene und ein Pflegekind großgezogen und zu vernünftigen Schulabschlüssen gebracht hat. Vielleicht steht Herr oder Frau J. exemplarisch für so manche im Netz vertretenen Ansichten. Deswegen habe ich mich entschlossen, in einem offenen Brief auf einige der Aussagen zu antworten.

Wir sind gemeinsam für unsere Welt verantwortlich

Sehr geehrte/r Frau oder Herr J.,

Sie behaupten, deutsche Familien trügen keinerlei Verantwortung für deutsche Waffenlieferungen. Laut Branchenverband BDSV hängen – inklusive Zulieferer – mehr als 300.000 Stellen von der Rüstung ab. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/850490  Es gibt also zahlreiche Familien in Deutschland, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion und dem Verkauf vorn Waffen erwirtschaften.

Sie meinen, es würde reichen, ein paar Euros für die Dritte Welt zu spenden. Damit wäre mehr geholfen, als Flüchtlinge aufzunehmen.  Wir alle, die wir in einem Industriestaat leben, profitieren davon, dass anderswo Menschen und Natur ausgebeutet werden, Kinder statt zu lernen arbeiten müssen, Landschaften unbewohnbar zerstört werden, damit wir billige Handys und Flachbildfernseher, Klamotten, Schuhe, Grabsteine und zahlreiche andere Sachen kaufen können. So viel Geld können wir gar nicht verdienen, wie wir schuldig sind.

Verallgemeinerungen helfen nicht

Sie schreiben von negativen Erfahrungen mit Geflüchteten. Ja klar. Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Aus seinem Herkunftsland geflohen zu sein, macht einen weder zum besseren noch zum schlechteren Menschen. Es gibt bescheidene und fordernde, schüchterne und extrovertierte, solche, die sich leicht tun mit Veränderung und welche, denen es schwer fällt, es gibt friedliche und aggressive. Normal. Es sind Menschen. Hier in Deutschland gibt es Gesetze, an die sich jeder zu halten hat. Es gibt darüber hinaus zumeist regionale Traditionen, die es zu akzeptieren gilt. Auch die Neuankömmlinge bringen Kultur und Tradition mit, die unsere Gemeinschaft bereichern kann, soweit sie sich an unseren Gesetzen orientiert. Es hilft niemandem, Gruppen pauschal abzuwerten und zu verurteilen. Weder sind die Sachsen alle Nazis noch die Syrer alle Terroristen. Beides ist Quatsch.

Weiterhin unterstellen Sie mir Dummheit, weil ich Fragen stelle. Ich nenne das, den anderen ernst nehmen und verstehen wollen. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Menschen zwar dasselbe Wort verwenden, aber mitunter etwas völlig anderes meinen. Das können Sie zu meiner Frage nach dem Deutschsein prima nachlesen.

Die Frage nach dem Deutschsein

Ich habe eine Kommentatorin in dem facebook-Post gefragt, wen sie meint, wenn sie „deutsche Kinder“ schreibt. Diese hat sachlich und konkret geantwortet, deutsch ist, wer einen deutschen Pass hat, ohne Rücksicht auf die Herkunft. Das ist eine klare und praktikable Definition mit der man Gesetze machen kann. Faktisch ist es ja so, dass Menschen mit deutschem Pass rechtlich Vorteile gegenüber solchen haben, die nicht über einen deutschen Pass verfügen. Dann gibt es noch die Unterscheidung, ob man einen Pass eines EU-Staates hat oder nicht, auch hier gibt es rechtliche Unterschiede.

Ihre Definition vom Deutschsein dagegen ist weder konkret noch hilfreich. Sie schreiben, ich soll ihre Großmütter fragen. Nun, ganz abgesehen davon, dass diese vermutlich nicht mehr leben, ich sie also nicht fragen kann, ist das keine Antwort auf meine Frage.

In einem anderen Kommentar geben Sie konkrete Hinweise, was Sie unter Deutschsein verstehen. Keine Mischkultur, schreiben Sie. Wo fängt bei Ihnen die Mischkultur an? Wenn eine Polin mit einem Schwaben… ist das noch erlaubt oder schon unzulässiges Multikulti? Wenn ein Sachse sich mit einer Fränkin paart, welche Rasse kommt dann heraus? Gibt es eine deutsche Rasse? Und wer sind dann die Unterrassen? Wie sortieren Sie die rheinische Rasse in den Rassekult ein? Das frage ich deswegen, weil der Rheinländer per se ein Multikulti-Produkt ist. Die Römer haben Köln vor 2000 Jahren gegründet. Die brachten Söldner und Kaufleute aus aller Herren Länder mit, leichte Mädchen, Dienstboten und reiche Töchter, die den Interessen gemäß verheiratet wurden. Die Franzosen haben die Stadt erobert, die Preußen auch. Köln ist seit seiner Gründung ein Melting Pot. Alle waren sie da… und haben wild durcheinander Nachkommen gezeugt.

Von Benachteiligung und unseren Werten

Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie zwar Kindern aus benachteiligten Familien helfen, aber nur dann, wenn die Eltern und Großeltern bereits einen deutschen Pass vorlegen können, sozusagen eine Reinrassigkeitsprüfung. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten wir das schon mal, das hieß Arierprüfung. Wo das hinführte, ist bekannt. Köln, Nürnberg und Dresden sahen 1945 ungefähr so aus, wie heute Aleppo, Homs oder Mossul. Und Leute wie Sie, die gab es nach 1945 auch, als 20 Millionen Menschen durch Europa irrten, weil sie kein Zuhause mehr hatten und irgendwo Unterschlupf suchten. Uns geht es selbst schon so schlecht, wir haben nichts, wir können nicht teilen. Das ist unchristlich und das Gegenteil von Humanismus, wo Sie doch Voltaire zitieren. Kommen Sie im Dezember mal in den Kölner Hauptbahnhof. Dort wird jedes Jahr eine ganz besondere Krippe aufgebaut. Sie zeigt Jesu Geburt in den Trümmern der zerbombten Stadt.

Sie beschreiben ein Bild in einem Stuhlkreis, in dem die hinzugekommenen Kinder den dagewesenen Plätze wegnehmen bzw. dafür sorgen, dass die Stühle brechen, weil sie sich auch noch darauf setzen wollen. Ich bevorzuge ein anderes Narrativ und bleibe in Ihrem Bild in dem Stuhlkreis: Die Stühle der Kinder sind alt und morsch geworden, aber keiner merkt es. Keiner schaut hin. Jetzt strömen auch noch viele neue Kinder dazu. Jetzt fällt den Verantwortlichen auf, dass Stühle fehlen. Und wo man schon dabei ist, werden ein paar mehr Stühle bestellt, so dass auch besonders alte und morsche Stühle durch neue ersetzt werden können.

Bitte mit Respekt

Sie behaupten weiter, 80 Prozent der Bundesbürger teilten Ihre Denkweise. Zum Glück ist das nicht so. Das wäre für mich ein ernsthafter Grund auszuwandern, und zu hoffen, dass mich ein Land mit meinem deutschen Pass aufnimmt und keine Angst davor hat, mit einer Deutschen Hass und Rassismus zu importieren.

Sie werfen mir Egoismus und Menschenverachtung vor. Überhaupt fallen Sie in zahlreichen Posts dadruch auf, dass Sie andere beleidigen. Gleichzeitig behaupten Sie von sich, kritikfähig zu sein und fordern von anderen Höflichkeit ein. Dazu fällt mir jetzt nicht wirklich viel ein. Außer vielleicht, dass jeder bei sich selbst beginnen und mit gutem Vorbild vorangehen möge. Ich wünsche mir, dass alle Diskutanten bemüht sind, respektvoll zu bleiben, sich an Fakten zu orientieren, ihre Quellen offenzulegen und von Beleidigungen der Diskussionspartner abzusehen.

Schönen und friedlichen Sonntag noch.

Bild: pixabay-graphicmama-team-animals-1454214_1280

Teile/Teilen Sie diesen Beitrag:

2 Kommentare

  1. Pingback: Im Wohnzimmer der Demokratie | gespraechswert

Kommentare sind geschlossen.