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Identität: Ich bin Deutsche – Folge 01

Feodora Khan ist 22 Jahre jung und als einzige ihrer Familie in Deutschland zur Welt gekommen. Sie ist in Köln geboren und aufgewachsen. Neben ihrem Studium der Politikwissenschaft arbeitet sie als Empfangs- und Verwaltungskraft bei einer gemeinnützigen Organisation, in der sie sich auch ehrenamtlich engagiert. Feodoras Leidenschaft ist das Standardtanzen. Sechs Mal die Woche trainiert sie. Sie nimmt an Turnieren teil, hat mehrere Landesmeistertitel geholt und 2012 den 5. Platz bei der Deutschen Meisterschaft der Professionals Kür-Standard erreicht. Was Identität für die Noch-Russin mit wenig Russisch-, dafür perfekten Deutschkenntnissen bedeutet, verrät sie uns im Interview.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Feodora Khan Portrait

Bisher wurde ich seit meiner Kindheit  vor allem mit dem Thema  der ethnischen Identität berührt, da ich die einzige aus meiner Familie bin, die hier in Deutschland geboren wurde. Meine anderen vier Geschwister wurden in Moskau, Russland geboren. Meine Eltern haben verschiedene Migrationshintergründe, zumal meine Mutter vordergründig russischer  Herkunft und mein Vater koreanischer Herkunft ist. Darüber hinaus haben auch meine Großeltern die verschiedensten ethnischen Hintergründe, von deutschen bis aserbaidschanischen Wurzeln. Von außen wurde ich meistens zunächst nie als Deutsche betrachtet, da ich (noch) einen russischen Pass habe und viele Menschen meine Identität sehr abhängig von der meiner Eltern gemacht haben. Ich selbst habe mich zunächst immer als deutsch betrachtet, da ich hier geboren wurde und kaum einen persönlichen Bezug zu den Herkunftsländern meiner anderen Familienmitglieder aufgebaut hatte. Momentan habe ich das Gefühl, dass zumindest meine Generation eine andere Sichtweise auf dieses Thema hat, zumal meine Freunde und Mitmenschen meines Alters mich immer als Deutsche betrachten, unabhängig von meinem Aussehen oder meinem Pass. Ganz anders erlebe ich Gespräche mit älteren Generationen, welche stets nach meiner Herkunft fragen. Mittlerweile sehe ich mich zwar kulturell und ethnisch schon vordergründig als Deutsche, jedoch  hat sich meine Sichtweise auf das Thema Identität generell seit geraumer Zeit geändert. In diesen Zeiten der fortschreitenden Globalisierung und Vernetzung und eigentlich auch Selbstverständlichkeit der kulturellen, religiösen usw… Vielfalten, möchte ich Identität ungerne als (homogene) ethnische Identität  betrachten. Ich finde, dass eine homogene Identität grundsätzlich eine veraltete Vorstellung ist, sodass man in meinen Augen kaum noch von “den ethnischen Identitäten“ sprechen kann. Ich möchte mich dementsprechend ungerne mit nationalen oder eben ethnischen Identitäten identifizieren müssen. Ich denke, dass wir uns mit so viel mehr als nur nationalen Aspekten identifizieren. Ich könnte mich in  diesem Zusammenhang deshalb eher, sofern man diesen ethnischen Aspekt nicht ausklammern möchte, mit einer europäischen Identität anfreunden. Ich finde, dass eine homogene #Identität grundsätzlich eine veraltete Vorstellung ist. Und was denkst du? Klick um zu TweetenFeodora PortraitDabei sollte man den Begriff der europäischen Identität in diesem Zusammenhang nicht als kulturelle oder ethnische Identität begreifen, da es nicht um die Herausbildung einer homogenen europäischen Identität geht. Vielmehr sollte man die europäische Identität als politische Identität begreifen, welche die Pertinenz zur EU als politische und wertegebundene Gemeinschaft zum Ziel hat und gleichzeitig die bewusste Annahme durch alle ihre Bürgerinnen und Bürger verfolgt – mit der ebenbürtigen Anerkennung der verschiedenen Identitäten.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Bisher bin ich nur mehrmals innerhalb Kölns umgezogen.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Während meiner Grundschulzeit hatte ich oft Konflikte mit meinen Mitschülern, da einige von ihnen oft über mein “asiatisches“ Aussehen gewitzelt haben. Das hat mich oft geärgert, zumal man mich oft als „Chinese“ bezeichnet hatte und meine Augen als “Schlitzaugen“. Ich dachte mir zunächst, dass die Leute kaum eine Vorstellung von Asien hatten, zumal man Asien kaum als nur chinesisch betrachten kann, da die Kulturen und Länder dort doch sehr verschieden und vielfältig sind. Des Weiteren konnte ich nie verstehen, warum man meine äußere Erscheinung als Anlass gesehen hatte, mich als anders  wahrzunehmen, obwohl ich doch auch hier geboren und aufgewachsen bin, dieselbe Sprache spreche und dieselbe Fußballmannschaft bei der WM angefeuert hatte.

Später in meiner Jugend, als ich meine Leidenschaft zum Standardtanzen entdeckt hatte, habe ich kaum noch über Ethnien etc. nachgedacht oder wurde von diesen Themen berührt, da ich von da an zumindest in diesem Umfeld weder als deutsch noch als asiatisch betrachtet wurde, sondern einfach nur als Tänzerin, so wie die anderen Tänzer auch. Dort habe ich somit auch eine weitere Familie für mich gefunden – eben eine Tänzerfamilie.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Heimat bedeutet für mich der Ort, an dem ich mich glücklich und vollkommen fühle. Zu diesem Ort gehören meine Familie und Freunde, meine liebsten Menschen, mein Tanzen, meine Orte, an denen ich mich entfalten kann und alles, was mich an diesen genannten Menschen und Dingen teilhaben lässt. Heimat ist für mich da, wo mein Herz aufblüht. Ich denke dann an Bilder von meinen Liebsten, an Bilder von meinen Tanzerlebnissen…

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Sofern ich wirklich nur Sachgegenstände mitnehmen kann, würde ich folgende Dinge dringend benötigen:

  1. Wörterbuch
  2. Tanzschuhe
  3. Handy

Ansonsten würde ich neben den Tanzschuhen meine Familie und meine Tanzfamilie zwingen, mit umzuziehen :-).

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Ich finde diese Frage mittlerweile sehr unangenehm, da ich in diesen Momenten immer das Gefühl habe, nie als einer von “Ihnen“ betrachtet zu werden. Ich verstehe das kulturelle Interesse, aber mir wäre es lieber, wenn man mir die Chance gäbe, mich  auch als deutsch in diesem Falle zu  betrachten. In diesem Zusammenhang, sofern sich im Gespräch ergibt, dass ich noch einen russischen Pass habe und russische Wurzeln habe, werde ich oft über den russischen Präsidenten Putin befragt, was mich immer schmunzeln lässt. Natürlich habe ich eine politische Meinung, in diesem Falle auch zu Herrn Putin, aber ich antworte meistens ironisch, dass ich derzeit noch nicht mit ihm telefoniert hätte. Ich würde schließlich auch nicht auf die Idee kommen, solche Fragen so abhängig vom Pass oder eben von den ethnischen Wurzeln zu stellen. Man könnte mich ja auch einfach fragen, was ich von dem amerikanischen Präsidenten halte oder dem französischen… Aber wie so oft sind solche Fragen eben auch mit unflexiblen Vorstellungen verbunden, die wenig über nationales Denken hinausgehen.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Neben den Fragen nach Putin werde ich oft gefragt, ob ich, so wie meine Eltern, auch ihre Sprachen beherrsche oder auch schon mal  in den Herkunftsländern meiner Eltern war. Wenn sich dann herausstellt, dass ich weder wirklich russisch noch koreanisch spreche oder mal in diesen Ländern war, sind die Menschen dann oft verwundert, aber eher im negativen Sinne. Ich antworte dann immer, dass durch die frühe Trennung meiner Eltern es nicht die Möglichkeit gab, ihre Sprachen wirklich zu lernen und dass ich auch so keine Beziehung zu den Angehörigen in ihren Herkunftsländern habe. Ich bin nun mal hier geboren, bin mit der deutschen Sprache aufgewachsen und fühle keinerlei Notwenigkeit, warum ich das ändern sollte. Mir ist bewusst, dass diese Fragen niemals böse gemeint sind, aber sie sind für mich wieder so unflexibel, so monoton. Und in diesem Sinne geben sie mir auch an dieser Stelle das Gefühl, nicht deutsch zu sein, anders als sie.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Alles ist gut.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Die größte Herausforderung unserer Gesellschaft ist in meinen Augen die Überwindung des Nationalismus und Überwindung der oft wahrgenommenen Angst um die Verdrängung der eigenen Kultur – verbunden mit der Angst um die wirtschaftliche Existenz (…). In diesem Kontext kommt es gerade in dieser Zeit, in der sich das beispielsweise aktuelle Flüchtlingsthema als eines der derzeit größten Herausforderungen  herauskristallisiert hat, zu europaweiten Erfolgen des nationalistischen Populismus. Des Weiteren sind die Krisen, mit denen wir heute konfrontiert werden, nicht durch einzelne Nationalstaaten oder rein nationalem Denken zu lösen , da die globalen Vernetzungen und Abhängigkeiten dazu beitragen, dass globale Entwicklungen und Herausforderungen alle Staaten in hohem Maße tangieren.Die größte Herausforderung unserer Gesellschaft ist die Überwindung des Nationalismus Klick um zu Tweeten

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Am liebsten lebe ich hier in Köln denn hier habe ich alles was ich brauche. Hier ist mein Zuhause, meine Heimat, mein Leben.

Vielen Dank für das Gespräch.

*  Alle Fotos wurden von Feodora Khan zur Verfügung gestellt.

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1 Kommentar

  1. Sehr sehr interessanter und gut geschriebener Artikel. Gerade die Vorstellungen von (homogener) ethischer Identität und europäischer Identität (wobei das wie klargestellt wurde ja auch differenziert betrachtet werden muss) fand ich sehr interessant zu lesen und würde ich so sofort Unterschreiben. Trotzdem ist es schade, wie sehr allein das Aussehen den gesellschaftlichen Umgang miteinanden immernoch beeinflusst…
    Lg Scarlet

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