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Identität – Sich den inneren Konflikten stellen – Folge 25

Portrait Zahide Özkan-Rashed

Zahide Özkan-Rashed kam im Alter von zwei Jahren als Gastarbeiterkind im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland. Heute arbeitet die 55-Jährige als Ärztin. Sie ist Kardiologin und Phlebologin, Frau, Mutter, Muslima, Türkin und Deutsche – Identitätskonflikten auf ihrem Weg hat sie sich aktiv gestellt.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Die Frage der Identität hat mich zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise mehr oder weniger bewusst beschäftigt. Früh stellte ich fest, dass schon das Geschlecht eine Kategorisierung bewirkt und für die persönliche Entwicklung von Einfluss ist.

Mutter in türkischem Dorf in den 60er JahrenGeboren in den 60´er Jahren in einem türkischen Dorf, wäre für mich als weibliches Kind in der damaligen Zeit entsprechend der herrschenden Tradition vermutlich ein Dasein als Ehefrau und Mutter vorbestimmt gewesen. In diesem Kontext wäre mir sowohl unter ideologischen Gesichtspunkten als auch aus wirtschaftlichen Gründen Bildung und somit der Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung wahrscheinlich verwehrt geblieben.

Schon früh, nämlich in meinem zweiten Lebensjahr, spielte sich etwas Schicksalhaftes ab: die Migration nach Deutschland im Rahmen der Familienzusammenführung. Sie sollte das prägende Vorzeichen meines Lebens und eine entscheidende Determinante meiner Identität werden.Früh stellte ich fest, dass schon das Geschlecht eine Kategorisierung bewirkt und für die persönliche Entwicklung von Einfluss ist. Klick um zu Tweeten

Doch gleichzeitig waren Konflikte programmiert: Wo gehörte ich national und geographisch hin? Wie konnte ich mich ideologisch-religiös einordnen? Wie konnte ich die durch den Bildungsaufstieg entstandene Kluft innerhalb meiner Familie bewältigen, ohne die Verbindung zu ihr zu verlieren? Wie konnte es einigermaßen gelingen, eine Brücke zu bilden zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Fronten innerhalb der Gesellschaft?

Nicht zu vergessen sind andere Anteile meiner Identität, etwa die Ansprüche und Aufgaben als Ehefrau und Mutter, die es in Einklang zu bringen galt mit den beruflichen Anforderungen als Ärztin.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Der größte Umzug war der aus der Türkei nach Deutschland im Jahre 1964. In Deutschland haben wir einige Male die Wohnung gewechselt, sind aber im Umkreis von Frankfurt geblieben. Viele Jahre, nämlich von der Grundschulzeit bis zum Ende meines Studiums habe ich mit meiner Familie in Neu-Isenburg gewohnt, bis ich 1989 nach Frankfurt umgezogen bin.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Während meines Studiums geriet meine damals scheinbar felsenfeste Überzeugung, als „Türkin“ in die Türkei zu gehören und somit „zurückgehen“ zu wollen oder zu müssen ins Wanken. Eine Identitätskrise brach auf mich ein und bremste mich aus. Die sich in meinem Kopf formierenden Fragen und bis dato unterdrückten Bedürfnisse drängten sich meinem Bewusstsein auf. Ich hatte keine andere Wahl, als mich der in aller Resolutheit zu Wort meldenden inneren Stimme hinzuwenden und mich dem Konflikt zu stellen.

Identität als junge ÄrztinWie türkisch war ich und was definierte mein Türkischsein? Konnte ich das Deutsche in mir verleugnen? Und ließen sich die deutschen Einflüsse mit meinem türkischen Ursprung vereinbaren oder waren diese als Fremdkörper bedrohlich für meine persönliche Integrität? Auf der einen Seite war das Elternhaus, in dem ich verwurzelt war und das mir Sicherheit und Geborgenheit gab. Rege Kontakte mit anderen Türkeistämmigen und dem Mutterland dienten dazu, die importierte Tradition zu pflegen und mich mit dieser in enger Verbindung zu halten. Auf der anderen Seite war die deutsche Außenwelt, in der mir die Schule eine geistige und soziale Infrastruktur bot, welche meine Selbstständigkeit bahnte, sich jedoch nicht an das von den Migranten ausgehende Fremde heranwagte oder es bewusst ablehnte.

Letztendlich musste ich die Fragen selbst für mich beantworten. Psychologische Hilfe, die ich dabei in Anspruch nahm, diente als eine Art Katalysator. Es galt, die Absurdität der Vorstellung zu erkennen, sich wie ein steril verpackter Gegenstand gegen Einflüsse von außen abschirmen zu können, um Jahre später von einem Ort an einen anderen verpflanzt zu werden und dort erst das Leben in vollen Zügen zur Entfaltung kommen zu lassen. Das konnte weder gelingen noch gesund sein.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Zahide als Grundschülerin in DeutschlandIch sehe meine freundlich lächelnde Lehrerin vor mir. Ihr Name, Frau Kaulbach, erinnerte mich an die Kaulquappen, deren Entwicklung zu Fröschen wir im Unterricht beobachteten. Ich denke daran, wie wir Raupen sammelten, um sie zu füttern und uns am Ende von den aus den Puppen schlüpfenden Schmetterlingen begeistern zu lassen. Und an das Diktat, unter dem stand: „Schade, dass du einen Fehler hast“, denke ich gerne zurück. Denn es war für mich, die dieses Ergebnis trotz sehr dürftiger Deutschkenntnisse erzielt hatte, ein Schlüsselereignis für meinen schulischen Werdegang.

Als Jugendliche im Boot im TürkeiurlaubAus meiner Jugend ist mir die Studienfahrt nach Frankreich in Erinnerung. Zum ersten Mal durfte ich mitfahren, nachdem ich intensive Überzeugungsarbeit geleistet und dabei den Nutzen für meine Französischkenntnisse in den Vordergrund gestellt hatte. Auf dieser Fahrt erlebte ich meine (bio-) deutschen Klassenkameraden ganz anders; in manchen Momenten fühlte ich mich ihnen eher fremd als nahe. Etwa, wenn ich sah, wie freizügig manche mit ihrem Körper umgingen und es ihnen nichts ausmachte, dass Jungs sie beim Duschen sehen konnten. Diese Beobachtung forderte mein stark ausgeprägtes Schamgefühl heraus. Ebenso war es für mich ungewohnt, wenn Alkohol getrunken wurde und einige dabei die Kontrolle über sich verloren.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Zahide liest aus ihrem Buch zum Thema IdentitätIn allgemeinem Sinne verbinde ich Heimat mit Geborgenheit. Geborgenheit entsteht in einer vertrauten Umgebung, in der man seinen Lebensraum und die Menschen, mit denen man zu tun hat, kennt, die man als Freund und nicht als Feind wahrnimmt, sich also sicher fühlt. Sicherheit ist wichtig, aber es gehören noch andere Dinge dazu, um glücklich und zufrieden zu sein. Menschen sind oft bereit, eine vertraute Umgebung zu verlassen und an einen Ort zu ziehen, wo ihnen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung im Beruf oder in anderen Bereichen geboten werden.

Um einen Ort in dem Sinne Zuhause nennen zu können, dass davon ein Wohlgefühl ausgeht, ist es jedoch ebenso wichtig, den spezifischen Prägungen einer Person Raum zu geben.

Auch wenn ich nahezu mein ganzes Leben in Deutschland verbracht habe und ich mich überwiegend in diesem Land zuhause fühle, ist die Türkei oder das Türkische ein Teil von mir, also auch Heimat, die in mir lebt. Ich trage sie in und mit mir in der Weise, wie ich es mit meinem deutschen Erbe tue.

Türkische Küste löst Heimatgefühle ausSo ist es ein Stück Heimat, wenn ein türkisches Lied erklingt. Oder es sind Bilder vom Meer und der Geruch von frischem Simit (Sesamkringel), was ich mit meiner türkischen Heimat verbinde. Genauso empfinde ich eine heimatliche Verbundenheit, wenn ich in einem anderen Land auf Deutsche treffe und Deutsch spreche. Am liebsten fühle ich mich als Erdenbürger ohne nationale und territoriale Begrenzungen.Am liebsten fühle ich mich als Erdenbürger ohne nationale und territoriale Begrenzungen. #Identität Klick um zu Tweeten

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Früher hätte ich gesagt, Papier und Stift, heute sage ich: einen Laptop zum Schreiben, das Handy, auf dem meine Hörbücher, Musik, meine Kontakte und sogar Fotos gespeichert sind – erschreckend wie man mittlerweile von digitalen Medien abhängig ist.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Früher konnte diese Frage in gewisser Hinsicht das Gefühl der Enttäuschung bei mir auslösen. Denn ich wollte nicht als Ausländerin auffallen oder als solche kategorisiert werden. Heute finde ich es ok und antworte mit einem kurzen „aus der Türkei“ darauf, ohne eine erklärende Bemerkung dazu abzugeben, wie ich früher zu tun pflegte: „Ich komme aus der Türkei, lebe aber „schon seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland“.

Denn meiner bisherigen Erfahrung nach steckt meist keine diskriminierende Absicht dahinter. Oft erkenne ich darin sogar Interesse für meine Person und die Anerkennung meiner Wurzeln.

Allerdings bin ich perplex, wenn meine Kinder in der dritten Generation diese Frage gestellt bekommen und auf die Antwort „…geboren in Frankfurt. …Mutter aus der Türkei, Vater aus Ägypten…“ der Kommentar folgt: „Dafür können Sie aber gut Deutsch.“

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Identität als MutterMein angeheirateter Familienname Rashed wirft oft Rätsel auf. Die häufigsten Vermutungen, woher ich dem Namen nach komme, sind Iran, Pakistan, Indien, selten wird richtig auf Ägypten getippt. Wenn man aber weiß, dass ich eine türkische Herkunft habe, kommen aktuell politische Diskussionen ins Rollen. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht in irgendeine Schublade gesteckt werde, wenn ich auf die einseitige und inkomplette Berichterstattung auf beiden Seiten hinweise. Deshalb fasse ich mich meistens kurz und sage wahrheitsgemäß, dass ich mich in der Materie nicht gut auskenne.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Einfach formuliert, quasi im Sinne eines Glaubenssatzes wäre es für mich von Bedeutung, mich an die Vergänglichkeit des Lebens und die darin wirklich wichtigen Dinge zu erinnern, nicht, um passiv zu sein, sondern um sich und seinen Alltag immer wieder mal aus einer gewissen Distanz zu betrachten, um zu prüfen, ob die Prioritäten richtig gesetzt sind.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Zahide in ihrer Frankfurter HeimatDie größte Herausforderung sind die zahlreichen Kriege und Konfliktherde auf der Welt, die in Form der Flüchtlingskrise und anderer Ausläufer von Gewalt und Terror nahezu alle Länder dieser Erde erreicht haben. Ein Wegschauen ist nicht mehr möglich. Zwangsweise wird jeder einbezogen. Also sollten wir bewusst zusammenrücken, unsere Ressourcen zusammenlegen, um die Probleme mit vereinten Kräften zu lösen. Trotz unserer Unterschiede können wir uns darin einig sein, dass wir gemeinsam für Demokratie und Grundrechte einstehen müssen. Es sollte uns klar sein, dass wir uns selbst und andere in erster Linie als Bewohner dieser Erde ansehen und als solche unserer Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben und für eine gesunde Umwelt bewusst sein sollten. Es gilt, denen entgegenzutreten, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben und diese anderen aufzwingen zu müssen.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Ich glaube, es würde mir gefallen, an einem Ort mit einer schönen Aussicht auf die Natur, vielleicht sogar am Wasser, der aber nicht komplett abgeschieden ist, zu leben. Das kann Türkei oder Deutschland, aber auch ein ganz anderes Land sein. Wichtig wäre mir die Erreichbarkeit meiner Familie.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Die Fotos wurden von Zahide Özkan-Rashed zur Verfügung gestellt.

Autorenportrait Zahide ÖzkanZahide Özkan-Rashed hat ihre Erinnerungen an die ersten 27 Jahre ihres Lebens aufgeschrieben. In ihrem Buch „Hab keine Angst. Erinnerungen“, 2016, Retap-Verlag, möchte sie andere ermuntern, ihren eigenen Weg zu gehen, dafür zu kämpfen und dabei immer offen zu bleiben. Sie möchte aufzeigen, dass das Fremde dann seine abschreckende Wirkung verliert, wenn man einander begegnet. Dabei geht es nicht darum, das Andere für sich anzunehmen, sondern als Variation des Seins zu verstehen und im Anderen sich selbst zu erkennen.

Persönlich kennenlernen könnte ihr Zahide auf ihren Lesungen, zum Beispiel:

  • heute (15. September 2017) in Köln, 20 Uhr im Kulturbunker
  • 15. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, Retap-Verlag
  • 26. November 2017 in Bonn auf der Buchmesse Migration 2017, 13 Uhr im Haus der Geschichte
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