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Was ist ein Crybully?

Crybully ist ein Wort, das ich selbst erst vor ein paar Monaten kennengelernt habe. Im Zusmmenhang mit einer Person, die mich massiv attackierte, auf Linkedin Lügen über mich erzählte und sich dabei als Opfer inszenierte. Das war psychisch eine hochgradige Belastung, zutiefst bedrohlich und beängstigend. Es erforderte viel Resilienz, das zu überstehen. Zum Glück hatte ich Menschen an meiner Seite, die mir durch diese Erfahrung durchhalfen, mich unterstüzten, mir emotionalen Halt gaben.

Woher kommt das Wort Crybully und was bezeichnet es?

Das Wort Crybully kommt aus dem Englischen. Das Online-Lexikon Merriam Webster beschreibt „crybully“ wie folgt:

a person who falsely claims to be a victim or who feigns emotional pain in order to manipulate, coerce, or threaten others

Merriam Webster, Crybully

Crybully bezeichnet also eine Person, die sich oft mit viel Drama als Opfer inszeniert, um damit eine andere Person zu diffamieren, unter Druck zu setzen, auszugrenzen, zu mobben, kurz: um ihr zu schaden. Die Tatperson inszeniert sich also als Opfer. Und das Opfer wird als Täter*in bezichtigt.

Figur, die Ihre Hand als Stopp-Signal nach vorne streckt. In der anderen hält sie ein Schild: Stop Bullying! Text: Stopp Bullying und Crybullying. www.gespraechswert.de

Was ist der Unterschied zwischen Crybully und Crybaby?

Im Englischen gibt es auch das Wort Crybaby. Ein Crybaby übersetzen wir im Deutschen mit Jammerlappen oder Heulsuse (Heulpeter). Crybaby bezeichnet also eine weinerliche Person, die schnell am Jammern ist. Der Wortteil „baby“ verweist darauf, dass dieses Verhalten nicht als angemessen erwachsen betrachtet wird.

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Beim Crybully ist ein anderes Wort prägend: To bully heißt tyrannisieren, schikanieren. Ein Crybully ist also sowas wie ein Heultyrann, eine Heultyrannin oder Heultyrann*in.

Crybully betreibt Täter-Opfer-Umkehr und verhöhnt die Opfer

Der Crybully betreibt nicht nur Täter-Opfer-Umkehr, indem er sich als Opfer und die attackierte Person als Täter*in inszeniert. Die Opfererzählung greift oft auf tatsächliche Opfer, vulnerable Personengruppen und marginalisierte Personen zurück. Indem diese Gruppe durch den Crybully instrumentalisiert wird, verhöhnt er sie.

Journalist Tobias Huch hat einen Prozess gegen die Streamerin Shurjoka gewonnen. Sie hatte ihm vorgeworfen, er würde Kinderpornografie ansehen, weil er sie kritisiert hatte. Für den Vorwurf gab es keine Grundlage, dafür hat er erhebliches Schädigungspotenzial. Huch kommentiert in einem Stream: „Sie spuckt den Opfern ins Gesicht, indem sie sich diese Opferrolle aneignet.“

Shurjoka ist für solche Opferinszenierungen bekannt. Sie polarisiert und hat sich schon mit etlichen Streamer*innen angelegt, denen sie vorwirft, was ihr gerade Reichweite verspricht. Inzwischen spricht sie zu Gaza. Von außen wirkt diese Inszenierung und Polarisierung wie ein Geschäftsmodell. Der guten Sache jedenfalls dient sie nicht, sondern schadet den eigentlich wichtigen Anliegen von Opfergruppen.

Welche Persönlichkeitsprofile stecken hinter Crybullys?

Allein, dass sich in der Sprache für ein Phänomen ein Wort entwickelt, welches es in das Wörterbuch schafft, zeigt, dass es sich um ein Muster handelt, das häufig auftritt. Welche Persönlichkeitsmerkmale jemanden zum Crybully werden lassen, lässt sich nicht ferndiagnostizieren oder verallgemeinern.

Dass es besonders in aktivistischen Bewegenungen auch Leute gibt, deren vorrangiges Ziel nicht die Lösung eines Problems, sondern eher Aufmerksamkeit zu sei scheint, ist auch Forscher*innen aufgefallen. Die Psychologin Ann Krispenz und der Psychologe Alex Bertrams forschen an der Universität Bern zur dunklen Seite des Aktivismus.

Ihre Hypothese lautet, dass manche Formen des Aktivismus insbesondere auf Menschen mit finsteren Persönlichkeiten anziehend wirken. Demnach würden Personen mit narzisstischem Charakter, einem Hang zu Machtstreben, Manipulation und Psychopathie politische Ziele nicht vorrangig verfolgen, weil sie sich mit diesen identifizieren. Sie treibt vielmehr der Wunsch nach einer Bühne an, auf der sie ihr Bedürfnis nach Bewunderung, Aufmerksamkeit, Geltung und moralischer Selbstüberhöhung befriedigen können.

Sebastian Herrmann, Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 2025

Der Arbeitstitel der Theorie heißt bisher Dark-Ego-Vehicle-Principle (DEVP). Aktivistische Bewegungen, die viel Aufmerkamkeit erfahren, ziehen solche Personen magisch an. Sie mischen sich unter die Aktivist*innen und kapern das Thema. Dabei fügen sie dem Anliegen, also der guten Sache, für die Aktivist*innen kämpfen, schweren Schaden zu.

Die DEVP-These geht sicher weit über das Crybullying hinaus. Aber die Inszenierung als Opfer und die Täter-Opfer-Umkehr sind feste Bestandteile des Handelns.

Wie können wir Opfer schützen und uns gegen falsche Opfer-Inszenierung abgrenzen?

Und wie kann ich unterscheiden, ob jemand wirklich ein Opfer ist oder ob die Person sich als Opfer inszeniert? Diese Frage ist in der Praxis sicher schwierig zu beantworten. Allerdings kannst du sensibel werden für Alarmsignale und rote Fahnen. Echte Opfer leiden oft leise. Es kostet sie Überwindung, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Sie neigen selten zu Übertreibung, Polarsisierung und Dramatisierung. Wenn du also Posts siehst, die offenkundig auf Reichweite, Skandal und Emotionalisierung aus sind, sei vorsichtig.

Drei Tipps:

  1. Bremse deine Impulse. Bevor du kommentierst, kühle zuerst deine Emotionen runter. Denke kritisch nach, recherchiere, informiere dich.
  2. Höre dir auch die andere Seite an. Wer nur einer Seite zuhört, kann gar nicht anders als parteiisch sein und unterstüzt damit die Polarisierung.
  3. Differenziere. Das hat zwei Vorteile: Erstens gibt es dir mehr Wissen, eine Sache genauer beurteilen zu können. Und zweitens entlarvst du durch das Differenzieren die, die polarisieren wollen. Denn für die sind die Farben zwischen schwarz und weiß ein Horror, schaffen sie doch Raum für Begegnung in aller Vielfalt.

In diesem Sinne: Hüte dich vor Crybullys. Entziehe ihnen die Aufmerksamkeit. Ignoriere sie oder widersprich ihnen. Und egal, wie du dich entscheidest: Bleib sachlich.

Verwendete Quellen

Ann Krispenz und Alex Betrams. Themenspezifische Studien zur Dark-Ego-Vehicle-Principle-These (DEVP):

Merriam Webster: Crybully, abgerufen am 7. Juli 2025, https://www.merriam-webster.com/dictionary/crybully

Nik Sarafi: Dr. Sarafi Rechtsanwälte erwirken einstweilige Verfügung gegen Shurjoka, 20. November 2024, https://www.sarafi.de/dr-sarafi-rechtsanwaelte-erwirken-einstweilige-verfuegung-gegen-shurjoka/

Sebastian Herrmann: Aktivismus: Die dunkle Seite der guten Sache, SZ, 28. Januar 2025, https://www.sueddeutsche.de/wissen/seite-aktivismus-narzissmus-machtstreben-antrieb-li.3159820

Tobias Huch: Stream zum Urteil gegen Shurjoka: https://www.youtube.com/watch?v=VfyeaxyimiY

Crybully Crybully | Dark-ego-vehicle-principle Glossar, Debatte, Demokratie und Medien, Diversity und Kommunikation
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