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Transgender und Feminismus: Beziehungsstatus kompliziert

Illustration Trans - Gender - Feminismus - Bezieungsstatus kompliziziert

Transfrauen sind Frauen und wer etwas anderes sagt, sei transphob, so ähnlich argumentierte Sven Lehmann, Queerbeauftragter der Bundesregierung, kürzlich in der Zeit. Auf Linkedin wurde eine Frau angepöbelt, weil sie über Menstruation als Frauensache schrieb. Die Grünen-Politikerin Tessa Ganserer wird angefeindet und absichtlich als Mann bezeichnet. Was für ein giftiges Klima. Was ist da los? Und warum geht es dauernd um Transfrauen, aber nicht um Transmänner? Ein Blogbeitrag um die Definition von Geschlecht und das geplante Selbstbestimmungsgesetz.

Trans Cis-Frau | Feminismus | Geschlecht Debatte, Demokratie und Medien, Diversity und Kommunikation

Was genau ist nochmal Trans*?

Lass uns am Anfang beginnen. Transsexuelle, so der alte Begriff und Transgender, so der neue Begriff, gibt es schon immer und auf der ganzen Welt. Mit Transgender werden Menschen bezeichnet, die sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen als ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. (Einen Blogbeitrag zu Begriffen rund um Gendervielfalt gibt es hier.)

Bei Geburt zugewiesen bedeutet: Dem Baby wird zwischen die Beine geschaut, um zu bestimmen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Ist direkt beim Säugling sichtbar, dass er gemischtgeschlechtliche Organe hat, können Eltern in Deutschland entscheiden, ob der Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde offen bleibt (seit 2013) oder ob sie das Kind als männlich, weiblich oder als divers (seit Ende 2018) registrieren. In Österreich gibt es insgesamt sechs Kategorien. In der Schweiz gibt es nur männlich und weiblich.

Neuerdings habe ich auch einen Text gelesen, der versuchte, einen Unterschied, zwischen transsexuell und transgender zu konstruieren. Diese Differenzierung war aber vor allen Dingen ideologisch motiviert, um die Stimmung weiter anzuheizen in dieser „Debatte“, in der viel gegiftet, aber wenig zur Sache beigetragen wird.

Früher galt Transgeschlechtlichkeit als psychische Störung, als Krankheit. Im neuen ICD-11 ist das aufgehoben. Transidentität gilt nicht mehr als Krankheit. Gesprochen wird von Genderinkongruenz, was so viel bedeutet, dass körperliches und empfundenes Geschlecht verschieden sind.

Transgeschlechtlichkeit in den Gesetzen

In vielen Ländern ist es so, dass transidente Menschen mittels medizinischer Gutachten ihre Transgeschlechtlichkeit „beweisen“ müssen, um ihren Personenstand von männlich in weiblich oder von weiblich in männlich ändern zu dürfen. Häufig besteht auch ein Zwang zu geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen, also Hormoneinnahme und Operation, um den Körper an die Geschlechtsidentität anzugleichen.

So war das auch in Deutschland im Transsexuellengesetz (TSG) von 1981 vorgesehen. Der Zwang zu medizinischen Eingriffen gilt jedoch seit langem als Menschenrechtsverletzung und steht international in der Kritik. So urteilte das Bundesverfassungsgericht 2011, dass dieser Teil des TSG verfassungswidrig ist. Das Gesetz, das 1981 als modern galt, weil es Transpersonen überhaupt einen legalen Status gab, gilt heute nicht nur als hoffnungslos veraltet. Es ist löchrig wie ein Schweizer Käse, weil alle verfassungswidrigen Teile nicht mehr angewendet werden dürfen.

Geblieben ist die Begutachtung. Das bedeutet, transgeschlechtliche Menschen müssen medizinische Gutachten vorweisen und ihre Transidentität „beweisen“, wenn sie ihren Namen oder Personenstand ändern wollen. Das ist teuer (häufig ist von etwa 2.000 Euro die Rede) und wird als demütigend und erniedrigend empfunden, weil dabei fremde Personen sehr intime Fragen stellen. Ob eine Transperson darüber hinaus ihren Körper medizinisch anpasst, ist ihre Entscheidung. Die Begutachtung zur Änderung des rechtlichen Personenstandes ist auch unter Fachleuten umstritten, weil Identität nicht objektiv begutachtbar ist. Identität ist ein subjektives Empfinden.

Etwas anderes ist es, wenn eine Transperson medizinische Eingriffe plant. Hier braucht es natürlich eine ärztliche und psychotherapeutische Beratung und Begleitung.

Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2017 entschieden hatte, dass intergeschlechtliche Menschen das Recht auf einen eigenen positiven Personenstand haben und Ende 2018 „divers“ als neuer Personenstand neben „männlich“, „weiblich“ und „offen“ eingeführt wurde, freute sich die Trans-Community zunächst. Aber nur kurz. Denn bald stellten der damalige Innenminister Horst Seehofer und nach ihm der Bundesgerichtshof klar: Diese Regelung gilt nur für intergeschlechtliche Menschen, also Personen, deren Körper gemischtgeschlechtlich ist. Transpersonen müssen weiter über das TSG gehen.

Was will das Selbstbestimmungsgesetz?

Alle Versuche, das Transsexuellengesetz zu reformieren beziehungsweise durch ein neues Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen, sind bisher gescheitert. Zuletzt drei Entwürfe von Grünen, FDP und Linken in der vergangenen Legislaturperiode. Bis zur parlamentarischen Sommerpause soll ein neuer Entwurf vorliegen.

Das Selbstbestimmungsgesetz soll das Transsexuellengesetz ablösen. Dieser Ansatz folgt der von vielen Menschenrechtsorganisationen vertretenen Linie, dass jeder Mensch das Recht hat, frei zu sein und sich frei zu entwickeln. Das gilt auch für die geschlechtliche Identität. Daher soll es künftig möglich sein, das Geburtsgeschlecht einfach per Verwaltungsakt zu ändern.

Die geschlechtliche Identifikation setzt sich in der Regel zusammen aus dem Namen und dem Personenstand, also den Eintrag männlich, weiblich, divers, offen.

Eine Namensänderung sollte einfach möglich sein. Der Name ist für die betroffene Person ein wichtiges Merkmal ihrer Identität, hat aber sonst keinerlei Folgen. Namen sind indiviuduelle Bezeichnungen. Wir haben sowieso etliche Namen, die geschlechtsneutral sind. Also: Soll sich doch jede Person den Namen geben, der ihr entspricht. Und damit die Verwaltung nicht überfordert ist und um Missbrauch vorzubeugen, gibt es eine Begrenzung, zum Beispiel, dass der Name nur alle fünf oder zehn Jahre geändert werden darf.

Komplizierter wird es beim Personenstand. Die Erfassung des Geschlechts hat eine Reihe von Rechtsfolgen, von denen auch andere Personen und die Gesellschaft als Ganzes betroffen sind. Denn wir alle haben ein Geschlecht.

Bereits jetzt gibt es einzelne Transfrauen, die im Personenstand weiblich stehen haben, deren Körper aber vollständig männlich ist. Und es gibt welche, die auch im Personenstand als rechtliche Männer geführt werden, aber als Frau in der Öffentlichkeit auftreten.

Wann ist eine Frau eine Frau?

Wann ist eine Frau eine Frau? Darüber wird derzeit gehässig gestritten.

  • Die eine Fraktion sagt: Eine Frau ist eine Person, die sagt sie ist eine Frau. Unsere Geschlechtsidentität kennen nur wir. Der Körper ist irrelevant. Geschlecht sei ein reines Konstrukt also frei verhandelbar.
  • Die andere Fraktion sagt: Eine Frau ist eine Person, die mit Vulva, Eierstöcken und Gebärmutter geboren wird. Der Mensch sei zweigeschlechtlich.

Beide Positionen berufen sich auf die Wissenschaft. Und beide Positionen lassen entscheidende Fakten weg, um ihre Position zu untermauern. Mir sind beide Positionen zu extrem. Ich bevorzuge es, zu differenzieren. Ich kann weder den Körper noch die Identität leugnen.

Stellen wir uns vor, es gäbe keinerlei Wissenschaft, keinen Ultraschall, nichts. Es gibt nur menschliche Körper. Was sehen wir? Wir sehen: Manche Menschen bekommen Bäuche. Und bei bestimmten Menschen gehen diese Bäuche schnell wieder weg, nachdem aus ihrem Körper ein neuer Mensch in die Welt gekommen ist. Nicht alle Menschen mit Vulven bekommen Babys. Aber alle Menschen, die Babys auf die Welt bringen, haben Vulven. Keiner dieser Menschen hat einen Penis.

Daraus folgt: Eine Gesellschaft braucht noch nicht einmal eine Vorstellung von Vaterschaft oder eine Vorstellung davon, wie Kinder entstehen. Aber sie hat eine Vorstellung von Mutterschaft. Und diese Mutterschaft ist an Körper gebunden, unabhängig davon, ob diese Person sich als männlich, weiblich oder nicht-binär definiert und unabhängig davon, wer welche sozialen Rollen in einer Gruppe einnimmt. Entsprechend gibt es auf der Welt zwar viele Gesellschaften, die mehr als zwei Geschlechter kennen, aber keine, die auf die Differenzierung in männlich und weiblich verzichtet.

Das Problem: Unsere Vorstellung von Geschlecht nimmt zwar ihren Ursprung beim Körper, geht aber weit darüber hinaus. Das gesamte Sozialisationsprogramm unterscheidet sich, je nachdem, ob wir einen Säugling als männlich oder weiblich in die Geburtsurkunde eintragen. Von Anfang an werden Kinder in Jungs und Mädchen kategorisiert. Sie bekommen verschiedenen Kleidung, Spielsachen, unterschiedliche Ermunterungen oder Sanktionen. Ihnen werden aufgrund von Penis oder Vulva Fähigkeiten, Interessen und Kompetenzen zu- oder abgesprochen. Intergeschlechtliche Kinder, die es ebenso gibt, finden überhaupt nicht statt.

Wir kommen also mit männlichen, weiblichen oder intergeschlechtlichen Körpern und einem individuellen Gehirn auf diese Welt und werden von Anfang an in zwei Schubladen sortiert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Oder zumindest wird das versucht oder wir müssen uns permanent damit auseinandersetzen, dass „mit uns etwas nicht zu stimmen scheint“, wenn wir nicht in diese heteronormative, binäre, stereotype Welt passen.

Wir können also feststellen: Geschlecht ist ein Konstrukt aus natürlichen Fakten und gesellschaftlichen Vorstellungen mit vielen Ebenen:

Gameten, Geschlechtszellen: Auf dieser Ebene ist der Mensch tatsächlich zweigeschlechtlich. Es gibt nur Spermienzellen und Eizellen. Und wir brauchen je eine, die sich miteinander verbinden, um die Grundlage für einen neuen Menschen zu schaffen. Andere Wege gibt es nicht.

Körperliches Geschlecht: Die körperlichen Geschlechtsmerkmale setzen sich zusammen aus Chromosomen, Gonaden (Eierstock, Hoden, also die Organe, die Gameten produzieren), äußeren Geschlechtsmerkmalen und Hormonstatus. Auf dieser Ebene gibt es neben Mann und Frau zahlreiche natürliche Varianten, die als intergeschlechtlich zusammengefasst werden.

Geschlechtsidentität: Die Geschlechtsidentität ist unser Gefühl, zu welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen. Fühlen wir uns männlich, weiblich, nicht-binär oder fluide, also mal so mal so? Diese Identität setzt sich aus angeborenen und gesellschaftlichen Faktoren zusammen. Inwieweit eine Transidentität angeboren sein kann, darüber ist sich die Wissenschaft nicht sicher.

Geschlechterrolle: Die Geschlechterrolle, in der jemand lebt, ist ein soziales Konstrukt. Denn in den Zuschreibungen, welche Aufgaben, Kleidung, welches Aussehen wir welchem Geschlecht zuschreiben, sind wir komplett frei. Die Natur hat allen Geschlechtern die Fähigkeit gegeben, Geschirr zu spülen oder Holz zu sägen.

Phänotyp (Erscheinungsbild): Der Phänotyp setzt sich zusammen aus äußerlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen (Busen, Bartwuchs) und gelernten sozialen Vorstellungen von Geschlechterrollen (Kleidung, Verhalten). Damit weisen wir häufig anderen ein Geschlecht zu.

Sexuelle Orientierung: Die sexuelle Orientierung bestimmt, in wen wir uns verlieben und zu welchen Körpertypen wir uns hingezogen fühlen.

Ich kann also weder den Körper leugnen, noch die Identität. Beides ist wahr. Wahr ist auch, dass es Menschen gibt, bei denen das körperliche und das empfundene Geschlecht nicht gleich sind.

Warum das so ist, da ist sich die Wissenschaft nicht sicher. Es gibt Hinweise auf vorgeburtliche Einflüsse. Wobei bei den vorgeburtlichen Einflussfaktoren nicht klar ist, inwieweit diese geschlechtlich sind, und inwieweit einfach individuelle angeborene Anlagen auf stereotype Vorstellungen treffen. Manchmal passt das Sosein zum Stereotyp, manchmal nicht. Und je nachdem, wie eine Person denkt und fühlt, kann das dazu führen, dass sie gegen gesellschaftliche Stereotypen revoltiert und kämpft oder sich eher anzupassen versucht und dabei den tiefen Wunsch entwickelt, endlich den passenden Körper zu ihrem Sosein zu haben, um von der Gesellschaft so gesehen zu werden, wie sie sich fühlt.

Wann ist also eine Frau eine Frau? Wann ist ein Mann ein Mann? Von welchen Faktoren machen wir das abhängig?

Und hier kommen wir zu einer spannenden Frage: Warum streiten wir darüber, wann eine Frau eine Frau ist? Warum wird darüber gestritten, ob wir das Wort „Frau“ überhaupt noch verwenden dürfen? Und warum streiten wir nicht gleichermaßen über den Begriff „Mann“?

Die sexistische und misogyne Verschiebung in der Transdebatte

Ich erlebe in dieser Debatte eine sexistische und misogyne Verschiebung. Wir streiten darüber, ob eine Person mit Penis eine Frau sein kann, wenn sie Röcke trägt. Wir streiten nicht darüber, ob eine Person mit Busen und Vulva als Mann anzuerkennen ist, weil sie sich männlich kleidet. Was genau heißt denn „männlich kleiden“? Vor knapp hundert Jahren waren es Marlene Dietrich und Eleanor Roosevelt, die Hosen trugen, damals als Männerkleidung gelesen. Es war in Deutschland für Frauen noch bis in die Nachkriegszeit unschicklich, sich in Hosen zu zeigen. Aber weder Dietrich noch Roosevelt wären dabei auf die Idee gekommen, sich als Mann zu bezeichnen. Sie haben dazu beigetragen, Hosen für Frauen salonfähig zu machen. Wo sind die mutigen Männer, die Röcke, Kleider, Make-up für Männer salonfähig machen?!

Kleidung und Geschlecht

Wieso also ist das Tragen von hohen Schuhen, Röcken, Nagellack oder Make-up so sehr mit einer Entmannung verbunden? Solche Aussagen kommen sowohl von der Seite, die wir als toxische Männlichkeit beschreiben. Klar, wundert uns nicht. Aber derart frauen- und männerfeindliche Aussagen kommen ebenso von Transfrauen, die ihr Frausein darüber definieren, dass sie sich schminken, Röcke tragen, hohe Hacken und lange Haare.

Ernsthaft? Was ist mit James Hetfield, David Lee Roth oder Axel Rose und all den anderen langhaarigen Metallern? Was an Stephan Brings ist unmännlich, nur weil er Rock und lange Haare zu seinem Markenzeichen gemacht hat? Ist Robert Smith kein Mann, nur weil er in den 80er Jahren immer geschminkt war? Sicher nein. – In Sachen Outfit und Geschlecht denke ich manchmal: Da waren wir schon einmal weiter.

Was ist unmännlich daran, sich zu schminken oder die ganze Palette an Farben, Formen und Stoffen zu nutzen? Würde irgendwer behaupten, Napoleon sei kein Mann gewesen? Wohl kaum.

Ich empfinde es als zutiefst sexistisch und übergriffig, wenn Kleidung dazu benutzt wird, um jemandem ein Geschlecht zuzuweisen oder abzusprechen, ganz egal, ob die Sprüche von Machomännern kommen oder von Transfrauen. Ich bin auch dann eine Frau, wenn ich ungeschminkt in Sneakers und schwarzem Hoodie herumlaufe.

Jeder Mensch hat das Recht, die Kleidung zu tragen und das Styling zu wählen, das der eigenen Persönlichkeit und Identität entspricht. Das ändert nichts am Geschlecht. Wir müssen also aufhören, Geschlecht über Kleidung zu definieren.

Menstruation und Erektion

Das zweite Beispiel einer sexistischen Schieflage bezieht sich auf körperliche Aspekte von Weiblichkeit, wie Menstruation. Auf Linkedin wurde letztens eine Frau von einer anderen Frau angegriffen, weil sie in Bezug auf Menstruation von „Frauensachen“ gesprochen hat.

Kritikerin: „Auch hier wieder: Menstruation ist keine Frauensache. Es ist 2022. Können wir es bitte schaffen bei solchen Themen mal vom Tellerrand wegzukommen und auch an die Menschen denken, bei denen das alles nicht so schwarz weiß ist?“

Autorin: „Ich verstehe gerade die Aussage hinter dem Kommentar nicht und es fällt mir sehr schwer, den Bezug zu meinem Beitrag zu erkennen. Das „auch hier wieder“ lässt vermuten, dass sie sich mit einem Kommentar wie dem obigen schon mehrfach zu Wort gemeldet haben. Leider habe ich nichts davon mitbekommen und keinen ihrer Beiträge zuvor gesehen, deshalb auch hier: kein Kontext für mich. Ich stimme zu: es ist 2022.“

Kritikerin: „Menstruation ist keine Frauensache.“

Es ging eine Weile so weiter. Die Kritikerin biss sich daran fest.

Meine Frage an die Kritikerin: „Würdest du dich genauso empören, wenn über Prostata oder Erektionsstörung als Männersache gesprochen wird? Habe ich noch nie gelesen. Ich lese solche Empörungen nur einseitig gegen Frauen gerichtet. Ich beobachte in Teilen dieser Debatte ein sexistisches Bias.“

Auf meine Frage bekam ich keine Antwort mehr. Ich glaube, sie hatte die Autorin da bereits geblockt (Link zu meinem Kommentar).

Sexuelle Orientierung: Übergriffige Datingerwartungen

Für alle, die sich in dem Begriffsdschungel nicht so gut auskennen, eine kurze Orientierung:

Eine Transfrau ist ein körperlicher Mann mit weiblicher Identität. Dabei gibt es Transfrauen, die sich haben operieren lassen und eine künstliche Vulva haben und solche, die weiterhin Penis tragen. Wenn sie sich in körperliche Frauen verliebt, gilt das als lesbisch. Wenn die Transfrau mit Penis mit Männern Sex hat, gilt das als heterosexuell.

Ein Transmann ist eine körperliche Frau mit männlicher Identität. Auch hier gibt es welche, die mittels ästhetischer Chirurgie einen Penis haben und solche, die weiterhin eine Vulva haben. Wenn sie mit einer Cis-Frau zusammen sind, gilt das heterosexuell. Wenn sie einen Mann daten, als homosexuell.

Vor einiger Zeit las ich auf Twitter von lesbischen Frauen, die sich beschwerten, dass sie als transphob beschimpft werden, weil sie auf queeren Datingportalen schreiben, dass sie keine „female dicks“ möchten, also nur körperliche Frauen anziehend finden.

Hallo?! Welche Sexualpartner*innen jemand bevorzugt, ist eine persönliche Entscheidung und das Menschenrecht dieser Person. Es ist absolut übergriffig zu erwarten, dass eine lesbische Frau auf Penisse steht, nur weil ihre Trägerin sich als Frau identifiziert.

Stellt euch mal vor, ein nicht-operierter Transmann, also ein Mann mit Vulva, beschimpft einen schwulen Mann als transphob, weil er nur Sex mit Penisträgern möchte. Ich habe darüber mit einem schwulen Freund gesprochen. Der hat nur gelacht und den Kopf geschüttelt.

Sexismus erkennen: Mach den Flip-Test

Der Flip-Test funktioniert auch ganz wunderbar, um sexistische Verschiebungen in der Transdebatte zu identifizieren.

  • Eine männlich sozialisierte Person mit Penis, die sich weiblich identifiziert, betritt nackt die Frauendusche, das Frauen-Spa, die Frauen-Sauna und erwartet, als Frau akzeptiert zu werden. Frauen, die das nicht gut finden oder Angst haben, werden als transphob beschimpft.

Flip-it:

  • Eine weiblich sozialisierte Person mit Busen und Vulva, die sich männlich identifiziert, betritt nackt die Gruppendusche für Männer und erwartet, dort als Mann akzeptiert zu werden. – Was passiert wohl in diesem Setting? Würde sich das ein Transmann überhaupt trauen?

Sprache und Sein

Die Aktionsgruppe FLINTA schafft das Wort Frau ganz ab und versteckt es in einem Akronym. FLINTA steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen. Das Wort Mann dagegen steht patriarchal weiter alleine da. Nun haben Frauen jahrzehntelang dafür gekämpft, in der Sprache gesehen und benannt zu werden. Und da kommt eine Gruppe und wischt sie unter der Behauptung angeblicher Progressivität aus der Geschichte. Keine Frauen mehr da. Nur noch Männer und FLINTAS. FLINTAS sind alle, die nicht heterosexuell, männlich und cis-gender sind. Wobei: Die schwulen Männer haben die FLINTAS vergessen. Zumindest werden sie nicht erwähnt. Sie leiden ja ebenfalls unter patriarchaler Diskriminierung, müssten also ebenfalls FLINTAS sein, andererseits werden dort nur lesbische Frauen erwähnt. Progressiv ist an einem solchen Denken gar nichts. Ich empfinde es als rückschrittlich, binär, Vielfalt vernichtend, außerdem sachlich unlogisch: Sexuelle Orientierung, körperliches Geschlecht und Geschlechtsidentität werden unter dem Begriff Identität zusammengefasst und gegen Mann positioniert.

Irgendetwas läuft in dieser Debatte falsch. Sinnvoll wäre es, uns darüber Gedanken zu machen, was an Geschlechtlichkeit und geschlechtsspezifischen Unterschieden natürlich ist, also berücksichtigt werden muss, und was gesellschaftlich konstruiert wird, was wir also verändern können und müssen, damit die Welt für alle fair ist. Stattdessen bleiben die Parteien im binären Denken hängen, verhärten die Kämpfe und keifen sich gegenseitig an. Es wäre lustige Realsatire, wenn es nicht so bitter ernst wäre und für die betroffenen Personen nicht so heftige Folgen hätte.

Wir reden von Diversity und feiern Vielfalt. An der Oberfläche feiern fast alle mit. Aber wenn wir in die Tiefe tauchen, sehe ich viel Einfalt und Intoleranz. Wenn wir Vielfalt und Toleranz wollen, müssen wir vielfältig und tolerant denken.

Warum erfasst der Staat das Geschlecht überhaupt?

Unsere Gesellschaft ist durch und durch binär organisiert und unterscheidet häufig zwischen Männern und Frauen. Dabei wird nicht differenziert, ob das körperliche Geschlecht gemeint ist, das sozialisierte oder die Geschlechtsidentität. Intergeschlechtliche Menschen oder nicht-binäre Personen werden so gut wie gar nicht erfasst, sondern in die binären Schubladen gestopft.

Dabei greifen staatliche Stellen ebenso wie Forschungseinrichtungen oder statische Ämter und Organisationen auf diese Daten zu, zum Beispiel für Fragen der Städteplanung, Statistiken zu Lohn- und Renten(un)gleichheit, zu Daten darüber, wer die unbezahlte Arbeit in Familien macht, für Kriminalitätsstatistiken, für Krankheitsrisiken und Todesursachen.

Wir benutzen Daten über Männer und Frauen, um geschlechtsspezifische Unterschiede zu erkennen, um Diskriminierung zu belegen oder Erfolge von Anti-Diskriminierungsarbeit zu dokumentieren, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Natürlich werden auch Transfrauen diskriminiert, ab dem Moment, wo sie von außen als Frau gelesen werden. Und Transmänner erfahren auf einmal Anerkennung, die sie als Frau nie bekommen haben. Darin besteht eine Chance, denn Transmänner und Transfrauen können aus erster Hand berichten, was sich ändert, wenn die Gesellschaft denselben Menschen mit einem anderen Geschlecht liest. Was wird leichter, was schwerer, nur durch die Zuweisung zu einer Geschlechterkategorie von außen?

Transfrauen behalten aber auch männliche Eigenschaften. Die Diskriminierung von Frauen bei der Fahrzeugsicherheit etwa betrifft Cis-Frauen, denn hier geht es um weibliche Körper, nicht um die Identität. Gleiches gilt für die Symptomatik bei Herzinfarkten.

Bei medizinischen Fragen müssen Transpersonen ohne medizinische Angleichung im Geburtsgeschlecht behandelt werden. Wenn sie Hormone nehmen, müssen sie als gemischtgeschlechtlich betrachtet werden, denn dann wirken männliche und weibliche Faktoren in ihren Körpern.

Wenn wir von Gewaltdelikten sprechen, von Gewaltprävention und von Traumabehandlung und Therapien für Opfer von Gewalt, steht die Sozialisation der beteiligten Personen im Vordergrund. Wenn eine Person über Jahrzehnte in einem Geschlecht sozialisiert wurde und darin lebte und mit 40 das Geschlecht wechselt, bleiben die Spuren der Sozialisation in ihr drin und werden unbewusst weitergelebt. Je weniger binär und patriarchal aber unsere Umgebung ist und je mehr geschlechtsneutral wir einfach in unserem Sosein leben dürfen, umso weniger geschlechtsspezifische Sozialisationseffekte gibt es. Stand 2022 sind wir da aber denkbar weit entfernt. Selbst wenn das Elternhaus sehr geschlechteroffen ist, wir begegnen einer geschlechterstereotypen Welt da draußen.

Wenn du aufmerksam beobachtest, wer in der Debatte um Transrechte auf der Bühne steht, dann sind das fast nur Transfrauen. Obwohl es ebenso viele Transmänner gibt, in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sogar sehr viel mehr Transmänner als Transfrauen, outen sich nur wenige Transmänner als trans. Welche Rolle spielt hier die Sozialisation? Welche das Patriarchat?

Wenn wir eine wirklich genderfaire Welt bauen wollen, in der Menschen aller Körper und Identitäten sich frei entwickeln können, müssen wir das binäre Denken verlassen. Und wir müssen differenzieren, von welcher Art Geschlecht wir sprechen: Körper, Sozialisation oder Identität.

Wie kann das gelingen?

Was muss ein handwerklich gutes Selbstbestimmungsgesetz leisten?

Ein handwerklich gutes Selbstbestimmungsgesetz muss das gleiche leisten, was jedes handwerklich gute Gesetz leisten muss: Es muss das tun, wofür es gemacht wird, ohne dass es tausende Klagen provoziert und ohne dass es Gesetzeslücken schafft, die in großem Stil ausgenutzt werden. Denn wir können uns sicher sein: Wo es Unklarheiten gibt, wird geklagt werden. Und wo Gesetzeslücken sind, werden sie genutzt werden.

Handwerklich schlechte Gesetze hatten wir schon viele und bisweilen erreichen sie das Gegenteil von dem, was sie wollten.

Was soll das Selbstbestimmungsgesetz also leisten: Ich denke, der wichtigste Punkt ist, dass transidenten Menschen der teure und erniedrigende Weg über die Begutachtung nach TSG erspart wird, wenn sie ihren Namen ändern oder ihr Geburtsgeschlecht loswerden wollen. Fast ebenso wichtig ist es, dass das Gesetz ein transfreundliches Klima in der Gesellschaft unterstützt.

Denn Transpersonen würde ein Bärendienst erwiesen, wenn sie zwar leichter den Personenstand ändern können, dafür aber in der Gesellschaft mit mehr Anfeindungen und Diskriminierung zu rechnen hätten. Das kann niemand wollen, dier für Vielfalt ist.

Und wir dürfen bei allem Gerede über Transmänner und Transfrauen auch diejenigen nicht vergessen die qua Geburt intergeschlechtlich sind sowie nicht-binäre Personen, die sich weder als männlich noch als weiblich definieren. Ebenso müssen wir akzeptieren, dass Mann-Frau nicht einfach eine Unterscheidung ist, sondern dass darin eine patriarchale Hierarchie steckt, die Frauen global und seit Jahrhunderten unterdrückt und abwertet.

Wir müssen also überprüfen, in welchen lebenspraktischen Situationen, ein Widerspruch zwischen Geschlechtsidentität und körperlichem Geschlecht zu Problemen führt oder andere Rechte verletzt:

Ich hätte zum Beispiel gerne diese fünf Fragen beantwortet:

  1. Umkleide- und Nackträume: Darf eine Transfrau mit Penis am Frauentag ins Hamam? Was ist mit den Rechten der Cis-Frauen auf ihr persönliches Schamgefühl oder die Freiheit religiöser Überzeugung? Muss die Sauna künftig schreiben: Heute ist Vulventag, weil das Wort Frau sonst auch Penis-Frauen einschließt?
  2. Kosmetische Behandlungen im Genitalbereich: Darf eine Cis-Frau gezwungen werden, eine Transfrau an Penis und Hoden zu behandeln?
  3. Schule und Sport: Lehrpersonen brauchen geschützte Umkleiden für transgeschlechtliche Kinder und Jugendliche. Stellen wir uns ein 13-jähriges Transmädchen vor. In der Jungsumkleide wird sie gemobbt, in der Mädchenumkleide gibt es beim Anblick eines Penisses Gekreische. Und in der Lehrkräfteumkleide setzt sich die Lehrperson der Gefahr aus, wegen sexuellen Missbrauchs belangt zu werden.
  4. Wie wird in dem Gesetz sichergestellt, dass es nicht von körperlichen Männern missbraucht werden kann, um Cis- und operierten Trans-Frauen gegenüber übergriffig zu werden? International gibt es ja durchaus einige Fälle, in denen das geschehen ist.
  5. Wie wird dafür gesorgt, dass die Verwaltung nicht überfordert wird, weil sich Namen und Geschlecht zu leicht und zu oft ändern lassen?

Wenn wir eine Wohnadresse ändern wollen, müssen wir beweisen, dass wir dort auch wohnen, etwa mit der Unterschrift unserer Vermieter*in. Für unsere Identität gibt es keinen objektivierbaren Beweis. Daher müssen andere Wege gefunden werden, um Missbrauch zu erschweren.

  • Ein handwerklich gutes Gesetz leuchtet die Folgen der Neuregelung aus und denkt sich in alle möglichen Konstellationen hinein. Im Idealfall hat es auch eine Antwort auf den Worst Case.
  • Ein handwerklich gutes Gesetz lässt sich für die Zwecke leicht nutzen, für die es gedacht ist. Missbrauch dagegen wird erschwert und unter Strafe gestellt.
  • Ein handwerklich gutes Gesetz hat im Blick, wofür Daten über körperliches Geschlecht oder Geschlechtsidentität benötigt werden und ermöglicht, diese Daten so differenziert zu erfassen, dass gute und faire Politik für Menschen gemacht werden kann.

Aussagen wie von Sven Lehmann, die behaupten, es werden keine Probleme geben, weil es nach den Regeln des alten Gesetzes keine gab, sind naiv und letztlich Ausdruck politischer Verantwortungslosigkeit. Wer nicht genau hinsieht und die Verstrickungen in unserer komplexen Gesellschaft berücksichtigt, schafft beste Voraussetzungen für ein handwerklich fehlerhaftes und schlechtes Gesetz.

Kanada ist bekannt dafür, dass es sehr liberal und diversitätsoffen ist, in Sachen Diversity ein internationaler Musterschüler. Kanada ist das erste Land, das in der Bevölkerungserhebung erstmals auch Daten über Geschlechtsidentitäten erfasst. Dabei wurde aber das körperliche Geschlecht nicht durch eine Identität ersetzt, was hierzulande dauernd diskutiert wird. Die Daten wurden ergänzt, so dass beides erfasst ist, das körperliche Geschlecht und die Identität. Die bisherige Angabe wurde präzisiert als „sex at birth“ und es wurde eine Frage nach der Geschlechtsidentität hinzugenommen. So geht sauberes Arbeiten. Und so bekommen Politik und Verwaltung saubere Daten, mit denen sie Politik gestalten können.

Wir müssen Transgender, Intergechlechtlichkeit und Feminismus gemeinsam denken ohne es gleichzusetzen

Es ist ausgrenzend und daneben, wenn Transpersonen nicht akzeptiert werden. Gleiches gilt ebenso für Interpersonen. Geschlechtliche Vielfalt jenseits von cis-männlich und cis-weiblich ist real.

Es ist aber ebenso ausgrenzend und daneben, wenn Frau als cis-geschlechtliche Kategorie abgeschafft wird.

Es ist ausgrenzend und daneben, wenn Personen mit Nagellack, Rock oder Make-up das Mannsein abgesprochen wird.

Aus meiner Sicht müssen wir künftig entweder zwischen den Kategorien Körper und Identität unterscheiden: Dann hätten wir

  • Körper: weiblich, intergeschlechtlich, männlich und
  • Identität: weiblich, nicht-binär, männlich.

Wenn wir Körper und Identität zusammenfassen wollen, plädiere ich dafür, dass es für jeden Menschen maximal einfach sein sollte, das Geburtsgeschlecht zu verlassen und sich als nicht-binär zu identifizieren oder als divers. Ein Springen in die gegengeschlechtliche Kategorie sollte aber von weiteren Kriterien abhängig gemacht werden, etwa dass neben der Identität auch der Körper zumindest äußerlich der Geschlechts-Kategorie entsprechen muss.

Um Verwaltungen nicht zu überfordern, sollten Kinder und Jugendliche maximal alle zwei Jahre Änderungen vornehmen dürfen, Erwachsene alle zehn Jahre. Durch die Zeitbindung wird verhindert, dass Cis-Personen das Gesetz für vollständig andere Zwecke ausnutzen.

Kleidung oder Styling sollten wir als geschlechtsunspezifisch wahrnehmen. Es ist einfach individueller Ausdruck.

Das sind meine drei Cents.

Foto: Sigi Lieb

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Was für ein toller Beitrag! Danke danke danke für diese Stimme der Vernunft!
    Dieser Tab bleibt in meinem Browser jetzt für immer geöffnet, damit ich schnell hierher verweisen kann 🙂

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