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Identität – Als Mädchen zwischen Eltern- und Umgebungskultur – Folge 12

Carmen G.  war ein Jahr, als ihre Eltern von Neapel nach Opladen zogen. Heute lebt die Diplom-Sozialarbeiterin und Diplom-Pädagogin in Köln und arbeitet bei der Stadt mit minderjährigen Flüchtlingen. Carmens Antworten zeigen, wie simpel unsere Vorurteile über bestimmte Nationalitäten manchmal sind und wie Mädchen mitunter einen besonderen Spagat hinbekommen müssen, zwischen der Kultur ihrer Eltern und der ihres sonstigen Umfeldes. Viel Spaß beim Lesen!

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Identität ist natürlich ein wichtiges Thema. Es ist ja dein Gefühl und dein Bezug zu dir selber, deine Identität macht dich, ganz individuell, aus. Die Frage nach meiner Identität hat sich irgendwann erübrigt. Heute gehört, der deutsche, aber natürlich auch der italienische Teil zu mir. Mein Gefühl sagt mir, dass die Dinge, die ich mit meinen Sinnen erlebe und tue, zum Beispiel das Kochen, Akkordeon spielen, das Interesse für Schauspiel und Theater meine italienische Seele ist, während die Arbeit, meine Alltagsstruktur, meine Vernunft und Zuverlässigkeit meine deutsche Seite ist. Damit kann ich sehr gut leben.

Ich bin 1963 geboren und in den 60er-/70er Jahren aufgewachsen. Zu der Zeit kamen die ersten sogenannten Gastarbeiter in die BRD, aber in Opladen, dort lebten wir nach Umzug aus Italien, gab es die noch nicht, zumindest habe ich sie nicht wahrgenommen. Die Zeit war damals noch geprägt von traditioneller deutscher Bürgerlichkeit. Die Mütter waren meistens zu Hause, die Väter gingen arbeiten. Bei uns war es schon damals sehr viel anders: mein Vater arbeitete als Schneider zuhause, meine Mutter ging ganztags arbeiten. Auch wurde bei uns anders gekocht und gegessen. Mein Vater kochte mit Öl und Knoblauch und wir haben abends warm und immer sehr lange gegessen. Dies war im damaligen Umfeld nicht üblich und es gab Ärger wegen des Knoblauchgeruchs im Treppenhaus mit einem Nachbarn. Später sind wir wegen des Nachbarn ausgezogen.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Nein, ich lebe seit meinem achten Lebensjahr in Köln allerdings in wechselnden Veedeln. Nach der Schulzeit habe ich neun Monate in Perugia in Italien gelebt.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Schon vor der Pubertät habe ich begonnen, meine italienische Seite zu ignorieren und  zu verstecken, da ich immer wieder von Kindern gefragt wurde, ob mein Vater ein Mafiaboss sei. Das war eine schwere Zeit für mich, da ich persönlich diese Seite immer gemocht habe, aber sie irgendwann nicht mehr zeigen wollte.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Ich glaube, schon damals setzte ich mich mit meiner Identität auseinander. Als Kind erzählte ich häufig, dass ich aus Italien käme. Meistens wurde ich dann gefragt, ob mein Vater ein Mafiaboss sei, ob ich Italienisch spreche, ob ich vorhätte, später wieder zurückzukehren nach Italien. Diese Fragen kamen immer. Das hat mich immer sehr irritiert, da ich ja quasi nur in Italien geboren und in Deutschland aufgewachsen bin.

Irgendwann habe ich meinen Vater gefragt, ob er ein Mafiaboss sei. Er hat daraufhin auf unser Wohnzimmersofa, den Wohnzimmerschrank, die Wohnzimmersessel, den Wohnzimmerteppich etc. gezeigt und zu mir gesagt: Glaubst du wirklich, wenn ich bei der Mafia wäre, hätten wir diesen Wohnzimmerteppich, -schrank, -sofa, -sessel. Dann sähe unser Wohnzimmer aber ganz bestimmt anders aus! Das habe ich dann akzeptiert.

Notgedrungen musste ich mich während meiner Pubertät mit dem italienischen Teil meiner Identität auseinandersetzen, da mein Vater plötzlich sehr streng zu meiner Schwester und mir wurde und wir viel weniger Freizeit mit Freunden verbringen durften als unsere deutschen Freunde und Freundinnen. Bei Klassenfahrten mussten der Schulleiter und der Klassenpflegschaftsvorsitzende meinen Vater anrufen und ihm hoch und heilig versprechen, dass die Jungen und die Mädchen getrennte Schlafräume hätten. Das war mir schon sehr peinlich und ich fand meinen Vater und seine „blöden italienischen“ Ansichten einfach nur schlimm.

Andererseits gab es auch die schönen Seiten. Das gute Essen, die schönen Urlaube in Nord und Süditalien. Die italienische Musik, die bei uns immer lief, das Singen meines Vaters, seine Herzlichkeit und Gastfreundschaft. So war ich lange Zeit hin und hergerissen: Bin ich deutsch, bin ich italienisch? Wenn ja, was an mir ist deutsch, was italienisch? Und was möchte ich den anderen von mir zeigen?

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Heute fühle ich mich in Köln zuhause. Wohl fühle ich mich aber auch in mediterranen Städten am Meer, zum Beispiel Lissabon, Neapel oder Barcelona. Als Kind waren wir ja jedes Jahr in den Sommerferien mehrere Wochen in Italien bei Verwandten. Später hatten meine Eltern ein Ferienhaus in der Nähe von Barcelona, dort waren wir auch sehr oft. Somit sind mir diese Städte sehr vertraut.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Smartphone, Sonnenbrille, Reiseführer.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

In der Regel wird mir die Frage nicht gestellt, da ich eher mitteleuropäisch aussehe. Manchmal wird sie mir wegen meines Nachnamens gestellt. Grundsätzlich habe ich nichts gegen die Frage und deute sie als Interesse mir gegenüber. Wenn ich Interesse spüre, gebe ich mein Wissen über Süditalien und Neapel gerne weiter.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Natürlich gibt es auch andere Fragen. In unserer heutigen Zeit ist es immer wieder die nach dem Beruf, der Arbeit. Es nervt, wenn ich nur darüber definiert werde, die Gespräche sind dadurch begrenzt und eindimensional. Ich spreche in meiner Freizeit auch gerne über andere Themen und finde, es gibt noch mehr spannende Dinge auf der Welt.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Eher nicht. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann der Satz: „Gefühle sind der Kompass im Leben“.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Mich beschäftigt aktuell der Krieg im Nahen Osten und die Auflösung bzw. der Zerfall dieser gesamten Region sehr. Sicher auch bedingt durch meinen Arbeit, denn ich sehe ja tagtäglich die Folgen dieses Krieges. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir uns hier in Europa mit den Ursachen dieses Krieges auseinandersetzen, uns damit auseinandersetzen, wie wir mit den Folgen, das heißt mit den Flüchtenden umgehen und insbesondere die Menschlichkeit nicht verlieren. Ich denke, dass aktuell definitiv politische Friedensarbeit angesagt ist.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

In einer mediterranen Stadt am Meer.

Vielen Dank für das Gespräch!

*  Das Portrait im Titel ist von Sigi Lieb fotografiert. Alle anderen Fotos wurden von Carmen G. zur Verfügung gestellt.

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