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Identität: Deutschland ist Heimat für mich – Folge 30

Aljona Hübert kam mit sechs Jahren aus Sibirien nach Deutschland. Heute unterrichtet sie begeistert Deutsch als Zweitsprache, besonders Alphabetisierungskurse. Sie hat sich nicht nur viel mit ihrer eigenen Identität beschäftigt, sondern sich auch aktiv mit der ihrer Tochter auseinandergesetzt, die neben russischen und deutschen noch nigerianische Teile in sich vereint.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Kind in der russischen HeimatIch habe mich sehr lange mit der deutsch-russischen Identität schwer getan, was daran liegt, dass ich diese immer in Verbindung gebracht habe mit der strengen religiösen Ausrichtung meiner Familie und der russlanddeutschen Mentalität sowie mit der für mich stark autoritären und einschränkenden Erziehung und Lebensweise. Mit fehlten immer die Offenheit und die Akzeptanz zu anderen Kulturen, Religionen und Lebensweisen. Allerdings habe ich mit Anfang 20 angefangen, mich mit diesem Teil meines Selbst auseinanderzusetzen und habe ein großes Interesse entwickelt. Somit habe ich mir selbst die Möglichkeit gegeben, mich mit meiner kompletten Herkunft zu identifizieren und sehe die Vorteile der Vielfalt in meinem Leben.

Ich habe mich lange als „Russin“ gesehen, obwohl ich viel besser Deutsch sprechen konnte. Heute sehe ich mich als alles ein bisschen: russlanddeutsch, deutsch, russisch.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Der entscheidendste Umzug war natürlich der aus Russland nach Deutschland. Danach sind wir insgesamt drei Mal in einem Gebiet in NRW umgezogen, wo ich aufgewachsen bin. Der nächste entscheidende Umzug war der nach Oberfranken für das Studium, bei welchem ich eine andere Art des Deutschseins kennen und lieben gelernt habe. Nun lebe ich wieder in NRW und habe seit dem oft viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend, wenn ich durch die Straßen gehe und mir die Menschen begegnen.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Es gab mindestens zwei: Die Geburt meiner Tochter 2004 und den Tod ihres Vaters 2010.

Identität: Mutter und TochterIch habe meine Tochter in den Weihnachtsferien in der 12ten Klasse bekommen. Ich sage immer, sie war zwar nicht geplant, aber ein Wunschkind. Sie hat mein Leben komplett positiv verändert. Sofort hatte ich den Wunsch zu beweisen, dass auch junge Mütter gute Mütter sein können. Ich habe das Fach „Pädagogik“ als Leistungsfach gewählt und nach dem Abitur haben wir uns nach Oberfranken aufgemacht, um Diplompädagogik zu studieren. Mein komplettes Studium habe ich auf die Entwicklung meiner Tochter abgestimmt. Vor dem Kindergarteneintritt habe ich das Seminar „Eintritt in den Kindergarten“ besucht. Vor der Einschulung habe ich das Seminar „Übergang von Kindergarten in die Grundschule“ besucht. Mein Studienschwerpunkt war Elementar- und Familienpädagogik. Als meine Tochter angefangen hat, Klavierunterricht zu nehmen, habe ich den Schwerpunkt Musikpädagogik gewählt und in der ersten und zweiten Klasse meiner Tochter habe ich meine Diplomarbeit über „milieuspezifische Einstellungen  von Eltern zu Lernen, Bildung und Schule von Kindern in 1. und 2. Klasse“ geschrieben, wobei ich Interviews mit unterschiedlichen Eltern geführt und diese analysiert habe.

Identität: Mutter und Tochter Der Tod ihres Vaters hat dann mein Leben noch einmal komplett verändert. Ich habe seit diesem Zeitpunkt die alleinige Verantwortung für das Leben und die Entwicklung meiner Tochter. Bezogen zu unserem Interview: Ich habe einen starken Drang danach, meiner Tochter ihre komplette Identität zu vermitteln. Ihre Wurzeln sind deutsch, russland-deutsch, russisch und nigerianisch. Mein Wunsch ist es, dass sie von all der Vielfalt profitieren kann und sie dazu ein positives Gefühl entwickelt. Bald fahren wir zum ersten Mal zur Familie meiner Tochter nach Nigeria und besuchen das Grab ihres Vaters.

Ich habe einen starken Drang danach, meiner Tochter ihre komplette Identität zu vermitteln. Klick um zu Tweeten

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Als meine Tochter geboren wurde, habe ich sehr darauf geachtet, dass sie von Anfang an ein sehr gutes Deutsch spricht. Ich habe mich dagegen entschieden, ihr die russische Sprache beizubringen, was ich im Nachhinein wirklich bereue. Damals habe ich anders gedacht: Ich spreche nicht 100 Prozent richtiges Russisch und wollte die Fehler nicht weitergeben. Weiterhin hatte ich Angst, dass sie keine Sprache so richtig kann und sah somit ihre erfolgreiche Schullaufbahn gefährdet.

Diese Angst rührt aus meiner eigenen Erfahrung aus meiner Schullaufbahn. Auch wurde mir von meinen Eltern vermittelt, dass man nur eine Sprache gut lernen kann, wenn keine andere gesprochen wird. Mit unserer Mutter durften wir nur auf Deutsch sprechen.

Identität mit SchultüteWir sind in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen  und zwei Monate später wurde ich schon eingeschult. Ich hatte keine Zeit – wie meine Schwester im Kindergarten – vor Schulbeginn die deutsche Sprache zu lernen und habe überhaupt nichts verstanden. Nach der ersten Klasse sind wir umgezogen und ich kam in eine neue, eine evangelische Grundschule. Nach der vierten Klasse sollte ich auf die Hauptschule gehen, was zu dieser Zeit ein sehr gängiges Verfahren mit Aussiedlern war. Die meisten wurden in die Hauptschule geschickt. Sehr ähnlich dem, was jetzt mit den Flüchtlingen passiert, wenn sich Eltern oder Unterstützer nicht einsetzen. Aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse wird über die „Intelligenz“ entschieden. Meine Mama war dagegen. Sie wusste, dass ich nicht dumm war. In Russland konnte ich ganze Kinderbücher auswendig – ich selbst kann mich an Bruchstücke davon erinnern. Sie entschied sich, mich auf eine katholische Grundschule zu schicken und ich wiederholte freiwillig die vierte Klasse. Danach sind wir aufs Land gezogen und ich besuchte bis zur zehnten Klasse die Realschule. Danach machte ich mit Baby das Abitur und fing an zu studieren.

Aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse wird über die „Intelligenz“ entschieden. Klick um zu Tweeten

Meine Tochter spricht heute sehr gut Deutsch, ein Studentenbaby, das permanent den Studierendengesprächen ausgesetzt war… (Aljona lacht) … und sehr gutes Englisch durch ihre nigerianische  Familie. Russisch hätte sie locker auch noch gepackt.

In der Grundschule hatte ich eine ganz tolle Klassenlehrerin von der zweiten bis zur vierten Klasse, die mich mit ihrer warmen Art sehr geprägt hatte. Sie sah nicht nur meine Defizite. Ich kann mich daran erinnern, wie sie uns extra besucht und mir ein Pixibuch über das Leben eines Igels geschenkt hatte. Meine Eltern hatte sie gebeten, mit mir lesen zu üben. Ich habe das Lesen sehr viele Jahre gehasst und wurde immer gezwungen zu lesen, was ich kaum gemacht habe. Aber jeden Abend hat meine Mama mir deutsche christliche Geschichten vorgelesen, was ich sehr geliebt habe.

Bis heute habe ich den Wunsch, wieder in die Kleinstadt zu fahren und zu schauen, ob die Lehrerin immer noch dort lebt. Ich träume immer wieder von ihr und würde mich gerne bei ihr bedanken. Habe ich leider nie getan.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Deutschland ist Heimat für michDeutschland ist Heimat für mich. Ich bin hier aufgewachsen, kenne das System, fühle mich sicher und geborgen. Und ich freue mich sehr über die Vielfalt in Deutschland, welche ich immer wieder neu kennenlernen darf.

Heimat ist für mich da, wo ich aufgewachsen bin. Heimat ist ein Stück Alltag, der eigene und der Alltag der Leute. Russland ist für mich  wie ein Traum, nach dem ich mich sehne. Eine Art Sehnsucht nach etwas Utopischem. Wenn ich da bin, werde ich betüttelt und verwöhnt. Aber ich kenne den Alltag der Menschen dort nicht. Das ist nicht das echte Leben.

Das echte Leben ist da, wo ich aufgewachsen bin, in Deutschland. Klick um zu Tweeten
  1. Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Ich würde meine Tochter mitnehmen und mit ihr eine neue Existenz aufbauen. Weiterhin würde ich mein Handy mit einer Übersetzungs-App mitnehmen für die Landessprache, und um mit meiner Familie und meinen Freunden in Kontakt bleiben zu können. Und meine Abschlüsse und Zertifikate, um auch im neuen Land gegebenenfalls in meiner Profession oder etwas Ähnlichem arbeiten zu können.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Solange ich nichts sage, beziehungsweise nichts sage in dem ein hörbares R vorkommt, werde ich als gebürtige Deutsche gesehen. Sobald ich ein Gespräch beginne, werde ich auf meine Herkunft angesprochen. Ich sage dann immer, dass ich in Russland im kalten Sibirien geboren wurde und dass mein  Vater mich wegen meines Akzents zum Logopäden geschickt hatte (was auch stimmt), allerdings ohne Erfolg. Das hat oft humorvoll die Mauer gebrochen. Ich hatte nie negative Erfahrungen mit meinem Akzent. Er wurde oft als sympathisch empfunden. Wobei in Oberfranken ist mein R nicht so aufgefallen.
(Natürlich nicht. In Oberfranken wird es genauso gesprochen wie im kalten Sibirien und im heißen Andalusien. Das R wird gerollt, Anmerkung der Redaktion)

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Identität in der GruppeManche Kursteilnehmer, die bei mir Deutsch lernen, fragen mich, wie lange ich schon in Deutschland bin. Oft kommt danach die Frage, wie lange sie wohl brauchen werden, um genauso gut Deutsch sprechen zu können wie ich. Dann erkläre ich, dass es einen Unterschied macht, ob man in Deutschland aufwächst, oder als Erwachsener nach Deutschland kommt. Wenn man eine fremde Sprache lernt, gehört es dazu, sich eine gewisse Fehlerhaftigkeit zu erlauben. Die ist dann je nach Motivation, Fähigkeit und Zeit unterschiedlich groß. Meine Mama wird in ihrem Leben nie die berühmt-berüchtigten Artikel „der, die, das“ 100-prozentig korrekt zuordnen können. Und trotzdem hat sie in Deutschland ein weiteres Mal ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Akzeptiert man dies in seinem Leben, kann man viel freier mit der Gesellschaft im Alltag umgehen. Genervt bin ich bei diesen Fragen nicht.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Hört sich abgedroschen an, aber tatsächlich: Leben und leben lassen, solange kein anderer durch das Handeln beeinträchtigt wird. Wobei ich meine Schwierigkeiten habe mit zu autoritären, eingeschränkten, engstirnigen  Lebenskonzepten, welche andere Lebensweisen nicht annehmen und akzeptieren sondern verurteilen. Auch wenn ich weiß, dass dies aus der eigenen Unsicherheit und Suche nach eigener Identität entsteht.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Bildung. Sie ist die Grundlage für alles, gesellschaftlich und privat.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Ich lebe gerne in Deutschland. Aber ich würde auch sehr gerne einige Jahre in anderen Ländern verbringen und leben wollen. Reizen würden mich Finnland, Schweden oder ein afrikanisches oder asiatisches Land.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Die Bilder wurden von Aljona Hübert zur Verfügung gestellt.

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