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Heimat und Identität – 24 Geschichten im Interview

Illustration Menschen zu Heimat und Identiät

Das #Freitagsinterview zum Thema #Heimat und #Identität geht in die Sommerpause. Heute gibt es eine Zusammenfassung und ein paar Gedanken zu den bisher 24 Interviews seit Januar 2017.

11 Fragen – viele Biografien, Einstellungen und Erfahrungen. Gefragt habe ich Menschen, die selbst migriert sind, solche, die von ihren Eltern migriert wurden und solche, die hier geboren und aufgewachsen sind – mit und ohne irgendwelchen Migrationshintergründen. Gefragt habe ich auch Deutsche, die im Ausland leben. Entstanden sind bisher 24 Geschichten, die aufblitzen lassen, was uns als Menschen ausmacht.

Jede Geschichte ist individuell und öffnet eine Perspektive auf Fragen, die wir uns alle früher oder später stellen: Wer bin ich und was macht mich aus? Am Ende sind wir soziale Wesen. Wir wollen uns dazugehörig und akzeptiert fühlen und wir wollen uns entwickeln und wachsen dürfen.

In den Interviews habe ich viel darüber gelernt, was unser Gefühl für #Heimat bestimmt und wie wir unsere #Identität erleben und definieren.

#Heimat

Heimat, Zuhause und Wohnort zum Beispiel können für manche Leute drei verschiedene Orte sein. Für andere ist Heimat gar kein Ort, sondern ein Gefühl von Geborgenheit und Zuhausesein. Es gibt auch Interviewpartner, die Heimat eher mit negativen Assoziationen verbinden, wie Enge und Zwang. Manche leiden unter einem Gefühl von Zerrissenheit. Andere beschreiben ihre empfundene Heimatlosigkeit als Privileg.

Bei den einen entstehen Heimatgefühle beim Anblick bestimmter Gebäude oder Landschaften. Für andere sind es Gerüche oder Geräusche. Oder sie entstehen, weil man bestimmte Dinge tut oder sich mit bestimmten Menschen umgibt. Wie es scheint, haben Heimatgefühle viel mit unseren Erinnerungen und Sehnsüchten zu tun.

Interviewgäste, die zwischen ihrer alten und neuen Heimat pendeln können, berichten manchmal davon, dass sie jeweils an ihren anderen Teil denken: In Deutschland vermissen sie Spanien und in Spanien Deutschland. Oder sie fühlen sich in Frankreich als Deutsche und in Deutschland als Franzosen, egal, was sie ursprünglich mal waren.

#Identität

Insofern ist Identität nicht etwas, das immer gleich bleibt. Sie wandelt sich und wird von vielen unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Bei der Frage nach der Identität sind mir unglaublich viele Facetten begegnet, gefühlt noch mehr als bei der Frage nach der Heimat. Ich möchte hier einige aufzählen. Das ist bestimmt nicht vollständig, aber es liefert einen Eindruck, wie vielfältig unser Identitätsbegriff zustandekommt:

  • Ethnische Identität
  • Nationale Identität
  • Europäische Identität
  • Kulturelle Identität
  • Politische Identität
  • Identität von außen
  • Identität von innen
  • Identität, die abhängig gemacht wird von den Eltern
  • Religiöse Identität
  • Identität durch Hobbys und Dinge, die man mag: Tänzerin zum Beispiel oder der Fußballclub, dessen Fan man ist
  • Identität über den Beruf: Künstlerin zum Beispiel oder Lehrerin oder Ingenieurin
  • Identität über eine bestimmte Rolle, als Mutter oder Vater, als Vorgesetzter, Berater oder Teammitglied
  • Identität hat auch mit Essen, Sprache, Musik und Landschaft zu tun

Wann denke ich über meine Identität nach?

Es gab bei den Interviews auch Menschen, die sagten, sie hätten sich noch nicht viel oder noch nicht lange Gedanken über ihre Identität gemacht. Andere beschäftigen diese Fragen schon ihr ganzes Leben lang. Es wäre zu kühn, aus diesen 24 Interviews etwas verallgemeinern zu wollen, aber ich werde weiter forschen.Schreib mir: Wann hast du schon mal über #Identität und #Heimat nachgedacht? Klick um zu Tweeten

Eines fiel auf: Intensive äußerliche Veränderungen, in denen das bisherige Leben aus dem Gleichgewicht gerät oder ganz aus den Fugen, fordern häufig Fragen nach der eigenen Identität heraus. Das kann ein Umzug sein. Erst recht, wenn er nicht freiwillig geschieht, löst er viel Stress in uns aus und der Verlust und die Umstellung stellen Fragen an uns. Es gibt aber auch andere Lebensereignisse, wie Tod und Krankheit von nahestehenden Menschen oder die Geburt von Kindern, die uns in Identitäts“krisen“ stürzen oder der bisherigen Identität weitere Aspekte hinzufügen. Manche Interviewgäste sprachen auch von mehreren Identitäten, die sie besitzen.

Einige Interviewgäste nahmen die Einladung zum Interview dankbar an und freuten sich darauf, selbst zu reflektieren und von ihren Erfahrungen zu erzählen. Es gab aber auch welche, die ich mit meinen Fragen fast in eine Sinnkrise stürzte, vielleicht weil das eine oder andere irgendwo in einer dunklen Ecke in der Seele schlummerte und plötzlich ans Tageslicht gezerrt wurde. Gleichzeitig scheinen Identitätsfragen aber erst an der Reihe zu sein, wenn primäre Bedürfnisse nach Sicherheit, Wohnung und Nahrung gestillt sind. Wer sich noch um die eigene Existenz oder die seiner nächsten Angehörigen sorgt, hat einfach andere Probleme, die zuerst gelöst werden müssen.

#Vorurteile

Auf die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist mir eine Fußballmutter aus dem Verein meines Sohnes vor Jahren mal beinahe ins Gesicht gesprungen und ich habe überhaupt nicht verstanden, weswegen. Seither habe ich sehr viele Gespräche zu dem Thema geführt und auch in meiner Interviewreihe danach gefragt.

Nach den Antworten zu gehen, nervt diese Frage nicht grundsätzlich, sondern immer dann, wenn sich die gefragte Person ausgegrenzt, mit Vorurteilen konfrontiert und in eine Schublade gesteckt fühlt. Und das gilt ebenso für alle möglichen anderen Fragen. Die allermeisten gehen vollkommen entspannt mit allen möglichen Fragen um, so lange sie sich akzeptiert fühlen und die Frage als ehrliches Interesse an ihrer Person betrachten.

Gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit

Auf die Frage nach der größten Herausforderung unserer Zeit gaben meine Interviewgäste erstaunlich ähnliche Antworten. Die meisten wünschen sich weniger Egoismus, Gier, Hass und Gewalt und mehr Rücksicht, Bescheidenheit, Toleranz und Liebe.

Häufig wurde der aufwogende Nationalismus erwähnt, begleitet von Rassismus, Islamo-, Homo- und anderen Phobien, der den Interviewpartnern Sorge macht. Auch Umwelt und Klima wurden häufiger genannt, auch wirtschaftliche Aspekte und soziale Gerechtigkeit. Und zwar über alle kulturellen Prägungen meiner Interviewgäste hinweg.

Das ist doch bemerkenswert: dass so viele Menschen sich danach sehnen, in Frieden mit ihren Mitmenschen zu leben und es dennoch so viel Streit gibt.

Zur Sommerpause sind hier alle 24 Interviews verlinkt: Zum Nachlesen und Vorlesen

01 Feodora Khan:  In den 90ern in Köln geboren mit russischen und koreanischen Vorfahren – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ich-bin-deutsche-folge-01/

02 Elke Speidel: Rumäniendeutsche, kam als Teenager in den 70ern mit ihren Eltern nach Deutschland – https://www.gespraechswert.de/identitaet-was-mich-ausmacht-folge-02/

03 Mino Veigas: Asturier, der als Erasmusstudent nach Deutschland kam und letztlich blieb – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ich-moechte-mich-beamen-koennen-folge-03/

04 Ali Bashir floh mit seinen Eltern vor vier Jahren aus Libyen und studiert heute Medizin – https://www.gespraechswert.de/identitaet-der-blick-der-anderen-folge-04/

05 Huong Huang zog der Liebe wegen von Hanoi/Vietnam nach Köln/Deutschland – https://www.gespraechswert.de/identitaet-akzeptieren-was-ist-folge-05/

06 Ghazaleh Niedringhaus kam vor etwa 30 Jahren als Kind mit ihren Eltern aus dem Iran – https://www.gespraechswert.de/identitaet-heimat-ist-in-mir-drin-folge-06/

07 Rita Lidia Booker-Solymosi wanderte mit ihren Eltern aus dem kommunistischen Rumänien zunächst nach Österreich aus und lebt heute in Deutschland – https://www.gespraechswert.de/identitaet-empathie-und-mehrsprachigkeit-als-beruf-folge-07/

08 Elizaveta Khan erlebte mit dem Umzug ihrer Eltern von Moskau nach Köln einen erheblichen wirtschaftlichen Abstieg – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ich-bin-ein-cocktail-folge-08/

09 Christoph I. lebte als Unternehmensberater viel Zeit seines Lebens in vielen Ländern in drei verschiedenen Kontinenten – https://www.gespraechswert.de/identitaet-heimat-ist-wo-ich-mit-meiner-familie-gluecklich-sein-kann-folge-09/

10 Vasili Bachtsevanidis ist zwar in Deutschland geboren, lernte aber erst mit etwa zehn Jahren Deutsch, nachdem seine Eltern aus Griechenland wieder zurück in die neue-alte-neue Heimat zogen – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ich-wusste-wer-ich-bin-als-mir-klar-wurde-wer-ich-nicht-bin-folge-10/

11 Fahime Farsaie floh vor etwa 30 Jahren aus dem Iran, wo sie eine Zeit inhaftiert war, und lernte nach anfänglichen Schwierigkeiten die deutsche Sprache so gut, dass sie heute Essays und Romane auf Deutsch schreibt – https://www.gespraechswert.de/identitaet-heimatlosigkeit-als-privileg-folge-11/

12 Carmen G. war ein Jahr, als ihre Eltern als Gastarbeiter von Neapel nach Opladen zogen – https://www.gespraechswert.de/identitaet-als-maedchen-zwischen-eltern-und-umgebungskultur-folge-12/

13 Ursula Wachter ist nur innerhalb Bayerns und zwischen Dorf und Stadt umgezogen. Sie erlebte einen Bruch vor allem bei ihrem ersten Umzug als Teenager – https://www.gespraechswert.de/identitaet-das-gefuehl-von-heimat-kann-ueberall-passieren-folge-13/

14 Mimoun Azizi war vier, als seine Eltern aus Marokko nach Deutschland kamen – https://www.gespraechswert.de/identitaet-die-gestaltete-und-die-zugeschriebene-identitaet-folge-14/

15 Adnan Meha zog von Geburt an auf dem Balkan und in Skandinavien so viel um, dass er drei Sprachen konnte, bevor er in Deutschland eingeschult wurde – https://www.gespraechswert.de/identitaet-hin-und-hergerissen-zwischen-den-kulturen-folge-15/

16 Jarek kaufte sich mit 16 ein One-Way-Ticket und fuhr von einer polnischen Kleinstadt zu seiner Mutter nach Köln – https://www.gespraechswert.de/identitaet-wo-ich-hingehoere-weiss-ich-noch-nicht-folge-16/

17 Doreen Köstler hat immer in Deutschland und dennoch in zwei Staaten gelebt. Denn aufgewachsen ist sie in der DDR und lebt heute in Düsseldorf – https://www.gespraechswert.de/identitaet-akzeptiert-werden-wer-und-wie-man-ist-folge-17/

18 Jakleen Rafo kam vor fünf Jahren über eine Familienzusammenführung aus dem Irak nach Deutschland – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ich-verbinde-heimat-mit-menschen-nicht-mit-orten-folge-18/

19 Michael Nell ist Eifeler mit einem Herz für Köln und wurde durch den Beruf nach Berlin gespült – https://www.gespraechswert.de/identitaet-heimat-zuhause-und-wohnort-sind-drei-orte-folge-19/

20 Antje Grebner kommt aus einem kleinen Dorf in Oberfranken und hat mehr Zeit ihres Lebens im Ausland als in Deutschland verbracht, zunächst England, dann Russland, jetzt Niederlande – https://www.gespraechswert.de/identitaet-wird-politisch-wenn-sie-nicht-akzeptiert-wird-folge-20/

21 Eva Bodinet lebt seit vielen Jahren in der Nähe von Paris, das ihr inzwischen ebenso Heimat ist wie das Rheinland, aus dem sie stammt – https://www.gespraechswert.de/identitaet-kulturspezifische-erinnerungen-schluempfe-und-schtrompfs-folge-21/

22 Dawood Saeedi kam mit seiner Familie 2015 aus Afghanistan nach Deutschland – https://www.gespraechswert.de/identitaet-wenn-man-fliehen-muss-verliert-man-seine-identitaet-folge-22/

23 Anna Y. ist Nürnbergerin durch und durch, aber sie wird aufgrund ihrer Hautfarbe oft anders wahrgenommen – https://www.gespraechswert.de/identitaet-man-ist-das-was-man-sein-und-nicht-sein-will-folge-23/

24 Louise Huber-Fennell zog von England in die Niederlande in die USA nach Deutschland – ein Leben und Aufwachsen zwischen Ländern und Kontinenten – https://www.gespraechswert.de/identitaet-ist-ein-fluessiges-konzept-folge-24/

Danke nochmal an alle, die an den Interviews mitgewirkt haben!

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