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Wir brauchen zwei Fächer Deutsch

Illustration Unterricht

„Noch nie war das gesprochene Deutsch von der Schulgrammatik so weit entfernt wie heute, und die Schere geht immer weiter auseinander“, schreibt Uwe Hinrichs in der Zeit.

Da ist was dran. Als Lehrerin für Deutsch bekomme ich immer wieder Aufsätze zu lesen, in denen genau das deutlich sichtbar ist. Manchmal sind die Fehler so gravierend, dass die Bedeutung des Geschriebenen nicht mehr zu erkennen ist. Manchmal beginnt das Leid aber schon vorher, weil der oder die Betreffende die Textvorlage ganz offensichtlich nicht verstanden hat.

Was läuft falsch im Schulsystem?

Und ich meine hier keine Kurse für Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Da wäre das normal. Ich rede von Muttersprachlerkursen für Menschen, die zehn Jahre im deutschen Schulsystem verbracht haben, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Deswegen frage ich mich, was läuft an unseren Schulen falsch? Wie kann es passieren, dass jemand, der zehn Jahre in Deutschland zur Schule gegangen ist, kein vernünftiges Schriftsprachendeutsch schreiben kann und erhebliche Defizite beim Lesen von Texten hat?

Mir tut das einerseits leid für die Schülerinnen und Schüler, denn Lese- und Schriftsprachenkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz für alle Schulfächer und das ganze Leben. Wie soll so jemand zum Beispiel im Fach Philosophie oder Religion einen Text verstehen und analysieren, wenn er schon an einer Kurzgeschichte für die Sek I scheitert? Wurde die Textaufgabe in Mathematik nicht verstanden oder fehlte es an Mathekompetenz? Wie umgehen mit den vielen Fremdwörtern im Fach Biologie? Wie geht so jemand mit Vorschriften und Behördenpost um? Versteht er, was er unterschreibt? Kennt so jemand seine Rechte und kann sie wahrnehmen?

Fehlende Sprachkompetenz verhindert Mündigkeit

Im Sinne von Wolfgang Klafki soll Ziel von Bildung sein, mündige Bürgerinnen und Bürger herauszubilden, die fähig sind zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität. Aber wie soll das gelingen, wenn grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen fehlen? Das macht mir Sorgen.

Welche Folgen hat es, wenn immer mehr Menschen eine normale deutsche Zeitung nicht richtig verstehen können, weil das Wissen um die grammatikalischen Strukturen fehlt oder Vokabeln bzw. die Kompetenz, die Bedeutung aus dem Kontext zu erfassen?

Richtig, solche Menschen werden schneller Opfer von Verschwörungstheoretikern und Propagandisten, die ihnen ihre Sicht der Welt als Wahrheit verkaufen wollen. Und das ist gefährlich für uns alle.

Wir leben in einer komplexen Welt, die infolge der Globalisierung und Digitalisierung immer komplexer wird. Auch die zunehmende Arbeitsteiligkeit erschwert ein Verständnis dessen, was wir warum und mit welchen Folgen für uns und andere tun.

Zwar gibt es viele Vorschriften und Gesetze, die uns als Verbraucher und unsere Daten schützen sollen, die uns Rechte als Arbeitnehmer*innen geben, Möglichkeiten, uns gegen Ungerechtigkeiten zu wehren und die uns die Politik erklären. Alles in Schriftsprache. Wenn zu der ohnehin komplizierten Welt sprachliche Probleme dazu kommen, verhindert dies Mündigkeit für den Teil der Bevölkerung, die sprachlich abgehängt wird. Das halte ich für unverantwortlich.

Sprachwandel ist ok. Aber wir müssen darauf reagieren.

Ich habe nichts gegen Sprachwandel. Sprachwandel ist völlig normal. Ich rede ja auch nicht, wie jemand vor hundert Jahren. Kürzlich bei einer Fotoausstellung im Museum Ludwig in Köln las ich eine Bewerbung aus der Zeit um 1930. Die war so anders – formal wie textlich -, dass sie heute als Bewerbung kaum noch zu erkennen ist. Auch sprachlich waren manche Textteile kaum verständlich, weil Wortwahl und Grammatik so altertümlich daherkamen.

Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob es hier tatsächlich um Sprachwandel geht, wie in dem Artikel, aus dem mein Ausgangszitat stammt. Eigentlich geht es aus meiner Sicht mehr um gesellschaftlichen Wandel. Jugendliche heute lesen viel weniger als Jugendliche vor 30 oder 40 Jahren. Sie kommen viel häufiger aus mehrsprachigen Familien. Und die veröffentlichten Texte sind heute auch keine zuverlässige Quelle für korrektes Deutsch mehr. Durch Einsparungen auf der einen Seite und den digitalen Wandel auf der anderen, wimmelt es im Internet aber auch auf Werbeplakaten vor Deutschfehlern.

Lehrplan muss sich anpassen: Zwei Fächer Deutsch

Meines Erachtens muss der Deutschlehrplan darauf reagieren. Wir brauchen zwei Fächer Deutsch. Der aktuelle Deutschlehrplan konzentriert sich zu sehr auf Lyrik, Prosa und Drama, also den literarischen Teil des Faches Deutsch. Der pragmatische Teil wird weitgehend als gegeben vorausgesetzt bzw. dort, wo er im Lehrbuch vorgesehen ist, fehlt oft die Zeit, sich intesniv mit Leseverstehen, Grammatik und Rechtschreibung zu beschäftigen. Weil eben vieles als bekannt vorausgesetzt wird und Lehrkräfte irgendwie mit dem Stoff durchkommen müssen. Die Schülerinnen und Schüler, die einen entsprechenden Hintergrund haben, denen zum Beispiel die Eltern helfen oder die andere Kompensierungsstrategien nutzen können, fangen das auf. Andere aber werden abgehängt.

Wir müssen die Strukturen den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Wenn sich einerseites die Schriftsprache von der gesprochenen Sprache weiter entfernt und gleichzeitig die natürlichen Prozesse des Schriftsprachenerwerbs weniger werden, andererseits aber Schriftsprache immer mehr Bedeutung für die Entscheidungen des Alltags bekommt, muss Schule reagieren. Ich bin der Meinung, Schule hat hier eine Verantwortung und muss sich anpassen.

Wir brauchen zwei Fächer Deutsch, eines, wie gewohnt, mit dem literarischen Schwerpunkt und eines Deutsch/Kommunikation, das die Kernkompetenz, die man in allen möglichen Schul- und Lebenslagen braucht, trainiert. Ich denke im Kleinen und im Rahmen der individuellen Möglichkeiten bemühen sich viele Schulen. Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Denn den Lehrplan können sie nicht ändern, nur auslegen. Ändern müssen sich die Strukturen. Diese werden politisch gestaltet und vorgegeben. Eine Reaktion auf dieser strukturellen Ebene fehlt mir bisher.

Dabei sind mündige Bürger*innen der beste Garant für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Daran sollten wir alle ein Interesse haben und Verantwortung dafür übernehmen.

Bildquelle: trueffelpix, fotolia

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