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Identität – Die gestaltete und die zugeschriebene Identität – Folge 14

Mimoun Azizi ist mir bei facebook aufgefallen, weil er sehr engagiert den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen sucht und Debatten einfordert. Der 44-jährige ist Facharzt für Psychiatrie sowie Politikwissenschaftler und ist dabei, in Berlin eine liberale Moschegemeinde zu gründen. Der gebürtige Marokkaner lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Er bezeichnet sich als gläubigen Muslim und als Kritiker der muslimischen Verbände in Deutschland. Was sagt er zu meinen Fragen zu Heimat und Identität?

Interview:

Wie würden Sie ihre Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe Ihres Lebens verändert?

Das ist keine einfache Frage, denn dazu müsste man eindeutig sagen können, was Identität bedeutet. Bereits in der Antike hat man sich mit dem Begriff der Identität beschäftigt. Heraklit wird der Ausspruch zugeschrieben: „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

Die Identität basiert beim Menschen auf zwei Prozessen, nämlich Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung, wenn man der Psychologie Glauben schenken will. Sie stellt keine eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Identität bedeutet, sich mit etwas identifizieren. Das heißt, Merkmale einer bestehenden Gruppenidentität als eigene Wesensmerkmale anzunehmen und zugleich eigene persönliche Merkmale auszubilden. Identität kann aber auch durch Fremdbestimmung zugeschrieben werden.

Was mich angeht, so kann ich sagen, dass ich in meiner Person mehrere Identitäten vereine, nämlich die, die ich durch Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung mir selbst zugelegt habe. Selbsterkenntnis insofern, als dass ich zum Beispiel eine arabische, eine marokkanische, eine maurische und eine deutsche Identität in meiner Person identifiziert habe. Selbstgestaltung insofern, als dass ich diese unterschiedlichen Identitäten miteinander harmonisch kombinieren kann. Sie werden zu einer Identität. Es gibt jedoch die Fremdbestimmung und die Zuschreibung. Die Identitäten, die mir zugeschrieben werden, können meine Gesamtidentität positiv oder negativ beeinflussen. Wenn sie meine Identität positiv beeinflussen, dann bin ich gerne bereit, die Identitäten, die mir zugeschrieben werden in meine eigene zu integrieren.

Sind Sie oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten haben Sie gelebt?

Ich bin berufsbedingt oft innerhalb Deutschlands umgezogen. So habe ich mehrere Bundesländer kennengelernt. Meine ersten vier Jahre auf diesem Planeten habe ich in Marokko gelebt, dann zogen meine Eltern nach Deutschland, wo ich aufwuchs. Außerdem lebte ich während meiner Studienzeit und in den ersten Berufsjahren mehrere Monate jeweils in den USA, in Großbritannien und in Italien. Dort habe ich eine schöne Zeit bei einer befreundeten Familie verbracht. Ich lernte die sizilianische Mentalität schätzen und lieben.

Gibt es eine Phase in Ihrem Leben, in der Sie sich stark umstellen mussten, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Es gab mehrere Phasen. Wenn ich zurückdenke, dann sind das Phasen, in denen ich zum Beispiel an einem neuen Ort zurechtkommen musste. Die Anpassung an neue Kulturen und Sitten erfordert eine gewisse Zeit und kann manchmal mit Missverständnissen einhergehen. Es sind aber auch Phasen während meiner Schulzeit. So kann ich mich daran erinnern, dass der Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium eine massive Umstellung war. Nicht weil der Leistungsanspruch zu hoch war, sondern weil ich zu den wenigen Schülern auf der Schule gehörte, die einen Migrationshintergrund hatten. Ich hatte das Gefühl anders wahrgenommen zu werden. Ich war ein Exot. Die langen dunklen Haare, die braune Hautfarbe. Das unterschied mich von den anderen. Die Fragen nach dem Grund, warum ich in Deutschland lebe und ob meine Familie plant zurückzugehen. Es dauerte lange, bis ich mich eingelebt hatte. Deswegen auch, um auf die erste Frage zurückzukommen, weil mir eine Identität zugeschrieben wurde.

Denken Sie bitte an Ihre Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind Ihnen präsent? Was ist Ihnen aus Ihrer Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Ich erinnere mich sehr positiv an meine Grundschulzeit. Es war eine schöne Zeit. Ich erinnere mich an meine Klasse und meine Klassenlehrerin. Ich verbinde mit meiner Grundschulzeit keine großartigen Probleme, sondern eher wunderbare Erinnerungen. In meiner Jugend habe ich sehr aktiv Sport betrieben, unter anderem in verschiedenen Fußballvereinen. Ich war zuletzt sogar Trainer einer A-Jugend-Mannschaft. Ich kann mich an die gemeinsamen Fahrten als Spieler mit meinen Kameraden erinnern. Es war eine sehr schöne Zeit und wir waren sogar fußballerisch sehr erfolgreich. Es gab natürlich auch eine Zeit der Rebellion. Dazu gehörten auch lange Haare und Diskobesuche. Meine Eltern haben mich so genommen, wie ich war. Entscheidend waren die Schulleistungen, und die stimmten.

Was bedeutet für Sie Heimat und wo fühlen Sie sich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Heimat ist für mich da, wo ich mich wohl und angenommen fühle und wo ich mein Leben gestalten kann. Ich verbinde den Begriff „Heimat“ mit der Sprache. Meine Muttersprache ist Tamazight, die Sprache der Berber. Meine Heimatsprache ist Deutsch. Demnach ist Deutschland meine Heimat. Mit Deutschland verbindet mich sehr viel. Die Schulzeit, das Studium, die deutsche Kultur, aber auch die deutschen Landschaften. Ich bin ein großer Verehrer von Goethe, Rückert und Annemarie Schimmel. Gerne lese ich die Werke der großen deutschen Philosophen. Ich kann sagen, dass ich ein großer Nietzsche und Kant-Fan geworden bin. Das macht meine Heimat aus. Die Kombination aus Kultur, Sprache, Lebensqualität und das Gefühl, hierher zu gehören.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchen Sie unbedingt, damit Sie am neuen Ort ankommen?

Offenheit, ein Wörterbuch, Gesundheit.

Die Frage „Woher kommen Sie eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denken Sie über die Frage und wie gehst es Ihnen damit, wenn Sie auf Ihre Herkunft angesprochen werden?

Tatsächlich wird mir diese Frage häufig gestellt. Das liegt daran, dass mein Äußeres darauf hindeutet, dass meine Eltern migriert sind. Daher werde ich häufig gefragt, wo ich herkomme. Ich antworte, dass ich aus Nordrhein-Westfalen komme. Dann folgt meistens die Nachfrage: Ich meine ursprünglich. Dann antworte ich: Ursprünglich aus dem Ruhrpott. Allerdings nur dann, wenn ich das Gefühl habe, das die Frage nicht aus Interesse, sondern aus einem anderen Hintergrund gestellt wird. Merke ich jedoch, dass der Fragende aus Interesse wissen möchte, wer ich bin, wenn er sich für meine Person interessiert, dann erkläre ich ihm selbstverständlich wo meine Eltern herkommen und nicht selten kommt man so ins Gespräch, auch über die jeweiligen Kulturen.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die Sie gefühlt jedes Mal gestellt bekommen, wenn Sie auf neue Menschen treffen? Welche und was machen Sie, wenn Sie davon genervt sind?

Manchmal ist es durchaus nervig, wenn ich gefragt werde, wo ich denn die deutsche Sprache gelernt habe. Ich spreche sie doch so gut. Ich antworte: An einer deutschen Schule. Und ergänze süffisant: deutsche Sprache nix schwere Sprache. Ich frage dann im Gegenzug, welche Sprache der Fragende noch beherrscht außer der deutschen Sprache. Spätestens nach dieser Frage kann ich mich entspannt zurücklehnen. Es kommen selten weitere Fragen.

Gibt es einen Glaubenssatz, der Sie leitet und begleitet?

Es gibt sogar zwei: Der Erste: Behandle die Menschen so, wie du behandelt werden möchtest. Der Zweite und da erlaube ich mir Einstein zu zitieren: Nicht das Böse ist gefährlich, sondern die Menschen die das Böse zulassen. Daher ist Engagement wichtig. Ich sehe mich da in der Verpflichtung. Wer etwas verändern möchte, der kann dies nur, wenn er sich einbringt, mitgestaltet. Wer einen Migrationshintergrund hat, der kennt die Probleme der sogenannten „Menschen mit Migrationshintergrund“ sehr genau. Wer die Probleme kennt, der kann auch zum einen diese beim Namen nennen und andererseits Lösungen anbieten.

Ich engagiere mich für diese Menschen, aber auch für Flüchtlinge, weil ich ihre Nöte kenne und entsprechende Strukturen aufbauen möchte. Damit diese Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft ankommen. Ich beschäftige mich aber auch mit dem interreligiösen Dialog, wie auch mit der Möglichkeit, die Integration voranzubringen. Als liberaler Moslem möchte ich den liberalen Kräften innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland eine Stimme geben, daher bin ich dabei entsprechende Strukturen zusammen mit anderen Mitstreitern aufzubauen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Die größte Herausforderung ist die Bewahrung des inneren Friedens. Eine positive Gestaltung des Zusammenlebens und das Zurückdrängen radikaler und reaktionärer Kräfte.

Wenn Sie die freie Wahl hätten, wo möchten Sie gerne leben?

Ich habe die freie Wahl und lebe gerne und freiwillig in diesem Land, wo Goethe und Schiller einst gemeinsam dichteten.

Vielen Dank für das Gespräch!

* Die Fotos wurden von Mimoun Azizi zur Verfügung gestellt.

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1 Kommentar

  1. Ein unglaublich engagierter Mensch, der seit Jahren in vielen Bereichen sehr aktiv ist und sehr viel bewegt hat. Er ist sehr belesen und rhetorisch sehr gut…Leider wird er „noch“ von den Medien ignoriert. Mit der Gründung der liberalen „Ibn Rushd-Goethe Moschee“ werden ihn die Medien nicht länger ignorieren können.

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