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Identität: Akzeptieren, was ist – Folge 05

Huong Huang ist 34 Jahre alt, Mutter von Zwillingen und lebt seit acht Jahren in Deutschland. Ich lernte sie kennen, als sie mit einem Touristenvisum für drei Monate nach Deutschland kam, um sich die Heimat ihres Freundes am anderen Ende der Welt anzusehen und nachzudenken, ob sie sich hier eine Zukunft vorstellen kann. Sie hatte in Hanoi in Vietnam im Marketing gearbeitet und sich dort in einen Ex-Patriat verliebt, einen Deutschen, der dienstlich für ein paar Monate in Vietnam war. Es gefiel ihr, sie kam wieder, heiratete und gründete eine Familie. Ich bewunderte Houng schon immer dafür, mit welcher Leichtigkeit sie sich mit völlig anderem Essen, anderen Lebensweisen und Traditionen auseinandersetzt und sie zu akzeptieren weiß, ohne sich und ihre Identität dabei zu verlieren. In ihren Antworten scheint durch, wie sie das bewerkstelligt. Viel Spaß beim Lesen!

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Jeder Mensch hat eine andere Identität. Sie hat sich bei mir nicht verändert.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Ich bin zwei Mal und in drei Orte umgezogen: mit acht Jahren vom Dorf, in dem ich geboren wurde, nach Hanoi, beides in Vietnam und mit 26 Jahren nach Köln in Deutschland.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Nein. Ich versuche zu lernen und das Leben zu akzeptieren, wo ich bin und wie es ist und nicht wie ich es will oder wie ich es gewohnt bin.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Ich habe anderen geholfen und versucht alles so zu machen, dass ich zufrieden bin. In Vietnam sind viele Eltern und Kinder sehr ehrgeizig. Das hat mich nicht interessiert. Ich wollte nie die Klassenbeste sein. Und meine Eltern haben mich gelassen.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Pagode im ho-hoan-kiem-see, Hanoi

Die Pagode im Zentrum von Hanoi ist für Huong ebenso ein Symbol für Heimat wie der Kölner Dom.

Heimat ist für mich, wo ich glücklich bin und wo ich es bequem finde. Ich habe zwei Heimaten: Hanoi und Köln und an beiden Orten fühle ich mich zuhause. Das Gefühl, das ich mit Heimat verbinde, ist das Gefühl, bei meiner Familie zu sein und den Menschen, die ich liebe.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Ein paar Familienbilder; Telefon/Geld und ein Wörterbuch mit einer Sprache, die ich kenne.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Ich denke nichts Besonderes. Ich denke, egal aus welchem Grund: Wenn die Leute Informationen wollen, anworte ich und ich bin froh, wenn jemand etwas über meine alte Heimat Vietnam wissen will.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

„Kommst du aus China?“ statt „Woher kommst du?“ zu fragen, nervt mich immer. Die Frage „Hast du English in Deutschland studiert?“ finde ich lustig, auch eine Art von woher-kommst-du-Frage. Was mich auch nervt, sind Aussagen wie „Typisch Asien“. Dann weise ich deutlich darauf hin, dass in Asien mehrere Milliarden Menschen wohnen, die bestimmt nicht alle den gleichen Charakter haben.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet

Morgen ist ein anderer Tag.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Heute kann man sehr schnell zwischen den Ländern und Kulturen reisen und die Kulturen vermischen sich viel stärker und schneller. Gleichzeitig gucken viele Menschen aber nur so halbgar hin und verstehen die neue Kultur und die neuen Einflüsse nicht richtig. Das führt zu Problemen. Man muss die ganze Kultur und ihre Zusammenhänge verstehen. Das gilt für Vietnam genauso wie für Deutschland.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Irgendwo, wo ich mich wohlfühle.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Die Portraitfotos wurden von Huong Huang zur Verfügung gestellt. Das Bild von der Pagode ist von pixabay/Rurounichan.

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