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Identität – Das Gefühl von Heimat kann überall passieren – Folge 13

Ursula Wachter ist Bildtechnikerin im Bayerischen Rundfunk und viel gereist. Umgezogen ist sie dagegen nur zwischen Großstadt und Dorf im selben Bundesland. Ursula liebt die Natur, ist sportlich und oft in den Bergen ihrer Wahlheimat unterwegs. In Ursulas Antworten wird deutlich, dass das Gefühl von Zuhause häufig von dem bestimmt wird, was uns wichtig ist. Viel Spaß beim Lesen!

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Meine Identität hat sich nicht geändert. Eigentlich bin ich immer so geblieben wie ich war.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Ich bin von meinem Heimatdorf Neukenroth in Oberfranken für den Schulabschluss in die benachbarte Kreisstadt Kulmbach und zur Ausbildung nach Nürnberg gezogen. Danach ging es der Arbeit wegen nach München. Vor einigen Jahren bin ich dann wieder raus aus der Stadt in ein Dorf südlich von München, nach Eurasburg in die Nähe des Starnberger Sees und der Alpen gezogen.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Im Alter von 16 Jahren musste ich in eine andere Stadt ziehen, in unserer Kreisstadt gab es keine Fachoberschule, um nach der Realschule das Abitur zu machen. Alleine wohnen, weg von den Eltern und den Geschwistern, das war ein Bruch. Von der Schule nach Hause kommen, keiner da! Leider lag das günstige Zimmer so abseits, dass ich nicht schnell mal in die Stadt konnte. Da war ich von Montag bis Freitag, am Wochenende ging es dann heim zu meinen Eltern. Diese Zeit habe ich nicht in so guter Erinnerung.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Während der Grundschulzeit wurde ich oft noch vor Schulbeginn in den Gottesdienst geschickt. Von der Kirche ging es dann in den Unterricht. Alle Schulkollegen stammten vom gleichen Dorf. Die kannte ich schon aus der Kindergartenzeit und war mit ihnen bestens befreundet. Die Lehrer fand ich etwas zu streng. Aber insgesamt war ich gut behütet. Kam ich von der Schule nach Hause, stand das warme Essen schon auf dem Tisch. Und meine Mama, die sich nach meiner Befindlichkeit erkundigte, manches zurechtrückte, motivierte, manchmal auch schimpfte… je nachdem. Aber allein gelassen wurden wir nie. Wenn ich krank war, kam Oma mit der Tasche. Darin waren Erdnussflips, die mich schnell wieder munter machten. Welch‘ eine schöne Kindheit, und da war und ist die wirklich nette Verwandtschaft im Ort mit denen wir uns bestens verstanden, und die immer mit Rat und Tat zur Seite standen.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Den Begriff „Heimat“ würde ich mit „ da wo meine Wurzeln“ sind definieren. Natürlich denke ich an meine Kindheit in schöner Natur, unter lieben Leuten, die Spaziergänge mit der Verwandtschaft, die Feiern, die Wege, die ich mit meinen Spielkameraden ging, die Abenteuer, die daraus entstanden sind. Schwimmen im Fluss, Schlittschuhfahren, Rodeln, Fahrradfahren, alles Beschäftigungen, die ich schon liebend gerne in meiner Kindheit tat. Und auch heute noch: Wenn ich diese Dinge tue, fühle ich „Heimat“. Das kann irgendwo in der Welt passieren, aber da bin ich daheim, in mir. Auch bei Tieren, oft wenn ich mit ihnen zu tun habe, bin ich in mir daheim. Und unter lieben Menschen, Freunden, in der Familie, da fühle ich Heimat.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Partner, Haustiere, Telefon-Internetanschluss, um mit meiner Familie und Freunden in Kontakt bleiben zu können.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Da ich meinen fränkischen Dialekt nie ganz ablegen konnte, werde ich des Öfteren nach meiner Herkunft angesprochen. Eigentlich ist es sehr nett, wenn sich jemand für meine Herkunft interessiert. Natürlich gebe ich dann gerne Auskunft, und freu mich aus einer so schönen Gegend zu stammen, wo man ganz hervorragende Speisen bekommt und bestes Bier gebraut wird. Ich weiß dass ich großes Glück gehabt habe, dort geboren worden zu sein.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Nein, gibt es eigentlich nicht.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Was Du nicht willst was man Dir tut, das füg‘ auch keinen anderen zu.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Der Gemeingeist, daran fehlt es in unserer Gesellschaft. Leider sind wir ein Volk von Egomanen. Es müsste darauf hingearbeitet werden, dass es allen Gesellschaften und Erdbewohnern gut geht, in jeglicher Hinsicht. Allerdings dürfte sich die Erdbevölkerung nicht mehr vermehren. Wir sind pro Sekunde 2,6 Personen mehr auf dieser Erde, das kann nicht gut gehen.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Irgendwo mit Bergen und Meer!

Vielen Dank für das Gespräch!

*  Die Fotos mit Personen wurden von Ursula Wachter zur Verfügung gestellt. Das Landschaftsbild mit Teich (Rödern) und das Kirchenfoto (Neukenroth) sind von mir, Sigi Lieb.

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