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Identität – Empathie und Mehrsprachigkeit als Beruf – Folge 07

Rita Lidia Booker-Solymosi ist eine Frau, die ihren Lebensweg und ihre Talente zum Beruf gemacht hat. Die 48-jährige ist in drei unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen und spricht zwölf Sprachen. Heute arbeitet sie als Coach für interkulturelle Kommunikation und Organisationsberaterin. Ihr Beruf sei Berufung, sagt sie und man glaubt es ihr gerne. Die Rumänin-Ungarin-Österreicherin kommt aus einer künstlerisch-handwerklichen Familie und liebt Musik und schöne Gegenstände. Im Interview erzählt sie, was sie das Leben und Arbeiten in vielen Kulturen über Identität gelehrt hat.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich denke der Mensch besitzt mehrere Identitäten, abhängig von seinen Sprachkenntnissen und den Kulturräumen, in denen er sich zurechtfindet. Meine Identität hat sich im Laufe des Lebens erweitert, je nach meinem Gegenüber und meiner Einschätzung darüber, was mein Gegenüber von mir wissen will.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Ja, ich bin oft mitgezogen. Aus meinem Geburtsland Rumänien kam ich mit zehn Jahren nach Österreich, mit 21 nach Berlin, mit 32 nach Rumänien zurück und seitdem führe ich ein Leben zwischen den Welten. Innerhalb Berlins habe ich in unterschiedlichen Vierteln und Welten gelebt und mein Beruf führt mich in weitere neue Kulturen und Erfahrungen in unterschiedlichen Städten und Ländern.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Ja, es gab mehrere Phasen in meinem Leben, die ich als Wendepunkte bezeichnen würde. Das Schwierige daran war, sich nie gut genug darauf vorbereitet zu fühlen, weil die Umstellung recht kurzfristig kam. Dazu gehörte die Auswanderung mit den Eltern aus dem Kommunismus in den Westen nach Österreich, die Einwanderung kurz nach der Wende mit meinem englischen Freund nach Deutschland, aber auch die Neudefinition meiner Identität nach dem Tod meines afro-amerikanischen Mannes und zwanzigjähriger Ehe.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit, sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Am wichtigsten war damals immer Erste zu sein, immer Klassenbeste zu sein, ein Anspruch meiner Mutter, den ich leider nie erfüllen konnte. Ich war also Zweitbeste oder Drittbeste, konnte dieses Manko aber dadurch etwas ausgleichen, dass mich meine Englischlehrerin einmal als 7-jährige in eine 7. Klasse holen ließ, um zu demonstrieren, wie toll ich die englischen Wochentage aufsagen konnte. Aus unerfindlichen Gründen ließ mich der Deutschlehrer im österreichischen Gymnasium Jahre später auch immer vorlesen. Vielleicht war das die Ermutigung dafür, mit meiner Stimme was zu machen, Jazzsängerin werden zu wollen und mit 16 eine Schulband zu gründen.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zu Hause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Den Duft von geräuchertem oder frisch gegrilltem Fleisch, Weißkohl in allen Variationen, Auberginensalat, Wassermelone, den strengen Geruch von frisch gedüngten Wiesen im Innviertel, Zypressen und Tannenbäume, Schotter unter meinem kleinen Campingrad bergab, Wiener Schnitzel. Aber auch die Athmosphäre in glanzvollen Hotels, riesigen Kirchen, Friedhöfen, Wäldern und auf dem Potsdamer Platz in Berlin.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Mein aktuelles Lieblingsparfum, Lieblingsschuhe, irgendein Smartphone.

Die Frage „woher kommst du eigentlich“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk.

Oh, das geht mir eigentlich überall so, nicht nur in Deutschland. Meine Reaktion auf diese Frage war immer ein freudiges Losplappern über mich selbst, weil meine Sprachfähigkeiten immer im Kontrast zu meinem Aussehen standen und eine positive Überraschung für meine Gesprächspartner war. So entwickelte ich sehr früh das Gefühl, eine kleine Botschafterin der rumänischen Kultur zu sein, die ja leider so einen schlechten Ruf hatte.

Gibt es andere Fragen, als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Leute triffst? Welche und was machst du, wenn du dadurch genervt bist?

Es gibt keine Fragen, die mich jemals genervt hätten, weil ich immer froh war, wenn sich in einem neuen Umfeld, wo ich keine Freunde oder Familie hatte, überhaupt jemand für mich interessierte. Nur so konnte ich Anschluss finden. Die aktuelle Diskussion über zweifelhafte Untertöne oder böse Absichten der Fragenden ist mir nur aus den Medien bekannt, und ich kann dazu nur sagen, dass man sich zuerst mal an der eigenen Nase fassen soll, bevor man solche Unterstellungen macht. Es gibt natürlich ganz deutliche Konfliktsituationen, die leicht dazu verführen, mit Verallgemeinerungen und Beschuldigungen um sich zu werfen. Und ich kann die Frustration gut verstehen, wenn man als Einheimische solche Fragen bekommt. Das ging mir in Rumänien so, als ich dort mit einem amerikanischen Akzent ankam. Aber es war eher amüsant, als nervig.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Glaubenssätze sind veränderbar. Ich bin damit groß geworden, lieber etwas wissen zu wollen, als glauben zu müssen. Klarheit haben zu wollen oder herzustellen, ist vielleicht einer meiner wichtigsten Leitgedanken. Die Klärung meiner Identität, dieses ewige „Wer bin ich?“ war für mich bis vor Kurzem so bedrückend, dass ich immer nur situationsbedingt oder ortsbedingt Anteile meiner Persönlichkeit zeigen konnte. Erst seitdem ich weiß, ich darf und kann meinen Platz im Leben selbst bestimmen, glaube ich fest daran: Ich bin gut genug, so wie ich bin.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Inneren Frieden zu finden.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo würdest du gerne leben?

Als Migrantentochter habe ich mich mit dieser Frage schon sehr intensiv beschäftigt. . Als ich mich mit 24 in Berlin von meinem damaligen Verlobten trennte, wurde mir klar, dass ein Ortswechsel mir nichts bringen würde. Es sind die Menschen um mich herum, mit denen ich gute Beziehungen aufbauen muss, wenn ich glücklich sein möchte. Daher, vielen Dank für die Frage: ich lebe schon in meinem eigenen, kleinen Paradies.

Vielen Dank für das Gespräch!

*  Alle Fotos wurden von Rita Booker-Solymosi zur Verfügung gestellt.

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