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Identität: Heimat ist in mir drin – Folge 06

Ghazaleh Niedringhaus kam mit sechs Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Heute besitzt sie zwei Staatsbürgerschaften, die iranische und die deutsche. Die 37-jährige ist Diplomverwaltungswirtin und Coach. Bei der Stadt Köln unterstützt sie Kinder und Jugendliche in der Sportförderung. Ihr tiefer Glaube an Gott und seine Schöpferkraft sowie ihr großes Interesse an beruflichem wie persönlichem Wachstum helfen ihr dabei. Ghazaleh ging auf die Suche nach ihrem Selbst und hat sich dadurch intensiv mit dem Thema Identität befasst. Ihre Antworten haben mich sehr berührt. Viel Spaß beim Lesen!

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Als wir vor 30 Jahren nach Deutschland geflohen sind, habe ich alles mir Mögliche getan, um dazuzugehören. Ich wollte so deutsch wie möglich sein, nicht auffallen. Am liebsten wäre ich weiß und blond geworden. Zum Glück gab es damals noch nicht die kosmetischen Möglichkeiten wie heute. Denn als ich mit ca. 27 Jahren, ausgelöst durch einen Herzinfarkt meines Vaters, auf die richtig tiefe Sinnsuche ging, erfuhr ich mehr und mehr, wie sehr ich meine Wurzeln vermisste. Heute verstehe ich: Egal, was du von dir abtrennst, statt es in dir zu integrieren, es holt dich ein. Irgendwann, irgendwo, meist unkontrolliert.

Mit 32 bin ich 14 Tage alleine auf dem Jakobsweg gewandert. Direkt am ersten Tag hatte ich eine Begegnung der besonderen Art: Ein Mann, 85 Jahre, der mit mir über seine Lebenserfahrungen sprach. Und dann diese eine Frage: „Und wo kommen Sie her?“ Die mich in Tränen auflösen ließ, da ich anfing von meiner Fluchterfahrung zu sprechen. Das war wirklich die Initialzündung, mich intensiv mit meinen Wurzeln und dem Schmerz der Flucht auseinander zu setzen. Heute bin ich verändert, ich sage gern, ich bin 100 Prozent Perserin und 100 Prozent Deutsche und 100 Prozent Mensch und ich darf das! Das tut gut.

Wenige Monate nach dem Jakobsweg bin ich schwanger geworden, meine Tochter habe ich 2-sprachig erzogen, sie liebt persisches Essen und mit 3,5 Jahren hat sie einen atemberaubenden Hüftschwung beim Tanzen. Die Wurzeln darf sie von Anbeginn leben. Das ist schön für mich zu sehen. Ich wünsche mir für unsere Zukunft, dass mehr Menschen die Identität Mensch sehen und weniger die Staatsangehörigkeit fokussieren. Ich schreibe auch gerade ein Buch, um all meine Erfahrungen und Erlebnisse zu teilen und natürlich auch für mich zu verarbeiten.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Sechs Jahre im Iran, jetzt 30 Jahre in Deutschland, normal durchschnittlich umgezogen. Mir ist es wichtig, sesshaft zu sein. Das gibt mir Sicherheit und Ruhe.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Auf Anhieb denke ich an drei Phasen meines Lebens, in denen ich mich stark umstellen musste. Zwei davon waren von äußeren Faktoren geprägt. Eine Umstellung kam aus mir heraus.

KinderbildAls ich sechs war flohen meine Eltern mit mir nach Deutschland. Das Schwierigste war wohl, dass ich einfach nicht wusste, was geschehen war… Ich verstand die Sprache nicht, ich verstand Mimik und Gestik nicht, ich verstand die Sozialisation nicht, ich verstand das Klima nicht, ich kannte das Essen nicht, ich hatte einen anderen Rhythmus, ich sah anders aus, ich war in der deutlichen Unterzahl, ich fiel überall auf. Das könnte ich jetzt noch weiter ausführen. Das Schlimmste daran war, sich nicht verständigen zu können. Mir fehlte die Sprache und dass keiner mit mir sprach, um mir zu erklären, was vor sich ging. Man war der Meinung, ich bekomme es als Kind schon hin, Kinder passen sich schnell an und verstehen Erklärungen eh nicht. Ich denke da anders, ich hätte vieles verstanden und auch gut und gerne aufgenommen.

Die zweite große Veränderung war nach dem Abitur, der Übergang in Studium und Arbeitswelt. Das war noch mal wie ein Reset, diese Arbeitswelt mit ihren vielen Vorgaben, der schlechten Kommunikation, der oberflächlichen Beziehungen. Bei beidem habe ich als Kind und junge Erwachsene immer nur geschaut: Was braucht die (deutsche) Gesellschaft von mir und dann habe ich es (meist erfolgreich) umgesetzt.

Mit Ende 20 hatte ich einen inneren Ruf, der begann alles in mir zu verändern. Der Drang wurde immer stärker, so dass ich nicht mehr wegschauen konnte. Hier kam dann die Phase, in der ich immer mehr nach innen geschaut hab und wie ich so gerne sage, ganz wurde. Ich habe mich viel mit mir selbst auseinandergesetzt. Wer bin ich, was will ich, welchen Wert habe ich in dieser Welt, was möchte ich mit der Welt teilen. Das hat vieles verändert, wie ich finde, sehr schöne Veränderungen. Was war das Schlimmste? All die, die mich wieder nicht verstanden und die mich anguckten als spräche ich eine fremde Sprache. Das hat sich aber über die Jahre eingependelt. Einige sind nachgezogen, wir sprechen wieder dieselbe Sprache, andere gehen andere Wege, neue Menschen sind hinzugekommen. Die Veränderung hat mich meiner Wurzeln wieder sehr viel näher gebracht.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Die Grundschulzeit war anfangs sehr hart. Ich habe keinen verstanden. Als introvertierter Mensch habe ich schwer zu kämpfen gehabt. Ich wurde verprügelt, ausgeraubt, gehänselt. Das ging alles so lange, bis mir ein Lehrer in seinen Freistunden Deutsch beibrachte. Danach begann mein Ankommen. Ich saugte alles auf, was er mich lehrte und konnte in Kürze die Sprache. Alles wurde besser. Danach hatte ich eine tolle Restzeit in der Grundschule. Ich hatte liebe Freunde, die mich so nahmen, wie ich war und auch zu mir kamen, auch wenn wir in einer Sozialwohnung wohnten. Eine gute und schöne Erfahrung.

Als Jugendliche war es mir wichtig, dazuzugehören. Erst hatte ich ein Jahr, in dem ich kurz davor war, in eine nicht so schöne Szene abzurutschen. Ein Schulwechsel und mein Wille haben mich davor bewahrt. Danach ging es nur noch bergauf. Ich entwickelte in der neuen Schule meine Ader für Motivation und Bewegen von Menschen. Ich habe in der Schulzeit viel bewegt auf meiner Schule. Das ist eine ganz tolle Erinnerung. Da habe ich mich damals richtig ausgetobt in meinen Talenten. Gerade denke ich, schade, dass es dafür keine Noten gab…

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Heimat ist, wo ich mich wohl fühle. Heimat ist heute in mir drin. Alles was mir mitten durchs Herz geht. Das kann ein Abend mit meinem Liebsten im Brauhaus bei Kölsch, gegrillter Schweinshaxe und kölscher Musik sein. Oder ein Chai im Dönerladen mit Zitarr im Hintergrund.  Manchmal denke ich, das ist jetzt schön, das geht mir warm durchs Herz, dann bin ich zuhause.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Fokus und Vision, meine Tochter, so sein dürfen.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Was für eine tolle Frage, Sigi, danke! Ende Dezember habe ich mit meinen liebsten Freundinnen, die ich seit der 5. Klasse kenne, zusammen gesessen und genau das gesagt. Dass kein Mensch auf dieser Welt, diese Frage böse meint, aber sie mich jedes Mal wieder an mein Anderssein und mein Nicht-dazugehören erinnert. Das zeigt irgendwie zwei Dinge: Einerseits habe ich immer noch diesen Restschmerz des Anders- und Ausgeschlossen-seins. Andererseits suchen alle unbewusst nach Schubladen, immer noch in diesem Jahrhundert. Also auch eine Wunde in dem Fragenden, der sich dadurch einschränkt. Denn er ist auch `nur` Deutscher, `nur`  Italiener und so weiter. Wären wir nicht alle viel mehr (wert) als Mensch auf dieser Erde? Und wäre es dann vielleicht auch mal im Kopf der Menschen klarer, dass keiner sagen kann, die Misshandlung eines Kindes in Deutschland ist vorrangig der Misshandlung eines Kindes in der Türkei zu bedenken? Der Krieg ist nicht hier, also ist er fern? Unsere Welt wird zerstört, mit Bomben, mit Missbrauch, mit Gewalt. Ich bin ein Mensch dieser Welt, ich bin für alles verantwortlich.

Und über diesen Gedanken kam ich auf das wundervolle Buch von Antoine de Saint Exupéry, der kleine Prinz. Wenn ein Kind von einem Freund erzählt, fragen wir die typischen Dinge: Seid ihr im Kindergarten zusammen, wie alt, wo wohnend, wer sind Eltern, weitere Geschwister? Kategorien halt, die verbindend oder abstoßend sein können. Warum fragen wir nicht, was der Freund am liebsten spielt, isst, was du so an ihm magst, was ihr so zusammen macht usw. Ich mag den kleinen Prinzen, er trägt so viel Wahrheit in sich, das ist erstaunlich schön.

Ich wünsche mir echt eine Welt, in der ich jemanden kennenlerne, er mich fragt, wie geht es dir und wirklich eine Antwort darauf möchte. Und darauf Fragen folgen wie, was bewegt dich, wofür brennst du in dieser Welt, wie kann ich dich unterstützen?

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Welche Aussage mich auch immer nachdenklich stimmt ist, `Man hört dir deine Herkunft auch gar nicht an, du sprichst ja so, als wärst du eine Deutsche. Ja, danke, total lieb… Oder geil ist auch immer „Ach, du isst Schweinefleisch?“ Ich sage dann manchmal „Ja und ich kann saufen wie ein Fass ohne Boden und wenn ich mal total sündige, habe ich die ganze Nacht Sex mit Licht an…“ Meistens sind die Leute dann pikiert, aber sorry, ich war noch nie Muslima, ich verstehe diese Frage nicht… Ich bin doch auch nicht überrascht, wenn du nachts einen Falafelburger mit Knoblauch und Zwiebeln isst?!?

Manchmal sag ich aber auch einfach nur: „Ja, ich bin kein Moslem. Ich bin auch nicht getauft. Ich habe meinen tiefen festen und aufrichtigen eigenen Gottglauben. Für mich ist Gott in jedem von uns und wenn wir das wissen und verstehen, dann schöpfen wir eine lichtvolle Welt.“

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Ja, zwei: All mein Tun dient dem Licht der Welt, ich erschaffe stets mein Leben und unsere Welt. Und: „Leben heißt Veränderung!“ sagte der Stein zur Blume und flog davon.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

PortraitDas Anerkennen, dass wir alle zusammen gehören und für alles verantwortlich sind. Es ist wichtig, sich selbst zu lieben und zu ehren. Und mit dieser Grundeinstellung in die Welt zu gehen und für ALLE und ALLES Verantwortung zu übernehmen. Wie? Indem ich das tue, worin ich gut bin, in dem ich meine schönste Version meiner selbst mit der Welt teile. Streich den Gedanken „Da kann man nichts tun“ und kultiviere den Gedanken „Ich kann immer etwas tun, etwas ist immer möglich.“ Dann entsteht ein wahres Wir, ein We-Q, eine Wir-Intelligenz, gespeist aus einem starken Ich und einem starken Wir. Das macht eine starke Welt.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Ich hätte einen Wohnsitz in Köln, in Hamburg, am Meer in Griechenland (Rhodos oder Thessaloniki) und auf Mallorca. Wow, das wäre ja toll!

Vielen Dank für das Gespräch.

Alle Fotos wurden von Ghazaleh Niedringhaus zur Verfügung gestellt.

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