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Identität – Ich verbinde Heimat mit Menschen nicht mit Orten – Folge 18

Portraitfoto Interviewgast Jackleen Rafo

Jackleen Rafo kam vor fünf Jahren über eine Familienzusammenführung aus dem Irak nach Deutschland. Der Anfang war schwer, erzählt die 32-jährige, die kurz nach ihrer Ankunft schwanger wurde und erst warten musste, bevor sie Deutsch lernen konnte. Inzwischen spricht sie gut Deutsch und macht eine Fortbildung zur Sprach- und Integrationsmittlerin.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Identität ist in mir selbst, der Mensch mit seinen Gefühlen und tiefen Gedanken. In meinem Heimatland habe ich mich nie gefragt, wer ich bin oder wer ich in der Zukunft sein möchte. Vielleicht war die Frage damals nicht so wichtig oder vielleicht hatte ich mit der großen Familie und vielen Freunden keine Zeit, mir diese Frage zu stellen.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Ich bin nicht oft umgezogen. Mein großer Umzug war vor fünf Jahren von Nineveh im Nordirak nach Deutschland.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

6 Frauen lächeln in die Kamera, Bild aus dem Nordirak in guten ZeitenEine große Veränderung passierte in meinem Land nach dem zweiten Krieg der USA mit dem Irak. Früher gab es keine Verfolgung im Irak wegen der Religion, auf einmal schon. In Mossul mussten wir Frauen, egal ob Christinnen oder Muslima, auf einmal Kopftuch tragen. Es war 2007, mein letztes Jahr an der Uni. Da wurde unser Bus angehalten und Männer von Isis entführten einige der Männer im Bus. Ich hatte große Angst. Später legte unsere ganze Stadt zusammen, um die Erpressungsgelder zu bezahlen und die Männer wieder frei zu bekommen. Nach diesem Überfall war mir klar: Hier will ich nicht bleiben. Auch konnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Ich habe englische Literatur studiert, aber als Dolmetscherin für die US-Amerikaner zu arbeiten, war sehr gefährlich.

Jackleen mit ihrer Tochter auf dem Arm in KölnAls ich hier ankam, war ich bald schwanger. Auch das war eine schwierige Zeit. Viele Dinge musste ich selbst erledigen. Ja, alles war neu und schwer, besonders die deutsche Sprache. Außerdem musste ich 18 Monate warten, bis ich in einen Integrationskurs konnte. Der Wendepunkt in meinem Leben in diesem Land war der Integrationskurs im Integrationshaus. Da habe ich angefangen, die Sprache und Integration zu lernen. Da habe ich meine zweite Familie getroffen. Ich bin für das alles sehr dankbar, besonders danke ich meiner Lehrerin, Frau Khan, die mir wieder Hoffnung und Kraft gegeben hat.

Heute engagiere ich mich selbst ehrenamtlich im Willkommensbüro und helfe anderen, die neu in Deutschland sind. Außerdem arbeite ich ehrenamtlich im Seniorenheim. Integration ist für mich nicht, die deutsche Sprache zu lernen, sondern Kontakt mit Deutschen zu haben, das ist für mich Integration. Die Senioren haben teilweise keine Kinder, die sie besuchen kommen. Die freuen sich, wenn wir sie besuchen. Und wir profitieren auch davon.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Interviewgast als kleines Mädchen, 2 oder 3 Jahre in der Heimat IrakAls ich in der ersten Klasse war, war Krieg im Irak. Das war 1990. Ich erinnere mich daran, dass viele Leute bei uns waren. Weil es in Bagdad zu gefährlich war, waren viele aus der Familie meines Vaters bei uns. Ich erinnere mich an dunkle Nächte und es gab wenig zu essen. In der Schule erinnere ich mich, wie wir glücklich waren, den Klang der Glocke zu hören, damit wir schnell nach Hause gehen können. Ich erinnere auch die guten Noten.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Ich verbinde Heimat mehr mit Menschen als mit einem Ort. Wo es liebe Menschen gibt und ich mich wohlfühle, ist für mich Heimat.

Jackleen mit ihrer Tochter auf den Schultern und den Kölner Dom im HintergrundIch bin jetzt hier zuhause. Hier sind mein Mann, meine Tochter und andere Menschen, die mir viel bedeuten. Leider ist meine Familie ziemlich verstreut. Mein Vater lebt seit 1,5 Jahren in der Nähe von Stuttgart. Ich darf ihn nicht nach Köln holen und es ist schwer, sich von hier aus um alles zu kümmern. Meine Mutter wartet im Irak, dass sie kommen darf. Meine Schwester ist auch noch dort und arbeitet an der Uni, aber niemand ist mehr in meiner Heimatstadt. Unser altes Zuhause gibt es nicht mehr. Da ist alles niedergebrannt und ausgeraubt.Unser altes Zuhause gibt es nicht mehr. Da ist alles niedergebrannt. Klick um zu Tweeten

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Handy, Stift ,Notizbuch.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Jackleen im Irak mit VerwandtenViele Fragen mich, aus welchem Land ich komme, aber ohne EIGENTLICH und ich finde das ist eine interessante Frage, weil viele neugierig sind und etwas über andere Kulturen erfahren wollen. Es kommt auch darauf an, wie und wann die Frage gestellt wird. Aus der Betonung der Person kann man erkennen, warum sie die Frage stellt.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Private Fragen und Fragen, die wie Ratschläge sind, nerven mich sehr, zum Beispiel: Warum hast du das nicht gemacht?

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Ich glaube sehr an die Liebe. Es gibt ein arabisches Sprichwort: „Al hub yasnaa al Mujasat (الحب يصنع المعجزات)“. Das bedeutet so viel, wie: Wenn du Dinge aus Liebe tust und Liebe gibst, dann geschehen Dinge, die du nicht erwartest. Im ehrenamtlichen Deutschunterricht hier habe ich noch ein anderes Sprichwort gelernt, das mir sehr gefällt: Übung macht den Meister.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Als Mensch zufrieden zu sein. Viele wollen mehr und  mehr haben, ohne an den anderen zu denken.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Portraitfoto InteriewgastIn einem künstlichen Gebiet, weit weg von Lärm und natürlich mit den Menschen, die ich liebe.

* Vielen Dank für das Gespräch!

** Die Bilder wurden von Jackleen Rafo zur Verfügung gestellt. Außer den beiden Portraitfotos im Titel und am Ende, die habe ich, Sigi Lieb, fotografiert.

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