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Identität – Man ist das, was man sein und nicht sein will – Folge 23

Anna ist in Erlangen geboren und in Nürnberg aufgewachsen, wo sie heute noch lebt und studiert. Keine großen Umzüge. Weil ihr Vater aus der Elfenbeinküste kommt, wird die 23-jährige nicht von allen als die Fränkin und Deutsche wahrgenommen, die sie ist. Anna hat früh gelernt, mit dummen oder rassistischen Sprüchen umzugehen. Dabei hat sie eine ganz hervorragende Strategie entwickelt, wie ich finde. Lest selbst.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Identität ist für mich kein homogener und feststehender Begriff. Man ist irgendwie von allem etwas und daraus setzt sich die Identität zusammen. Man ist irgendwie sein Herkunftsland, sein Beruf, man ist die Worte, die die eigenen Eltern an einen gerichtet haben, man ist seine Erinnerungen aus Kind- und Schulzeit und man ist das, was man sein und nicht sein will. Kurz: das, an was man sich erinnert, woran man glaubt und das, was man hofft. Meine Identität hat ihren festen Kern. Ich werde immer die Tochter meiner Eltern sein. Ich werde auch immer meinen Charakter behalten. Aber trotzdem gibt es verschiedene „Rollen“, die ich im Laufe meines Lebens schon annehmen musste, und die sich auch auf meine Identität abgefärbt haben.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Anna Portrait - Identität DeutscheIch bin eigentlich nicht oft umgezogen. Ich bin in Erlangen geboren. Danach habe ich mit meinen Eltern in einer kleinen Wohnung in Nürnberg gelebt. Als ich etwa ein Jahr alt war, sind wir in eine größere Wohnung in die Nürnberger Nordstadt gezogen. Das war eine tolle Altbauwohnung. Dort habe ich gelebt bis ich 21 war. Dann bin ich in eine WG gezogen. Das ist ebenfalls eine Altbauwohnung in der Nordstadt Nürnbergs. Sie liegt ungefähr fünf Gehminuten von der alten Wohnung entfernt. So kann ich meine Mama fast täglich sehen. Das finde ich sehr schön. In der WG lebe ich mit einer engen Freundin, die meine Familie und ich seit unseren Geburten kennen. Sie hat ebenfalls dunkle Haut, sie ist halb deutsch halb senegalesisch. Die Wohnung ist direkt über der ihrer Mutter. Die kenne ich genauso lang. Unsere Mütter haben mit uns schon als Kleinkinder viel unternommen. So fühle ich mich hier sehr zuhause. Sie ist Mittelschullehrerin, das, was ich studiere. So kann ich immer zu ihr kommen, wenn ich mal Fragen zum Studium oder zum Beruf habe. Aber natürlich auch, wenn mal was im Haushalt kaputt gegangen ist oder ich die Katze hüten soll.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Die Scheidung meiner Eltern und eine schwere Erkrankung meiner Mutter waren sehr schlimm für mich. Es hat vieles in meinem Leben verändert, an das ich mich gewöhnen musste. Das war nicht sofort so leicht.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Meine Grundschulzeit war sehr fröhlich. Die Montessori-Schule war toll. Ich bin gerne zu Schule gegangen. Lernen war wie spielen für mich. Und ich erinnere mich auch mehr an den Pausenhof als das Klassenzimmer. Wir haben viel fangen, verstecken, Fußball oder Fantasietiere gespielt. Auch haben wir hier einen kleinen, selbstgeschriebenen Film von mir gedreht. Meine Mutter hat alles abgetippt und organisiert.

Portrait Anna, Heimat NürnbergIm Gymnasium hat es dann nicht mehr so Spaß gemacht. Hier waren die Lehrer strenger und unnahbarer. Man muss alle siezen. Das kannte ich aus der Montessori-Schule nicht. Einmal hing im Klassenraum ein Dschungelbild an der Wand. „Da würdest du gut reinpassen“, sagte eine Mitschülerin. Ich habe erst überhaupt nicht kapiert, was damit gemeint war. Oder Sachen wie „Komisch, du magst keine Bananen, die kommen doch aus deinem Land“ Auch hatte ich hier einen großen Streit mit einer vermeintlichen Freundin. Das war genau in der Zeit, als meine Mutter krank wurde. Das war also eine Doppelbelastung.In der 5ten bis 7ten Klasse begegneten mir die meisten rassistischen Sprüche. Klick um zu Tweeten

Trotzdem habe ich auch positive Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel habe ich am Gymnasium immer im Chor gesungen und Solo-Auftritte gehabt. Da gab es immer viel Lob und Applaus. Das hat mir großen Spaß gemacht. Und ich habe eine kleine Gruppe Freunde behalten, mit denen ich immer noch Kontakt habe und mich ab und zu treffe. Eine ist sogar eine sehr enge Freundin geworden. Das ist gar nicht mal so oft, dass man so Kontakt hält, habe ich jetzt von einigen Kommilitonen erfahren.

Anna Portrait - Zuhause in NürnbergSpäter jetzt in meiner Unizeit, gab es noch einmal einen blöden Spruch von einem Mädchen, das ich an dem Abend erst kennengelernt hatte. Wir waren zu viert in Passau unterwegs, zwei Freundinnen, die neue Bekannte und ich. Als eine der Freundinnen Probleme hatte mit einem Jungen auf der Straße, der sie anmachen wollte, half ich ihr und antwortete ihm auf seine dummen Anmachsprüche schlagfertig. Die anderen zwei Mädchen hatten etwas zu essen geholt und nichts mitbekommen. Also erzählten wir ihnen von unserer Begegnung und wie ich ihm geantwortet hatte. Da sagte die neue Bekannte: „Oh und das war sicher auch noch gut, dass du ja schwarz bist, da hatte er sicher auch gleich mehr Angst“ Ich habe nur: „Wie bitte?“, gesagt. Sie meinte: „Äh…du weißt schon…“ Ich meinte: „Nö, ich weiß gar nicht, was du meinst.“ Dann überlegte ich mir, ob ich ihr antworten sollte, dass der Typ vor ihr sicher auch Angst gehabt hätte, weil sie rote Haare wie eine Hexe hat. Das habe ich dann aber doch gelassen. Aus der Bekannten, die ich erst echt nett fand, wurde allerdings dann auch nie eine Freundin, natürlich.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Ich denke dabei an meine geliebten Menschen. Meine Eltern, meinen Freund und meine Freunde. An gemeinsames Essen und langes Chillen im Wohnzimmer. An viel Lachen und Gemeinschaft. Sich wohlfühlen.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Ich brauche unbedingt mein Smartphone und mein WLAN, um mit meinen Lieben in Verbindung zu bleiben. So fühle ich mich dort gleich zu Hause. Dann kann ich über Facetime alles mit ihnen teilen.

Dann brauche ich vor Ort sofort eine nette Bezugsperson oder wenigstens einen Sportverein oder einen Sprachkurs, wo ich neue Leute kennenlerne.

Und als drittes einen Sprachkurs und einen Nativ Speaker, der mich in die Kultur und ein Leben (Familie, Aktivitäten) einführt.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Anna am See - Heimat NürnbergIch antworte immer: „Was denkst du denn? Woher komme ich?“ Dann freue ich mich jedes Mal, die Antworten zu hören. Ich hatte gefühlt so ziemlich jedes Land dieser Welt. Am meisten Costa Rica und Puerto Rico. Dann Amerika und Nordafrika. Indien, Thailand und Araberin hatte ich aber auch schon.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Anna Portrait in Nürnberg zuhause - mit Rassismus konfrontiertMich nervt:

  • Darf ich deine Haare anfassen?
  • Sind die echt?
  • Wie kämmst du sie?

Es gibt eine lange Liste. Ich antworte meistens ruhig und mit einer Gegenfrage, wie: „Warum?“ oder „Wie meinst du das genau?“ Das bringt die Leute meist ins Reflektieren ihrer Frage. Ich antworte meistens ruhig mit einer Gegenfrage. Das bring die Leute ins Reflektieren. Klick um zu Tweeten

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Ich finde, man sollte sich immer bewusst sein, dass auch Menschen, die man nicht so mag, oder fürchtet, nur Menschen sind. Jeder versucht nur sein Glück zu finden und Leid zu vermeiden. Das verbindet uns alle. Das habe ich von Dalai-Lamas Büchern gelernt. Noch wichtiger ist für mich der Satz aus der Bibel: „Alle eure Dinge lasst in Liebe geschehen“ 1. Korinther 16,14

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Im krassen Individualismus und Zeit- und Leistungsdruck das Auge für die anderen nicht zu verlieren. Man sollte versuchen, nicht so egoistisch zu sein, wie es die Medien propagieren, sondern mehr an andere denken. Denn das macht auch und vor allem glücklich! Das kann man auf jeden Bereich des Lebens übertragen.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Ich würde sehr gerne im Süden leben, wo es möglichst viel Sonne gibt. Aber ich würde gerne noch viele Länder bereisen. Korea, Kurdistan (Irak), Cóte d’Ivoire, England, Schottland und noch so viel mehr.

*Vielen Dank für das Gespräch.

** Die Fotos wurden von Anna zur Verfügung gestellt.

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