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Islamismus und Antisemitismus – die feministische Lücke schließen

Das Buch „Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive“, herausgegeben von Livia Erdösi, Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Nora Sternfeld, widmet sich der Verleugnung und Verharmlosung sexualisierter und antisemitischer Gewalt. Die Autorinnen liefern Hintergründe und Denkansätze, um eine klaffende und erschreckende Lücke feministischer Auseinandersetzung zu schließen.

Neben den Herausgeberinnen schreiben Isolde Vogel, Kübra Atasoy, Morgane Koresh, Nicole Schweiß, Havîn Al-Sîndy, Rebecca Schönenbach und Eva Illouz. „Denialism“ erschien 2025 im Verbrecherverlag.

(Queer-)Feministisches Schweigen zu sexualisierter Gewalt

Warum schweigen Feministinnen, wenn Jüdinnen sexualisierte Gewalt angetan wird? Diese Frage lese ich oft und sie schmerzt mich regelmäßig. Ich bin auch Feministin. Ich schweige nicht. Auch die Autorinnen von „Denialism“ schweigen nicht. Wahr ist jedoch auch: Gerade diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren besonders laut als die „wahren Feminist*innen“ bezeichneten und anderen Feminist*innen vorwarfen, anti-feministisch zu sein, sagen nichts oder wenden sich gegen die Opfer. Das dröhnende Schweigen von dieser Seite ist in der Tat ohrenbetäubend.

Und es zeigt eine erschreckende Ignoranz gegenüber Opfern, wenn diese nicht ins eigene ideologische Narrativ passen. Das betrifft die sexualisierte Gewalt gegen Jüdinnen und Juden am 7. Oktober 2023 durch Hamas-Terroristen ebenso wie das Massaker des Mullah-Regimes an unbewaffneten Frauen und Männern, nur weil sie selbstbestimmt leben wollen.

„Free Palestine“-Aktivismus und sein antisemitischer und antifemistischer Charakter

Die Herausgeberinnen von „Denialism“ formulieren ein Beispiel, das zur Entstehungsgeschichte der vorliegenden Anthologie beigetragen hat. Das Zitat wird einer „Free Palestine“-Rally im Foyer der Universität für Angewandte Kunst in Wien zugeordnet.

Recherche kostet Zeit

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„Auf der kurzen Handy-Aufnahme, die auf Instagram gepostet wurde, ist zu hören, wie eine Rednerin laut und deutlich sagt: ‚It’s very important to stop mentioning the fact that there was an agression against Israel on the 7th of October. There was no aggression.‚ ‚Genau in dem Moment, als die Sprecherin das Hamas-Massaker vom 7. Oktober leugnet‘, erfahren wir aus dem Posting der jüdischen Hochschüler:innen, ‚versucht ein aggressiver Mann, uns die Handys aus der Hand zu schlagen.“

Erdösi, Hoffner ex-Prvulovic* und Sternfeld, Seite 7

Im Mai 2024 folgte ein zweitägiges Symposium „Ästhetik und Agitation – Kunsthochschulen nach dem 7. Oktober“ in Wien. Das Buch ist das Ergebnis einer Podiumsdiskussion auf diesem Symposium mit dem Titel „Denialism“.

Denialism: Leugnung – ein Phänomen unserer Zeit

In ihren Anfangsüberlegungen formulieren die Herausgeberinnen, worum es ihnen mit „Denialism“ geht: Sie wollen sich nicht auf eine Seite stellen, sondern Diskursräume öffnen, in denen es

gelingt, sich mit der Politik und Gewalt in Israel und Gaza auseinanderzusetzen, ohne die grausame Gewalt des 7. Oktober zu verleugnen oder herunterzuspielen.

Erdösi, Hoffner ex-Prvulovic* und Sternfeld, Seite 11

Denn

Obwohl es sich um einen der bestdokumentierten Terroranschläge in der Geschichte handelt, einschließlich Beweisen von Smartphone- und GoPro-Kameras der Hamas, des Palästinensischen Islamischen Dschihads und anderer Angreifer, wurde die Infragestellung und Ablehnung der Beweise Teil des Gesagten und Sagbaren.

Erdösi, Hoffner ex-Prvulovic* und Sternfeld, Seite 11

Was bedeutet Denialism?

Die Herausgeberinnen sind so freundlich und erklären diesen doch etwas ungewohnten Begriff im einleitenden Kapitel. Daher brauche ich bloß zitieren:

„‚Denialism‘ ist ein englischer Begriff, der auf Deutsch als Wissesnschaftsleugnung bzw. Leugnung übersetzbar ist; es werden mittlerweile auch die Begriffe ‚Leugnismus‘ oder ‚Denialismus‘ im Deutschen verwendet. Der Begriff ‚Denialism‘ geht ursprünglich auf die ideologisch motivierte und systematische Leugnung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse zur Schoa zurück, also auf die Holocoaustleugnung. Mittlerweile wird der Begriff auch für die ideologisch motivierte und systematische Leugnung in anderen Bereichen benutzt.“ (Seite 9)

Und wenn ich auf die Reaktionen auf die Proteste im Iran zum Jahreswechsel 2025/2026 blicke und auf das größte Massaker an Zivilist*innen, das mir zu meinen Lebzeiten bekannt ist, wiederholt sich genau das Muster, das die Autorinnen mit dem Buch thematisieren:

Was nicht ins eigene ideologische Narrativ passt, wird umgedeutet, ausgeblendet, relativiert – so lange, bis es ins eigene ideologische Narrativ passt. Nur hat das weder mit Feminismus, noch mit Anstand, kritischem Denken oder Wissenschaft zu tun.

Und so werden Menschen, die eigentlich etwas Gutes wollen, zu Instrumenten von menschenrechts- und frauenfeindlichen Ideologien.

Die Beiträge in „Denialism“

Die Beiträge befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten dieser Faktenleugnung, Umdeutung, Täter-Opfer-Umkehr. Sie dokumentieren Ereignisse, erklären machtpolitische und ideologische Hintergründe und thematisieren die Folgen für die Betroffenen.

Hier eine Übersicht über die Beiträge im Einzelnen:

  • Isolde Vogel: „Zwischen Abwehr und Verleugnung: Antisemitismus nach dem 7. Oktober“
  • Rebecca Schönenbach: „Sexualisierte Gewalt als Strategie und die willigen Helfer der Hamas“
  • Kübra Atasoy: „Unterdrückung ist kein dialektischer Begriff. Wie liberaler Antirassismus Herrschaftsverhältnisse verschleiert“
  • Ana Hoffner ex-Prvulovic*: „Migration, Identifikation, Queerness. Widersprüche der queer theory vor und nach dem 7. Oktober“
  • Eva Illouz: „Unter Opfern“
  • Das Buch enthält auch einen Beitrag auf Englisch: Morgane Koresh und Nicole Schweiß: „Intersectionality & The Reception of Jewish Feminist Voices in the Aftermath of October 7th“
  • Außerdem gibt es künstlerische Beiträge in Form von Street Art, Fotografie, Malerei und Poesie von Morgane Koresh/YiddishFeminist und Havîn Al-Sîndy.

Sexualisierte Gewalt wird nicht nur geleugnet, sondern relativiert und verharmlost.

Sexualisierte Gewalt wird nicht nur geleugnet, sondern relativiert und verharmlost. Totalitäre, frauenfeindliche und homophobe Ideologien nutzen gezielt Anti-Diskriminierungs-Diskurse, um die Deutungshoheit zu erlangen.

Im Folgenden einige Zitate aus den Beiträgen:

Isolde Vogel widmet sich den Formen von Antisemitismus in der Geschichte und Gegenwart. Und sie zeigt, wie sich vermeintlich emanzipatorische und anti-rassistische Bewegungen in ihr anti-emanzipatorisches und rassistisches Gegenteil verkehren:

Dass sich so flächendeckend auch vorgeblich feministische Organisationen der Ignoranz von Frauen-, Homo- und Transfeindlichkeit anschließen, solange diese aus dem sogenannten globalen Süden kommt, zeugt wiederum von Kulturrelativismus. Menschen aufgrund ihrer Herkunft – oder aufgrund ihrer Unterdrückung – als eine vermeintlich homogene Gruppe kollektiv das Unvermögen zu unterstellen, Antisemitismus und Frauenhass ablehnen zu können, ihren Herkunftskontext als Rechtfertigung zu nutzen, spricht Menschen Handlungsmacht ab und ist letztlich eine rassistische Argumentationsweise.

Isolde Vogel, Seite 36

Rebecca Schönenbach legt dar, wie sexualisierte Gewalt gezielt als Machtinstrument genutzt und wie wenig sie bis heute verfolgt wird.

Als sich Ayatollah Khomenei 1979 im Iran an die Macht putschte, führte er innerhalb weniger Tage neue Regeln für Frauen ein. (…) Das Aufbegehren gegen eine Keuschheitsmoral, in der sich christliche wie islamische Fundamentalist:innen gleichen, führte in demokratischen Staaten zu einem Umdenken und einer Neuordnung der Geschlechterrollen, während die Frauenbewegung in der heute als islamisch geltenden Welt mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurde.“

Rebecca Schönenbach, Seite 45

Kübra Atasoy erläutert, warum die binäre Unterscheidung in „Schwarze“ und „Weiße“ und in „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“ unterkomplex ist und eher dazu geeignet ist, Rassismus und Herrschaftsstrukturen zu stärken.

Ein mangelndes Verständnis für die Wirkungsweisen des Rassismus verschleiert insbesondere islamistische Organisationsweisen. So verbreiten islamistische Kampagnen den Begriff der ‚Islamophobie‘ in den späten 90ern und nutzen ihn in erster Linie politisch dazu, die Gegner:innen der Regime und Strukturen in der Türkei, im Iran, in Ägypten mundtot zu machen.

Kübra Atasoy, Seite 74

Ana Hoffner ex-Prvulovic* geht auf die unseligen Verstrickungen zwischen Queer“theorie“, Anti-Imperialismus und Dekolonisierung ein: Wer nicht (nur) Opfer ist, muss Täter*in sein.

So bespricht beispielsweise Nikita Dhawan Homonationalismus im Zusammenhang queerer Dekolonisierungsdebatten durchaus kritisch, übernimmt aber die Behauptung einer ‚Komplizenschaft westlicher queerer Politik mit neoliberalen, imperialen Diskursen‘. Ihr Begriff der Kompliz:innenschaft lässt wenig Raum für verstrickte soziale Positionen, sondern suggeriert vielmehr ein moralisches Fehlverhalten einer sexuellen Minderheit in dem Moment, in dem diese nicht mehr ausschließlich Opfer staatlicher Regulierung ist, sondern auch Rechte und Schutz genießt.

Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Seite 100

Eva Illouz bringt das Drama auf den Punkt:

Es gab eine Zeit, in der wir mehrere Werte gleichzeitig zu vertreten in der Lage waren: Gleichheit und Freiheit, Antirassismus und Meinungsfreiheit, Vielfalt und Toleranz. Das momentane politische Klima – insbesondere im linken Spektrum – hat sich drastisch verändert. (…) Es ist, als ob wir alle kollektiv an eine ideologische Wand gedrückt werden und nun gezwungen sind, unsere Opfer zu priorisieren. Schlimmer noch: Im Wettbewerb der Opfer behauptet jdes Lager auf unerträgliche Weise, nur die eigenen Opfer zählten.

Eva Illouz, Seite 111

Die künstlerischen Beiträge von Morgane Koresh/YiddishFeminist und Havîn Al-Sîndy ergänzen die gesellschaftspolitischen Analysen auf einer anderen, emotionaleren Ebene.

Hört den Feministinnen zu, die den Finger in die Wunde legen

Was ist also dran an dem Vorwurf, dass Feministinnen schweigen? Mir scheint, es wird nur auf die geschaut, die gerade passen, um vorgefertigte Meinungen und Narrative zu bedienen. Und genau da liegt meiner Meinung nach ein wesentliches Problem unserer aktuellen Diskurs-Un-Kultur.

Statt sich neugierig auf neue Perspektiven einzulassen, demütig Fakten zu prüfen und Hintergründe zu analysieren, leidenschaftlich Argumente auszutauschen, um Erkenntnis zu gewinnen, Perspektiven zu weiten, Wissen zu erlangen, geht es oberflächlich um Diskursmacht und Deutungshoheit. Und sobald das eigene Narrativ vom Gegenüber mit guten Argumenten in infrage gestellt wird, wird das Gegenüber diffamiert, ausgegrenzt, das Gespräch beendet. Dieses Muster beobachte ich in allen politischen Lagern, leider.

Dabei gibt es sie: Die Intellektuellen, die sich tiefgründig, analytisch und verstehen wollend mit den gesellschaftspolitischen und geostrategischen Phänomenen unserer Zeit befassen. Wir müssen ihnen nur zuhören, ihre Argumente diskutieren und sie sichtbar machen. Dann klappt das auch wieder mit der demokratischen Debattenkultur.

Leseempfehlung für Bildungslücken in Sachen Feminismus, Rassismus, Antisemitismus: Denialism

„Denialism“, 2025 erschienen im Verbrecherverlag liefert die fehlende feministische Perspektive, legt Täter-Opfer-Umkehr und Widersprüche in der Queer“theorie“ offen, erklärt Islamismus und seine Gefahren und grenzt sich gleichzeitig strikt ab zu rechtspopulistischen Narrativen, die Antisemitismus für ihre Anti-Vielfalts-Narrative instrumentalisieren.

Ich möchte dieses Buch allen ans Herz legen, die in den letzten Jahren zwischen Rechtspopulismus und wokem Aktivismus, zwischen identiärer und identitätspolitischer Ideologie, die Orientierung oder ihre politische Heimat verloren haben.

Buchcover, roter Text auf hellblauem Hintergrund: Livia Erdösi, Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Nora Sternfeld Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive

Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive

herausgegeben von

Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Livia Erdösi, Nora Sternfeld

Verbrecherverlag, 2025

ISBN 9783957326317

Hier geht es direkt zum Buch.

Wenn du mehr über die Geschichte der Begriffe und der Region Israel und Palästina wissen willst. Darum geht es im Blogbeitrag: Woher kommen die Namen Palästina und Israel?

Möchtest du dein Wissen um den Konflikt zwischen Feminismus und Queer-Feminismus erweitern, findest du in diesem Artikel Ansatzpunkte: Transgender und Feminismus: Beziehungsstatus kompliziert.

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