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Rederecht: Das Problem ist, dass du eine Frau bist

Illustration Männer Frauen Kommunikation Sprechblasen

Bizarre Begegnung gestern im Kölner Hauptbahnhof: Offenbar hatte ein junger Mann Probleme damit, dass ich als Frau es wagte, die Stimme zu erheben. Jedenfalls ließ sein Ausruf „Das Problem ist, dass du eine Frau bist!“, dies vermuten. Lest die Geschichte und schreibt mir, welche Situationen euch begegnet sind:

Der vielleicht 25 bis 30 Jahre alte Mann kam vermutlich aus dem arabischen Raum. Das denke ich, weil ich ihn im Zug vorher mit seinen Freunden in einer Sprache habe reden hören, die in meinen Ohren Arabisch klang.

Ich wartete in der U-Bahn auf den Anschlusszug nach Hause. Die drei Jungs aus dem Zug hatten – bepackt mit Kühltasche und Grillkohle – offenbar den gleichen Weg. Ein Bettler kam vorbei und bat in gebrochenem Deutsch um Kleingeld. Als er weiterzog, rief ihm einer der drei jungen Männer in harschem Ton hinterher „Geh arbeiten!“. Das fand ich unangemessen, denn etliche Migranten, die sich in Städten wie Köln, Berlin, Hamburg oder Münschen aufhalten, dürfen überhaupt nicht arbeiten oder finden nur Gelegenheitsjobs auf dem Schwarzmarkt zu Sklavenkonditionen. Daher stand ich auf und sagte in ruhigem Ton: „Der darf vermutlich gar nicht arbeiten.“

Kleiner Mann wird schnell wütend

Einer der drei Männer fühlte sich offenbar angegriffen. Jedenfalls stand er auf, baute sich 10 cm vor mir mit vor der Brust verschränkten Armen auf und blaffte mich an. Das Bizarre an der Situation: Er war einen halben Kopf kleiner als ich. Ich blickte also herunter auf meinen „Bedroher“ und fragte ehrlich erstaunt, warum er denn jetzt die Arme vor dem Körper verschränke und ob er das mache, weil er kleiner sei? Im Nachhinein klingt das provozierend. Hab ich aber gar nicht gemeint. Ich war nur vollkommen irritiert. Zum einen, warum die Aussage den jungen Mann so aggressiv machte und zum anderen angesichts der bizarren Konstellation, dass sich jemand bedrohlich aufbaut und dabei deutlich nach oben blickt. Die Frage, ob er selbst denn arbeite, verkniff ich mir, denn ich wollte ja nicht provozieren, außerdem hat das nichts damit zu tun, andere Menschen respektlos zu behandeln. Ihn hätte ich im umgekehrten Fall, wenn zum Beispiel jemand gegen Ausländer hetzte, ebenso in Schutz genommen.

Sein Kumpel war besonnener. Er versuchte, den kleinen Aggressor zurück auf den Platz zu ziehen und zu beruhigen. Daran hatte dieser jedoch kein Interesse. Er wütete weiter und beschimpfte mich. Ich bat ihn mehrfach, höflich zu bleiben und mich doch bitte zu siezen. Ohne Erfolg. Inzwischen hatten sich andere Passenten dazugesellt. Einer stellte sich zwischen uns und schirmte mich ab und auch andere schienen bereit einzugreifen.

Das löste in meinem Hirn die nächste Verwirrung aus. Muss ich jetzt gleich den jungen Wüterich beschützen? Ich hatte ja keine Ahnung, ob das alles zivilcouragierte normale Leute waren oder ob sich darunter AfD-Sympathisanten oder andere Ausländer- bzw. Islamhasser befanden. Schien aber zum Glück nicht so.

Das Problem ist, dass du eine Frau bist

Die U-Bahn fuhr ein. Der kleine Aggressor schimpfte laut: „Das Problem ist, dass du eine Frau bist!“ Aha. Darauf entgegnete ich, bereits auf dem Weg zur U-Bahn-Tür: „Lesen Sie unser Grundgesetz und verstehen Sie es. Dann reden wir weiter.“ In der U-Bahn saß einer der Männer, die eingeschritten waren und sich dazwischen gestellt hatten, und sprach mich an. Auch er empfand die Optik der bedrohenden 1,60 m vor der einen halben Kopf größeren Frau – bin ja selbst nur 1,70 m – als zutiefst bizarr. Vielleicht hat er sich ja gerade deswegen so aufgebaut, weil er so klein war. Wie auch immer.

In meinem Kopf kreisten die Gedanken weiter. Ich arbeite jeden Tag mit jungen Menschen, überwiegend aus Syrien, Afghanistan, Irak und Südosteuropa, überwiegend männlich, überwiegend muslimischen Glaubens. Seit 2 Jahren. So etwas ist mir noch nicht untergekommen. Nicht im Ansatz. Es hat also zwei Jahren intensiven Kontakts gedauert, bis mir – zufällig in der U-Bahn – so ein kleiner Frauenhasser über den Weg läuft. Kann also nicht so weit verbreitet sein, wie es unser Vorurteil glauben lässt.

Traditionelle Verhaltensmuster ändern sich nur sehr langsam

Aber etwas Anderes, viel Subtileres, kam mir bekannt vor. Ich habe es in mehreren Situationen erlebt, dass es manche Männer nicht ertragen können, wenn eine Frau ebenbürdig und auf Augenhöhe mitdebattiert. Besonders wenn es um harte Themen geht: Politik, Wirtschaft, Technik. Ich habe es lange nicht kapiert, warum ich in manchen Situationen plötzlich der Buhmann (die Buhfrau?) bin bzw. angegriffen werde, wenn ich – wie andere auch – eine Meinung vertrete. Bis mir auffiel, dass die anderen Männer waren und ich eine Frau bin. Und bis mir auffiel, dass in solchen Situationen, wenn es gemischte Runden waren, die Frauen eher den Mund hielten und ihre Männer reden ließen. Diese Beobachtung hat mich zutiefst irritiert. Im 21ten Jahrhundert? In Deutschland? Echt jetzt?Gemischte Runde. Thema Politik, Wirtschaft, Technik. Wer spricht? Klick um zu Tweeten

Natürlich ist das nicht immer und überall so. Ich kenne ebenso Gesprächsrunden, die absolut ebenbürdig ablaufen und in denen jede/r das gleiche Rederecht hat, egal ob Mann oder Frau. In solchen Runden passiert das nicht. Dort kommt höchstens sachbezogene Kritik. Aber eben auch die andere Seite, wo es plötzlich emotional, abwertend, angreifend wird und ich nicht verstehe, warum, bis mir die oben beschriebene Geschlechterdifferenzierung auffällt. Kennt ihr denn dieses Phänomen auch?

Die Verhaltensmuster scheinen tief zu liegen. Denn ich bin mir auch sicher, dass dies viele überhaupt nicht absichtlich machen bzw. es ihnen nicht bewusst ist, dass sie alte machistische Traditionen leben. Andererseits: So lange sind die 50er Jahre nun auch nicht her. Und aktuell läuft ein derartiges Gendermarketing „für Männer“, „für Frauen“, dass mir davon Übel wird. Erst diese Woche hat ein Spiel auf facebook versprochen, Alter und Geschlecht herauszufinden. Die Algorithmen waren offenbar sehr stark nach Klischees programmiert. Jedenfalls ist es mir in mehreren Anläufen zwar gelungen, wahlweise 73 oder 18 zu sein, aber ich blieb aus Sicht des Facebook-Spiels immer ein Mann. Vermutlich, weil ich im Bad weniger als 15 Minuten brauche und mir selbst zu helfen weiß.

Eure Erfahrungen?

Ich frage euch: Kennt ihr solche Situationen? Mögt ihr sie mir erzählen? In den Kommentaren oder per E-Mail, wie ihr wollt. Danke!

*  Beitragsbild von pixabay, geralt, C00

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6 Kommentare

  1. Liebe Sigi,
    für mich ist es kein Problem, dass du eine Frau bist. Für dich vermutlich auch nicht.
    Sein Problem.
    Typisch für „andere klein machen, um sich groß machen.“

    Da hilft nur das Zaubermantra „Not your circus. Not your monkeys.“

    Ich kann dir nicht mal sagen, ob mir das auch mal passiert ist. Falls ja, habe ich es wahrscheinlich unter Zitierung des Zaubermantras ausgespeichert.

    Ich finde es jedenfalls super, dass du nicht den Mund gehalten hast.

    Barbara

    • 🙂 Das Zaubermantra ist cool. Das merk ich mir.

  2. Ich verstehe das „Das Problem ist, dass du eine Frau bist“ anders. Wärst Du ein Mann, hätte er sich mit Dir geprügelt, aber „Frauen schlägt man nicht“, so interpretiere ich diese Worte.
    Dass Du in zwei Jahren aber nie Probleme damit hattest, von arabischen/muslimischen Männern ernst genommen zu werden, ist auch Glück, frag mal deutsche Lehrerinnen, wie oft sie sich von türkischen/arabischen Schülern anhören müssen, „von einer Frau lasse ich mir gar nichts sagen“.

    Wobei ich das Phänomen, dass Männer gemischte Runden dominieren natürlich auch von rein deutschen Runden kenne. Vor allem, wenn’s um Humor geht. Frauen sollen lachen, nicht witzig sein – Das gilt leider immer noch sehr oft.

    • Interessant, du meinst er hätte mich geprügelt? Hm… auch nicht wirklich besser.
      Ich arbeite als Lehrerin 🙂 und weiß ja um das Phänomen. Deswegen. Ich frage mich, wie es zustande kommt. An der alten Schule gab es zwei Jungs (Brüder), die Probleme hatten, sich von Frauen etwas sagen zu lassen, aber das waren katholische Italiener mit Macho-Vater. Und bei uns gibt es das auch, nur versteckter. Vielleicht taucht es umso häufiger und direkter auf, je machistischer der Hintergrund.

  3. Dass in gemischten Runden die Männer mehr reden als die Frauen, auch wenn deutlich mehr Frauen anwesend sind, die vom Thema genau so viel verstehen, kenne ich aus dem Job. Als ich jung war, habe ich versucht, mitzudiskutieren. Heut denke ich mir in diesen Fällen, ach Gott, is‘ wieder Wettkrähen aufm Misthaufen? Und klinke mich aus.

    Es ist ja nicht so, dass alle was sachlich Erhellendes beitragen. Da wird auch manchmal geschwätzt, dass geschwätzt ist. Das sind dann Rang- und Machtdemonstrationen. Der Gorilla trommelt sich auf die Brust, der Kater pinkelt auf die Fußmatte – und der männliche Homo sapiens labert.

    • Ist diese Taktik erfolgreich? Was passiert, wenn sich die Frau aus dem Gespräch zurückzieht, obwohl sie was zu sagen hätte?

Kommentare sind geschlossen.