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Patriarchat – 2 Bücher über eine Welt von Männern für Männer

Patriarchat oder Diversity

Heute möchte ich euch zwei Bücher vorstellen. Beide beschäftigen sich damit, dass unsere Welt an vielen Stellen für durchschnittliche weiße Cis-Männer normiert ist, die – teils im Wortsinn – als das Maß aller Dinge gelten. Dass ich beide Bücher parallel vorstelle, kam so: Als ich „Das Patriarchat der Dinge“ im Schaufenster meiner regionalen Buchhandlung sah, fragte ich mich: Schreibt Rebekka Endler 2021 nochmal, was Caroline Criado-Perez schon 2020 in „Unsichtbare Frauen“ formulierte, oder lohnt es sich, beide Bücher zu lesen? Spoiler: Ja, es lohnt sich. Mehr dazu gibt es in dieser Rezension.

Patriarchat Frauen | Gender | Gleichberechtigung Bücher und Rezensionen, Diversity und Kommunikation

Wer Criado-Perez „Unsichtbare Frauen“ gelesen hat, kommt geschockt aus dem Buch heraus. Zusätzlich zu Bereichen, von denen ich wusste, dass Frauen diskriminiert werden, zeigt sie viele Stellen auf, von denen ich angenommen hatte, dass sie längst alle Gender angemessen berücksichtigen, was sie nicht tun. Das hat unterschiedliche Auswirkungen auf Chancen, Gesundheit, Sicherheit und Freiheit für Männer und Frauen.

Warum die Norm weiß, cis, männlich ausgedient hat

Criado-Perez liefert Unmengen an Statistiken und Studien zu allen Lebensbereichen und auf der ganzen Welt. Sie benennt, wie sich diese Daten bei Planung, Forschung, Design und im Alltag unterschiedlich auf Männer und Frauen auswirken.

Wenn ein Produkt auf den Stoffwechsel für XY-Menschen genormt ist, birgt es für XX-Personen unbekannte Risiken. Wenn ein Produkt nicht auf den Markt kommt, weil es bei XY-Menschen nicht funktioniert, ist das eine verpasste Chance für XX-Menschen, für die es vielleicht ein Problem lösen würde. Unterschiede etwa im Stoffwechsel von biologischen Männern und Frauen sind seit langem bekannt. Und was passiert? Nicht viel.

Wenn in medizinischen Lehrbüchern männliche Symptome als typisch für alle bezeichnet werden, Frauen oft aber andere Symptome zeigen, werden Krankheiten bei Frauen später, weniger, schlechter erkannt. Wenn ich ein Produkt auf die Körpergröße 1,80 m, flacher Oberkörper normiere, ist das für 1,65 m Menschen mit Busen mindestens unpassend, mitunter auch gefährlich (Crash-Test-Dummys, kugelsichere Westen). Wenn ich Datenbanken überwiegend mit weißen Männern füttere, werden Frauen und PoC aller Geschlechter benachteiligt. Criado-Perez hat dabei nicht ein spezielles Land im Fokus, sondern benennt Daten, Beispiele und Folgen für Frauen weltweit.

„Unsichtbare Frauen“ ist unterteilt in Alltagsleben, Arbeitsplatz, Design, Medizin, öffentliches Leben, Katastrophen. Criado-Perez ist im Original auf Englisch erschienen und liegt seit 2020 in deutscher Übersetzung vor (Stephanie Singh).

Daten für gendergerechte Planung fehlen

Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert heißt es bei Caroline Criado-Perez. Und genau darum geht es, um Daten, die da sind, und um die, die fehlen. Criado-Perez sammelt nicht nur Daten, Statistiken und Studien. Sie untersucht sie auf Genderfragen und benennt, wo Daten fehlen. Das ist oft der Fall, weil Frauen nicht mitgedacht, gesehen, gefragt werden. Sie werden schlicht vergessen, als unwichtig betrachtet, als Abweichung von der Norm gewertet. Die Hälfte der Weltbevölkerung eine Abweichung von der Norm?!

Das alles passiert nicht aus böser Absicht, sondern ist Folge patriarchaler Strukturen und fehlender Diversity. Dort wo Frauen das Zepter in die Hand nehmen beziehungsweise an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, werden Frauen eher mitgedacht. Auch das zeigt Criado-Perez anhand von Beispielen.

Beispiele aus Unsichtbare Frauen

Verkehrsplanung: Die Verkehrsinfrastruktur ist darauf optimiert, Menschen zur Arbeit und zurück nach Hause zu bringen. Querverbindungen werden kaum berücksichtigt. Die sind aber wichtig für alle, die Kinder zur Kita und Schule bringen, Verwandte zum Arzt begleiten, einkaufen, also Haushalts- und Careaufgaben erledigen. Hier werden natürlich nicht nur Frauen diskriminiert, sondern alle Gender, die solche Aufgaben übernehmen. Aber Stand heute sind das überwiegend Frauen, die hier in der Verkehrsplanung weltweit schlicht übergangen und vergessen werden.

Herzinfarkt: Frauen haben oft andere Symptome als Männer. Weil aber in medizinischen Lehrbüchern darauf nicht eingegangen wird und nur die Männer-Symptome gelehrt werden, werden Herzinfarkte bei biologischen Frauen oft später oder seltener erkannt, mit lebensgefährlichen Folgen.

Urinieren und menstruieren: Weltweit fehlen für Cis-Frauen Möglichkeiten, im öffentlichen Raum zu urinieren oder die Monatsblutung hygienisch zu regeln. Wenn sie das Haus verlassen, müssen sie mitplanen, wann, wie und wo sie sich um solche urmenschliche Notwendigkeiten kümmern können. Die Folge sind nicht nur mehr Planung und lange Warteschlangen vor zu wenigen Klos. In vielen Ländern ist urinieren für Frauen ein massives Sicherheitsrisiko, vergewaltigt zu werden. Sichere Orte zum Pinkeln sollte doch das Mindeste sein. Ist es für viele leider nicht.

Die Liste lässt sich noch lange fortsetzen, aber schwenken wir zu Buch 2:

Das Patriarchat der Dinge

Warum die Welt Frauen nicht passt ist der Untertitel von „Das Patriarchat der Dinge“ von Rebekka Endler, erschienen 2021 bei Dumont. Während sich Criado-Perez vor allen Dingen mit Daten und Statistiken befasst, widmet sich Endler eher den Geschichten hinter den Zahlen. Criado-Perez sammelt Beispiele aus der ganzen Welt, Endler konzentriert sich mehr auf die westlich-industrialisierte Welt, auf Europa und Deutschland.

„Das Patriarchat der Dinge“ baut in gewisser Weise auf „Unsichtbare Frauen“ auf, leuchtet bestimmte Aspekte aus, vertieft und erweitert sie. Endler greift Beispiele aus Criado-Perez Buch auf, recherchiert ihnen hinterher und erzählt die Geschichte dazu. Etwa beim Auto.

„Weibliche“ Crashtest-Dummys – Hinter dem Steuer ist die Sicherheit männlich

Das Beispiel mit der fehlenden Sicherheit für Frauen taucht auch bei Criado-Perez auf. Endler erweitert und vertieft die Daten und Regeln für die EU. Was sie schreibt, lässt sich so zusammenfassen: Im Jahr 2011 untersuchte die Forschung zum ersten Mal die Verletzungsgefahr bei Autounfällen nach Geschlecht. Ergebnis: Todesrisiko für Frauen ist 17 Prozent höher als bei Männern. Der Standard-Dummy war 1,77 m groß und 75,5 kg schwer, ein durchschnittlicher junger Mann im westeuropäischen oder nordamerikanischen Sinn. Alle anderen: Pech gehabt. Inzwischen hat sich zwar etwas getan, aber eher als Kosmetik und an der Oberfläche. Bei Neuzulassungen von PKWs ist das Verletzungsrisiko auch 2021 für Frauen größer als für Männer.

Der Standard-Dummy ist auch heute am Durchschnittsmann orientiert. Inzwischen gibt es zwar einen „weiblichen“ Dummy, allerdings hat der keinen Busen, ist also eher ein kleiner Mann als eine Frau. Außerdem ist ein Test mit diesem „Frauen“-Dummy nur in einem von fünf von der EU festgelegten Chrashtests für die Zulassung neuer Modelle vorgeschrieben und nur auf der (!) Beifahrerseite, schreibt Endler.

Hallo?! Ich sitze fast ausschließlich hinter dem Steuer, wie 1.000te anderer Frauen auch. Wir leben 2021. 2020 besaßen laut Statista rund 80 Prozent der Frauen und 85 Prozent der Männer in Deutschland einen Führerschein, aber für Frauen hinter dem Steuer gibt es keinen passenden Crashtest-Dummy?! Solche Fakten machen mich fassungslos! Und wütend angesichts der Ignoranz.

Frauen sind keine kleinen Männer

Endlers Buch ist eine Fundgrube für Beispiele und die Geschichten dazu. Ob Radsport, Fußball, Arbeitskleidung, Büromöbel. Überall findet sich die Norm des durchschnittlichen Cis-Mannes. Und wenn es ein Frauenmodell gibt, wird meistens nur die Körpergröße berücksichtigt, also ein kleiner Mann.

Frauen sind aber keine kleinen Männer: Cis-Frauenkörper haben andere Proportionen, andere Statik, andere Muskel-Fett-Verteilung, unterschiedlich große Busen, dort wo Cis-Männer einen Penis und Hoden haben, haben Cis-Frauen eine Vulva und Vagina. Die Kraft in den Händen ist bei gleicher Größe geringer, die Hände sind kleiner, Haut und Knochen sind ebenfalls anders. Aber irgendwie scheint das die Produktentwicklung immer wieder zu vergessen oder für irrelevant zu halten.

Frauen wollen Qualität und Leistung nicht Bling-Bling

Noch erschreckender sind die Beispiele, die Endler aufführt, bei denen Produkte für Frauen downgegradet werden. Bohrmaschinen für Frauen sind nicht etwa auf kleinere Hände und weniger Körperkraft normiert, was sinnvoll wäre, damit Frau damit ebenso gut arbeiten kann wie Mann, einfach weil die Maschine passt. Nein, Produkte für Frauen werden weniger robust verarbeitet, können weniger und bekommen dafür Bunt und Bling-Bling, vornehmlich in rosa oder pink.

Aaaargh … ich hasse Rosa und Pink. Ich möchte Qualität und Leistung in der passenden Größe und normiert auf meine Körperkraft. Ich bin 1,70 m und habe relative kleine Hände und Füße. Ich kann mich also nicht einfach in der Männerabteilung bedienen. Leider. Das wäre schön. Würde ich sofort machen.

Mein Appell: Sorgt endlich für gendersinnvolle Kategorien und baut eure Produkte danach! Maschinen für unterschiedlich große Hände und Kraftreserven zu bauen, ist eine sinnvolle Differenzierung, weil es Menschen mit Riesenpranken gibt und solche mit kleinen Händen, und weil Menschen unterschiedlich viel Kraft in den Händen haben, teilweise biologisch bedingt durch Mann/Frau. Gendersinnvoll ist es auch, bei Schutz- und Sicherheitskleidung neben Körpergröße das Vorhandensein oder Fehlen unterschiedlich großer Busen zu planen.

Schwachsinn ist es, Frauen Pink aufzuzwingen und Männern nur gedeckte Farben zu bieten. Auch Männersachen dürfen schön sein oder bunt. Männer müssen ja nicht in grau und braun gehen. Und Frauensachen müssen genauso viel Qualität und Funktionalität besitzen wie Männersachen. Berücksichtigt also die Unterschiede, die biologisch relevant sind und überlasst es den Menschen selbst, ob sie rosa oder olive schöner finden. Alles andere ist Sexismus.

Leistungen von Frauen – verdrängt und vergessen

Endler nennt in den einzelnen Kapiteln immer wieder Namen von Frauen, die kaum jemand kennt, obwohl sie zum Beispiel die Grundlage für IT-Technologie gelegt haben.

Ada Lovelace schrieb im 19. Jahrhundert den ersten bekannten Algorithmus der Geschichte (S. 97). Damals noch mit Lochkarten. Einer der frühen Rechner, ENIAC wurde während des 2. Weltkrieges im Auftrag der US-Armee entwickelt, programmiert von Frauen. Mathematikerinnen unterstützten die NASA bei der Mondlandung. Die Informatikerin Grace Hopper bekam 1969 einen Award „Man of the year“ für eine Programmiersprache. Der Code Apollo II wurde von Margaret Hamilton programmiert.

Wieso kennen wir heute alle diese Frauen nicht? Wieso wird heute wieder und wieder das Märchen erzählt, Mathe und Informatik seien was für Jungs?

Rebekka Endler schreibt:

„Denn je prestigeträchtiger das Programmieren wurde, desto eher wurden Frauen daraus wieder verbannt. Als es um lästige Fußarbeit ging, waren Frauen willkommene Arbeitskräfte, als es plötzlich zu einer Domäne wurde, in der sich Virtuosität erreichen ließ, verdrängte das männliche Ego die Frau.“ (S. 99)

Ein anderes Beispiel ist Rosalind Franklin. Sie hat als erste Person die Doppelhelix der DNA fotografiert und ihre Erkenntnisse veröffentlicht. Die Lorbeeren heimsten Männer ein. An dieser Stelle erlaube ich mir, Wikipedia zu zitieren:

„Watson und Crick hatten für ihre Entschlüsselung der DNA, für die sie später beide den Nobelpreis erhielten, Forschungsergebnisse von Franklin ohne deren Wissen und Zustimmung benutzt.“

Im Grunde wäre es nötig, systematisch zu prüfen, welche Leistungen von Frauen ignoriert, übergangen oder geklaut wurden. In den Schulbüchern wimmelt es noch heute von Männern historischer Größe. Frauen werden weiterhin vergessen. Mit Folgen für die Heranwachsenden.

Lästiges Gender-Coding drängt Jungs und Mädchen in patriarchale Rollenbilder

Endler geht auch auf Gender-Marketing und Gender-Coding ein, also Designs, Sprache, Werbung, Mode, die Kindern Möglichkeiten und Räume eröffnen und begrenzen und zwar unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um Jungs oder Mädchen handelt.

Was Gender-Marketing angeht, ist sogar ein Backlash zu beobachten. Wo Kleidung und ein Großteil der Spielsachen in den 70er und 80er Jahren noch weitgehend genderneutral waren, ist heute fast jeder Gegenstand für Kinder krass durchgegendert. Mit Ausnahme besonders teurer Sachen aus dem Bereich Bio-Fairtrade, die können sich nicht alle leisten. Endler verweist darauf, dass dadurch zusätzlich ein Ungleichgewicht kommt, weil sich Menschen mit kleinen Budget diesem industriellen Doing Gender weniger entziehen können.

Während der Rosa-Hellblau-Wahnsinn und die gegenderten Spiel-Themenwelten für Kinderspielsachen auffallen und oft auch kritisiert werden, gibt es andere Bereiche, die uns schlicht nicht bewusst sind.

Sowohl bei Criado-Perez wie bei Endler bin ich immer wieder mit Fakten konfrontiert worden, die skandalös sind, und von denen ich keine Ahnung hatte. Nennt mich naiv, aber ich hatte geglaubt, dass die Ausrüstung für Frauensport genauso gut und stabil, aber auf Frauenkörper normiert ist, insbesondere bei hochwertiger Ausstattung und im Leistungssport. Ebenso war es mir selbstverständlich, dass Schutz- und Sicherheitskleidung für Polizei, Militär oder Feuerwehr darauf Rücksicht nimmt, dass Frauen unterschiedlich große Busen haben und die Vulva nicht aus dem geöffneten Hosenschlitz holen können. Aber das ist nicht so. Bemühungen, dass Frauen die gleiche Passung und Qualität bekommen, stecken bestenfalls in den Anfängen. Lest die Bücher selbst!

Sprache und Gender

Endler befasst sich in einem Kapitel auch mit Sprache. Darin geht es weniger um die Frage, Stern, ja oder nein, sondern um die vielfältigen sprachlichen Normen, mit denen wir Männlichkeit und Weiblichkeit konstruieren. Und natürlich entscheidet sie sich als Autorin auch selbst für einen Sprachstil.

Im Vergleich der beiden Bücher fiel mir auf: Was die Begrifflichkeiten Mann und Frau angeht, zeigt sich Endler sensibler als Criado-Perez. Während mir bei Criado-Perez manchmal aufstieß, dass Sie bestimmte Rollen oder Tätigkeiten mit Frausein gleichsetzte, ohne dies kritisch zu reflektieren, achtet Endler immer wieder darauf, zwischen tradionellen Rollenbildern, Genderidentität und biologischem Geschlecht zu unterscheiden. Ein Teil dieser Irritation kann aber auch Folge der Übersetzung aus dem Englischen sein. Ich habe das Buch auf Deutsch gelesen.

Endler jedenfalls benennt an manchen Stellen Cis-Frauen oder Cis-Männer oder spricht von biologischem Geschlecht, etwa wenn es um körperliche Dinge geht, wie Busen, Uterus, Körpergröße oder Stoffwechsel. Damit öffnet sie den Raum für Transpersonen, die in ihrer Identität sich einem Geschlecht zuordnen, ihr Körper aber ganz oder teilweise den biologischen Regeln eines anderen Geschlechts folgt. Eine Transition kann zwar dafür sorgen, dass der Busen oder der Penis operativ entfernt werden, ändert aber nichts daran, ob jemand 1,65 m oder 1,85 m groß ist. Auch Haut, Knochen, Stoffwechsel werden weiterhin von XY oder XX beeinflusst und die bleiben ja.

Zum Abschluss aktuelle Beispiele für Gender-Ignoranz

Zum Abschluss gehe ich von den Büchern in die wirkliche Welt nach Köln, in mein Umfeld und meine Wahrnehmung. Die folgenden drei Beispiele sind alle aus diesem Jahr:

Fitnessgeräte: Am Freitag war ich im Fitness-Center und mir wurden neue Geräte gezeigt. Bei einem Gerät für die Schultern fand ich keine passende Einstellung für die Sitzposition. Das Problem: Das Brett war entweder an der falschen Stelle oder drückte schmerzend gegen meinen Busen. Auch hier: Design für Männerkörper.

Schuhe: Im Sommer gab es bei Aldi Flipflops. Mir gefielen die mit Leder und Korksohle, die sahen bequem und halbwegs sinnvoll für die Füße aus. Leider gab es die erst ab Größe 41/42. Ich habe 38/39 und für meine Füße gab es nur bunte Vollplastikdinger in seltsamen Farben. Bei Socken geht mir oft ähnlich. Die, die ich kaufen möchte, gibt es nur in viel zu groß. Und die in meiner Größe sind mir zu unpraktisch, zu kalt, zu verspielt.

Taschen: Das Taschenproblem begleitet mich mein ganzes Leben. Ob Röcke, Hosen, Jacken – es fehlen Taschen. Oder die Taschen sind reine Zierde und nicht funktional. Dadurch werden Frauen zu Handtaschen gezwungen oder sie können nichts mitnehmen. Für Trekkinghosen sollte eine vernünftige Taschenausstattung selbstverständlich sein. Schließlich sind das Funktionshosen. Beim Sport und beim Wandern möchte mensch ja die Hände frei haben und zumindest Papiertaschentücher und Wanderkarte oder Handy an der Frau tragen. Ein Tampon ist auch ganz praktisch. Aber Obacht: Nicht einmal bei Trekkinghosen für Frauen sind vernünftige Taschen selbstverständlich. Oft fehlen sie oder sind nicht funktional (zu klein, an der falschen Stelle, nicht verschließbar, zu wenige). Ätzend.

Wie verstört und verstörend die Welt in so manchem Männerkopf ist, zeigen zwei Beispiele aus der Businesswelt.

  1. Da waren drei Jungs in der Höhle des Löwen, die der Welt Gummihandschuhe für menstruierende Frauen als krasse Innovation und Problemlösung darstellen wollten. Dabei sind Latexhandschuhe weder neu noch nötig. Gibt gar kein Problem. Shitstorm und Häme folgten prompt und berechtigt.
  2. Die Männer von Trui Fruits haben einen Preis für Mut ins Leben gerufen. Das ist an sich gut und anerkennenswert. Das Design der Trophäe sieht allerdings aus, wie die Edelstahl gewordene pubertäre Phantasie fragiler Männlichkeit. „Eier aus Stahl“ heißt der Preis. Zwei Hoden aus Edelstahl baumeln an einer Kette. Was ist in einem Männerkopf los, der nur bis zu den eigenen Eiern denkt?!

Mein Schlusswort: Nicht über andere entscheiden, was sie brauchen, wollen oder können sollen. Mit ihnen reden. Fragt die Frauen, Männer, Intersexuellen, Transgender, Nichtbinären, fragt Menschen mit Behinderung, fragt die Kleinen und Großen, die Dünnen und Dicken, die Weißen und Schwarzen, was sie brauchen, wollen oder können. Das macht uns schneller, effizienter, fortschrittlicher und die Welt für alle ein bisschen netter und lebenswerter. Am leichtesten geht das in diversen Teams, weil so viele Perspektiven auf Welt an einem Tisch sitzen. Diversity rocks!

Ab in die Buchhandlung

Unter dem Aspekt „Support your local business“ empfehle ich, die Bücher in der Buchhandlung ums Eck zu kaufen. Ihr könnt dort anrufen, selbst wenn das Buch nicht vorrätig ist, am nächsten Tag ist es da und ihr könnt es dort bequem abholen.

Hier die Daten:

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen, btb, 2020, im Paperpack 15 Euro, ISBN: 978-3-442-71887-0, https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Unsichtbare-Frauen/Caroline-Criado-Perez/btb/e561586.rhd

Buchcover Das Patriarchat der DingeRebekka Endler: Das Patriarchat der Dinge, Dumont, 2021, im Hardcover 22 Euro,  ISBN 978-3-8321-8136-9, https://www.dumont-buchverlag.de/buch/endler-das-patriarchat-9783832181369/

Gender und Kunst – Diese Online-Ausstellung ist das Ergebnis des Projekts „Alle(s) Gender oder was?!“ vom Frühling 2021 – https://www.gespraechswert.de/alle-gender-kunstausstellung/

Titelbild: Sigi Lieb, Buchcover vom jeweiligen Verlag

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