Was heißt eigentlich barrierefreie Sprache? Was bedeutet Einfache Sprache und wie unterscheidet sie sich von Leichter Sprache? Und welche Vorteile bringt redaktionelle Barrierefreiheit für die Optimierung für SEO und GEO, also für LLMs beziehungsweise KI? Darum geht es in diesem Blogbeitrag.
Wenn von Barrierefreiheit die Rede ist, geht es oft um die technischen Aspekte. In diesem Artikel geht es um das Werkzeug Sprache selbst. Und es geht darum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Sprache schwerer oder leichter verständlich macht und warum das so ist.
Gewohnheiten zu ändern setzt voraus, sie auch ändern zu wollen
Wir benutzen Sprache oft nach gewohnten Mustern. Die haben wir gelernt und übernommen, ohne dass wir das bewusst erlebten. Gewohnheiten sind bequem. Wir müssen nicht nachdenken. Aber sie sind nicht immer im Sinne unserer Ziele.
Was unser Ziel ist, hängt vom jeweiligen Sprachkontext ab, vom Anlass, vom Inhalt und vom Gegenüber, das wir erreichen wollen, der Zielgruppe. Ganz egal, welche Gewohnheiten und Muster du in deiner Kommunikation verfolgst: Wenn du dein Werkzeug, die Sprache, besser kennst, kannst du selbst entscheiden, ob deine Gewohnheit für dich hilfreich ist oder deinen Zielen im Weg steht.
Fangen wir dort an, wo die Begrifflichkeiten durcheinandergehen: Leichte Sprache und Einfache Sprache. Die wenigsten wissen, dass es sich hierbei um zwei Konzepte handelt, für die jeweils andere DIN-Normen vorliegen.
Ich investiere viel Arbeitszeit in meine Blogbeiträge, beachte journalistische Kriterien und stelle viel weiterführende Information zur Verfügung. Das alles stelle ich kostenlos für alle zur Verfügung – ohne bezahlte Werbung auf meiner Seite. Aber natürlich muss auch ich im Supermarkt mit Euros bezahlen. Daher freue ich mich, wenn du meine ehrenamtliche redaktionelle Arbeit unterstützt.
Was ist der Unterschied zwischen Leichter Sprache und Einfacher Sprache?
Und selbst wenn jemand theoretisch weiß, dass es einen Unterschied zwischen Leichter Sprache und Einfacher Sprache gibt, kann ihn kaum jemand verständlich erklären. Zugegeben ist diese Unterscheidung schwere Sprache. Zwei Adjektive, die im allgemeinen Sprachgebrauch synonym – also gleichbedeutend – verwendet werden, stehen für unterschiedliche Zielgruppen und unterschiedliche DIN-Normen.
Ich erkläre es in meinen Workshops oder Vorträgen ungefähr so:
Leichte Sprache ist eine spezielle Übersetzung für eine spezielle Zielgruppe, in erster Linie für Menschen, die kognitiv nicht in der Lage sind, komplexere Dinge zu verstehen. Nicht alle Informationen lassen sich in Leichter Sprache transportieren. Leichte Sprache kann auch diskriminierend wirken, etwa für Menschen, die zwar normalintelligent sind, denen aber die Sprachkenntnisse oder das Vorwissen fehlen. Die reagieren dann auf Leichte Sprache verletzt „Hältst du mich für dumm, oder was?“.
Bei Einfacher Sprache passiert dies nicht. Sie ist flexibler anpassbar und lässt sich auf alle möglichen Kontexte, Textformen und Inhalte anwenden. Einfache Sprache hilft auch bestens ausgebildeten Muttersprachler*innen mit Riesenwortschatz und viel Vorwissen: Denn so können Texte schneller und eindeutiger gelesen und verstanden werden. In einer Welt, in der wir alle mit viel zu viel Information zu kämpfen haben, ein wichtiger Vorteil.

Die Zielgruppen für Einfache Sprache sind also deutlich breiter als die für Leichte Sprache. Ein anderer wichtiger Aspekt: Leichte Sprache muss von Prüfgruppen, also von Betroffenen geprüft werden, um so genannt werden zu dürfen. Einfache Sprache braucht das nicht. Einfache Sprache kann auch als allgemeines Sprachwissen im Hinterkopf für das Schreiben aller möglichen Textsorten verwendet werden, ohne extra Zertifizierungsprozess.
Für welche Texte kann ich Einfache Sprache verwenden?
Einfache Sprache orientiert sich schlicht an den Regeln guter Verständlichkeit von Sprache. Sie lässt sich im Grunde für fast alle Textformen verwenden.
Was ist schlecht daran, wenn wir einen Vertragstext auch ohne zweites juristisches Staatsexamen verstehen? Was ist schlecht daran, wenn eine Bedienungsanleitung eine Sprache wählt, die kein Diplom als Ingenieurin oder Ingenieur voraussetzt? Was ist schlecht daran, wenn wir eine Information schnell und eindeutig verstehen? Besonders dann, wenn es um reine Sachinformation geht.
Wer sich die DIN-Normen DIN 8581-1 und DIN ISO 24495-1 ansieht, findet vieles wieder, das auch in jedem Seminar für „Verständlich schreiben“ für „SEO-gerecht schreiben“ gelehrt wird.
Es gelten diese vier Grundsätze:
- Die Leserinnen und Leser erhalten, was sie brauchen (relevant).
- Die Leserinnen und Leser können leicht finden, was sie brauchen (auffindbar).
- Die Leserinnen und Leser können leicht verstehen, was sie finden (verständlich).
- Die Leserinnen und Leser können die Informationen leicht verwenden (hilfreich).
Deshalb dient redaktionelle Barrierefreiheit auch der Optimierung für SEO und GEO, also der Auffindbarkeit im Netz durch Algorithmen und LLMs. Und es erhöht die Chance, von KI zitiert zu werden.
Die Rolle der Rechtschreibung für barrierefreie Sprache
Zur verständlichen, einfachen, barrierefreien Sprache gehört – was auch viele nicht wissen – die korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung. Grammatik und Schreibregeln dienen keinem Selbstzweck, sondern helfen dabei, Inhalte eindeutig und verständlich zu vermitteln. Die Buchstabenfolge alleine sagt noch nichts aus. Sie bekommt erst eine eindeutige Bedeutung, wenn wir wissen, in welchem Sprachregel-System wir sie verstehen sollen.
„Die in hell“ bedeutet etwas völlig anders, je nachdem, ob ich es Englisch oder Deutsch lese. Viele Begriffe ändern im Zuge der Migration ihre Bedeutung. Public Viewing im Deutschen bedeutet Rudelgucken, also in der Gruppe auf einer großen Leinwand fernsehen. Im Englischen bedeutet es Leichenschau. Ein Jour Fixe klingt im Französischen wie „gefesselter Tag“. Ein regelmäßiges Meeting heißt dort „un point régulier“.
Fremdwörter helfen also nicht, sondern erhöhen das Sprachniveau auch und gerade für Menschen, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben.
Es ist also wichtig, beim Schreiben die Regeln zu beachten, die zu der Sprache gehören, in der geschrieben wird. Das häufigste Problem auf Linkedin und in Business-Umfeldern sind falsch geschriebene Anglizismen.
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Anglizismen sind deutsche Wörter mit englischem Migrationshintergrund
Ein häufiges Missverständnis ist es, dass Anglizismen sich an englischer Grammatik orientieren sollten. Die Schreibweisen von migrierten Wörtern passen sich in der Tat schrittweise an, integrieren sich also Schritt für Schritt in die migrierte Sprache. Wobei sich Wörter aus manchen Sprachen langsamer anpassen als andere. Da Englisch und Deutsch verwandt sind, ist der Anpassungsprozess eher schnell. Und zwar in beide Richtungen:
Germanismen in englischen Texten sind englische Wörter mit deutschem Migrationshintergrund. Ein schönes Beispiel las ich mal in der New York Times:
„this was a schadenfreude bonanza for the right“.
Der englische Satz enthält einen Begriff, der sich aus einem Germanismus und einem Hispanismus zusammensetzt. Übersetzt bedeutet das: Das war ein Schadenfreudenfest für die Rechte. Oder: Das war eine Goldgrube der Schadenfreude für die Rechten.
Die typischen Schreibfehler betreffen einerseits die falsche Getrenntschreibung, die sich inzwischen auch auf deutsche Verben ausweitet und für viel Verwirrung sorgen kann. Denn die gleiche Buchstabenfolge kann getrennt- oder zusammengeschrieben völlig Verschiedenes bedeuten:
- sichergehen oder sicher gehen
- zuschneiden und zu schneiden
- Vorort oder vor Ort
Aber auch dann, wenn das falsch geschriebene Wort nicht in anderer Bedeutung existiert, stört dies den Lesefluss und erschwert das Verstehen. Falsche Getrenntschreibung erzeugt Silbenkonfetti im Gehirn und baut Sprachbarrieren.
Wenn in einem Satz mehrere mehrgliedrige Wörter ohne Kopplung oder zumindest durch Anführungszeichen als zusammengehörig gekennzeichnet vorkommen, müssen wir quasi das Silbenpuzzle erstmal sortieren und zusammenbringen, um den Inhalt zu verstehen.
Wann zusammengesetzte Nomen wie geschrieben werden und warum erkläre ich im Artikel „Wie schreibe ich Anglizismen richtig? – Nomen.
Auch bei Anglizismus-Verben herrschen Wildwuchs und Falschschreibung vor, bis in große A-Medien, die es eigentlich besser wissen sollten.
Mir konnte noch niemand plausibel erklären, was ein englisches Past Simple (-ed) in einem deutschen Präsens zu suchen hat. Formulierungen wie „Er designed das Layout“ sind nicht nur falsch, sondern absurd. Er designt das Layout ja noch, Präsens. Die englische Endung -ed signalisiert Vergangenheit.
Und ich könnte es auch keiner Person, die Deutsch als Zielsprache lernt, vernünftig erklären. Lernt sie mühsam die deutschen Konjugationsregeln (-t im Präsens), samt ihrer Ausnahmen (-et, wenn Verb mit d oder t), entstehen hier völlig sprachfremde Varianten, die jeglicher Sprachlogik entbehren.
Wenn du barrierefrei schreiben willst, achte also darauf, dass du Fremdwörter sparsam einsetzt und dort, wo du sie verwendest, schreibe sie korrekt nach deutschen Grammatikregeln. Im Blogbeitrag Anglizismen richtig schreiben – Verben gehe ich ausführlich darauf ein.
Was gehört nicht zur Einfachen Sprache ist aber trotzdem schön?
Einfache Sprache zielt darauf ab, schnell und leicht verstanden zu werden. Es gibt jedoch auch Sprachsituationen, die nicht als Einfache Sprache durchgehen, aber trotzdem schön, richtig und wichtig sind. Einfache Sprache erfährt ihre Einschränkungen logischerweise dort, wo mehr Vorwissen oder Spezialwissen vorausgesetzt wird. Dazu gehören Metaphern, Umgangssprache, Dialekte, Szenesprachen.
Wir brauchen das einerseits für Textformen mit hohem künstlerischem Anspruch: Poesie, Literatur, Songtext oder Satire. Andererseits benutzen wir sie in vertrauten alltäglichen Situationen insbesondere in der mündlichen Kommunikation.
Die meisten kennen das: In einer Gesprächssituation „verstehen wir nur noch Bahnhof“ und schauen fragend. Unser Gegenüber sagt: „Das war ein Insider“.
Nun ist „Ich verstehe nur Bahnhof“ eine Metapher. Das englische Pendant hat nichts mit Haltestellen für Züge zu tun, sondern lautet: „It’s all Greek to me.“ Was natürlich für Menschen, die Griechisch sprechen, keinen Sinn ergibt. Ein anderes Beispiel wäre „Es regnet aus Eimern“. Im Englischen regnet es „Hunde und Katzen“.
Metaphern sind schöne Beispiele, an denen Übersetzungssoftware und KI oft scheitern. Über typische Übersetzungsfehler habe ich ebenfalls einen eigenen Beitrag geschrieben.
Die Schwierigkeit besteht nicht darin, zu verstehen, dass dies Metaphern sind. Die gibt es in so ziemlich allen Sprachen. Und sie machen Sprache auch schön, literarisch, poetisch. Manche Sprachen arbeiten sogar besonders viel mit Metaphern. Die Schwierigkeit besteht darin, die konkrete Metapher zu kennen, um sie verstehen zu können.
Das heißt nicht, dass wir keine Metaphern verwenden sollen. Es heißt, dass wir uns dessen bewusst sind und Menschen, die derlei Redewendungen, Umgangssprache, Szene-Slang oder Insider nicht verstehen, nicht auslachen, sondern ihnen den Kontext und die Bedeutung erklären.
Ein Beispiel aus der Umgangssprache:
Nach einem Wasserrohrbruch hatte ich Handwerker in der Wohnung. Mit dabei ein Auszubildender mit syrischen Wurzeln. Er sprach gut Deutsch, kennt aber natürlich nicht alle Finessen des Handwerker-Slangs.
Ich saß am Schreibtisch und hörte, wie die Handwerker witzelnd das Loch in der Wand zwischen Bad und Küche „Guckloch“ nannten. Und dann hörte ich einen zum Auszubildenden sagen: „Was? Du weißt nicht, was ein Guckloch ist?“
Ich habe Deutsch als Zielsprache unterrichtet und weiß, dass solcherlei Vokabular nicht zum Deutschunterricht gehört. Ich stand also auf, nahm den jungen Mann in Schutz und erklärte den Handwerkern, dass das Wort „Guckloch“ für sie banale Umgangssprache ist, für Menschen, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben, aber schwer. Das tat ich, ohne Moralkeule, schließlich ist es verständlich, dass dies den Handwerkern weder bekannt noch bewusst war. Es hat sich einfach überrascht.
Ganz ähnlich ist das bei Dialekten. Dazu müssen wir nicht einmal Deutsch als Fremdsprache gelernt haben. Es genügt, wenn wir durch Deutschland reisen und in Gegenden reinhören, die zu einer anderen Dialektregion gehören. Besonders ergiebig sind dabei Begriffe für Nahrungsmittel.
Wie arm wäre doch unsere Sprache, hätten wir nicht unzählige Bezeichnungen für das Ende eines Brotstücks. Was verlören wir ohne die vielen dialektalen Besonderheiten.
All diese Sprachformen haben ihre Berechtigung. Sie sind schön, machen Sprache reich, lebendig und poetisch. Aber zurück zum Vertragstext, der Informationstafel, der Nachricht oder der Bedienungsanleitung. In diesen Textformen brauchen wir das nicht.
Barrierefreiheit ist kein zwanghaftes Korsett, sondern ein anderer Zugang zum Werkzeug Sprache. Der wichtigste Schritt zu mehr redaktioneller Barrierefreiheit ist die Perspektive zu wechseln und nicht vom Sender her zu denken, auch nicht von der Persona, die letztlich ein Klischee-Abbild unserer Vorstellungen ist, sondern unsere Zielgruppen in ihrer Vielfalt mitzudenken und ihnen die Arbeit, uns zu verstehen, möglichst zu erleichtern.
Weiterführende Literatur
Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2019/882 des Europäischen Parlaments und des Rates über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen 1, https://www.gesetze-im-internet.de/bfsg
DIN Media: Einfach Sprache. DIN 8581-1 und DIN ISO 24495-1, DIN e.V., 2024, https://www.dinmedia.de/de/fachliteratur/einfache-sprache/383321629
Sigi Lieb: Barrierefreiheit. Bitte keine Fettschrift auf Social Media. Oder doch? https://www.gespraechswert.de/keine-fettschrift-mit-unicode/
Sigi Lieb: „Geschlechtergerechte Sprache“, in: Transidentität und geschlechtliche Vielfalt im Arbeitsumfeld. Ein Praxisbuch für Unternehmen und den öffentlichen Dienst, SpringerGabler, 2025, https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-46686-2
