Suche
Suche Menü

Fastenzeit: Zeit, Impulse und Kommunikation

Zeit nehmen, Medienkompetenz

Ich möchte euch etwas zum Nachdenken mitgeben – wir haben ja Fastenzeit, da darf man ruhig mal in sich gehen. Beginnen möchte ich mit einer Frage:

Was fällt dir spontan zum Wort Zeit ein?

Zeit …

  • … habe ich nie nie für Dinge/Menschen, die …
  • … nehme ich mir für Dinge/Menschen, die ….

Nächste Frage: Was hat Zeit mit Kommunikation zu tun?

  • Ich fühle mich gut, gesehen, verstanden, wenn mein Gegenüber …
  • Mein Gegenüber fühlt sich gut, gesehen, verstanden, wenn ich ….
  • Mein Zeitbudget passt dazu ….
  • Am Umgang in unserer Gesellschaft mit Zeit stört mich….
  • An meinem Umgang mit Zeit stört mich…
  • Im Grunde kann ich das ja künftig….

Nimm dir die Zeit und mach dir Notizen. Nur für dich. Nehme sie mit in die Fastenzeit und denke immer wieder mal darüber nach, was diese Gedanken für dich und dein Leben bedeuten. Wenn du Lust hast, schreibe etwas in die Kommentare. Muss aber nicht.

Zeit, Impuls und Social Media

Über die Karnevalstage begegnete mir auf Facebook wiederholt derselbe Artikel der BILD-Zeitung, wonach eine Kita Indianerkostüme verbieten wolle, verbunden mit entsprechend empörten Kommentaren, die ihrer Phantasie freien Lauf ließen. Indianerkostüme zu verbieten ist bescheuert und überkorrekt, keine Frage. Aber bevor du dir die Zeit nimmst, dich aufzuregen und deine Gefühle in die Welt zu schütten, lohnt es sich, dir Zeit zu nehmen, um  genau hinzusehen und zu hinterfragen. Wenn du dich danach immer noch aufregst, gib deiner Empörung freien Lauf.

Im konkreten Fall musst du dir folgende Fragen stellen:

Wer jetzt?: Welche Kita?

Es handelte sich um „eine Kita im Hamburger Stadtteil Ottensen“ – Aha. Ottensen. Alles klar. Das ist das Prenzlauer Berg von Hamburg, also gemach, spezielles Publikum dort. Nur wenn irgendwo ein veganes Restaurant aufmacht, haben ja auch nicht gleich alle Angst, nie wieder Fleisch und Käse essen zu dürfen.

Sachlage: Was genau hat die Kita gemacht?

Sie hat Eltern empfohlen…. Aha, sie hat also gar nichts verboten, sondern etwas empfohlen. Das ändert die Sachlage. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns ständig über jede Empfehlung aufregten, die wir für unpassend halten?

Sind wir bei der Quelle: Wer schreibt das?

Die BILD-Zeitung. Ja klar, das ist Boulevard. Emotion. Skandal. Die BILD lebt seit ihrer Existenz von Emotionalisierung und Empörung. Das ist Verkaufsprinzip: Zuspitzung und Emotionalisierung. Du kannst bei BILD, BZ, Express und anderen Boulevardmedien also gut und gerne eine große Kelle Emotion aus dem Text nehmen, dann kommst du der Sache schon näher.

Social-Media-Überschriften sind häufig emotionalisiert. Man will ja Aufmerksamkeit, gelesen und geteilt werden. Das soziale Netz ist einfach gefühlsduseliger als eine gedruckte Wochenzeitung mit Analysen, Hintergrundberichten und Debatten.

Dabei lesen viele gar nicht den Artikel hinter dem Link, sondern reagieren nur auf die Überschrift. Die Überschrift muss also die Geschichte schon transportieren und Impulse setzen, darüber zu sprechen und den Link zu teilen.

Clickbaiting übertreibt es

Das nutzen die Anbieter natürlich und manche übertreiben es. Sie erreichen damit zweierlei: Die Klickzahlen steigen und damit die Werbeeinnahmen. Die Bereichtschaft und Häufigkeit zu teilen steigen und damit die Klickzahlen und damit die Werbeeinnahmen. Es ist aus Sicht derer, die solche Aufreger-Überschriften (neudeutsch: Clickbaiting) verbreiten, also lukrativ, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Das Geld ist die eine Seite der Motivation. Die andere ist politische Agitation, Propaganda. In beiden Fällen, lassen sich die User manipulieren und missbrauchen. Clickbaiting-Überschriften für vorhandene Texte zu produzieren, ist inzwischen ein eigener Wirtschaftszweig.

Es lohnt sich also, gerade sehr emotionale Geschichten im Netz zu hinterfragen. Denn oft ist da viel heiße Luft und wenig echter Inhalt. Wenn wir wissen, wie viel von der Geschichte wahr ist und wie viel übertrieben oder gar frei erfunden, sollten wir uns die nächste wichtige Frage stellen, nämlich nach der

Relevanz: Wie wichtig ist das?

Bleiben wir bei unserem Indianerkostüm: Wie viele Kinder verkleiden sich anno 2019 als Indianer? Nicht so viele? Richtig. Die Relevanz wäre also größer, würde man Prinzessin Lilifee wegen falscher Rollenvorstellung verbieten wollen oder Darth Vader, weil er so böse ist. Vielleicht auch Meister Yoda, um keine Kleinwüchsigen zu diskriminieren… Indianer ist jetzt nicht so der Burner unter den Kindern. Aber: Empörung erreicht. Das Netz ist beschäftigt. Der Rubel rollt.

Und echt jetzt, gerade während ich diesen Beitrag schreibe, geistert die Geschichte weiter durch die Weiten von Social Media. Eben begegnete sie mir als geteilter Link einer Gruppe, die ich sonst mag, von einer NDR-Seite, der offenbar auch auf das Thema aufgesprungen ist. Die Leute reden darüber, also lass uns auch ein paar Klicks einsammeln. Außerdem: Ist Hamburg, es gibt also vielleicht eine regionale Relevanz. Vielleicht. Vielleicht nicht. Die feiern ja eh keinen richtigen Karneval, so aus meiner Kölner Sicht. Und in Ottensen leben viele, die „was mit Medien machen“, also bestimmt auch NDR-Redakteure oder -Autoren. So entsteht subjektive Betroffenheit und ein Thema erscheint relevant, auch wenn es andernorts völlig wumpe ist. Zurück zum Karnevalswochennde:

Nebeneffekt: Wer mit Unwichtigem beschäftigt ist, hat keine Zeit für das Wichtige

Zur gleichen Zeit, als sich das Netz über angebliche Indianerkostümverbote empörte, plante der Vorsitzende der EVU-Fraktion (das sind die CDU-ähnlichen Parteien im EU-Parlament), Manfred Weber (CSU), die Abstimmung über das neue Urheberrechtsgesetz vorzuverlegen, noch vor einen Termin, bevor die Übersetzungen in die Muttersprachen der EU-Abgeordneten überhaupt vorliegen und bevor die von Kritikern angekündigten Demos für den 23. März stattgefunden haben.

Eine aufgeregte und empörte Julia Reda postete als EU-Abgeordnete ein Video direkt aus Brüssel. Eine aufmerksame Netzwerkkollegin von mir postete es mit dem Worten, wenn es nicht direkt aus dem Parlament käme, ich glaubte es nicht. Ging mir ähnlich. War ja auch unglaublich. Andere aufmerksame Leute verbreiteten diese Nachricht. Internetfachmedien sprangen auf und berichteten ebenfalls.

In Windeseile wurden von den Kritikern Eil-Demos organisiert, um dieses Ansinnen abzuwehren. Sie fanden – trotz Schwierigkeiten, wegen vielerorts geschlossener Ämter, war ja Karneval – am Karnevalsdienstag in mehreren deutschen Städten statt und am Abend ruderte Weber denn auch zurück und es bleibt bei der Abstimmung Ende März.

Warum das wichtig ist? Nun ja, einerseits geht es bei der Abstimmung um ein neues Gesetz, das eu-weit unser aller Handeln im Internet betrifft und verändern wird. Wir sind also alle betroffen. Andererseits ist das Ansinnen, eine Abstimmung durchzudrücken, um zu verhindern, dass Kritiker gehört werden, ziemlich undemokratisch. Auch dies betrifft uns tendenziell alle, wenn auch auf einer abstrakteren Ebene.

Zur gleichen Zeit passierte natürlich noch viel mehr auf der Welt. Und für jeden sind andere Themen wichtig. Das ist ok. Es soll ja nur ein Beispiel sein, dass es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen, die eigenen Impulse zu hinterfragen.

Wie findest du heraus, was hinter einer Überschrift steckt?

Mein erster Blick geht auf die Quelle, die URL: Wer schreibt das? Für wie glaubwürdig halte ich diesen Absender? Dabei hilft es natürlich, wenn man Vorwissen über die Absender und ihre Seriosiätt mitbringt. Und falls nicht: Du kannst ja mal den Namen des Absenders bei Tante Google eingeben und versuchen herauszufinden, was so über diesen Absender erzählt wird oder mit welchen anderen Absendern er genannt wird. Sind da seriöse Quellen dabei, die du kennst? Oder klingen die alle nach „nie-gehört. Wer soll das sein“?

Der zweite Blick geht also auf die Sache: Was ist die Kernaussage der Überschrift. Finde ich dazu weitere Berichte im Netz? Auf welche Quelle beziehen sie sich? Sind offizielle Quellen dabei oder ist das nur Hörensagen? Beziehen sich am Ende alle auf dieselbe Quelle? Was schreiben seriöse Quellen zur Sache?

Diesen Check  mache ich vor allem dann, wenn mir die Überschrift sehr emotionalisierend vorkommt, wenn ich die Quelle nicht kenne oder wenn ich die Quelle kenne, aber als wenig seriös einstufe. Und es lohnt sich. Denn erstens bekommst du auf diese Weise ein Gefühl dafür, wer dich im Netz dreist anlügt und kannst diese Absender bald genüsslich ignorieren. Zweitens bekommst du ein umfassenderes Bild, was wirklich geschehen ist und kannst dich, falls nötig, viel kompetenter aufregen. Und drittens bekommst du Zeit, dich um die wichtigen Dinge zu kümmern, weil du dich nicht mehr als aufgeregter Verteil-Hiwi missbrauchen lässt.

Sei autark: Spring nicht über jedes Stöckchen

Meine Bitte also: Folge nicht jedem Impuls, das macht dich manipulierbar. Halte inne und denk selbst. Spring nicht über  jedes Stöckchen, das dir in den sozialen Medien hingehalten wird. Empörung ist wichtig. Aber sie sollte an der richtigen Stelle anpacken. Zurück zu den Kindern: Ich halte so etwas beispielsweise für sehr viel relevanter: „2015 ergab eine Umfrage, dass 49 Prozent aller vier- bis zwölfjährigen Kinder noch nie auf einen Baum geklettert sind. (…) Keine Helikoptermutter lässt ihr Kind heute noch mit Pfeilen schießen. Ganz abgesehen davon, dass sie ihm kein Messer an die Hand geben würde, mit dem man Stöcke spitzt.“

 

Die Zitate stammen aus diesem Artikel in der Welt:  Gespensterdebatte: In der Kita sind die Indianer längst ausgerottet

Bildnachweis: pixabay, Conmongt

Teile/Teilen Sie diesen Beitrag: