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Fake oder Fakt: Was oder wem kann ich noch glauben?

Fake oder Fakt - Symbolbild

Diese Frage zu beantworten, fällt dir leichter, wenn du verstehst, was ein Artikel, ein Video, ein Podcast von dir will. Will er dich informieren? Will er dir eine Geschichte erzählen? Will er dich aufrütteln, überzeugen, dich aufregen? Will er mit deinen Gefühlen eine Handlung provozieren, etwa, dass du etwas kaufst, klickst oder teilst? Oder eine bestimmte Partei wählst? Welches Interesse verfolgt der Absender? Diese Fragen solltest du dir immer zuerst beantworten. Und dann entscheiden, was DU willst. In folgendem Artikel gibt es einige Tipps, wie dir das gelingt.

Merke: Je lauter und plakativer die Überschrift, umso mehr Vorsicht ist geboten

Je stärker ein Text auf deine Gefühle anspielt, umso kritischer solltest du sein, ob das stimmen kann, was da steht. Manipulative News sind auch, aber nicht nur frei erfunden. Oft wird ein Ereignis, eine Beobachtung genommen, die es wirklich gab. Aber durch Weglassen, Hinzudichten und Mutmaßungen wird daraus ein emotionaler Aufreger, der dich auf seine Seite ziehen will oder auch nur möchte, dass du dich über ihn aufregst und losschimpfst. Auch das bringt Klicks, also Erfolg. Die Macher solcher Meldungen wissen, dass viele nur die Überschrift lesen und dann teilen, liken, kommentieren, was das Zeug hält. Es gibt sogar Unternehmen, die dafür bezahlt werden, Texten solche reaktionsstarke Überschriften zu verpassen (Clickbaiting).

Wichtigste Regel: Mehr Ruhe für den Selbstcheck

„Zuerst denken, dann klicken“ heißt eine Community auf Facebook, die sich gegen Internetbetrug einsetzt. Ja. Erst denken. Bevor du also empört lospolterst, klickst, kommentierst, teilst, nimm dir ein bisschen Zeit und prüfe, ob das sein kann, was du da gerade gelesen, gesehen, gehört hast.

Zuerst: Schau auf das Datum

Letzte Woche ploppte in meiner Timeline dieser Aufreger auf: Ein Bäcker wird für seine Sachspenden an die Tafel vom Finanzamt zur Kasse gebeten. Große Aufregung. Ist ja auch echt dreist. In den Müll werfen wird nicht besteuert, verschenken schon. Und entsprechend regen sich die Leute unter dem Spiegel-Link auf. Vor allem die, die sowieso glauben, dass der Staat die Falschen besteuert. – Die Quelle ist ja auch seriös. Ja, ist sie. Das Ganze hat nur einen Schönheitsfehler: Es ist hoffnungslos veraltet.

Die Meldung stammt aus dem Jahr 2012. Sie war damals wahr und wirklich zum Empören. Nachdem der Spiegel und andere Medien darüber berichteten, änderte der Staat seine Regeln und das Problem war gelöst. Das herauszufinden kostete mich zwei Klicks auf Google. Dann ploppte die Meldung aus der Süddeutschen ebenfalls von 2012 auf: Fiskus verzichtet auf Steuern für Lebensmittelspenden.

Fang mit dem Faktencheck also bei dir selbst an. Gib nicht jedem Impuls nach, sondern prüfe, ob das, was du teilst, aktuell ist.

Faktencheck: Gib nicht jedem Impuls nach, sondern prüfe, ob das, was du teilst, aktuell ist. Klick um zu Tweeten

Achtung: Maßlose Übertreibung? Könnte Satire sein.

Ebenfalls letzte Woche in meiner Timeline: Ohne weiteren Kommentar postete jemand einen Link mit diesem Text:

„Papst Franziskus: „Der Islam hat gewonnen“ – Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Papst Franziskus, sieht angesichts der demographischen Entwicklungen keine andere Lösung, als die Realität anzuerkennen, dass der Islam über kurz oder lang die Welt beherrschen wird. Er ruft die Christen auf zu konvertieren.“ Quelle des Links: berliner-express.com

Die Meldung ist im Grunde so absurd, dass ich sofort davon ausgehe, dass das Satire ist. Aber andere Leute, andere Ansichten. Was der Poster dachte, weiß ich nicht, in den Kommentaren waren aber Leute, die das für bare Münze nahmen. Immer wieder kommt es vor, dass Leute satirische Beiträge für wahr halten. Satire lebt davon, dass sie den Finger in die Wunde legt, indem sie extrem zuspitzt, übertreibt, ins Lächerliche zieht oder eben auch mal frei erfindet. Das ist eine Kunstform. Blöd nur, wenn Leute Kunst und Nachrichten nicht auseinander halten können, weil sie erst losmeckern und das Denken auf später verschieben.

Wie kannst du prüfen, ob etwas eine Satire ist?

Ich kannte den Berliner Express bisher nicht. Also sah ich mir die Seite an. Auf der Titelseite des Absenders steht „Berliner Express – Nachrichten aus dem Zentrum der (Ohn)Macht“. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass es sich um ein Satiremagazin handelt. In Über uns schreiben die Macher: „Wir haben diese Webseite gestartet, um die Menschen zum Nachdenken zu animieren.“

Also: Erst denken, dann klicken, schreiben, teilen. Das ist ja auch für dich besser. Ist schließlich peinlich, wenn du dich aufregst und dann schreibt jemand darunter, dass du zu doof warst, eine Satire zu erkennen.

Faktencheck: Ist peinlich, wenn du dich aufregst und dann schreibt jemand darunter, dass du zu doof warst, eine Satire zu erkennen. Klick um zu Tweeten

Und dann gibt es noch diejenigen, bei denen ich meine Zweifel habe, ob wirklich Satire beabsichtigt ist, oder ob die sehr kleingedruckte Kennzeichnung „Satire“ als Feigenblatt benutzt wird, um ernst gemeinte Hetze zu legitimieren. Ich denke zum Beispiel an das Bild von einer Friday-for-Future-Demo, bei dem die Aussagen auf den Plakaten der Mädchen gefälscht waren. Ganz klein unten im Bild findet man bei gezielter Suche tatsächlich den Begriff Satire. Hier unterstelle ich, dass das Ziel nicht war, Leute aufzurütteln, sie ihrer Leichtgläubigkeit zu überführen und zum Nachdenken zu bewegen, sondern eher im Gegenteil, ihre Vorurteile zu verstärken, also die Gräben in der Gesellschaft zu vertiefen.

Sicher sind die Grenzen fließend und es ist nicht immer und nicht für jeden einfach, Satire zu erkennen. Umso wichtiger der Appell, sich Zeit zu nehmen und Meldungen zu überprüfen, bevor man sich aufregt. Egal, ob Fakenews oder Satirekunst.

Merke: Nicht nur auf die Überschrift reagieren

Das Markenzeichen von Boulevardzeitungen wie Bild, B.Z. oder Express ist seit jeher die Emotionalisierung. Dafür werden Nachrichten zugespitzt. Das bedeutet, Graustufen werden weggelassen oder verkleinert, die Kontraste Schwarz und Weiß sollen deutlicher hervortreten. Meistens: Hier die Guten, da die Bösen. Wie empörend. Seltener: Wie toll, wir freuen uns alle ganz toll mit. Ziel: starke Gefühle produzieren und dadurch mit kurzen Texten und starken Bildern Auflage bzw. Klicks produzieren, also Geld verdienen.

Die sozialen Medien haben diese Boulevard-Tendenz stark angeheizt. Denn sie belohnen, wenn viele Leute etwas teilen. Dadurch sind auch sonst eher nüchterne Publikationen verführt, möglichst emotionale, klickstarke Überschriften zu produzieren. Damit sie sichtbar sind. Und es kommt, wie es kommen muss: Das Netz ist voll davon, dass in den Kommentaren über eine Überschrift gestritten wird und über alles, was Leuten zu dieser Überschrift einfällt. Nur ein Bruchteil hat den Text wirklich gelesen. Hauptsache aufgeregt.

Denk dran: Jeder Klick bringt Geld und Aufmerksamkeit

Also nochmal ganz langsam: Je größer der Aufreger in der Überschrift, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass etwas geteilt und darüber gesprochen wird. Das haben die extremen Kräfte im Meinungsspektrum sehr gut verstanden und wissen, es für sich zu nutzen. Überlege dir also, bevor du etwas anklickst, kommentierst oder teilst, ob du den Absender wirklich unterstützen möchtest.

Wir leben in einer Welt der Algorithmen, deshalb sollten wir nicht als digitale Analphabeten durch das Netz klicken. Je häufiger etwas geklickt wird, umso öfters wird es anderen Leuten angezeigt und bekommt somit mehr Aufmerksamkeit. Außerdem steigen die Einnahmen für Seiten mit ihren Klickzahlen. Im Zweifel finanzierst du mit deiner Reaktion also Leute, die du am liebsten auf den Mond schießen möchtest.

Erst denken, dann handeln. Im Zweifel finanzierst du mit deiner Reaktion Leute, die du am liebsten auf den Mond schießen möchtest. Klick um zu Tweeten

Wie prüfe ich, ob etwas stimmt? Faktencheck

Wenn die Quelle suspekt ist oder du sie nicht kennst, kannst du, ohne sie anzuklicken, prüfen, ob die Überschrift bzw. die angezeigte Kurzinfo stimmen kann. Erstmal Tante Google fragen:

Methode Google: Wer berichtet sonst noch?

Wenn nur dieses eine Medium berichtet oder wenn alle Medien, die berichten, aus der gleichen Ecke kommen, es zum Beispiel alles rechtspopulistische oder verschwörungstheoretische Medien sind, (einige sind unten aufgelistet), handelt es sich höchstwahrscheinlich um Propaganda und Fakenews. Auch wenn die Nachricht einen wahren Kern hat, wird dort über Auslassungen und Mutmaßungen häufig extrem tendenziös und manipulativ geschrieben. Wenn eine Nachricht wahr und wichtig ist, kannst du davon ausgehen, dass auch andere Absender darüber berichten. Je nachdem, ob die Nachricht nur für eine Region für wichtig eingeschätzt wird oder bundesweit, findest du sie bei den regionalen oder überregionalen Medien (auch hier sind einige aufgelistet), der Polizei, bei  Berufs- oder Branchenverbänden etc.

Methode Quellencheck: Wer wird im Text als Quelle genannt?

Woher stammt die Information? Aus einer offiziellen Quelle wie Polizei, Staatsanwaltschaft? Von einer bestimmten Partei? Von Augenzeugen? Vom Hörensagen? Nur Vermutungen? Keine Quelle, also Behauptung oder Meinung des Autors? Ist eine Meinung als solche gekennzeichnet oder versucht jemand Meinung als Fakt zu verkaufen? – Welches eigene Interesse hat möglicherweise die Quelle?

Methode Sprachcheck: Sachlich oder emotional geschrieben?

Nachrichten sind meist nüchtern und langweilig formuliert: Am Datum hat Handelnder diese Handlung gemacht. Das sagt die Quelle. So ist eine klassische Newsmeldung aufgebaut. Weil das vielen Leuten zu langweilig ist, wird das insbesondere im Netz häufig anders erzählt, ergänzt mit Stimmung, Ambiente, einer Geschichte, erzählt aus einer subjektiven Perspektive. Das ist journalistisch ok. Schließlich sollen die Texte schön zu lesen sein. Aber wenn es um den Faktencheck geht, müssen wir hinsehen. Was sind die nackten Fakten und was ist Deko, Kleidung, Schmuck? Was ist Fakt, was ist Wertung?

Hinsehen beim Faktencheck: Was sind die nackten Fakten und was ist Deko, Kleidung, Schmuck? Klick um zu Tweeten

Methode Vielfalt: Wie unterscheiden sich die Berichte in den Medien?

Wenn auch andere Medien berichten, dann lies am besten mehrere Texte aus unterschiedlichen politischen Lagern. Was sind die Fakten, was beschreibt eher die Stimmung also Gefühle? Was wird von vielen identisch geschildert? Was weicht ab? Wähle bewusst seriöse Medien mit unterschiedlicher Perspektive. Wenn also der konservative Münchner Merkur, die wirtschaftsliberale FAZ, die sozialliberale Süddeutsche und die links-ökologische taz alle das Gleiche berichten, dann sind die von nichts anderem gesteuert, als von journalistischen Qualitätskriterien. In den Kommentaren, Kolumnen, Essays und anderen Meinungsformaten erkennst du schnell die mitunter sehr unterschiedlichen politischen Haltungen und Meinungen der Autor*innen. Und das ist ja gut so. Demokratie lebt schließlich von Meinungsvielfalt.

Oder: Frag die Faktenchecker

Bei besonders radikalen bzw. besonders empörenden, emotionalen Behauptungen lohnt es sich, die zu fragen, die sich das Überprüfen von Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt zur Aufgabe gemacht haben. Zum Beispiel mimikama.at, eine gemeinnützige Organisation, die über politisch motivierte Falschmeldungen ebenso aufklärt wie über Hoaxes (Kettenbriefe) oder virenverseuchte Shopping-Rabatte. Aber auch auf anderen Seiten gibt es, vor allem, wenn es um wichtige aktuelle Ereignisse geht, oft einen Faktencheck nach dem Motto: Was wir wissen und was nicht.

Die Boiling-Frog-Methode ist effektiver als Hau-drauf

Zum geschickten Vorgehen derjenigen, die mit wilden Behauptungen und Fakenews die Gesellschaft spalten und die Demokratie schwächen wollen, gehört es, dass sie uns nicht mit dem Holzhammer bearbeiten, sondern in kleinen Dosen unsere Wahrnehmung verschieben. Schritt für Schritt manipulieren sie unsere inneren Bilder, schüren Ängste, benennen Schuldige, bieten scheinbar einfache Lösungen an. Sie docken an vorhandene Vorurteile und Meinungen an, verstärken sie langsam, werden Stück für Stück radikaler. Dafür gibt es einen Begriff: Boiling-Frog-Methode.

Boiling Frog ist eine Fabel, in der ein Frosch gekocht wird und stirbt, weil er nicht rechtzeitig aus dem Kochtopf springt. Er tut es deswegen nicht, weil sich die Wassertemperatur nur langsam erhöht, so dass er sich an das heißere Wasser gewöhnt, bis es irgendwann zu spät ist und ihm die Kraft fehlt, zu springen.

Der Ton in unserer Gesellschaft und den sozialen Netzwerken ist bereits spürbar rauer geworden. Demokratie- und europafeindliche Kräfte haben in ganz Europa erschreckenden Zulauf und sind mancherorts an der Macht. In mehreren europäischen Staaten wurden der Einfluss der freien Presse und des funktionierenden Rechtssaats, zwei wichtiger Garanten unabhängiger Kontrolle des Staates, bereits eingeschränkt. Andernorts führt die Anti-Europa-Hetze zum Wiederaufflammen mühsam beendeter Konflikte, wie kürzlich in Nordirland.

Bei allem, was in der EU schlecht läuft und wofür sie zu Recht kritisiert wird: Wir dürfen nie vergessen, dass sie uns den längsten Frieden beschert hat, den wir hierzulande kennen. Die Befriedung ihrer Mitgliedsstaaten ist historisch sicher die wichtigste Leistung der EU.

Bei diesen Absendern solltest du besonders skeptisch sein

Bekannte rechtspopulistische oder rechtsextreme oder verschwörungstheoretische Medien in Deutschland sind Pi-News, Epochtimes, Russiatoday kurz rt, Compact, Alpenschau, Philosophia Perennis, der Kopp-Verlag, Junge Freiheit, Ken FM, Netzfrauen. Vorsicht auch, wenn etwas von der Gesellschaft für Deutsche Sprache e.V. kommt. Dabei handelt es sich um einen der AfD nahestehenden Verein, der einen Dreck auf den Duden gibt, dafür aber offenbar große Angst vor Gleichberechtigung und Muslimen hat.

Auch seriöse Publikationen haben eine Haltung und das ist ok so

Während die FAZ mit wirtschaftsliberaler Haltung die Nachrichtenlage einschätzt, tut das die Süddeutsche Zeitung mit sozialliberalem Blick. Beides ist ok. Das gilt auch für das CSU-nahe Blatt Münchner Merkur oder die eher links-ökologische taz. Wenn man weiß, wie ein Medium einzuschätzen ist, versteht man besser, warum es Dinge sieht, wie es sie sieht.

In den letzten Monaten herausragend aufgefallen ist mir die Zeit. Schon immer stand sie dafür, dass sie Pro und Kontra, Rede und Gegenrede zu Themen publiziert, also bewusst unterschiedliche Meinungen zu einem Thema ins Blatt holt und die Debatte anregt. Und sie hat einen hohen Qualitätsanspruch, weit weg vom Boulevard.

Als es etwa um die EU-Urheberrechtsreform ging, nahm sie ein Streitgespräch zwischen filmemachendem Vater und youtubendem Sohn ins Blatt, die sich über ihre Sicht der Dinge austauschten. Eine tolle Idee, zwei gegensätzliche Positionen gegenüberzustellen. Auch jüngst, beim Kühnert-Vorstoß zur Kollektivierung großer Unternehmen betrachtete sie seine Idee von ganz unterschiedlichen Seiten und ließ unterschiedliche Autor*innen und Interviewgäste zu Wort kommen.

Überboten sich früher Intellektuelle in der Zeit gerne mit komplizierten Formulierungen und vorausgesetztem Wissen und machten ihre Texte so für Normalos schwer verstehbar, so ist die Zeit heute viel zugänglicher. Man muss nicht mehr studiert haben, um sie zu lesen. Gut so.

Und was ist mit Relotius?

Natürlich gibt es noch viele andere seriöse wie unseriöse Medien, die ich hier unmöglich alle aufzählen kann. Und dann gibt es ja noch Einzeltäter, wie Relotius, dem seriöse Blätter auf den Leim gegangen sind. Allerdings waren Relotius-Fälschungen weniger dazu da, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu manipulieren. Sie bedienten eher Eitelkeiten. Die eigene wie die der Redakteure, die seine Geschichten einkauften. Relotius wollte ein Star sein und Anerkennung bekommen. Schreiben kann er ja. Sehr gut sogar. Redakteure wollten perfekte Geschichten, die Relotius lieferte. Vor lauter Eitelkeit und perfekten Geschichten blieben die Wahrhaftigkeit und Wahrheit auf der Strecke. Hier müssen sich die Geschädigten selbst reflektieren und ihr eigenes Qualitätsmanagement überarbeiten.

Das ist tatsächlich aber etwas anderes als die gezielte politische Agitation, wie sie von der international vernetzten und finanziell gut ausgestatteten Neuen Rechten und von russischer Seite betrieben wird. Beide haben aus unterschiedlichen Gründen das Interesse, westliche Demokratien zu schwächen, Gesellschaften zu spalten und setzen dabei professionelle Marketing-Instrumente ein. Social Media können die. Und zwar beeindruckend gut.

Warum werden rechtsnationale oder sogar rechtsextreme Medien nicht verboten?

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Voltaire hat sich vor 300 Jahren etwas dabei gedacht, als er gesagt haben soll:

„Ich mag verurteilen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst.“

Es ist auch technisch nahezu unmöglich, es sei denn man würde eine Zensur einführen, wie sie in China, Saudi-Arabien oder ähnlichen Ländern üblich ist. Das können wir nicht wollen. Das wäre ja, als schafften wir aus Angst vor Demokratiefeinden unsere Demokratie gleich selbst ab.

Was können Facebook, Youtube und Co tun?

Die großen kalifornischen Internetkonzerne können schon etwas tun. Sie könnten ihre Algorithmen so umbauen, dass Fakenews nicht mehr so stark bevorzugt werden. Sie können einerseits selbst mehr Faktenchecks einbauen. Aber vor allen Dingen könnten sie uns Nutzern mehr Rechte geben, unsere Timeline zu gestalten. Im Moment entscheidet der Algorithmus nach mir nicht nachvollziehbaren Kriterien, was er mir anzeigt und was nicht. News von Freunden, von denen ich gerne wüsste, was sie gerade umtreibt, sehe ich nicht, dafür News von Leuten, die ich nicht oder kaum kenne und deren Inhalte mich weit weniger interessieren. Umgekehrt werden auch meine Inhalte nicht unbedingt den Leuten angezeigt, die sie eigentlich gerne sehen möchten, sondern allein der Algorithmus entscheidet, wer von uns was sieht. Das nervt.

Einen ersten Schritt hat Facebook getan und Profile dreier prominenter Verschwörungstheoretiker und Rassisten gesperrt. PR-Maßnahme gegen das eigene schlechte Image oder ernsthafter Versuch der Besserung? Wir werden sehen.

Wo kann ich mich seriös zur Europawahl und den Parteien informieren?

Wenn du eine Idee bekommen möchtest, zu welcher Partei du tendierst, mach den Wahl-o-Mat. Alle 41 Parteien, die zur Europawahl antreten, haben zu 38 Thesen geantwortet, wie ihre Partei dazu steht. Darunter sind die, die man kennt und völlig unbekannte Parteien, auch neue Parteien sind dabei. Du kannst acht Parteien auswählen. Und du kannst den Wahl-o-Mat so oft wiederholen, wie du willst. In der Auflösung siehst du in Kurzfassung die jeweilige Position einer Partei zu der Frage.

Das geht echt fix und du hast einen ersten Überblick. Anschließend solltest du freilich prüfen, ob das so stimmig ist und vielleicht nochmal vergleichen.

Seien wir froh, dass wir die Wahl haben. Froh, dass wir eine Wahl nicht so lange wiederholen müssen, bis das Ergebnis den Machthabenden gefällt. Klick um zu Tweeten

Egal, wen du wählst, geh wählen. Seien wir froh, dass wir die freie Wahl haben. Seien wir froh, dass wir eine Wahl nicht so lange wiederholen müssen, bis das Ergebnis den Machthabenden gefällt. Seien wir froh, dass wir unsere Meinung sagen dürfen, ohne Angst haben zu müssen, deswegen ins Gefängnis zu gehen. Und schützen wir diese Freiheit, auf dass wir und unsere Kinder sie behalten.

Ein paar nützliche Links:

Der Wahl-o-Mat natürlich: https://www.wahl-o-mat.de/europawahl2019/

FPÖ-Watch liefert einen Überblick zur Medienlandschaft im rechten Spektrum bis hin zu Verschwörungstheoretikern. Nicht alle Seiten  sind immer unseriös. Die Autoren erklären, wie sie die Seite einschätzen und warum (Stand Juli 2018): https://medium.com/@fpoeticker/das-abc-der-unseri%C3%B6sen-quellen-eine-%C3%BCbersicht-e5fe1322fb2f?fbclid=IwAR1UuW-KRALR5GTmp5MKtXMLNIUGUqIVt5jamG5SZnbbdNqcsF5o8RZKbaY

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt zur rechtsextremen Szene und ihren Medien: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/236159/rechtsextreme-szenen-und-medien

Meedia  gibt einen Überblick über das rechte und das verschwörungstheoretische Milieu (Stand März 2016): https://meedia.de/2016/03/18/kopp-sputnik-epoch-times-co-nachrichten-aus-einem-rechten-paralleluniversum/

Hier ein allgemeiner, unpolitischer Überlick, welche Zeitungen zu welchem Verlag gehören: https://www.wer-zu-wem.de/dienstleister/zeitungsverlage.html

Auch Medienmacher fallen schon mal auf Satire rein: https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/medien-satire-101.html

Zur Facebook-Sperre schreibt die Süddeutsche: https://www.sueddeutsche.de/digital/facebook-sperre-yiannopoulos-jones-farrakhan-1.4430751

Und die Seite von Mimiakama: https://www.mimikama.at/

* Text: Sigi Lieb; Bild: asterknaster auf pixabay, bearbeitet von Sigi Lieb

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