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Identität – Hin- und hergerissen zwischen den Kulturen – Folge 15

Portrait Adnan Meha

Adnan Meha lebte schon in mehreren Ländern auf dem Balkan und in Skandinavien und sprach drei Sprachen fließend, bevor er in die Schule kam. Die Schulsprache Deutsch war Sprache Nummer vier. Er lernte schnell und kam gut zurecht. Dennoch bekommt der 32-jährige, der als Lehrer am Berufskolleg arbeitet, immer wieder zu spüren, dass er nicht vor hier ist.

 Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich habe das Gefühl, dass sich meine ganze Jugend unbewusst nach der Identität gesucht habe, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich denke aber, dass es normal ist, sich in jungen Jahren erst finden zu müssen und einige Identitätskrisen zu durchlaufen. Vor allem wenn man mit fünf Jahren in einem fremden Land ankommt und eine Odyssee durch den ganzen Balkan und halb Skandinavien hinter sich hat. Man fühlt sich hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen. Das Gute daran, in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein, ist, die positiven Eigenschaften beider für seine Zwecke einsetzen zu können. Denn so sehr deutsch wie meine (deutschen) Kollegen und Freunde mich sehen, so wenig bin oder halte ich mich für deutsch! Ich habe von allem etwas, aber immer gleich, ehrlich und geradlinig.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Kinderbild AMIch selbst bin im Kosovo in der Stadt Peje geboren, so wie mein Vater auch. Meine Mutter ist in Montenegro geboren und ist als Jugendliche mit ihrer Familie in den Kosovo gezogen wo sich meine Eltern dann kennengelernt haben. Als ich ein Jahr alt war, haben meine Eltern aus beruflichen Gründen das Auswandern nach Skandinavien gewagt und sind über Schweden in Norwegen gelandet. Im Alter von fünf sind wir dann nach Deutschland weitergezogen und in einem kleinen Ort im idyllischen Sauerland gelandet. In der Zwischenzeit ist die Familie meiner Mutter nach Bosnien (Sarajevo) gezogen, weshalb ich einen großen Bezug zu diesem Land und der Stadt habe, da ich meine Familie mutterseits bewusst nur aus Bosnien kenne. Zudem leben meine Großeltern seit dreißig Jahren in der Schweiz, sodass zu diesem Land auch eine gewisse Zuneigung herrscht.

Froh war ich, zum Studieren in eine große Stadt ziehen zu können, bin aber im beschaulichen Paderborn gelandet. Dort habe ich sieben Jahre studiert, gearbeitet und gelebt, bevor es beruflich weiter nach Düsseldorf ging, wo ich mich zurzeit sehr wohl fühle.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Nach meinem ersten Studium war ich mit 23 Jahren noch ziemlich jung. Klar hat man ein wenig in den Semesterferien gearbeitet oder hatte im Studium ein längeres Praktikum, aber plötzlich vierzig Stunden die Woche zu arbeiten, weil man seine Miete und alles andere bezahlen muss und dies vorher mit dem Bafög und mit einem lustigen 400-Euro-Job erledigt war, ohne größere Verpflichtungen, war eine Umstellung. Da fängt das Leben plötzlich an und man wird, ohne es zu bemerken, vom feiernden, lockeren Studentenleben in das wahre Leben gedrängt.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Die Anfangszeit meiner Grundschulzeit war nicht ganz so einfach. Nach meiner Ankunft in Deutschland hatte ich drei Monate bis zur Einschulung. Ich bin 1989 in Deutschland angekommen und im beschaulichen Sauerland waren alle überfordert mit Ausländerkindern und das Wort Integration hat damals noch nicht existiert. Dadurch, dass ich zu dieser Zeit schon drei Sprachen fließend sprach, war für die vierte Sprache (Deutsch) auch noch ein wenig Platz, sodass ich schnell Fortschritte machte und dementsprechend auch schnell Anschluss fand. Meine Jugend bestand aus viel Zeit für Sport und meine Freunde, aber umso weniger Zeit für Lernen und Schule. Für die Schule hatte ich keinen Sinn entwickelt, das kam irgendwie erst nach dem Abschluss der zehnten Klasse der Hauptschule. Besser spät als nie. In Erinnerung sind mir die Lehrer geblieben, die mich trotzdem immer auf meinem Weg unterstützt haben und mich nicht dafür verurteilt haben, dass ich nur das Nötigste getan habe.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

AM sw-BildIch hatte, bis ich 21 Jahre alt war, den bosnischen Pass und habe seitdem den deutschen. Das ist für mich nicht einfach zu beantworten. Eigentlich müsste ich sagen, dass Deutschland meine Heimat ist, aber das kann ich nicht. Denn, um ehrlich zu sein, spürt man und es wird einem oft deutlich gemacht, dass das hier nicht meine Heimat sind. Ich kann aber auch nicht sagen, dass der Kosovo oder Bosnien meine Heimat ist. Ich weiß, woher ich komme, wo meine Wurzeln sind und welches Land mich am meisten geprägt hat. Ich vermute,  so ist es bei allen migrierten Menschen: Das Verlangen nach dem Gefühl von Heimat macht einen rastlos. Wohl fühle ich mich da, wo meine Familie ist und meine Freunde nicht weit weg sind.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Theoretisch brauche ich nicht viel, um irgendwo zurechtzukommen. Aber so blauäugig würde man in meinem Alter nicht mehr an so etwas herangehen. Ganz pragmatisch und unromantisch würde ich sagen: einen besonderen Grund, so etwas zu tun, ein Dach über dem Kopf und – ganz wichtig – einen Job, womit ich das Dach über dem Kopf bezahlen kann.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Am mit HundenDie meisten Menschen, die mich nach meiner Herkunft fragen, sind aus positiver Neugier daran interessiert oder vielleicht, weil ich ohne Akzent ganz normales Hochdeutsch spreche. Das einzige, was mich ausländisch wirken lässt, ist mein südländisches Aussehen. Es ist ja auch interessant, viel von den Menschen zu erfahren, die man kennenlernt oder sympathisch findet. Ein ganz normaler Vorgang. Leider gibt es (man muss sagen immer noch) Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht akzeptieren wollen oder können, dass Deutschland ein Land ist, welches nicht nur Deutschen, sondern auch vielen Menschen aus anderen Herkunftsländern die Möglichkeit bietet, hier zu leben und erfolgreich zu sein. Ich muss sagen, dass ich leider noch viel zu oft daran erinnert werde, hier nicht willkommen zu sein. Ob im Rewe an der Kasse oder in der U-Bahn, es war schon alles dabei. Ich muss zugeben, dass es mich in meinen jungen Jahren ziemlich gestört hat, aber ich kann schon lange darüber hinwegsehen. Denn ich weiß, dass dies nur ein kleiner Teil ist.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Ich müsste theoretisch jedes Mal ziemlich weit ausholen, da meine Herkunft wie zu Beginn erwähnt, nicht in zwei Sätzen erzählt ist. Aus diesem Grund erzähle ich erst einmal nur die Lightversion, um das Ganze etwas abzukürzen. Da ich beruflich ebenso wie bei meiner Herkunft viel erzählen müsste, da ich zwei Mal studiert habe und am Ende am Berufskolleg gelandet bin, kürze ich dies ab. Auch vielleicht, um mein Gegenüber nicht zu langweilen oder zu nerven. Mich nerven  die Vorurteile von manchen Menschen. Wenn man dann gesagt bekommt: „Wie? Du hast studiert?“, nach dem Motto, Ausländer können doch eigentlich nicht studieren. Aber na ja… mit diesen Menschen unterhält man sich dann eh nicht lang.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

AM in MeditationIch bin nicht religiös und gehöre auch keiner Glaubensrichtung an. Ich versuche einfach, meinen Werten und Normvorstellungen zu folgen, damit bin ich bisher am besten gefahren. Ansonsten versuche ich, immer authentisch zu sein, so wie ich tatsächlich bin. Denn ansonsten wäre ich, denke ich, nicht glücklich.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Menschheit alles dafür tut, im Chaos zu versinken und jeder für sich alleine alles im Überfluss besitzen möchte. So viele Baustellen mit Terror, Armut, Kriegen, beschränkten Menschen, die Länder führen und noch beschränkteren Menschen, die sich diesen anschließen. Bin gespannt, wo das endet. Weiterhin hat man das Gefühl, dass alles dafür getan wird, die Menschen und vor allem die Jugend in Deutschland zu verblöden. Da hat es die Schule schwer dagegenzuhalten. Dort wird alles versucht, die Kinder und Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen und sobald die Kids zuhause ankommen, ist das mit einer Folge „Berlin Tag und Nacht“ verschwunden. Ich würde mir wünschen, dass es ein wenig ruhiger wird auf der Welt, dass jeder ein normales Leben führen möchte. Ohne Überfluss.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Die meisten würden, glaube ich, sagen, irgendwo unter der Sonne mit einem Cocktail in der Hand usw. Ich möchte, solange ich noch jung bin, mitten im Geschehen Leben, dort wo das Leben pulsiert. Irgendwann kann ich mir vorstellen, irgendwo in Ruhe mit Haus und Garten usw.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Die meisten Fotos wurden von Adnan Meha zur Verfügung gestellt. Das Portraitfoto im Titel habe ich, Sigi Lieb, erstellt.

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