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Identität – Ich bin ein Cocktail – Folge 08

Elizaveta Khan ist eine faszinierende Frau, ein Energiebündel, bei dem ich mich manchmal frage, woher sie ihre Energie nimmt. Lisa kam als 9-jährige mit ihrer Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland, wo sie Deutsch lernte, Soziale Arbeit studierte, die gemeinnützige Organisation Integrationshaus e.V. gründete und seither viele Projekte anstößt, steuert und begleitet und dafür Preise einsammelt. Sie unterrichtet Deutsch als Zweitsprache, lehrt an einer Fachhochschule und engagiert sich in der Stiftung Kalk gestalten. Die 34-jährige hat nicht nur selbst Migrationserfahrung, sondern arbeitet jeden Tag mit Menschen aus aller Herren Länder zusammen und hilft ihnen, ihre Probleme zu lösen. Was bedeutet Identität eigentlich für sie?

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich bin immer noch auf der Suche und bewege mich immer in dem Zwischenfeld zwischen – wieviel bin ich und wieviel macht meine Umgebung mich zu mir, bzw. wieviel „ihr“ brauche ich für „mich“.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Mein größter Umzug war die Migration von Moskau nach Köln. Mein Vater war Künstler und floh 1989 nach Köln. 1991 holte er uns, die Familie, nach. In Köln sind wir auch vier Mal umgezogen, aber das war nur mit viel Umzugsstress verbunden.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

KinheitsfotoDer Umzug von Moskau nach Köln war eine schwierige Phase, da alles neu war und wir nichts verstanden haben. Ich kam als 9-jährige in die dritte Klasse einer Grundschule, dann ging das mit dem Spracherwerb sehr schnell.
Die größte Herausforderung war aber die Armut. Der Umzug von Moskau bedeutete einen heftigen sozialen Abstieg. Dort hatten wir viel Eigentum, gehörten zur Bildungselite. Hier hatten wir nichts. Eine weitere schwierige Phase war die Scheidung unserer Eltern, da ich ab 13 Jahren die Mutterrolle für meine jüngeren Geschwister übernehmen musste. Meine Mutter musste viel arbeiten, um uns zu versorgen, auch ich habe mit 14 Jahren angefangen neben der Schule zu arbeiten.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

In Erinnerung geblieben sind mir meine Lehrer, die alle sehr nett waren und sehr viel Rücksicht auf meine nicht vorhandenen Sprachkenntnisse genommen haben. Und meine Mutter, die sehr dafür gekämpft hat, dass wir alle auf ein Gymnasium gehen konnten. In meiner Jugend habe ich die Freundinnen fürs Leben gefunden – das hält nun schon seit über 20 Jahren und ich hoffe, das bleibt für immer so.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Ich fühle mich mit Köln und den Menschen in meiner Umgebung sehr verbunden, hier fühle ich mich zuhause. Aber eine Heimat habe ich nicht. Meine Muttersprache löst in mir viele Zuhause-Gefühle aus, und auch der Geruch der Metro und manche Gerüche. Ich denke manchmal, dass, wenn ich eine eigene Familie gründe, ich eine Heimat finde…

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Fotos meiner Freunde und Familie, einen Stadtplan und das entsprechende Wörterbuch

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Ich beantworte die Frage folgenderweise: Meine Mutter ist Russin mit deutsch-armenischen Vorfahren, mein Vater ist Südkoreaner-Japaner, ich bin in Moskau geboren und habe die russische Staatsbürgerschaft, obwohl ich gerne die deutsche Staatsbürgerschaft hätte, aber das ist kompliziert. Ich bin ein Cocktail. Ich persönlich bewerte die Frage nicht, weil ich einfach aus einem anderen Land komme, ich habe auch nichts gegen das Wort Ausländer. Aber ich kann Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und sich für die deutsche Identität entschieden haben, verstehen, wenn sie von der Frage genervt sind. Ich ziehe es immer vor, Menschen nicht zu verletzen, als meine gegebenenfalls vorhandene Neugier zu befriedigen. Ich bin der Ansicht, ein jeder sollte selbst entscheiden, ob die Frage nervig, verletzend etc. ist oder nicht.Grafik

Zum Thema Migrationshintergrund habe ich diese Zeichnung angefertigt. Denn gerade im öffentlichen Raum wird diese Titulierung je nach Situation benutzt oder eben auch nicht. In dieser Zeichnung habe ich den Migrationshintergrund mit den Wechselpräpositionen* in Zusammenhang gesetzt, um zu verdeutlichen, dass der Migrationshintergrund sehr verschieden ausgelegt werden kann und es vor allem auch darauf ankommt, welche Rolle die Merkmalsträgerinnen und Merkmalsträger diesem Faktor beimessen und wie die Gesellschaft und der öffentliche Diskurs diesen Faktor bewerten.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Die Frage: „Warum sind Sie nicht verheiratet“ oder „Sie haben noch keine Kinder?“ finde ich manchmal nervig, aber das liegt vor allem daran, dass ich mich das selbst manchmal frage…Ich beantworte sie meistens mit Humor – ich bin vielleicht davon genervt, aber ich muss den/die Fragende nicht damit nerven. J

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

„Wer behauptet, ich sei ein Schwärmer, der die Erde in ein Paradies verwandeln wolle, hat nicht Recht. Nur wenige haben so wenige Illusionen wie ich. Ich spüre nur die Verantwortung mich für das einzusetzen, was ich für gut und richtig halte. Ob es mir hin und wieder gelingt, tatsächlich etwas zum Besseren zu wenden, oder ob es mir überhaupt nicht gelingt, etwas zu verändern, das weiß ich selbstverständlich nicht. Ich lasse beide Möglichkeiten zu. Ich lasse nur eines nicht zu: dass es grundsätzlich keinen Sinn mache das Gute anzustreben“, Vaclav Havel.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Der Unterschied zwischen arm und reich und die Menschen, die oft in ziemlich schwierigen Situationen allein gelassen werden, empfinde ich als größte Herausforderung. Und der Mangel an einer nachhaltigen Sicht sowie die Nicht-Berücksichtigung von Menschen als Menschen und nicht als Zahlen/Produkte/Leistungsträger machen mir auch Sorge. Ich hoffe, dass wir mit der Zeit eine einladende Gesellschaft werden, und alle Menschen mit ihrem ganzen Ich einen Platz in dieser finden.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

Tja, dort, wo ich gerade lebe – ich bin ein „Jetzt“-Mensch im Sinne von „Jeder Tag ist ein neuer Tag und er ist einmalig!“. Wunsch-Wunsch-Wunsch-Ort wäre aber auch ein Ort am Meer.

Vielen Dank für das Gespräch!

*  Alle Fotos wurden von Elizaveta Khan zur Verfügung gestellt.

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