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Identität: Ich möchte mich beamen können – Folge 03

Mino Veigas* ist ein gastfreundlicher und geselliger Mann von 48 Jahren, der gerne Fahrradtouren unternimmt, Fußball mag und sehr gut kochen kann. Von Beruf ist er Übersetzer für Spanisch. Obwohl er einen spanischen Pass besitzt, würde Mino von sich nie sagen, er sei Spanier. Mino ist Asturier und wenn er von Asturien spricht, klingt Wehmut mit. Das Leben trug ihn über diverse Orte Spaniens und über England nach Deutschland, wo er jetzt seit 14 Jahren lebt. Minos Weg weg aus seiner Heimat war den Umständen geschuldet und nicht ganz freiwillig und so lebt er mit seinen Gefühlen in beiden Welten, im Rheinland und in Asturien, wie er uns im Interview erklärt.

Interview:

Wie würdest du deine Einstellung zum Thema Identität oder Identitäten beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Identität ist für mich ein wichtiges Gefühl, das mich seit der Kindheit geprägt hat. Identität ist auch in meiner asturischen Heimat ein zentrales Thema. Asturien hat eine besondere historische Identität: die keltische Vergangenheit, der Ursprung des aktuellen Spaniens (1. Königsreich), die besondere Landschaft mit den Bergen und dem atlantischen Ozean und die Wetterverhältnisse. Das unterscheidet sich klar vom Inland-Spanien und die Asturier grenzen sich davon ab. Sie haben eine eigene Essenstradition, den Dudelsack sowie eine eigene Sprache. Ich identifiziere mich heute mehr mit Deutschland. Ich höre keine asturische Musik mehr, spiele keinen Dudelsack mehr, koche andere Sachen. Deutschland empfinde ich als solidarischer. Ich denke, nur hier kann ich glücklich sein. Die Asturier sind mir fremd geworden.

Bist du oft umgezogen? In welchen Ländern und an welchen Orten hast du gelebt?

Ja. Ich habe an unterschiedlichen Orten in Spanien gelebt, in Asturien, auf den Balearen und den Kanaren. Ich war zwei Jahre in England, in London und Cambridge. Und in Deutschland kam ich über Würzburg und Wuppertal nach Köln. Mich zog es immer wieder zurück nach Asturien. Ich wollte mir dort eine Zukunft aufbauen. Aber das ging einfach nicht. Entweder war ich überqualifiziert oder nicht reich genug. Über die Zeit als Erasmusstudent in Deutschland hatte ich Kontakte hierher geknüpft. Und als mir ein Job als Übersetzer angeboten wurde, habe ich Ja gesagt.

Gibt es eine Phase in deinem Leben, in der du dich stark umstellen musstest, weil plötzlich alles anders war? Was war das Schwierige?

Claro, es gab mehrere solcher Phasen. Erstmal war es schwer, überhaupt die Heimat verlassen zu „müssen“. Das gab mir das Gefühl, eine sehr große Lücke in meiner Seele zu haben. Dazu vermisste ich das Essen, die Traditionen, die Sprache und die Landschaft. Ich war frustriert, diesen Schritt machen zu „müssen“ auf der Suche nach Stabilität und Ruhe, die die Heimat nicht anbieten konnte oder nicht angeboten hat.

In England fand ich es schwierig, trotz sehr guter Englischvorkenntnisse. Vor allem die Anpassung an die Menschen war problematisch. Man wird oft verachtet, weil man kein Muttersprachler bzw. Ausländer ist. Ich hatte dort ein starkes Einsamkeitsgefühl und bin nie richtig angekommen, obwohl ich fast zwei Jahre in England lebte und arbeitete.

Nach Deutschland kam ich mit nur wenig Deutschkenntnissen. Die Anpassung an die Gesellschaft bereitete mir große Schwierigkeiten, vor allem, andere Menschen und die Medien zu verstehen. Nach einiger Zeit sehr intensiver Lernzeit zeigt den Verlauf nach oben und bleibt so seit 14 Jahren. Was mir an Deutschland gefällt, ist die direkte Art. Ich bin selbst eher ehrlich und direkt. Das ist in Spanien nicht gut, dort wird eher über die Blume kommuniziert und man darf vieles nicht direkt sagen, in Deutschland schon. Das kommt mir entgegen.

Denk bitte an deine Grundschulzeit. Welche Bilder, Gefühle und Erlebnisse aus dieser Zeit sind dir präsent? Was ist dir aus deiner Jugend als besonders wichtig in Erinnerung?

Ich war Außenseiter, fühlte mich nirgendwo zugehörig und bin ungerne in die Schule gegangen. Ich war an einer elitären Privatschule, passte aber nicht zu den Kindern reicher Leute. Mit den Dorfkindern durfte ich nicht spielen, weil meine Eltern das für zu gefährlich hielten. So hatte ich viele Bekannte, aber keine richtigen Freunde und das Gefühl, in zwei Welten zu leben. Erst mit 16 kam ich auf ein normales Gymnasium, in dem ich mich wohl fühlte.

Was bedeutet für dich Heimat und wo fühlst du dich heute zuhause? Welche Bilder, Gerüche oder Gefühle verbindest du mit dem Begriff Heimat?

Heimat ist da, wo ich herkomme, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das sind Gefühle die man einfach nicht wegdrücken kann. Das ist für mich inzwischen vor allem meine Beziehung zur Landschaft, zum Wetter und auch zum Essen und Trinken. Ich bin dort allerdings nur noch als Besucher, als Tourist. Seit ich meinen Bus mit deutschem Kennzeichen habe, nehmen mich die Menschen in Asturien als deutschen Touristen wahr und behandeln mich so. Ich muss nicht mit jedem sprechen und werde in Ruhe gelassen. Das finde ich gut.

Zuhause bin ich in Köln. Hier habe ich meine Lebenspartnerin, meine Freunde, meine menschlichen Beziehungen, meine Arbeit. Hier lebe ich.

Im Grunde ist es ein Hin und Her. Ich habe Sehnsucht nach dem Meer, den Bergen, nach Apfelwein und der asturischen Sprache. Aber nach fünf Tagen Asturien möchte ich Kölsch trinken und Currywurst essen.

Stell dir vor, du musst wegziehen in eine weit entfernte Stadt oder sogar in ein anderes Land. Welche drei Dinge brauchst du unbedingt, damit du am neuen Ort ankommen kannst?

Meinen VW-Bus als mein Zuhause, meine Kochutensilien und meinen Computer.

Die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist in Deutschland alltäglicher Gegenstand von Smalltalk. Jeder vorhandene oder fehlende Dialekt oder Akzent, das Aussehen und andere Merkmale werden zum Anlass von Fragen, manchmal aus Neugierde, manchmal um über etwas anderes als das Wetter zu reden und manchmal belastet von Vorurteilen und Erwartungen. Was denkst du über die Frage und wie gehst du damit um, wenn du auf deine Herkunft angesprochen wirst?

Diese Frage stelle ich mittlerweile auch. Die Frage stört mich nicht. Ich rede gerne über meine Heimat, über mich, warum ich in Deutschland bin. Klar, mir geht es gut in Deutschland, ich bin sehr stolz auf meine Heimat und rede gerne darüber.

Gibt es andere Fragen als die nach der Herkunft, die du gefühlt jedes Mal gestellt bekommst, wenn du auf neue Menschen triffst? Welche und was machst du, wenn du davon genervt bist?

Ja, Katalonien, Baskenland und die Unabhängigkeitsbewegung. Ich habe mit der Zeit gelernt, das Thema zu minimieren, zu simplifizieren und nicht zu tief darüber zu diskutieren. Ich sage, mir ist es egal. Die Leute erwarten eine 0815-Antwort. Die kann ich nicht geben. Die Fragen sind sehr viel komplexer, als dass das die Leute hier in der Tiefe verstehen. Und mir ist es dann zu anstrengend, lange darüber zu reden oder missverstanden zu werden.

Gibt es einen Glaubenssatz, der dich leitet und begleitet?

Geben und nehmen, leben und leben lassen.

Was ist für dich die größte Herausforderung unserer derzeitigen Gesellschaft?

Gerechtigkeit zu erreichen. Alle sollten in der Lage sein, ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Im Moment ist es noch so: Je weniger du hast, umso schlechtere Karten hast du. Das ist nicht gerecht.

Wenn du die freie Wahl hättest, wo möchtest du gerne leben?

In der Heimat.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Name geändert / Alle Fotos wurden von Mino Veigas zur Verfügung gestellt.

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