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Rezension: Transsexualität – Alice Schwarzer provoziert

Transsexualität - Schwarzer - Buchkritik

Zu diesem Buch gibt es eine Vorgeschichte: Allein das Foto des Titels „Transsexualität“ von Alice Schwarzer hat auf Linkedin eine Diskussion ausgelöst. Nun ja, Diskussion ist vielleicht der falsche Begriff. Der Name Alice Schwarzer rief Extrempositionen von zwei geteilten Lagern in die Kommentare, die weder miteinander diskutieren wollten noch konnten. Die eine Seite deklarierte: Transphobes Teufelszeug, auf keinen Fall rezensieren. Die andere: Alles sachlich und korrekt. Fehler ausgeschlossen. Mir sind solche Positionen zu schwarz-weiß. Vielfalt ist bunt. Und Demokratie lebt davon, dass wir unterschiedliche Sichtweisen diskutieren. Was ich von dem Buch halte, das sage ich jetzt, nachdem ich es gelesen habe. Hier ist die Rezension.

Transsexualität Buchkritik | Rezension | Schwarzer Bücher und Rezensionen, Diversity und Kommunikation

Das Buch „Transsexualität – Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“, herausgegeben von Alice Schwarzer und Chantal Louis, nennt sich Streitschrift. Damit ist die Tonalität geklärt: Hier geht es nicht um Ausgewogenheit, hier geht es darum, einen bestimmten Standpunkt in die Debatte einzubringen. In diesem Fall, den Standpunkt von Alice Schwarzer und ihrer Zeitung Emma.

Alice Schwarzer ist zusammen mit der Emma-Redakteurin Chantal Louis Herausgeberin des Buches. Sie hat also nicht das ganze Buch geschrieben, sondern nur einzelne Texte, genau genommen den ersten Text der Einleitung und die beiden letzten Texte, sozusagen das Schlusskapitel. Zwei Texte im Einleitungskapitel stammen von Louis. Alle anderen anderen Texte sind Werke von oder Interviews mit anderen Personen. Die meisten stammen aus älteren Ausgaben der Emma.

Was dürfen wir von Alice Schwarzer erwarten?

Schwarzer ist im Dezember 1942 geboren, seit vielen Jahrzehnten in Sachen Gender und Frauenrechte unterwegs. Unbestreitbar hat sie viel für die Gleichberechtigung von Frauen und die Rechte von Homosexuellen getan. Es war sehr mutig, 1971 mit Foto auf dem Stern zu erscheinen mit der Aussage „Ich habe abgetrieben“, was damals als Straftat galt und bis heute haben Frauen, die ungewollt schwanger sind, das Problem, dass Ärzt*innen nicht öffentlich informieren und aufklären dürfen, weil ihnen das verboten ist.

Ebenso unbestreitbar war und ist Schwarzer eine streitbare Persönlichkeit. Sie ist provokativ, dominant und hat einen Hang zum Dogmatismus. Ich mochte sie nie besonders. Ihr Mut und ihre Standhaftigkeit beeindrucken mich. Aber sie ist mir zu dogmatisch, zu sehr von sich überzeugt. Anfang der 90er Jahre, meiner Studienzeit, waren mir ihre Aussagen zu feindselig, zu sehr in wir Frauen und die Männer geteilt. Ihre Positionen zum Kopftuch finde ich in Teilen anti-feministisch und islamophob. Und auch in der Debatte um Transsexualität ist mir Schwarzer zu ideologisch, zu dogmatisch.

Ob sie „transphob“ ist, mag ich nicht beurteilen. Denn dieses Wort wird in diesen Tagen allzu leichtfertig verwendet und auf alle angewendet, die es wagen, in Bezug auf Transgender und das geplante Selbstbestimmungsgesetz kritische Fragen zu stellen. Das wiederum ist dogmatisch und vor allen Dingen undemokratisch. Wir müssen debattieren. Und wir dürfen verschiedene Meinungen haben.

Wer kommt in Transsexualiät zu Wort?

Neben Schwarzer und der Emma-Redakteurin Louis kommen unterschiedliche Personen zu Wort, die mit dem Thema Transgeschlechtlichkeit arbeiten oder von ihr direkt oder indirekt betroffen sind.

Transpersonen

Leandra Honneger ist eine Transfrau und erzählt, warum sie nicht mehr als Mann leben wollte.

Till Amelung ist Transmann und hat Genderwissenschaften studiert. Er leitet eine Trans-Gruppe bei Facebook und hat ein Buch über queere Politik geschrieben.

Charlie Evans ist als Frau geboren, zum Mann transitioniert und lebt heute wieder als Frau. Evans ist britische Biologin und setzt sich heute gegen überstürzte Geschlechterwechsel ein.

Evans schreibt:

„Niemand erklärte mir, dass es okay sein könnte, nicht den Geschlechterstereotypen zu entsprechen. Stattdessen bestätigten Freunde und Therapeuten mein gefühltes Geschlecht. Ja, du bist ein Junge. Von heute aus betrachtet war ich indokriniert  mit dem Glauben, dass Jungen und Mädchen auf eine bestimmte Art fühlen und sich verhalten müssen und dass sie, wenn sie das nicht tun, zum anderen Geschlecht gehören und im falschen Körper gefangen sind.“

Nele, Eli und Sam sind ebenfalls den Weg von der Frau zum Mann zur Frau gegangen. In dem Artikel erzählen sie ihre Beweggründe. Sie haben das Projekt Post-Trans gegründet. Sie sammeln individuelle Geschichten und wollen die Informationslage verbessern.

Medizinische Fachleute und Psychotherapeut*innen

Alexander Korte ist Kinder- und Jugendspsychiater in München mit dem Spezialgebiet Transgender. Korte ist ähnlich umstritten wie Schwarzer. Auch in der Fachwelt vertritt er eher eine Außenseitermeinung, soweit ich das überblicke. Ich kann seine Bedenken teilweise nachvollziehen. Allerdings geht seine Vorstellung davon, was körperliche Geschlechterunterschiede im Verhalten bewirken, zu weit. Und das finde ich bedenklich und nicht hilfreich.

Monika Albert ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Schwäbisch Hall mit eigener Praxis und Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender Studies. Sie schreibt darüber, wie stereotype Rollenbilder, Erziehung und gedankenlose Zuweisungen Kinder und Jugendliche in schwere Krisen stürzen.

Sie schreibt:

„Ich sehe vor mir diese wunderbaren ‚richtigen‘ Mädchen, die spüren, dass die Rollenerwartungen an Frauen ihnen Gewalt antun. Sie sind eine Aufforderung an uns, endlich die Normen, die wir an Männer und Frauen legen, fallen zu lassen. (…) Ich sehe vor mir diese wunderbaren ‚richtigen‘ Jungen, die sich so falsch fühlen (…). Sie sind eine Aufforderung an uns, Männer endlich freizulassen aus dieser erstickenden Erwartung einer Stärke (…) Aber meine Patienten sehen das nicht so. Sie denken nicht, dass die Stereotypen über Jungen falsch sind, sondern sie denken, dass sie falsch sind. Dass ihr Körper falsch ist.“

Renate Försterling ist Internistin und Psychotherapeutin und behandelt in Berlin Menschen mit Transidentität. Sie schreibt, wie sich die Klientel in den letzten Jahren verändert hat. Außerdem beschreibt sie, wie sie in Berlin eine interdisziplinäre Fachgruppe gründete, die sich zunehmend ideologisierte und warum sie die Gruppe, die sie selbst gegründet hatte, wieder verließ. Und sie erzählt von dem Leid, das transidente Menschen oft jahrelang mit sich herumtragen.

Feminist*innen, Philosoph*innen und Sozialwissenschaftler*innen

Susan Faludi ist eine us-amerikanische Journalistin und Autorin. Sie schrieb mehrere Bücher, darunter „Backlash – die Männer schlagen zurück“, „Männer – das betrogene Geschlecht“ und 2016 „In the Darkroom“, auf Deutsch 2018 unter dem Titel „Die Perlenohrringe meines Vaters“ erschienen. In dem Buch folgt sie den Spuren ihres Vaters, der sich mit 76 Jahren einer Geschlechtsangleichung unterzog und vom Mann zur Frau transitionierte. Der Text in Schwarzers Buch ist ein Auszug aus diesem Buch.

In diesem Buch setzt sich Faludi intensiv damit auseinander, was Transpersonen bewegt, welche Geschlechterbilder sie haben, wie sie mit ihrem vergangenen Ich umgehen und was „Identität“ eigentlich genau ist. Sie fragt danach, welche Rolle ihre jüdische Geschichte spielt und chauvinistisch geprägte Umfelder. Sie fragt nach ihrer Identität und die Rolle der Frauenbewegung, was Geschlechterstereotypen anrichten, ihr Kampf dagegen und die Hyperstereotypisierung.

Über sich selbst schreibt sie:

„Mit meinen journalistischen Schmähschriften gegen Frauenkonventionen bekräftigte ich meine Loyalität gegenüber Frauen. Ich schwor den Normen der Weiblichkeit ab, nicht, um mich von meinem Geschlecht zu distanzieren, sondern um es zu proklamieren. Kurz gesagt: Ich wurde Feministin.“

Sie zitiert die us-amerikanische Transfrau Sandy Stone:

„Stone rief andere Transfrauen dazu auf, sich ihre echten Lebensgeschichten zurückzuerobern und sie als Rammbock gegen die Betonmauern der Genderbinarität einzusetzen. (…) Sie sollten sich, so schlägt Stone vor, weder als ‚Frauen‘ noch als ‚Männer‘ definieren, sondern als Mischung aus beidem, als Vertreterinnen unbestimmter und vielfältiger Gender, deren Existenz die Grundannahmen einer auf zwei Geschlechter beschränkten Welt bedroht.“

Dieser Text in dem Buch ist mega. Er ist reflektiert, intelligent, differenziert, gut geschrieben. Ich glaube, ich möchte ihr ganzes Buch lesen.

Elinor Burkett ist ebenfalls us-amerikanische Journalistin und Buchautorin, außerdem Filmemacherin. Sie setzt sich in dem Text kritisch damit auseinander, wie manche Transfrauen ein rückschrittliches Bild von Weiblichkeit vertreten und Nagellack oder Push-up-BHs als Definition von Frau benutzen. Besonders kritisiert sie die Argumentation mancher Trans-Aktivist*innen, sie hätte ein „weibliches“ Gehirn und seien deshalb Frauen. Sie analysiert, dass die Unterscheidung in männliche und weibliche Gehirne jahrhundertelang missbraucht wurde, um Frauen zu demütigen, zu entmündigen und zu besitzen.

Sie schreibt:

„Damit unterminieren sie nahezu ein Jahrhundert hart erkämpfter Aufklärung, nämlich dass die Definition der Weiblichkeit ein soziales Konstrukt ist, mit dem wir unterdrückt werden.“

Weiter schreibt sie über die körperlichen Unterschiede von Männern und Frauen, wie Menstruation, Angst vor ungewollter Schwangerschaft, sexistische Übergriffe, Angst vor Vergewaltigung und die daraus resultierenden anderen Erfahrungen. Sie plädiert für Differenzierung und dafür, dass Feminist*innen und Transaktivist*innen natürliche Verbündete sein sollten, im Kampf gegen Geschlechterstereotype.

Sie schreibt:

„Solange Menschen X- und Y-Chromosomen produzieren, die zur Entwicklung von Vaginas und Penissen führen, wird fast allen von uns bei der Geburt ein Geschlecht ‚zugewiesen‘. Aber was wir mit diesem Geschlecht machen, die Rollen, die wir uns selbst und anderen zuweisen, ist fast vollständig veränderbar.“

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Kleiner Faktencheck zum Gehirn: Aus der Wissenschaft wissen wir, dass männliche Gehirne ebenso wie männliche Lungen oder Herzen im Durchschnitt größer sind als weibliche, weil männliche Körper durchschnittlich größer sind als weibliche. Zwar gibt es einige weitere statistisch messbare Unterschiede, jedoch lässt sich aus ihnen nicht ableiten, ob ein Hirn männlich oder weiblich ist. Die us-amerikanische Neurologie-Professorin Lise Eliot spricht von einem Zombie-Konzept.

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Cinzia Sciuto ist Philosophin und schreibt über Frauenrechte, Säkularismus und Bioethik. Sie setzt sich auf philosophischer Ebene mit dem Streit über Identitäten und Körper auseinander.

Sie reflektiert kritisch den Begriff Zuweisung und merkt an, dass die Eintragung als männlich oder weiblich keineswegs zufällig oder willkürlich ist, sondern sich an objektiven körperlichen Merkmalen orientiert (Penis/Vulva). Auf der Ebene der Identität dagegen fehlen objektive und messbare Kriterien, wie sich „weiblich“ oder „männlich“ anfühlt. Identität ist ein hochgradig subjektives Empfinden.

Sie schreibt:

„Entweder ist das Geschlecht schlicht eine Reihe von körperlichen Merkmalen (DNA, Gameten, primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen), die nichts darüber aussagen, wie ich mich fühlen, was ich anziehen, wünschen, denken und wer ich sein soll – also nichts über meine Identität. Oder es verbinden sich mit dem Geschlecht auch eine Reihe von anderen Merkmalen, die etwas darüber aussagen, wie ich mich fühlen, was ich anziehen, wünschen, denken und wer ich sein soll – mit anderen Worten, die etwas über meine Identität aussagen.“

Während Identität im ersten Fall sich fluide entwickeln darf und keiner objektiven Definition bedarf, ist genau das im zweiten Fall nötig. Wir müssten Merkmale definieren, die eine weibliche oder eine männliche Identität bestimmen. Wie sonst können wir wissen, ob unsere Identität männlich oder weiblich ist?

Im Weiteren schreibt sie über Selbstwahrnehmung als eine Beziehung des Ichs zur Welt, die sich immer wieder verändert. Und sie schreibt, dass im Sport objektive messbare Kriterien verwendet werden und nötig sind, damit ein Wettbewerb fair ausgetragen wird, etwa Gewicht oder Testosteronspiegel.

In Bezug auf das Selbstbestimmungsgesetz plädiert sie dafür, dass körperliche Fakten nicht geleugnet und gelöscht werden dürfen, weil uns sonst Daten fehlen, zum Beispiel um Therapien für männliche und weibliche Körper zu optimieren oder um die Diskriminierung weiblicher Körper zu belegen und abzubauen.

Sie kommt zu dem Schluss:

„Wenn das Geschlecht nicht relevant ist, ist es nicht notwendig, es anzugeben. Aber wenn es relevant ist, darf nicht willkürlich ein Geschlecht angegeben werden.“

In der Debatte um die Vorstellung, nur die Identität sei geschlechtsbestimmend und der Körper spiele keine Rolle, befürchtet sie einen Backlash, eine Re-Stereotypisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Susanne Schröter ist Professorin für Ehnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen und schreibt über Geschlechterkonzepte anderer Kulturen. Sie verweist darauf, dass es zwar viele Kulturen gibt, die mehr als zwei Geschlechter haben, dass diese Konzepte aber sehr oft nicht unserer Vorstellung von Vielfalt und Toleranz entsprechen, sondern im Gegenteil sehr binär-patriarchale Strukturen aufrechterhalten.

Es gibt viele Kulturen, die Männer in Frauenrollen als eigenes Geschlecht sehen (aber nicht umgekehrt), zum Beispiel die Xanith im Oman, die Hijras in Indien und Pakistan oder die Kathoey in Thailand. In diesen Kulturen haben Männer und Frauen sehr klare Rollen, Aufgaben und Rechte und es wird nicht zwischen Sex und Gender unterschieden. Die Kultur der Hijra oder Xanith dient also eher dazu, innerhalb einer streng heterosexuellen, binären und patriarchalen Welt eine gesellschaftlich tolerierte Form von Homosexualität unter Männern zu schaffen. Frauen in diesen Gesellschaften haben kein Recht auf eigene sexuelle Freiheit. Sie dürfen ausschließlich mit dem Ehemann Sex haben.

In Südosteuropa gibt es einige Kulturen, bei denen Frauen Männerrollen einnehmen, zum Beispiel die Burnesha in Albanien. Das geschieht meist, wenn es keinen männlichen Nachkommen in der Familie gibt. Dann wird ein Mädchen als Junge erzogen und lebt in einer sozialen Männerrolle. Die Burnesha ist aber zur ewigen Jungfräulichkeit verdammt.

Eltern und Pädagogik

Marion Felder ist Professorin für Sozialwissenschaften und Bernd Ahrbeck Professor für psychologische Pädagogik. Sie kritisieren, dass die Sichtweise, eine männliche oder weibliche Identität müsse sich nur outen, zu kurz greife und fordern mehr und umfassendere Information, insbesondere für betroffene Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern.

In einem eigenen Text kommen Eltern (anonymisiert) zu Wort, die sich Sorgen um Kinder machen, die während der Pubertät sagen, sie seien trans. Das betrifft weniger diejenigen, die schon als Kinder in der Kita ihren Namen und ihr Geschlecht verweigerten, sondern vor allem diejenigen, bei denen der Wunsch zu transitionieren für die Eltern plötzlich und unerwartet kommt.

Transsexualität – Eine differenzierte Buchkritik

Du siehst also, es ist zu einfach, Alice Schwarzer zu verteufeln. Denn in dem Buch kommen viele Perspektiven zu Wort und es werden Fragen gestellt, über die wir reden müssen. Eine andere Meinung zu haben, ist kein Vergehen. Es ist Demokratie.

Auch gibt es keinen Grund, sie hochzujubeln. Denn ich muss sagen: Die drei Texte von Alice Schwarzer in dem Buch sind aus meiner Sicht die drei schwächsten. In ihrer Einleitung polemisiert und provoziert sie so sehr, dass Menschen, die sehr transfreundliche Positionen vertreten, das Buch vermutlich weglegen und sagen: So etwas lese ich nicht.

Schwarzer tut das, was sie anderen vorwirft. Sie argumentiert ideologisch, überhöht die eigene Position als „fortschrittlich“ und bezeichnet ihre argumentativen Gegner*innen als „extreme Minderheit“. Sie unterteilt in Recht und Unrecht, richtig und falsch, wahr und unwahr.

Sie nimmt für sich in Anspruch, einen gemeinsamen Weg gehen zu wollen und intrigiert gleichzeitig gegen Judith Butler, us-amerikanische Philosophin und für viele eine Vordenkerin aktueller Genderdebatten. Schwarzer behauptet, dass Butler in einem Interview mit dem Guardian, „jegliche Kritik an diesem Transtrend als ‚faschistisch‘ geißelte“.

Ich habe recherchiert und wollte nachlesen, ob sich Butler tatsächlich so geäußert hat. Ich fand zwei Texte, ein Interview mit und ein Artikel von Judith Butler im Guardian. Doch nirgendwo einen Beleg für Schwarzers Behauptung. Nicht im September-Interview, wie von Schwarzer behauptet. Und auch nicht im Artikel, den Butler im Oktober 2021 für The Guardian schrieb. Dort schreibt sie zwar über die Anti-Gender-Bewegung und über Faschisten. In Bezug auf kritischen Feminismus aber schreibt Butler:

„That is why it makes no sense for “gender critical” feminists to ally with reactionary powers in targeting trans, non-binary, and genderqueer people. Let’s all get truly critical now, for this is no time for any of the targets of this movement to be turning against one another. The time for anti-fascist solidarity is now.“

Sie sagt also, genderkritische Feministinnen sollten sich nicht mit reaktionären Kräften solidarisieren, sondern solidarisch gegen Faschismus stehen. Wir alle sollten kritisch reflektieren und miteinander gegen Faschismus kämpfen statt gegeneinander. Womit genau hat Schwarzer jetzt ein Problem? Hat sie nicht selbst jahrzehntelang gegen Faschismus, Anti-Feminismus und Homophobie gekämpft?! – Ich verstehe nicht, wieso sie hier eine Front aufmacht, statt gemeinsam für mehr Gleichheit und Fairness für alle einzustehen. Es wäre sicher interessant und lehrreich für uns alle, wo im Detail Schwarzers Sicht von der Butlers abweicht und warum. Aber dazu müsste sich Schwarzer erst einmal auf Butler einlassen, statt sie falsch zu zitieren und zu geißeln.

Umgekehrt relativiert Schwarzer die Brutalität der sexualwissenschaftlichen Experimente von John Money. Immer wieder gibt es Ungenauigkeiten im Text und Verschiebungen in der Sprache, nicht zufällig, sondern mit Präzision gesetzt. Da steht im Buch nicht „transidente Personen“ sondern „Personen mit Transidentitätsproblematik“ – zack wird problematisiert. Schwarzer schreibt konsequent das Wort „Transsexualität“ und nicht den von der Queer-Community bevorzugten Begriff „Transgender“.

Intergeschlechtliche Menschen werden zwar kurz erwähnt, aber als nicht relevant abgetan. Dabei brauchen gerade sie Sichtbarkeit und die Gesellschaft muss viel mehr über sie wissen, damit intergeschlechtliche Kinder als normaler Teil unserer Wirklichkeit akzeptiert werden und sich ebenfalls frei entwickeln dürfen, eine Freiheit, die Schwarzer an anderer Stelle immer wieder vehement einfordert.

Schwarzer und Louis verwenden konsequent das Binnen-I. Das wirkt auf mich regelrecht trotzig. Denn damit erkennen sie nur Männer und Frauen an und verweigern den Stern als Symbol für geschlechtliche Vielfalt. Ganz unabhängig von ihrer Position zur Transgeschlechtlichkeit und Nicht-Binarität blenden sie damit auch Intergeschlechtlichkeit aus.

Schwarzer zeigt klare Kante, provoziert und demonstriert ihre Position in der Debatte. Klar, so ist Schwarzer, so war sie schon immer. Aber ist das auch hilfreich? Ich sage nein.

Schwarzer vertut eine Chance

Schwarzer vertut eine große Chance. Als prominente Feministin wird ihre Stimme gehört. Sie könnte diese Stimme verantwortlich und mit Macht dafür einsetzen, um sich einerseits klar gegen reaktionäre Kräfte abzugrenzen und andererseits auch extreme Positionen in der Trans-Community zurückzuweisen und Lösungen für alle zu suchen. Doch statt konstruktiv zu streiten, provoziert sie. Und steht damit den Botschaften vieler der Gast-Autor*innen und Interviewgäste in dem Buch im Weg. Unter ihnen gibt es nämlich eine ganze Reihe lesenswerter Beiträge, die wichtige Fragen aufwerfen.

Denn in der Tat wirft es Fragen auf, warum so viele junge Menschen ihre Körper hormonell und operativ an ein Gefühl anpassen wollen. Und warum sie nicht fordernder auftreten, um gesellschaftliche Normen an das Gefühl anzupassen.

Natürlich müssen wir darüber reden, welche Räume penistragenden Transfrauen offen stehen und welche nicht. Darf eine Transfrau mit Penis in die Frauenumkleide, in die Frauensauna, am Frauentag ins Hamam? Und welche Konsequenzen hat das für körperliche Frauen, die sich nicht vor männlichen Körpern entblößen möchten?

Wie sollen Lehrkräfte mit jugendlichen Transmädchen umgehen? In der Jungsumkleide gefährden sie das Transmädchen. In der pubertätsgeplagten Mädchenumkleide ist Aufruhr und Gekreische, wenn da ein Penis ist. Und in der Lehrkräfteumkleide setzen sie sich der Gefahr aus, des sexuellen Missbrauchs bezichtigt zu werden.

Wie gelingt es, eine gute psychologische Unterstützung und Beratung für Personen mit Transfragen zu haben? Eine, die Transpersonen keine unnötige Belastung aufbürdet, aber auch eine, die hinterfragt, ob die Transition wirklich dazu beiträgt, dass der Mensch sich besser fühlt.

Daher bitte ich alle Leser*innen: Tut weder Schwarzer noch radikalen Trans-Aktivist*innen den Gefallen und schießt aufeinander. Ignoriert Provokationen und Unsachlichkeiten. Es gibt nicht nur schwarz und weiß.

Wir dürfen zuhören und nachdenken, welche Lösungen für alle gut sind. Diese Debatte soll und muss geführt werden, bevor im Bundestag über ein neues Selbstbestimmungsgesetz entschieden wird. Wenn wir einander nicht mehr zuhören und andere nur niederschreien, hilft das nur den extremen Rändern und schadet all denen, die mit Interesse an Vielfalt, Inklusion und Demokratie für die Menschenrechte aller eintreten und dabei das Differenzieren beibehalten.

Wenn du mit den ganzen neuen Wörtern  ein bisschen lost bist, in diesem Blogbeitrag erkläre ich, was „Gender“, „trans“, „inter“ bedeuten.

 

Buchcover Transsexualität Schwarzer

Alice Schwarzer und Chantal Louis (Hrsg.)

Transsexualität – Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Eine Streitschrift

Kiwi, 2022

 

Bilder: Titelbild Sigi Lieb, Buchcover Kiepenheuer & Witch

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für die ausführliche und ausgewogene Besprechung! Ich habe das Buch vor Kurzem gelesen und bin mit einem ähnlichen Gefühl aus der Lektüre herausgekommen: Einige der Interviews (und ja, v.a. auch Faludis Text) enthalten m.E. bedenkens- und diskussionswürdige Punkte/Argumente – schade, dass sie von Schwarzers angriffslustiger Polemik eingerahmt und dadurch nur „im Paket mit“ dieser zu haben sind.

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