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Gender und Affen: Was wir von Primaten lernen können (Rezension)

Bonobo in Lola mit Text: Geschlecht, Sex, Gender: Was können wir von Primaten lernen?

Geschlecht, Sex, Gender. Welchen Einfluss hat die Natur, welchen die Kultur? Dieser Streit ist uralt und wird sehr emotional ausgetragen. Besonders die Transgender-Debatte verläuft polarisiert. Da lohnt ein Blick zu unseren nächsten Verwandten, den Bonobos und Schimpansen: Was können wir von ihnen über unsere Natur und Kultur lernen? Der Primatenforscher Frans de Waal hat hierzu ein Buch geschrieben.

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Geschlecht: Was wir von Primaten über Gender lernen können

„Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können“ von Frans de Waaal, erschienen 2022 bei Klett-Cotta, beschäftigt sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden und inwieweit diese evolutionär bedingt sind. Im Fokus stehen Schimpansen und Bonobos als die beiden am nächsten mit dem Menschen verwandten Menschenaffen (Hominiden). Immer wieder wird der Blick erweitert auf andere Affenarten, auf andere Säugetiere sowie auf nicht-säugende Tierarten (zum Beispiel Vögel).

Der Autor Frans de Waal ist Primatenforscher und Professor für Psychobiologie, geboren 1948 in den Niederlanden, verheiratet mit einer Französin, lebt in den USA. Warum ich das schreibe? Weil de Waal selbst im Verlauf seines Buches immer wieder darauf zurückkommt, wie diese drei Kulturen die Spezies Homo Sapiens unterschiedlich prägen.

De Waal setzt die Beobachterbrille auf und vergleicht verschiedene Aspekte des Verhaltens mit Blick auf geschlechtsspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Es geht um Spielverhalten, Sozialverhalten, Sexualverhalten, um Macht, Hierarchie und Dominanz, um gesellschaftliche Organisation, Freundschaften und Allianzen, um Führungsqualitäten, Fürsorge und Empathie und um die große Frage: Was liegt in unseren Genen? Was erwerben wir über Kultur?

Die genetische Verwandtschaft des Menschen mit den patriachal organisierten Schimpansen ist genauso groß wie die mit den matriarchal organisierten Bonobos. Manche Gene haben wir nur mit Bonobos gemein, andere nur mit Schimpansen.

„Menschenaffen halten uns den Spiegel vor, und uns ist nicht egal, was wir darin sehen.“

Seite 155

Wir neigen dazu, unsere Beobachtungen sofort mit unserem Weltbild zu erklären und Verhalten, das unserem Weltbild entspricht als typisch zu klassifizieren, Verhalten, das ihm widerspricht als irrelevante Ausnahme. Die Psychologie nennt das Confirmation Bias (Bestätigungsfehler).

Angeboren oder anerzogen – nature or nurture?

Aus der Perspektive eines Primatologen, so de Waal, sei es egal, ob ein Verhalten wünschenswert ist oder nicht. Es ist Verhalten, das sich zeigt und beschrieben werden kann. De Waal wendet das Konzept von Sex und Gender auf Menschenaffen an. Sie sind mit etwa 16 Jahren erwachsen, haben also reichlich Zeit, geschlechterspezifisches Verhalten durch Sozialisation zu erlernen.

Um herauszufinden, ob menschliche Verhaltensmuster im biologischen Konzept angelegt sind oder kulturell erworben, schlägt de Waal drei Methoden vor:

  1. Vergleich von Menschen mit anderen Primaten, also mit Menschenaffen
  2. Vergleich von kindlichem Verhalten in unterschiedlichsten Kulturen, einschließlich Naturvölker.
  3. Beobachtung so früh wie möglich nach der Geburt, bevor ein Sozialisationseffekt greifen kann.

Mit diesen Methoden stellt de Waal sowohl biologisch bedingte Verhaltensmuster fest als auch Geschlechterstereotype, die ausschließlich kulturell bedingt sind. Eine solche, rein kulturelle Angelegenheit ohne biologische Wurzel sind Farbpräferenzen, wie hellblau und rosa. Eine geschlechtsspezifische Farbzuweisung ist ohnehin relativ jung. Früher war Babykleidung weiß. Und Anfang des 20sten Jahrhunderts wurde Rosa für Jungs empfohlen, hellblau für Mädchen. De Waal zitiert aus einem Artikel in einem Wirtschaftsblatt von 1918:

„…denn Rosa ist eine eher kräftige, entschiedene Farbe und damit für den kleinen Jungen besser geeignet, während Blau zarter und somit hübscher ist für das Mädchen.“

Seite 45

Geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Spielverhalten scheinen dagegen nicht ausschließlich kulturell erworben zu sein, sondern auch eine biologische Wurzel zu haben.

Jungs spielen, statistisch betrachtet, konfrontativer, körperlicher und impulsiver als Mädchen. Eine Studie mit 375 amerikanischen Jungs und Mädchen etwa ergab, dass der Bewegungsdrang bei beiden Geschlechtern ähnlich war, Jungs aber häufiger plötzliche Aktivitätsschübe hatten. Eine vergleichbare Studie mit 686 europäischen Kindern kam zu dem gleichen Ergebnis. De Waal findet diese Beobachtung auch bei Schimpansen bestätigt:

„Die ausgelassene Toberei und die Kraftdemonstration der Schimpansenjungs sind der Grund, warum die Mädels Abstand von ihnen halten. Diese Spiele gefallen ihnen einfach nicht.“

Seite 47

Mich erinnert das an eine Beobachtung in der Kita meines Sohnes, als dieser etwa fünf Jahre alt war: Ab dieser Zeit verließen Mädchen häufig eine gemischtes Spiel, weil ihnen die Jungs zu wild wurden. Das hatten sie davor nicht getan. Gleichzeitig traf das nie für alle Kinder zu. In der Kita meines Sohnes spielten die Vorschulkinder gerne ein Spiel, das sie „Mädchen jagen“ nannten. Es gab zwei Gruppen, die Kinder, die davonliefen und die, die hinterherjagten. Die Gruppe der Gejagten bestand aus Mädchen und einem Jungen. Die Gruppe der Jäger*innen bestand aus Jungen und einem Mädchen. Und für diese Kinder gab es keine Probleme, die nicht genderkonformen Kinder zu akzeptieren. Jedes Kind spielte, wie es für es passte.

De Waal beklagt, dass dem Spiel junger Menschenaffen wie Menschenkindern zu wenig Beachtung in der Forschung geschenkt wird. Gleichzeitig wird Spielzeug gegendert angeboten:

„Die Grundannahme lautet dabei, Kinder hätten kaum eigene Interessen – deshalb müssten wir sie unterstützen, indem wir ihnen gegendertes Spielzeug an die Hand geben, das sie zu ‚richtigen‘ Männern und Frauen macht. Oder aber wir dirigieren sie zum Spielzeug des anderen Genders, damit sie sich zu aufgeklärten, freiheitlich denkenden Erwachsenen entwickeln. Der eine wie der andere Ansatz zeugt von Arroganz.“

Seite 55

Vernünftig wäre es, Kinder von sich aus einfach wählen und spielen zu lassen. Einem deterministischen Entweder-oder-Denken erteilt de Waal eine Absage:

Man kann nicht einerseits den menschlichen Geist zum völlig leeren Blatt Papier erklären, auf dem erst die Kultur Gendernormen festschreibt, und gleichzeitig einen naturgegebenen Genderunterschied postulieren.“

Seite 69

Er bevorzugt das Konzept der Interaktion: Natur und Kultur beeinflussen sich wechselseitig.

„Wie Samenkörner, die man auf totes Straßenpflaster streut, können Gene für sich allein nichts hervorbringen. Und auch die Umwelt allein bewirkt nichts, solange es keinen Organismus gibt, auf den sie einwirken. Gene und Umwelt sind in ihrer Wechselwirkung derart eng verflochten, dass wir einen bestimmten Beitrag nur äußerst selten einer Seite allein zuzuordnen vermögen.“

Seite 70

Interaktionismus: Sex und Gender beeinflussen sich gegenseitig

Ausführlich setzt sich de Waal mit der Entwicklung des Begriffs „Gender“ in Abgrenzung zum biologischen Körpergeschlecht auseinander. Aktuell beobachtet er zwei unterschiedliche Definitionswelten.

  1. Gender als kulturelles Gewand, „in das sich das geschlechtliche Wesen hüllt; es ist durch unsere Erwartungen an Frauen und Männer geprägt, die wiederum von der jeweiligen Gesellschaft abhängen und sich mit der Zeit wandeln können.“
  2. Gender als willkürliches Konstrukt, „das mit dem biologischen Geschlecht wenig bis gar nichts zu tun hat“. In diesem Kontext führt das Gender ein Eigenleben und ist frei gestaltbar. (Seite 61f)

Während sich die erste Variante mit unseren alltäglichen Erfahrungen deckt und als unumstritten gilt, kollidiert die zweite Version mit dem, „was wir über den biologischen Hintergrund unserer Spezies wissen.“ (Seite 62).

In vielen eigenen Beobachtungen sowie Studien beschreibt de Waal, wie Tierkinder von Erwachsenen lernen, wie sie überleben, welche Verhalten angemessen sind, welche Techniken und Werkzeuge bei der Nahrungssuche helfen. Dabei orientieren sich die Kinder überwiegend an gleichgeschlechtlichen Vorbildern. Das gilt insbesondere für die weiblichen Tiere.

De Waal verweist darauf, dass die Brutpflege in der Natur (ohne Milchfläschchen) für weibliche Säugetiere zwingend, für männliche optional ist. Auch wenn wir heute von reproduktiver Selbstbestimmung reden und diese Rechte zurecht einfordern, ist das doch eine eher junge Entwicklung: Die Trennung von Sex und Fortpflanzung ist erst seit Einführung der Pille effektiv steuerbar.

In der Mutterschaft ist ein erheblicher Teil der strukturellen Diskriminierung von Frauen verankert. Ich bin nicht nur Frau, sondern Mutter und habe am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, schwanger zu sein, ein Kind auszutragen, zu gebären und zu ernähren. Einerseits war es eine sehr mächtige, positive körperliche Erfahrung. Ich habe meinen Körper bestaunt, wie in ihm Leben wachsen kann und wie er das alles steuert. Das können nur Frauen. Gleichzeitig war die Mutterschaft die heftigste gesellschaftliche Diskriminierungserfahrung, die ich in meinen fünf Jahrzehnten Leben gemacht habe.

Auch in den spielerischen Kämpfen und dem Kräftemessen männlicher Primaten erkennt de Waal einen biologischen Sinn. Auf diese Weise lernen sie, ihre Körperkraft besser einzuschätzen und vorsichtiger mit schwächeren Gruppenmitgliedern umzugehen. Denn nach der Pubertät ist ihre Körperkraft deutlich größer als die von Weibchen und erst recht, als die von Jungtieren. Sie lernen also, andere nicht aus Versehen zu verletzen.

Gleichzeitig sind Menschenaffen nicht starr festgelegt, sondern ausgesprochen flexibel. Weibliche Tiere treten ebenso beschützend auf wie männliche, wenn es nötig ist. Es wurden männliche Tiere beobachtet, die Kinder adoptieren und großziehen, wenn die Mutter fehlte.

Grundsätzlich lernen Bonobos und Schimpansen nicht nur von Exemplaren ihrer Art, sondern auch von anderen Hominiden, weshalb zum Beispiel unerfahrenen Schimpansinnen in Zoos von Menschenfrauen die richtige Stillhaltung gezeigt wird. Schimpansinnen mit Stillproblemen wird beigebracht, ein Fläschchen zu geben. Auch Schimpansen-Männer können das lernen, wenn sie sich sonst als friedfertig und umsichtig gezeigt haben.

Und manchmal trainieren sich die Tiere regelrecht den Lebensstil einer anderen Art an. De Waal erzählt das Beispiel der Bonobo-Frau Mimi, die als 18-jährige in eine Schutzstation kam, nachdem sie zuvor unter Menschen in einem wohlhabenden Haus lebte und dort sehr menschliche Muster gelernt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie Bonobo-Gesten verstand und sich unter Bonobos wohlfühlte. Der männliche Bonobo Max hatte viele Gorilla-Verhaltensweisen angenommen, weil er lange unter ihnen lebte.

Wir haben feine Antennen, um Männer von Frauen zu unterscheiden

Die Kategorie Geschlecht zu erkennen, ist biologisch verankert. Wir haben sehr feine Antennen, um zu erkennen, ob ein Mann oder eine Frau vor uns steht.

„Eine Sekunde reicht aus und schon wissen wir, welchem Geschlecht eine Person angehört. Diese Fähigkeit war während unserer gesamten Evolution überlebenswichtig. (…) Es wäre illusorisch zu glauben, dass wir mit der Anpassung an die moderne Lebensweise unser ganzes evolutionäres Gepäck abgelegt hätten. Unser Sozialverhalten wurde bereits vor Jahrmillionen programmiert.“

Seite 296

De Waal beschreibt es als sein „erstes kleines Genderexperiment“ mit Menschenaffen. In einer Forschungseinrichtung lebten zwei männliche Schimpansen ohne weibliche Gesellschaft. Wenn Menschen-Frauen vorbeikamen, bekamen sie regelmäßig eine deutliche Erektion, bei Menschen-Männern nicht. Das Experiment ging so: De Waal und ein Kommilitone versuchten, die Schimpansen-Männer auszutricksen und verkleideten sich mit Rock und Perücke als Frau. Doch die Schimpansen-Männer blieben unbeeindruckt. Offenbar erkannten sie das Geschlecht an anderen Merkmalen.

In einem weiteren Experiment mit Menschen wurden Versuchspersonen mit kleinen Lichtern an Armen, Beinen und Hüften ausgestattet und vor einem schwarzen Hintergrund beim Gehen gefilmt. Menschen, die die Aufnahmen sahen, konnten treffsicher anhand dieser wenigen Lichtpunkte Männer und Frauen unterscheiden.

Wenn eine Person nicht operativ entsprechend verändert ist, erkennen wir ihr Körpergeschlecht in der Regel sofort. Da braucht es kein Outing. Da hilft keine Verkleidung. Das ist ein deutlicher Hinweis, warum Offenbarungsverbote diskriminierend und ausschließend sind. Es kann in einer Demokratie wohl kaum eine Straftat sein, offensichtliche Tatsachen zu benennen. Wenn die Geschlechtsidentität bekannt ist, ist es ein Akt der Höflichkeit, darauf Rücksicht zu nehmen, dass sich die Person mit ihrem Körpergeschlecht nicht angesprochen fühlt. Das Körpergeschlecht geht davon aber nicht weg.

Leider geht de Waal an dieser Stelle nicht auf das Thema Transgender und Selbstbestimmung ein. Überhaupt bleibt de Waal an vielen Stellen zum Thema trans relativ vage. Er definiert Geschlechtsidentität als etwas, das von innen kommt, also biologische Wurzeln hat. Die Tiefe und Qualität in Sachen Studien und Belegen fällt allerdings hinter den anderen Beschreibungen zurück.

Das mag daran zum einen liegen,

  • dass de Waal zuerst Primatenforscher ist und Genderidentität nicht sein Schwerpunktthema.
  • Zum zweiten gibt es zu den Ursachen von Transgender noch vergleichsweise wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Es gibt zwar Hinweise zu vorgeburtlichen Einflüssen, doch erklären diese nur einen Teil. Und es ist auch nicht klar, ob die vorgeburtlichen Voraussetzungen überhaupt geschlechtsspezifisch sind oder es erst durch kulturelle Zuweisung werden.
  • Zum dritten könnte das bereits erwähnte politisch extrem aufgeheizten Klima zu diesen recht vagen Formulierungen geführt haben. Schließlich gibt es genug Beispiele, wo klare Aussagen zu heftigen Anfeindungen durch Trans-Aktivist*innen geführt haben, bis hin zu Jobverlust und körperlichen Attacken. Ebenso gibt es Beispiele, wo Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen und für transfeindliche Zwecke missbraucht wurden.

De Waal schreibt zu Transgender:

„Die simple Tatsache, dass es transgender Menschen oder Transmenschen gibt, stellt die Vorstellung von Gender als willkürlichem sozialen Konstrukt massiv infrage. Geschlechterrollen mögen ein Produkt der Kultur sein, die Genderidentität hingegen scheint von innen zu kommen.“

Seite 80

Und er geht auf den Stress ein, den gender-nonkonforme Kinder erleben:

„Gendersozialisation setzt unweigerlich bei der Anatomie der sichtbaren Genitalien an. Transmädchen und Transjungen lehnen allerdings die damit verbundenen und an sie gerichteten Erwartungen ab“

Seite 81

Aus dem sonst von Kooperation zwischen Eltern und Kind geprägten Prozess wird schnell ein Gegeneinander, dominiert von Rebellion und Zwang.

De Waal setzt sich dafür ein, Kultur und Natur als wichtig zu erachten und beides zu nutzen, um gleiche Chancen und Rechte für alle Geschlechter zu ermöglichen.

Transgender-Affen – gibt es das?

Laut de Waal gibt es kaum eine Menschenaffengruppe, in der es nicht gender-nonkonforme Tiere gibt. Männchen, die sich aus dem allgemeinen Statusgerangel heraushalten. Weibchen, die eher männliche Verhaltensweisen zeigen. De Waal bedauert, dass es hierzu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, da die Wissenschaft vor allen Dingen an typischem Verhalten interessiert ist und darauf ihren Fokus legt.

Der Primatenforscher beschreibt eine Schimpansenfrau namens Donna, die sich gender-nonkonform verhielt. Donna spielte lieber mit männlichen Schimpansen und zeigte männliche Verhaltensweisen. Gleichzeitig war sie wenig aggressiv und ähnelte darin eher den Schimpansinnen. Donna beanspruchte weder eine Alpha-Mann-Stellung, noch kam sie den Weibchen in die Queere. So war sie weder Bedrohung noch Konkurrenz. Wurde sie ihrerseits von anderen angegangen, wusste sie, sich zu verteidigen. So war sie ein akzeptiertes Mitglied der Gruppe.

De Waal fragt, ob Donna möglicherweise trans war und antwortet, das lasse sich für Menschenaffen nicht sagen. Lesbisch sei Donna nicht gewesen. Sie zeigte generell wenig sexuelles Interesse und die anderen Tiere, männlich wie weiblich, wenig sexuelles Interesse an ihr.

In seinem Kapitel über sexuelle Orientierung zeigt de Waal, wie sehr wir Menschen dazu neigen, tierisches Verhalten selektiv wahrzunehmen und im Sinne des eigenen Weltbildes zu interpretieren. Tatsächlich ist gleichgeschlechtliche sexuelle Stimulation unter Tieren sehr normal, allerdings leben die wenigsten rein homosexuell. Die meisten sind bisexuell. Es gab Zeiten, da durfte homosexuelles Verhalten unter Tieren weder erwähnt noch publiziert werden. Aus schwul-lesbischer Perspektive heute wird es oft überinterpretiert. Hierfür liefert er zahlreiche Besipiele.

Eine Geschichte zu Pinguienen bezeichnte de Waal als „geradezu idiotisches und irrwitziges Ausmaß“:

„2019 katapultierte das Londoner Aquarium die Diskussion mit einer Genderzuschreibung in neue Sphären. Angeblich zogen dort zwei lesbische Pinguine ein genderneutrales Küken auf. (…) Eine ziemliche Überraschung für alle Biologen! Davon abgesehen, dass man bei einem Küken nicht von Gender, sondern von Geschlecht spricht, lieferte das Aquarium weder eine Aussage zur Anatomie dieses Individuums noch zu seiner geschlechtlichen Selbsteinordnung.“

Seite 373

De Waal tritt dafür ein, nicht die Ideologie als Maßstab zu nehmen, sondern die Biologie und aus ihr verstehen zu lernen. Für die Tatsache der Homosexualität und Transidentität ließen sich schließlich biologische Belege finden.

Ein Problem sieht de Waal in dem Dualismus, den Geist vom Körper zu lösen und ihn über den Körper zu stellen. De Waal hält diesen Dualismus nicht nur für typisch menschlich, sondern für patriarchal-männlich. Denn Frauen haben aufgrund der biologischen Gegebenheiten von Zyklus, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre mehr Bezug zu ihrem Körper.

„Doch Männer sind ebenso an ihre Körper gebunden wie Frauen und Tiere. Diese Abgrenzungen sind Illusion – reines männliches Wunschdenken. Geist, Gehirn und Körper sind eins.“

Seite 405

Auch der moderne Feminismus hat diese Tendenz, den Geist über den Körper zu stellen und den Körper dabei mehr oder weniger zu leugnen. Das gilt auch für den Transaktivismus, auch wenn de Waal das nicht explizit erwähnt, sondern implizit:

„Je radikaler das Verständnis von Gender als sozialem Konstrukt, desto weniger Raum bleibt für den Körper.“

Seite 407

De Waal beschreibt Geschlechtsidentität als unveränderlichen Teil einer Person, benutzt damit also einen alten Transbegriff, den Kathleen Stock mit dem SOR-Modell beschreibt. In der queer-theoretischen Lesart, die den aktuellen Transaktivismus bestimmt, ist ist Gender ausschließlich sozial konstruiert, Geschlechtsidentität daher fluide und veränderlich.

Ein Mythos, aber beileibe nicht der einzige.

Gender, Macht und Hierarchie, Fürsorge und Empathie

De Waal erklärt, wie es zu dem Mythos kam, das Patriarchat sei eine natürliche Sache. Und er räumt damit auf, indem er kulturelle Verzerrungen aufdeckt und die den heutigen Stand der Wissenschaft präsentiert:

„Während Paviane am Beginn eines Mythos standen, der das Patriarchat zum Naturzustand erklärte und den Macho zum Kern der sozialen Gemeinschaft, wissen wir heute, das all dies weder auf die Paviane zutrifft noch auf die meisten anderen Primaten, auf die es übertragen wurde.“

Seite 139

De Waal kritisiert, dass das Thema Macht im menschlichen Verhalten tabuisiert werde, beziehungsweise nur im Kontext von Machtmissbrauch und als männliche Verhaltensweise thematisiert werde. Dabei lassen sich Macht- und Statusstreben im menschlichen Verhalten in jeder Kita-Gruppe beobachten, und zwar bei allen Geschlechtern.

De Waal zeigt zahlreiche Beispiele, wie weibliche und männliche Individuen in einer Gruppe Hierarchien ausbilden, Macht ausüben, kooperieren, streiten, mitfühlen, sich versöhnen oder als kompetentes Alphatier schlichten und in der Gruppe für Frieden und Fairness sorgen.

Männchen wie Weibchen bilden getrennte Hierarchien mit einem männlichen und einem weiblichen Alphatier. Dabei müssen sich auch männliche Alpha-Schimpansen auf die Unterstützung der weiblichen Gruppenhälfte verlassen, in der Regel organisiert durch das weibliche Alphatier, die ihm nicht selten den Thron sichert. Oder zwei männliche Tiere teilen sich faktisch die Macht, indem der eine formal der Alphamann ist, während der andere im Hintergrund die Fäden zieht und Macht ausübt, zum Beispiel weil er sich der Unterstützung der Alphafrau sicher sein kann, obwohl er selbst keinen Kampf mehr gewinnen würde.

Bei den Bonobos steht das weibliche Alphatier über dem männlichen. Die Frauen organisieren das Matriarchat dabei nicht als Individuum, sondern als Kollektiv. Denn auch bei den Bonobos sind die Männer den Frauen körperlich überlegen. Aber es ist eben nicht nur die Körperkraft, die für eine Führungsaufgabe relevant ist, sondern auch die Fähigkeit, Bündnisse zu schmieden und sich durch Fairness und Großzügigkeit, aber auch durch den Schutz schwacher Gruppenmitglieder den Respekt und die Unterstützung der Gruppe zu organisieren.

„Was wir also haben sind soziale Hierarchien, in denen die männlichen Gruppenmitglieder stark von ihrer Körperkraft profitieren, wohingegen für die weiblichen Mitglieder Alter und Persönlichkeit wichtiger sind. Und obgleich die ranghohe Position durch formale Signale kommuniziert und bestätigt wird, ist sie nicht zwingend identisch mit politischer Macht.“

Seite 271

Zusätzlich stellt de Waal „Kulturunterschiede“ zwischen west- und ostafrikanischen Schimpansen-Gruppen fest. In Westafrika haben Schimpansinnen viel mehr mitzureden als in Ostafrika. Möglicherweise liegt das einerseits daran, dass sie in Westafrika enger zusammenleben und daher mehr auf soziales Auskommen achten müssen und zum anderen gibt es dort viele gefährliche Leoparden, gegen die sie sich nur gemeinsam zur Wehr setzen können. Bonobos sitzen enger aufeinander als Schimpansen, wodurch den Frauen noch mehr Macht zufällt.

De Waal macht zwei Sorten Alpha-Tiere bei den Primaten aus: einerseits den patriarchalen Tyrannen im Stile Machiavellis, andererseits Führungspersönlichkeiten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie weder gewalttätig noch unnötig aggressiv sind. Sie beschützen Schwächere, bewahren den Gruppenfrieden, trösten. Beobachtungen zeigten: Grundsätzlich trösten weibliche Individuen häufiger als männliche, einzig bei Alphamännern war es anders. Sie stachen oft als große Friedensstifter hervor.

De Waal berichtet vom Alpha-Schimpansen Ntologi, der sich mittels Bedrohung und Bestechung 15 Jahre an der Macht hielt. Als er alt und schwach wurde, wurde er enttrohnt und schließlich von einer Männerbande überfallen. Er starb einsam. Ein anderer Alphamann, der sehr kooperativ regierte, wurde noch lange, nachdem er selbst nicht mehr die Kraft hatte, von der Alphafrau und ihrem Team auf dem Thron gehalten. Und als er starb trauerte die ganze Affengruppe.

Die patriarchalen Schimpansen wurden lange vor den matriarchalen Bonobos entdeckt und sie wurden viel mehr erforscht. Passte ihr Gesellschaftsmodell doch auch viel besser in das patriarchale Weltbild. De Waal schreibt auch:

„Da sich die Forschung über einen langen Zeitraum mehr auf die Männerwelt als auf das weibliche Universum konzentrierte, ist über den Führungsstil von Alphafrauen ausgesprochen wenig bekannt.“

Seite 284

Der menschliche, besser gesagt der patriarchal-männliche Blick auf die Welt hat über Jahrhunderte auch die Forschung und die Interpretation von Forschungsergebnissen beeinflusst. Und das, was nicht sein durfte, konnte nicht sein.

„Wir haben die Wirklichkeit so verbogen, damit sie unserer Moral entspricht.“

Seite 228

Das betrifft auch den Mythos, dass Männer sexuell aktiver seien als Frauen. Tatsächlich sind beide gleich aktiv, werden bestenfalls durch kulturelle Normen in die eine oder andere Richtung gedrängt.

Bei Menschenaffen ist es die Regel, dass sich das Weibchen während der fruchtbaren Zeit mit möglichst vielen Männchen paart. Das mag einerseits dabei helfen, sich die besten Gene zu sichern. Es dient aber auch dem Aufbau von Bindungen und dem Sichern von Unterstützung durch starke männliche Tiere.

Bei angeblich monogamen Vogelarten haben Forschende herausgefunden, dass das Gelege im Nest von verschiedenen Vätern stammt. De Waal unterscheidet daher zwischen genetischer und sozialer Monogamie.

Männchen, die Weibchen bei der Aufzucht unterstützen, erziehen also nicht unbedingt ihre leiblichen Kinder. Tatsächlich haben Tiere eher keine Vorstellung von Vaterschaft. Eine von Mutterschaft dagegen haben sie. Weibliche Tiere erleben Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit am eigenen Körper. Aber weder Männchen noch Weibchen werden kaum den Spaß beim Sex in Verbindung damit bringen, dass Weibchen ab und an dicke Bäuche kriegen, aus denen Monate später Babys kommen. Auch für uns Menschen ist diese Erkenntnis gemessen an der Zeit der Evolution noch recht jung. Spermien wurden im 17. Jahrhundert erstmals gesehen, verstanden wurden sie damals nicht. Darwin wusste im 19ten Jahrhundert noch nichts von Genen.

De Waal erklärt anhand des Geschlechtsverkehrs auch den Unterschied zwischen Motivation für Verhalten und dem evolutionsbiologischen Sinn, also wozu etwas von der Evolution überhaupt erfunden wurde.

Wenn wir Sex haben, treibt uns in der Regel ein Grund zum Handeln, eine Mischung aus körperlicher Anziehung und Begehren. Sex macht gute Gefühle, Spaß, stärkt Bindungen. Evolutionsbiologisch erfunden wurde er, um Spermium und Eizelle miteinander zu verbinden, so dass Nachkommen entstehen und die Art erhalten. Aber darüber denken wir beim Sex nur selten nach, außer dass wir in unserer aufgeklärten Welt natürlich wissen, dass dies eine (un-)erwünschte Folge von Sex sein kann.

Vergewaltigung, Mord und Kriegsgewalt

De Waal wirft auch einen Blick auf die brutalen, hässlichen Seiten unseres Daseins. Und auch hier leben viele Mythen in den Narrativen der Bevölkerung weiter, obwohl sie wissenschaftlich längst widerlegt sind. So gibt es auch in der Tierwelt kriegerische Aktivität und brutale Gewalt, inklusive Mord und Kannibalismus, sogar die Ermordung von Kindern.

Geschlechtstypisch dabei ist bei Menschen wie bei Menschenaffen, dass die überwiegende Gewalt von Männern ausgeht, ebenso ist die Mehrzahl der Opfer männlich. In einem Übersichtsartikel 2014 waren bei 152 tödlichen Angriffen unterschiedlicher afrikanischer Schimpansengruppen 92 Prozent männlich, ebenso war die Mehrzahl der Opfer männlich.

Beim Menschen sind die Zahlen ganz ähnlich. In der weltweiten Statistik für das Jahr 2012 waren 79 Prozent der knapp eine halbe Million Opfer männlich, zu 80 Prozent von Männern ermordet. Kriegstote sind hierbei nicht berücksichtigt. Hier stellt de Waal gleichzeitig eine klassistische Schieflage fest: Denn es sind die jungen Männer aus einfachen Verhältnissen, die in Kriegen verheizt werden, nicht die Alten und nicht die reichen Söhne.

Frauen gelten als „Vermögenswerte“ und werden nicht in den Krieg geschickt. Dafür werden sie mitunter für ihr Frausein getötet, wenn sie dem „Besitzer“ nicht gehorchen. Bei schätzungsweise 13,5 Prozent der Morde weltweit handelt es sich um Femizid, der Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts (Seite 251). In Kriegen gilt Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung. Auch ohne Krieg ist erzwungener Sex beim Menschen häufiger als bei Tieren.

17,6 Prozent der US-amerikanischen Frauen haben im Laufe ihres Lebens eine Vergewaltigung erlitten, zitiert de Waal eine Statistik. Vergewaltigung ist ein spezifisch menschliches Verhalten und kommt in der Tierwelt nur sehr selten vor. Auch in stark hierarchischen tierischen Machogesellschaften, bleibt es beim Female Choice. Außer beim Orang-Utan, insbesondere bei kleinen Orang-Utan-Männern kommen auch erzwungene Kopulationen vor.

De Waal fragt nach den Ursachen. Kriminalstatistiken legen nahe, dass Vergewaltiger Serientäter sind und er fragt:

„Ist dieses Verhalten typisch für unsere Spezies, oder ist es ein Ausnahmeverhalten einer kleinen Minderheit?“

Seite 251

Er geht diesen Gedanken eine Weile nach, untersucht Bedingungen die männliche Gewalt begünstigen oder behindern und kommt zu dem Schluss, dass wir eine Kultur fördern sollten,

„in der Männer schon von Kindesbeinen an solches Verhalten als nicht erstrebenswert wahrnehmen und auch bei ihresgleichen nicht dulden.“

Seite 258

Einer genderlosen Erziehung erteilt er jedoch eine Absage:

„Wir können nicht so tun, als sei die Biologie irrelevant: Söhne sind keine Töchter. (…) Söhne wachsen zu Männern heran und neigen damit eher zu Gewalt als Frauen. Auch werden sie wesentlich kräftiger sein als ihre Schwestern. Jede Gesellschaft muss sich diesem zweifachen Problempotenzial stellen und Wege finden, ihre männliche Jugend zu zivilisieren.“

Seite 258

Menschen lieben Geschichten, die sie glauben können

Wir Menschen sind eine besondere Spezies: Unsere ausgesprochene Begabung zu sprechen führt in Verbindung mit Bewusstsein und Vorstellungsvermögen dazu, dass wir Geschichten lieben. Wir erfinden sie und gründen auf Narrativen ganze Gesellschaften, wie es Yunus Harari in seinem Buch „Eine kleine Geschichte der Menschheit“ sehr gut darstellt.

Erzählungen, denen wir glauben, prägen unsere Sicht auf die Welt. Und wenn diese Weltsicht erst einmal etabliert ist, verteidigen wir sie oft mit Zähnen und Klauen. Auf diesen Umstand weist de Waal immer wieder hin. Er zeigt, wie kulturelle und moralische Vorstellungen Einfluss nicht nur darauf nehmen, wie Forschungsergebnisse interpretiert werden, sondern auch, was überhaupt erforscht wird. Der Einzug von Frauen in die Primatologie und Anthropologie hat den Blick auf Facetten und Betrachtungsweisen gelenkt, die vorher unbeachtet blieben. Auch kulturell gibt es erhebliche Einflüsse. De Waal zeigt, wie sich kulturelle Sozialisation in Frankreich, USA oder Niederlande auf die Perspektive auswirken, ebenso wie Zeitgeist und persönliche Sichtweisen. Forschende sind keine neutralen Wesen. Deshalb sind diverse Teams so wichtig.

Gleichzeitig stellt das Forschende vor wichtige Reflexionspflichten:

„Die postmoderne Forschung mag glauben, dass jeder seine eigene Wahrheit habe; der wissenschaftliche Ansatz aber geht von einer gemeinsamen Realität aus, sie sich erkennen und verifizieren lässt. (…) „Ginge es in der Forschung lediglich darum, unsere jeweilige vorgefasste Meinung zu bestätigen, bräuchten wir uns gewiss nicht so anzustrengen.“

Seite 136

Beim Lesen stolpere ich immer wieder über Stellen, bei denen mein Bauch grummelt, mein Empfinden, mein Wirklichkeitserleben, mein Weltbild gestört werden. Unterliegt hier de Waal seinen Stereotypen und seine Agenda hat mitgeschrieben? Oder ist es meine Agenda, die sich hier meldet und widerspricht?

Störgefühle melden sich vor allen Dingen dort, wo ich betroffen bin, wenn die Beschreibung auf mich nicht zutrifft, etwa in den Passagen über typisch männliches oder weibliches Spiel- oder Sozialverhalten. Nach diesen Beschreibungen wäre ich eher ein Mann, ich bin aber eine Frau. Was heißt das jetzt?

Ist die Tatsache, dass die Beschreibung für mich nicht stimmt, ein Beweis, dass die Beobachtung und ihre Interpretation falsch sind? Oder bin ich eben die Ausnahme von der Regel, so wie die Schimpansenfrau Donna?

De Waal verweist auf die Komplexität menschlicher Gemeinschaften:

„Mitunter erweisen sich soziale Regeln als rigider als die zugrundeliegende Biologie. Zwar sollte man die Biologie nie ignorieren, aber es wäre eine starke Vereinfachung, soziale Rollen grundsätzlich auf sie zurückzuführen. Was wir inzwischen über tierisches und menschliches Verhalten in Erfahrung gebracht haben, legt nahe, dass die Auswahl an Verhaltensweisen flexibler ist, als häufig gedacht.“

Seite 367

Zusammenfassung für die Spezies Mensch

Fassen wir also zusammen: Es gibt keinerlei Belege dafür dass Frauen sexuell weniger aktiv sind als Männer oder weniger hierarchisch denken und handeln. Belege gibt es aber für mehr männliche Muskelkraft, höhere Impulsivität und stärkere Gewaltbereitschaft. Ebenso sind Menstruation, Schwangerschaft und Stillen körperlichen Frauen vorbehalten.

Was Interessen und Fertigkeiten angeht, lassen sich zwar geschlechtsspezifische Präferenzen in Bezug auf Wettbewerb, Statusstreben, Kooperation und Fürsorge messen, allerdings ist ebenso nachgewiesen, dass dies nicht deterministisch ist, sondern zum Beispiel auch männliche Individuen sehr fürsorglich mit Nachwuchs umgehen können. Frauen können herausragend führen.

„Die gesellschaftliche Organisation des Menschen ist durch eine einzigartige Kombination aus (1) Männerfreundschaften, (2) Frauenfreundschaften und (3) Kernfamilien charakterisiert. Das erste haben wir mit den Schimpansen gemein, das zweite mit den Bonobos, das dritte ist unseres ganz allein“

Seite 357

Im Vergleich zu anderen Säugetieren leben Menschen also enger in Kernfamilien, Männer und Frauen treffen mehr aufeinander und Männer sind stärker in die Aufzucht des Nachwuchses eingebunden. In unserer modernen Arbeitswelt sind Männer- und Frauengruppen nicht getrennt, sondern kooperieren erfolgreich und arbeiten zusammen. Wir leben außerdem in erweiterten Familiensystemen, in denen auch schwule oder lesbische Paare tolle und verantwortungsvolle Eltern sind, sich Wahl- und Patchworkfamilien zusammenfinden.

Wenn es um die Unterschiede in den Gehirnen geht, ist allergrößte Vorsicht geboten. Denn selbst wenn eine Korrelation gemessen wird, ist das keine Aussage über die Kausalität. Das Henne-Ei-Problem bleibt ungelöst.

„Das Gehirn sorgt nicht nur dafür, dass wir uns auf bestimmte Weisen verhalten, sondern es verändert sich auch als Folge unserer Lebensumstände und Aktivitäten.“

Seite 361

Taxifahrer*innen besitzen einen vergrößerten Hippocampus (räumliches Gedächtnis), andere Tätigkeiten vermehren die graue Substanz oder haben Einfluss auf die Hormonversorgung. Der Oxytocin-Spiegel steigt nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern, die sich viel mit kleinen Kindern beschäftigen.

Im ewigen Streit über nurture or nature ist de Waal der Auffassung, die er bereits zu Beginn seines Buches klarmacht:

„Bessere Gleichstellung erzielt man nur über ein besseres Verständnis unserer biologischen Voraussetzungen, nicht jedoch über den Versuch, diese komplett zu ignorieren.“

Seite 27f

De Waals Buch sollte Pflichtlektüre sein für alle, die im Kontext von Transgender und Feminismus zu Extrempositionen neigen oder gar den Einfluss des biologischen Geschlechts oder das biologische Geschlecht als Ganzes leugnen. Dieses Buch sollte auch Pflichtlektüre sein für alle, die an der Ablösung des Transsexuellengesetzes durch ein Selbstbestimmungsgesetz mitwirken.

Buchcover: Der Unterschied, Frans de Waal

Frans de Waal: Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können, 2022, Klett-Cotta

Übersetzung: Claudia Arlinghaus

ISBBN: ISBN: 978-3-608-11932-9

Print und E-Book

Hier der Link zum Verlag: https://www.klett-cotta.de/buch/Leben/Der_Unterschied-ebook/582232

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Bilder: Eigene Collage auf Basis von pixabay/tsauquet, Buchcover: Klett-Cotta

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