Was soll dieses Gender? Wer ist eigentlich Divers? Wie viele Diverse gibt es? Wo ist der Unterschied zwischen divers, nicht-binär, trans und inter? Solche und ähnliche Fragen höre ich immer wieder. Dieser Blogartikel gibt dir einen Überblick, was diese Begriffe bedeuten und wer damit gemeint ist (Update vom 21. April 2026).
Der Urspungstext dieses Beitrages ist bereits von März 2022. Als Nemo aus der Schweiz 2024 den Eurovision Song Contest gewann, hatte ich innerhalb weniger Stunden plötzlich vierstellige Reichweiten auf diesem Blogbeitrag: Viele Zuschauerinnen und Zuschauer hörten vom Sieg einer „nicht-binären Person“ und fragten das Internet: Was heißt nicht-binär? Aber bevor wir diese Frage beantworten, klären wir zunächst die unterschiedlichen Betrachtungen von Geschlechtlichkeit.
Gender – ein soziologischer Begriff für Geschlecht
Etwa seit den 1970er Jahren etablierte sich neben Geschlecht im Sinne des englischen Begriffs „sex“ der Begriff Gender. Während „sex“ auf die biologischen Gegebenheiten verweist, bezeichnet „gender“ sozialisierte Effekte von Geschlechtlichkeiten, also Erwartungen, Rollenbilder, Stereotype an Geschlecht. Da sich aber beides auf die gleiche Personengruppe bezog, wurden die Begriffe im Deutschen wie im Englischen oft vermischt und dadurch auch verwischt.
Ab etwa der 1990er Jahre entwickelte sich eine Betrachtung, die das biologische Geschlecht ebenfalls als sozial konstruiert betrachtet. Diese Betrachtung ist heute wesentliche Grundlage heftiger Konflikte rund um Geschlecht und Gender.
Während die einen biologische Realitäten verteidigen und biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen als real und relevant betrachten, möchten andere selbstgewählte Genderidentitäten zur Norm erklären.
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Was bedeutet Gender?
Tatsächlich existieren heute verschiedene Definitionen von Gender nebeneinander. Die Philosophin Kathleen Stock machte in ihrem 2021 erschienen Buch „Material Girls“ vier verschiedene Definitionen des Begriffs Gender aus.
- Gender synonym zu und weniger verfänglich als Sex
- Gender als Beschreibung kultureller Stereotypen, Erwartungen und Normen, die mit einem Geschlecht verbunden sind
- Gender als soziale Rollenzuschreibung
- Gender als Geschlechtsidentität
Im Zuge von Geschlechtseinträgen jenseits von „männlich“ und „weiblich“ und der Änderung von Geschlechtseinträgen ist es wichtig geworden, Begrifflichkeiten rund um Geschlecht und Gender genauer zu differenzieren. Schon um entstandenen Konflikten entgegenzuwirken. Im Blogbeitrag „Geschlecht und Gender: Ordnung im Begriffsdschungel“ gehe ich auf die Begriffsverwirrungen ein.
Während das körperliche Geschlecht biologisch festgelegt ein Produkt der Natur ist, haben alle anderen Aspekte mehr oder weniger starke kulturelle Einflüsse. Aber statt sauber zwischen Kultur und Natur zu unterscheiden, Besonderheiten zu respektieren und pragmatisch für Lösungen zu streiten, wurden die Debatten zu diesen Themen immer politisierter und polarisierter. Über den aus meiner Sicht absurden Streit über die Zahl der Geschlechter habe ich bereits im November 2022 geschrieben.
Aber auch wenn es biologisch genau zwei Geschlechter gibt, heißt es nicht, dass wir 100 Prozent der Menschen eindeutig zuweisen können. Bei Trans- und Interpersonen ist diese Einteilung etwas komplexer. Aber was heiße trans und inter überhaupt?
Was bedeutet inter oder Intergeschlecht oder intersexuell? Babys werden so geboren
Intergeschlechtlich werden Menschen bezeichnet, die von Geburt an eine Mischung aus männlichen und weiblichen Merkmalen besitzen. Intergeschlechtlichkeit kann bei Geburt auffallen, muss es aber nicht. Manchmal wird die Intergeschlechtlichkeit erst in der Pubertät entdeckt, etwa weil die Menstruation ausbleibt. Oder sie fällt auf, wenn es mit der Elternschaft nicht klappt und sich die Person deswegen untersuchen lässt.
Es gibt viele Mythen zu Interpersonen. Aber gemischt bedeutet weder, dass Interpersonen alles doppelt haben, noch bedeutet es ein drittes oder viertes evolutionsbiologisches Geschlecht. Auch Interpersonen haben entweder Hoden oder Eierstöcke. Und selbst in dem extrem seltenen Fall, dass ein Mensch einen Hoden und einen Eierstock hat, von denen in der Regel einer der beiden verkümmert ist, gibt es keine dritte Sorte Keimdrüsen (Gonaden).
Dabei ist Intergeschlecht ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Varianten der Geschlechtsentwicklung und gleichzeitig einer Untergruppe dieser Varianten, englisch Differences of Sexual Development (DSD). Denn nicht alle DSD sind auch inter.
Intergeschlechtliche Menschen tauchen in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte nur selten auf. Dabei sind sie eine wichtige Gruppe, die in der Vergangenheit stark benachteiligt wurde, weil ihre Körper von der Gesellschaft nicht akzeptiert wurden.
Für Menschen, die im Alltag als Frau wahrgenommen werden, aber einen XY-Chromosomensatz haben und innenliegende Hoden. Oder für Menschen, die als Mann wahrgenommen werden, obwohl in ihrem Körper auch weibliche Merkmale vorhanden sind, ist die Auseinandersetzung mit diesen Kategorien von „Mann“ und „Frau“ ein kompliziertes und komplexes Thema.
Viele ältere Interpersonen haben Traumata erlitten und sind ungefragt an den Genitalen operiert worden. Wenn ihre Intergeschlechtlichkeit bei Geburt oder im Kindesalter auffiel, wurden sie einfach „passend“ gemacht, sprich zum Mann oder zur Frau operiert. Diese Praxis steht seit Jahren als Menschenrechtsverletzung in der Kritik und wurde 2021 in Deutschland verboten.
In meinem Buch „Alle(s) Gender. Wie kommt das Geschlecht in den Kopf?“ kommen mehrere Interpersonen zu Wort und erzählen von ihrer Geschichte.
Welche Formen von Intergeschlechtlichkeit gibt es und wie viele Menschen sind das?
Wissenschaftlich ist nicht genau definiert, wer als „inter“ zählt und wer nicht. Leider spielt auch in der Wissenschaft der politische Aktivismus derzeit eine viel zu große Rolle, so dass in vielen Arbeiten nicht beschrieben wird, welche Varianten warum zu inter gezählt werden und welche nicht.
Für die einen sind zum Beispiel Klinefelter Männer mit einem zusätzlichen X-Chromosom, für andere sind das Interpersonen, weil sie neben (mindestens) einem Y-Chromosom auch (mindestens) zwei X-Chromosomen besitzen. Wieder andere wollen Intergeschlechtlichkeit über körperliche Merkmale hinaus ausdehnen und eine vom Körpergeschlecht abweichende Genderidentiät (Transgender) als Intervariante verstanden wissen.
Das ist ein Grund, warum die Schätzungen, wie viele Personen betroffen sind, so weit auseinandergehen. Sie reichen von weniger als 0,018 bis zu 4 Prozent der Weltbevölkerung. Werden die bekannten Häufigkeiten (Prävalenzen) typischer Intervarianten addiert, sind die niedrigeren Schätzungen die realistischeren.
Um die Zahl zu verbildlichen: Bei einer Schätzung von 0,5 Prozent Interpersonen bedeutet das, in einer normalen Grundschule mit 200 Kindern ist statistisch eines der Kinder intergeschlechtlich.
Die mutmaßlich häufigste Variante von Intergeschlechtlichkeit ist Klinefelter. Klinefelter bedeutet, dass ein Junge mehr als ein X-Chromosom hat, also mindestens ein Y-Chromosom und mindestens zwei X-Chromosomen. Ein bis zwei von 1.000 neugeborenen Jungen weißt diese chromosomale Abweichung auf. Viele Klinefelter leben in ihrem sozialen Geschlecht als Mann, manche als Frau und wieder andere sagen: Ich bin weder noch.
Eine vollständige Androgenresistenz (CAIS) wird mit einer Prävalenz (Häufigkeit) von 1:10.000 bis 1:20.000 angegeben. CAIS bedeutet, dass ein Baby aussieht wie ein Mädchen, aber innenliegende Hoden und einen XY-Chromosomensatz hat. Der Grund für diese Variante: Die Rezeptoren für die Verarbeitung von Testosteron fehlen oder funktionieren nicht. Der Embryo entwickelt zunächst Hoden, die bilden Testosteron und weil das nicht wirkt, entwickelt sich der Fötus weiter weiblich. CAIS-Personen vermännlichen nicht.
Eine andere, sehr seltene Variante ist Swyer. Bei Swyer ist der embryonale Prozess bereits bei der Entwicklung der Hoden gestört. Auch das sind also XY-Babys, die als Mädchen registriert werden. Die Häufigkeit ist nicht bekannt, Ursachen gibt es mehrere.
Eine ebenfalls sehr seltene Form sind natürliche Chimären. Das sind Menschen, die ab Geburt zwei Chromosomensätze haben. Das geschieht, wenn zwei befruchtete Eizellen in einem frühen Stadium zu einem Embryo verschmelzen und nur ein Baby entsteht. Im Grunde ist es der umgekehrte Prozess zu einem eineiigen Zwilling, also eine Art zweieiiger Einling. Wenn beide befruchteten Eizellen XX oder beide XY sind, kann es sein, dass die Person ein Leben lang nichts davon weiß. Wenn aber eines der zweieigen Zwillinge ein XX und das andere ein XY ist, dann entsteht eine seltene Form der Intergeschlechtlichkeit.
Zwar ebenfalls sehr selten, aber sehr viel bekannter, weil häufiger in den Medien diskutiert, ist 5-alpha-Reductase-Mangel. Das sind die Intervarianten, die im Leistungssport der Frauenkategorie auffallen. Auch sie sind XY-Babys, die meistens als Mädchen eingetragen und sozialisiert werden. Aber spätestens in der Pubertät vermännlichen sie. Denn anders als bei CAIS wirkt bei 5ARD das Testosteron. Ähnlich auch bei partieller Androgenresistenz (PAIS). Sportscouts fällt das auf. Sie fischen diese Personen gezielt heraus und fördern sie. Wissenschaftler*innen schätzen, dass in der Frauenkategorie im Leistungssport 140 Mal häufiger 5ARD-Personen sind als in der Gesamtbevölkerung.
Dem Thema trans und inter im Sport und den neuen Regelungen des IOC habe ich eigene Blogartikel gewidmet.
Was bedeutet trans, Transgender, transgeschlechtlich? Menschen sind mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht einverstanden.
Von Transgender haben die meisten schon mal gehört. Trans, transgeschlechtlich, Transgender oder transidentifiziert bezieht sich auf die Geschlechtsidentität, also welchem Geschlecht sich jemand zugehörig fühlt. Transgeschlechtlichkeit oder kurz trans bedeutet, dass die Person sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das in ihrer Geburtsurkunde steht.
- Transmänner sind geburtsgeschlechtliche Mädchen und Frauen, die sich dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Manche nutzen auch den Begriff „transidente Frau“, um das biologische Körpergeschelcht zu betonen. Freundlicher ist es jedoch Transmann.
- Transfrauen sind geburtsgeschlechtliche Jungs und Männer, die sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Manche benutzen auch den Begriff „transidenter Mann“, um das biologische Körpergeschlecht zu betonen. Freundlicher ist jedoch Transfrau.
- Geburtsgeschlechtlich bedeutet: Dem Baby wird zwischen die Beine geschaut, um zu entscheiden: Mädchen oder Junge. Und das wird in die Geburtsurkunde eingetragen.
Die Zahl der Menschen, die sich als transident beschreiben, ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Ganz besonders stark bei jungen Frauen. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es viel mehr Transmänner als Transfrauen. Das macht Forscher*innen und Ärzt*innen Sorgen und sie rätseln, woran das liegt. Es gibt verschiedene Thesen, aber sicher wissen wir es nicht.
Was ist eine Genderidentität?
Zunächst bedeutet Genderidentität, das sich jemand mit einem Geschlecht idendifiziert. Wenn wir nicht-binär als Genderidentität bezeichnen, bedeutet es aber auch, dass sich jemand gerade nicht mit einem Geschlecht identifiziert. Der Begriff ist Teil eines politischen Streits, der sehr polarisiert geführt wird.
Dabei könnten wir auch einfach Fakten sammeln. Wir wissen, dass es Transpersonen gibt, ohne dass wir wissenschaftlich verstanden haben, wie eine Transidentität entsteht. Ob es auch vorgeburtliche Faktoren gibt, die eine Transidentität begünstigen, kann nicht sicher mit ja oder nein beantwortet werden. Sicher ist jedoch, dass ein ein Mensch bei Geburt noch keine Identität haben kann. Die Identität ist unsere Vorstellung von uns selbst. Babys können sich etwa mit 18 Monaten als Ich erkennen. Erst ab dann kann also eine Identitätsentwicklung beginnen.
Unsere Identität entwickelt sich im Zusammenspiel von unserem Innen mit dem Außen. Einen Teil unserer Identität ist schon mit der Geburt tief in uns verankert. Ich nenne das den Wesenskern. Der ist unveränderlich und macht einen guten Teil unseres Ichs aus. Dieses Ich geht hinaus in die Welt, hat individuelle Interessen, Talente, Dinge, die es mag oder nicht leiden kann. Und für dieses Sosein wird es gelobt und getadelt, bekommt Unterstützung, erfährt Unterdrückung, lernt die Regeln der Gruppe (Gesellschaft), wie es interpretiert wird und wie es sich verhalten sollte, passt sich an oder widersetzt sich. Das kennen wir alle. Wir alle machen die Erfahrung der Sozialisation.
Und diese ist verknüpft mit stereotypen Bildern von und Erwartungen an Geschlecht. Menschen, deren Sosein gängigen Genderstereotypen widerspricht, erfahren so also erstmal „Ich bin anders“, „Ich entspreche nicht den Erwartungen“ oder vielleicht sogar „Es ist falsch, wie ich bin“. Das löst Stress aus. Für Mädchen kommt hinzu, dass sie spätestens ab der Pubertät sexualisiert werden. Das empfinden viele als einschränkend und unangenehm.
Junge Frauen erfahren also Sexismus, junge Männer stehen unter dem Druck sich als „echte“ Männer zu beweisen. All das kann Einfluss auf das eigene Erleben haben, aber auch darauf, ob jemand sich traut, das eigene Anders-Fühlen überhaupt zu erzählen. Und ob das eigene Anders-Fühlen Auswirkungen darauf hat, sich mit dem eigenen Körper zu arrangieren oder ob es ein starkes Bedürfnis gibt, an diesem Körper etwas zu verändern.
Was bedeutet queer?
Der Begriff „queer“ hat eine lange Geschichte mit verschiedenen Bedeutungswechseln. In den 1980ern reclaimte die LGB-Community den zunächst als Schimpfwort gebrauchten Begriff stolz für sich, im Unterschied zu „straigt“ – heterosexuell. Im Laufe der Zeit und der Erweiterung zu LGBTIQA bekam queer aber noch zwei weitere Bedeutungen: Jemand ist zwar weder homosexuell noch intergeschlechtllich noch transgender, identifiziert sich aber trotzdem als queer. Außerdem wurde der Begriff zunehmend vereinahmt von den Anhänger*innen der sogenannten Queertheorie. Insbesondere diese Queertheorie ist es, die den Regenbogen spaltet. In der medialen Öffentlichkeit äußert sich das dann in Sätzen wie „Ich bin schwul, nicht queer.“
In meinem Beitrag „In oder out: Wer ist wir, wer queer und wer gehört nicht dazu?“, im Jahrbuch Sexualitäten 2024 gehe ich auf diese Geschichte ein und auf die Verwerfungen, die neue Interpretationen in der LGBTIQA-Community auslösen.
Wie viele Menschen sind queer?
Junge Leute sind oft weniger bereit, sich in die Schubladen „Mann“ oder „Frau“ pressen zu lassen und nennen sich queer. Gallup stellte in einer Umfrage 2020 in den USA fest, dass der Anteil der Menschen, die sich als genderqueer sehen, insbesondere bei jungen Menschen steigt.
Während sich in der Generation der vor 1946 Geborenen (Traditonalisten, Silent Generation) nur 1,3 Prozent und bei den Babyboomern (1946 bis 1964) 2 Prozent als LGBT (LGBT steht für Lesbian, Gay, Bi und Transgender) sahen, waren es in der Generation X (1965 bis 1980) 3,8 Prozent, bei den Millenials (1981 bis 1996) 9,1 Prozent und bei der Generation Z (1997 bis 2002) 15,9 Prozent.
In einer Umfrage 2024 hatte Gallup die Frage geändert. Nun wurde nicht mehr nach LGBT gefragt, sondern nach LGBT oder etwas anderes als heterosexuell. In dieser Umfrage ordnen sich 23,1 Prozent der GenZ zu, 14,2 Prozent der Millenials, 5,1 Prozent der GenX, 3 Prozent der Boomer und 1,8 Prozent der Traditionalisten/Silent Generation.
Das Rheingold-Institut in Köln veröffentlichte im Februar 2022 die Ergebnisse einer Studie zum Genderstern. Eine überraschende Nebenerkenntnis der Forscher*innen: 27 Prozent der Befragten zwischen 16 und 35 Jahren verorteten sich nicht eindeutig als Mann oder Frau, sondern irgendwie dazwischen. Unter jungen Leuten gibt es auch den Begriff der fluiden Geschlechtsidentität.
Das bedeutet nicht, dass alle diese Leute Transgender sind oder schwul oder lesbisch. Es bedeutet eher, dass sie nicht bereit sind, sich den engen Genderrollen und Perspektiven auf Geschlecht unterzuordnen.
Kurz zu den Begriffen:
- Hetero oder heteronormativ bedeutet: Die sexuelle Orientierung ist auf das Gegenschlecht gerichtet.
- Genderqueer oder queer bedeutet: Jemand hadert irgendwo im Konzept von Körper, Identität, Rolle und sexueller Orientierung mit den traditionellen Vorstellungen von Heteronormativität.
- „Schwul, lesbisch, bi, trans, inter – aber nicht queer“ bedeutet, dass jemand zwar LGBTI ist, aber die Queertheorie ablehnt. Hintergrund: Bei den Anhänger*innen der Queer“theorie“ ist homosexuell nicht als gleichgeschlechtlich begehrend definiert, sondern als gleichgenderbegehrend. Diese Perspektive ist in der LGBTIQA-Community umstritten und viele lehnen sie ab.

Die Buchreihe „Jahrbuch Sexualitäten“ bildet die Entwicklungen und Debatten in der LGBTIQA-Community ab. Im Jahrbuch 2025 geht es um Transsexualität im Nationalsozialismus, um die verschiedenen Flaggen und um Homophobie unter dem Regenbogen. Ich war bei der Book-Release-Party dabei und und habe darüber geschrieben.
Was bedeutet gelesenes Geschlecht?
Während ich den Begriff „gelesenes Geschlecht“ 2022 noch als beschreibend wertfrei betrachtet habe, gehört dieser Begriff heute zu denen, die schnell polarisierte Debatten auslösen können. Wie kam das?
Zunächst bedeutet „gelesenes Geschlecht“ eigentlich nur das Geschlecht, welches ich äußerlich wahrnehmen kann. Auf der Straße sehen wir schließlich weder Genderidentitäten noch Chromosomen oder Gonaden. Trotzdem entscheiden wir sofort, wen wir als „Mann“ und wen wir als „Frau“ wahrnehmen. Eine CAIS-Person ist biologisch zwar männlich, aber wir sehen eine Frau. Ein Transmann ist biologisch weiblich, aber wir sehen einen Mann. Eine Vorstellung davon, eine Person als „nicht-binär“ oder „divers“ zu lesen, haben wir bisher nicht gelernt.
Der Begriff „gelesenes Geschlecht“ wurde deshalb zum Triggerwort, weil er eben nicht so sachlich nüchtern verwendet wurde, sondern in identitätspolitischen Kontexten benutzt wurde, um die biologische Geschlechtlichkeit zu untergraben. Das wiederum löste heftige Gegenwehr aus.
Was heißt hier eigentlich Geschlechterrolle?
In einer emanzipierten, gleichberechtigten Welt gibt es keine Geschlechterrollen. Jenseits der unterschiedlichen reproduktiven Fähigkeiten sollten Männer und Frauen gleiche Freiheiten genießen. Dem ist aber nicht so. Wenn du dich aufmerksam umschaust, siehst du im Alltag überall Erwartungen an Geschlecht.
Und sobald sich Menschen andes kleiden oder verhalten, als es die gesellschaftlichen Geschlechtervorstellungen nahelegen, fällt das im günstigsten Fall auf. Im ungünstigen Fall führt es zu Abwertung, Ausgrenzung oder gar zu Gewalt.
- Wenn zum Beispiel eine männlich gelesene Person Nagellack trägt, sich schminkt und in luftigen Kleidern unterwegs ist, dann wirkt das zumindest ungewöhnlich. Umgekehrt wundert sich niemand, wenn eine Frau luftige Kleider trägt oder sich schminkt.
- Wenn eine weiblich gelesene Person in Bereichen, die wir „Männerdomänen“ nennen, unterwegs ist, wenn sie nach Macht strebt, sich laut zu Politik, Wirtschaft oder Fußball äußert, Kinder für sie kein Grund sind, im Beruf zurückzutreten, wird das oft kritisiert. Und es wird als normal angesehen, wenn ein Mann den Chefsessel will oder dass ein Vater Vollzeit berufstätig ist.
- Viele Leute finden es ziemlich normal, dass weiblich gelesene Personen ungefragt von fremden Menschen Bemerkungen über ihr Aussehen hören, ihnen nachgepfiffen wird, sie hören, wie toll ihre Kleidung Busen oder Po zur Geltung bringt. Umgekehrt wäre es ziemlich schräg, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit einem Mann hinterherpfeift oder im Büro zu einem Kollegen sagt: „Also Ihr Hemd bringt Ihren Sixpack wirklich toll zur Geltung.“ – „In dieser Hose sieht Ihr Hintern zum Anbeißen aus.“ – Das gleiche gilt auch andersherum: Weiblich gelesene Personen erfahren häufig Negativ-Urteile über Ihr Aussehen bis zu Beleidigungen. Umgekehrt werden überquellende Männerbäuche oder fehlende Hintern nur selten öffentlich kommentiert.
Wir werden also aufgrund unserer körperlichen Merkmale in bestimmte gesellschaftliche Rollen gedrängt. Und wenn wir uns anders verhalten, müssen wir uns mit Kritik oder Widerständen auseinandersetzen. Wenn die Reaktionen von außen zu uns passen, uns stärken und bestätigen, fühlt sich das gut an. Wenn wir aber ständig vermittelt bekommen, dass wir anders sein sollen, fühlt sich das schlecht an. Wenn wir auf offene Ablehnung und Ausgrenzung stoßen oder gar auf Hass und Gewalt, ist das gefährlich für uns.
Welches Geschlecht ist „divers“? Was bedeutet nicht-binär?
Als divers oder nicht-binär bezeichnen sich Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen. Beide Begriffe begründen jedoch kein eigenes biologisches Geschlecht, sondern sind Sammelbegriffe für Menchen, für die „männlich“ oder „weiblich“ nicht passt.
Dabei ist „divers“ der dritte Personenstand (rechtlicher Geschlechtseintrag) neben „männlich“ und „weiblich“, der Ende 2018 für intersexuelle Menschen eingeführt wurde. Es ist auch möglich, den Geschlechtseintrag ganz zu streichen (seit 2013).
Der Begriff nicht-binär ist keine rechtliche Kategorie, sondern eine Selbstbezeichnung, die Menschen für sich wählen, die sich weder der Kategorie Mann noch der Kategorie Frau zuordnen wollen. Darunter sind neben intergeschlechtlichen Menschen und Transpersonen auch Leute, die einfach keine Lust auf die Schubladen „männlich“ oder „weiblich“ haben.
Ein kleiner Rückblick: Bis vor wenigen Jahren gab es im Personenstand, also dem, was in unserer Geburtsurkunde, in der Sozialversicherungsnummer oder im Pass steht, nur „männlich“ und „weiblich“. Seit Ende 2013 konnten Eltern von intergeschlechtlichen Kindern den Eintrag zunächst offen lasen. Seit 1. Januar 2019 gibt es in Deutschland den Geschlechtseintrag „divers“. In Österreich gibt es außerdem die Möglichkeit „inter“ und „offen“. In beiden Ländern kann der Geschlechtseintrag auch gestrichen werden. In der Schweiz dagegen gibt es nur „männlich“ und „weiblich“.
Vor diesen Erweiterungen der Personenstandseinträge gab es in Deutschland und Österreich höchstrichterliche Urteile, dass Interpersonen ein Recht auf einen eigenen positiven Geschlechtseintrag haben. Die Umsetzung ist meiner Meinung nach allerdings noch nicht wirklich durchdacht und hat an mehreren Stellen Probleme. Denn unsere Rechte, Regeln und Räume sind weiterhin nach „männlich“ und „weiblich“ sortiert.
Seit dem 1. November 2024 ist das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Kraft. Seither ist der rechtliche Geschlechtseintrag für alle Erwachsenen frei wählbar und kann einmal jährlich geändert werden. Damit hat die Gesetzgeberin den rechtlichen Geschelchtseintrag vom biologischen Geschlecht entkoppelt – und das ohne Rechtsfolgenabschätzung.
Und inzwischen tritt ein, wovor viele gewarnt haben. Es häufen sich die Konflikte, sei es in Frauen-Fitness-Studios, in Umkleiden oder im Frauengefängnis. Und die Akzeptanz von LGBTIQA in der Allgemeinbevölkerung leidet. Dass im Vorfeld des SBGG eine Rechtsfolgenabschätzung verweigert wurde und Kritiker*innen diffamiert wurden, behinderte eine sachorientierte gesellschaftliche Debatte. Diese werden wir noch führen müssen. Andernfalls droht ein heftiger Backlash wie ihn die USA erleben.
Rechtliche Verstrickungen bei Personenstandswechseln
Viele Gesetze und Regelungen unterscheiden bisher nur in „männlich“ und „weiblich“, was zu zahlreichen Problemen für Menschen mit dem Personenstand „divers“ fähren kann. So klagt eine nicht-binäre Person in Darmstadt auf die Anerkennung der Elternschaft des eigenen Kindes. Das Standesamt fordert eine Adoption, weil im entsprechenden Gesetz „divers“ als leiblicher Elternteil nicht vorgesehen ist. Eine andere Person mit dem Eintrag „divers“ bekam auf einmal keine Einladung mehr zur Mammografie. Die bekommen Frauen ab 50 alle drei Jahre, nicht aber nicht-binäre Personen mit weiblichem Körper.
Ebenfalls Probleme gibt es, wenn Personenstand und Phänotyp auseinanderklaffen. Das passierte einer Transperson, die im Sicherheitsbereich des Flughafens gearbeitet hat. Dort dürfen Menschen nur von gleichgeschlechtlichen Menschen abgetastet werden. Relevant ist der Personenstand. Den hatte die betroffene Person geändert, bevor sie körperlich transitionierte. Sie sah also aus wie eine Frau, war rechtlich jedoch ein Mann. Die Arbeitgeberin war ratlos, der betroffene Transmann frustriert und enttäuscht.
Im März 2026 beschäftigte eine biologisch männlicher Straftäter mit weiblichem Geschlechtseintrag die Gerichte. Der wegen Pädokriminalität Verurteilte erklärte sich zur Frau und empfand es als „ehrverletzend“ durch männliche Justizbedienstete abgetastet zu werden.
Das Fachbuch „Transidentität und geschlechtliche Vielfalt im Arbeitsumfeld. Ein Praxisbuch für Unternehmen und den öffentlichen Dienst„, herausgegeben von David Scholz und erschienen bei SpringerGabler 2025 befasst sich mit der neuen Rechtslage und den Herausforderungen für Arbeitgeberinnen. Ich, also Sigi Lieb, habe das Kapitel zur geschlechtergerechten Sprache beigesteuert.
Ich bin überzeugt: Entweder wir führen als Gesellschaft endlich die Debatten, die ich bereits in meinem im März 2023 erschienen Buch „Alle(s) Gender“ thematisiere und anstoße, um zu pragmatischen Lösungen zu kommen, die die Interessenskonflikte zwischen Frauenrechten, Homosexuellenrechen und Transrechten offen benennen und pragmatische Lösungen entwiuckeln. Oder wir laufen auf eine weitere Spaltung zu und helfen denen, die LGBTIQA ganz ablehnen.
Schnelle FAQ zu trans, inter, nicht-binär und divers
Was bedeutet nicht-binär?
Nicht-binär ist eine Selbstbezeichnung von Menschen für eine Genderidentität, die sich weder mit „weiblich“ noch mit „männlich“ identifiziert. Sie ist eine der vielen Selbstbezeichnungen aus dem identitätspolitischen Spektrum.
Was ist der Unterschied zwischen trans und inter?
Intergeschlechtlichkeit ist eine angeborene körperliche Variante der geschlechtlichen Entwicklung. Die bekanntesten sind Klinefelter, CAIS, Swyer, PAIS und 5-alpha-Reductase-Mangel.
Transgender bezeichnet Menschen, die sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, als ihr biologischer Körper vorschlägt.
Was bedeutet divers als Geschlecht in Deutschland?
Divers ist kein eigenständiges Geschlecht, sondern ein rechtlicher Eintrag im Personenstand für Menschen, die sich weder „weiblich“ noch „männlich“ sehen. Eingeführt wurde er für intergeschlechtliche Menschen. Seit Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes steht dieser Eintrag allen offen.
Quellen und weiterführende Literatur:
Doccheck 5-alpha-Reductase-Mangel: https://flexikon.doccheck.com/de/Steroid-5%CE%B1-Reduktase-Mangel
Doccheck CAIS: https://flexikon.doccheck.com/de/Komplettes_Androgenresistenz-Syndrom
Doccheck Klinefelter: https://flexikon.doccheck.com/de/Klinefelter-Syndrom
Doccheck Swyer: https://flexikon.doccheck.com/de/Swyer-Syndrom
Gallup, Erhebung 2020:https://news.gallup.com/poll/329708/lgbt-identification-rises-latest-estimate.aspx
Gallup, Erhebung 2024: https://news.gallup.com/poll/332522/percentage-americans-lgbt.aspx
Initiative Queer Nations: Zwei erhellende Texte zur Debatte um „Queer“ vs. „Schwul“, 5. April 2026, https://queernations.de/zwei-texte-zur-debatte-um-queer-schwul/
Rheingold-Institut, 2022: https://www.rheingold-marktforschung.de/stolperfalle-gendern/
Thomas Thiel: Gespaltene Queerness. Auch in der LGBTQ-Szene gibt es Schwulenfeindlichkeit, FAZ 21. August 2025, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/jahrbuch-sexualitaeten-2025-weist-auf-ausgrenzung-in-der-lgbtq-szene-hin-110642491.html
Till Randolf Amelung: Die Verschlimmbesserung des Regenbogens, Initiative Queer Nations, 6. April 2024, https://queernations.de/die-verschlimmbesserung-des-regenbogens/
Bilder: Sigi Lieb

Ich wünsche mir, dass jedes Kind nur einen/ zumindest einen neutralen Namen erhält. Eltern würden sich mit dem Thema beschäftigen müssen, was zu schnellerer Akzeptanz in der Gesellschaft führt. Viele weitere Probleme wären damit beseitigt.
Lieb*er Kim, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich fürchte, das löst überhaupt keine Probleme.
Wenn eine Person ihren Namen ablehnt, kann das verschiedene Gründe haben. Auch neutrale Namen können als unpassend und falsch empfunden werden.
Wenn eine Person unter Geschlechtsdysphorie leidet, hat das weniger mit ihrem Namen zu tun, sondern vor allem damit, dass sie geschlechtsmarkierende Körperteile ablehnt.
Wenn eine Person unter den Geschlechterstereotypen leidet, dann ändern die sich ja nicht, nur weil die Person anders heißt.
Ich habe einen neutralen Namen und werde dauernd in Mails als Mann angesprochen, im alltäglichen Umgang als Frau behandelt.
Was hilfreich wäre, nicht nur im Kontext von Gender, dass Menschen ihren Vornamen einfach ändern lassen können. Und damit Behörden Beständigkeit und Nachvollziehbarkeit haben, bei Erwachsenen nur alle 10 Jahre, bei Jugendlichen in kürzeren Abständen. Außerdem könnte es für Kinder/Jugendliche eine einfache Möglichkeit geben, zusätzlich zu ihren personenstandsrechtlichen Namen, ihren Rufnamen eintragen zu lassen.
Das ist nur ein kleiner Baustein. Das große Rad sind die Geschlechterstereotype. Wenn wir die abbauen, hilft das allen.
Danke für diesen wichtigen und so gut aufbereiteten Beitrag. Ich hoffe, dass Dein Text viel Beachtung findet!