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Deutsch für Flüchtlinge

Sprache kommt von sprechen. In diesem Punkt hat Professor Hermann Funk vollkommen Recht. Und auch sonst kann ich seine Tipps gut nachvollziehen. (Dank an #Petra Berthold für den Link )

Seit September unterrichte ich Deutsch für Flüchtlinge, überwiegend ehrenamtlich, und mache ähnliche Erfahrungen:

Das Lehrmaterial der Verlage richtet sich zwar an Migrantinnen und Migranten, die dauerhaft in Deutschland leben und mit unterschiedlichen Bildungsniveaus kommen. Es passt aber nur teilweise in die Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit von Geflüchteten, die in Zelten und Turnhallen leben oder zumindest in Mehrbettzimmern (Lehraufgabe: Beschreiben Sie Ihre Wohnung) und einen vollkommen ungesicherten Status haben. Das Gewesene ist verloren. Was kommt, ist unsicher.

Da einige Standardwerke aus den Integrationskursen derzeit nicht lieferbar sind, greifen Sprachanbieter mitunter auf Werke zurück, die zu Goetheinstituten von Shanghai bis Kapstadt passen, wo Bildungsbürger Deutsch als Dritt- oder Viertsprache lernen und Englisch selbstverständlich vorausgesetzt wird. Solche Materialien passen gar nicht.

Manchmal ist auch das Setting, also die Unterrichtssituation ein Hindernis: Zum Beispiel unterrichten wir in einem Flüchtlingsheim in der Kantine in mehreren Kleingruppen in einem Raum. Selbst wenn ein CD-Player vorhanden ist, kann man ihn nicht einsetzen, ohne die an den Nachbartischen arbeitenden Gruppen zu stören. Auch andernorts ist die Ausstattung oft nicht so, wie von Lehrwerken erdacht.

Was tun? Mein Weg ergab sich intuitiv. Ich war selbst überrascht, wie leicht es mir fiel. Schließlich bin ich keine ausgebildete Lehrerin. Was mir hilft: Meine Zusatzqualifizierung Deutsch als Zweitsprache nach den Kriterien des BAMF und tatsächlich meine Berufserfahrung als PR-Frau. Das ging mir so nach und nach auf.

Der kreative Umgang mit dem Setting und dem vorhandenen Material, das Einlassen auf die Zielgruppe und das Entwickeln eigener Ideen – das mache ich doch täglich in meinem Job. Ich denke mich in meine Kunden, ihre Ziele und Zielgruppen hinein, überlege und entscheide, was ich als bekannt voraussetzen kann und wo ich ansetzen muss, studiere und bewerte das mir vorgelegte Material und entwickle daraus Lösungsvorschläge im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten.

Ich glaube, solche Transferhilfen gibt es bei vielen Menschen und in vielen Berufen. Denn wo immer man mit Menschen arbeitet, muss man sich spontan auf das Sosein eines Menschen und einer Situation einstellen. Nichts anderes passiert im Deutschkurs. Gut die Didaktik und der Inhalt kommen dazu. Aber das Abholen des anderen, wo er oder sie steht, ist die halbe Miete. Nur Mut. Und Herz.

Mir machen die Deutschkurse viel Spaß und es sind tolle Menschen, die ich dabei kennenlernen darf.

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