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Der, die oder das? Geheimnisse des deutschen Genus

Genusumfrage - Auswertung

Nichts weniger, als die Geheimnisse des deutschen Genus zu lüften, hat sich Constantin Vayenas auf den Titel seines Buches „DER, DIE, DAS“ geschrieben. Geht das? Die Zuweisung der Artikel der – die – das in einem lernbaren Regelsystem zu vermitteln? Okay, ein paar Regeln gibt es. Etwa die mit Augenzwinkern vorgetragene Regel: Alkohol ist männlich, außer das Bier, aber in Bayern ist das ja nicht wirklich Alkohol. Und es gibt Endungen, die bei der Genus-Zuweisung helfen: -chen  und –lein sind sächlich, -ling und -ismus männlich, –tion oder –keit weiblich. Aber was ist mit Messer, Gabel, Löffel? Hund, Katze, Pferd? Löwe, Schlange, Nashorn? Wo ist hier die Logik? Meine Neugier war geweckt. Meine Skepsis allerdings auch.

Muttersprachler weisen Genus intuitiv zu

Es gibt eine These, wonach Muttersprachler sich auch dann weitgehend auf ein Genus einigen, wenn man ihnen Nonsens-Nomen vorlegt. Echt? Das wollte ich genauer wissen und startete zunächst in meinem Netzwerk eine kleine Umfrage. Ein erster Pretest mit 50 Teilnehmenden ergab Erstaunliches. Bei zwei von zehn Begriffen wählten alle denselben Artikel, bei weiteren vieren immer noch zwischen 84 und 96 Prozent. Nur bei einem von zehn Wörtern gab es keine absolute Mehrheit für eine Artikelpräferenz. Wow!

Genusumfrage Pretest

Genuszuordnung durch Klang und Assoziation

Die Nachfrage ergab schnell die Gründe für die Wahl. Die meisten orientierten sich an phonetisch ähnlichen Begriffen, an der Endung oder an Wörtern, mit denen der Begriff assoziiert wurde. Wenn mir als Muttersprachler jemand sagt, Worte auf –e sind weiblich, dann rattert mein Kopf sofort los, sucht und findet Ausnahmen, wie der Löwe, der Rabe, der Knabe. Dennoch sind die meisten Worte auf –e im Deutschen weiblich. Worte auf –er meist männlich, mit Ausnahmen wie die Butter, die Mutter oder das Futter. Bei Gnicht dagegen assoziierten die einen den Wicht, andere die Gicht und wieder andere das Licht. Bei Kalo orientierten sich die einen am Klang und kamen so tendenziell auf der oder das. Manche dachten an die Kalorie und wählten die.

Konkurrierende Kategoriensysteme

In seinem Buch identifiziert Vayenas zwei Kategoriensysteme, den Klang und den Inhalt. Nomen der gleichen Sachkategorie und Nomen ähnlicher Phonetik haben oft die gleichen Artikel. Wenn ein Nomen in mehrere Kategorien passt und diese sich widersprechen, setzt sich im Regelfall eine Kategorie als genusprägend durch. Und es gibt viele Kategorisierungsmöglichkeiten und viele Widersprüche. Daher erscheint das Ergebnis oft unlogisch.

Zum Beispiel sind Fremdworte aus dem Englischen, die auf –ing enden, im Deutschen meist sächlich (Public Viewing, Jogging, Doping, Training, Marketing, Timing, Wording …). Anders die Holding, die ist weiblich. Hier hat sich offenbar die inhaltliche Zuordnung zu dem Gedankenkonstrukt Firma und Rechtsform, wie AG, GmbH, OHG durchgesetzt. Warum es dann aber das Unternehmen und der Betrieb heißt, bleibt für mich als Muttersprachlerin im Dunkeln.

DaZ-Lehrkräfte und das Genus

Deswegen mache auch ich im DaZ-Unterricht oft das, was der Autor an Lehrkräften kritisiert. Ich möchte meine Schüler*innen nicht mit zu vielen Regeln und Ausnahmen von den Regeln überfordern und frustrieren und rate ihnen, die Genuszuweisung nicht groß zu hinterfragen, sondern sie einfach zu akzeptieren und mit der Vokabel zu lernen.

Ich habe es auch schon erlebt, dass ein Schüler über eine Artikelzuweisung stolperte, nachfragte, warum dieses und nicht ein anderes Genus, ich eine Antwort hatte, aber gleichzeitig dachte: Wenn ich das jetzt erkläre, verliere ich mehrere Sätze, womöglich kommen Rückfragen, alle anderen Kursteilnehmer sind überfordert, die verliere ich und ich verliere zu viel Zeit und bin weg vom eigentlichen Thema der Stunde. Aber die Kritik ist auch berechtigt. Tatsächlich wissen wir Muttersprachler schlicht nicht, warum es der Löffel, das Messer oder die Gabel heißt. Es ist halt so.

Das nervte Vayenas beim Deutschlernen. Also machte er sich zunächst Notizen und später systematisch auf die Suche nach Mustern, nach der Logik, der Regel, der Ausnahme und der Regel für die Ausnahme. Beruflich arbeitet Vayenas im Bereich Research, ist also mit dem Beschaffen und Auswerten von Daten bestens vertraut. So nahm er ältere Studien, zum Beispiel von Köpcke und Zubin, und verband sie mit datengestützten Auswertungen von Nomensammlungen, etwa aus dem Duden. Eine Besonderheit des Buches ist sicher genau diese Perspektive des Fremdsprachlers auf das deutsche Genus.

In seinem Buch beschreibt er auch Muster, bei denen ich als Muttersprachlerin die Stirn runzele. Etwa bei der Überlegung, große und gefährliche Tiere seien eher männlich. Der Löwe wird damit begründet, der Elefant auch, aber warum ist das Nashorn dann nicht auch männlich oder die Schlange? Eine Boa oder Anaconda ist schließlich auch groß und gefährlich, ebenso das Krokodil.

Nach Vayenas Buch gehört Löffel zu den etwa 75 Prozent der Nomen auf –el, die männlich sind, 25 Prozent sind weiblich. Das Messer ist nicht wegen seiner Endung sächlich, das wäre ja eher eine Orientierung für männlich, sondern weil es zu den Metallen zählt, die überwiegend sächlich sind. Die Gabel ist dem –el zum Trotz weiblich, weil es sich um eine scharfe, spitze Form handelt. Ich kann nicht nachprüfen, ob alle Kategorisierungen zutreffen, aber vielleicht ist es gar nicht wichtig, so lange es von Leuten als Hilfe empfunden wird, sich das richtige Genus zu merken.

Menschen lernen unterschiedlich

Mich würden die vielen Kategorien mit ihren Überschneidungen, Widersprüchen und Ausnahmen eher abschrecken als helfen, wenn ich auf diese Weise etwa das spanische oder französische Genus lernen sollte. Ich kann nicht gut auswendig lernen, bin eher ein auditiver Lerntyp. Sprachen lerne ich ein bisschen wie ein Kind durch das Hören und Nachahmen also Sprechen, ohne unbedingt die Regeln allzu genau zu kennen. Wenn ich die Regeln aber nicht lernen muss, sondern sie mir beim Verständnis helfen, meine Intuition zu verbessern, dafür wären sie für mich gut. Und zum Glück sind die Menschen verschieden. Die einen lernen gerne auswendig, andere müssen verstehen und wieder andere müssen machen, um zu lernen.

An dem Buch beeindruckt hat mich die akribische Arbeit mit zahlreichen Kategorien, Herleitungen, phonetischen Zuordnungen und deren Ausnahmen, bei denen ebenfalls nach der Logik gesucht wird. Man merkt es dem Buch an, dass sich der Autor auf eine strukturierte und analytische Suche gemacht hat, dem deutschen Genus auf die Schliche zu kommen. Dabei enthält das Buch ein paar sehr praktische Hilfen. Etwa sind im Anhang zahlreiche Sachkategorien und Endungen aufgelistet, so dass man diese bequem nachschlagen kann.

Wie gut diese Erklärungen Fremdsprachlern helfen, das deutsche Genus zu besiegen und die Artikel richtig zuzuordnen, müssen Fremdsprachler beurteilen. Ich glaube, auch wenn man nicht alle diese Regeln auswendig lernen möchte, kann das Buch eine Hilfe und Orientierung sein. Auch für Lehrkräfte. Die können es verwenden und die Wortlisten für Übungen oder Beispiele nutzen. Das Buch ist im Selbstverlag auf Englisch erschienen und wurde inzwischen in mehrere Sprachen, darunter Deutsch, übersetzt.

Die Umfrage bestätigt: Wir nutzen intuitive Regeln

Das Ergebnis aus meinem kleinen Pretest fand ich verblüffend. Allerdings nahmen daran überwiegend Akademikerinnen teil, die ihr Geld mit Deutsch verdienen, also Sprachprofis. Was passiert, wenn ein breites Publikum aus allen Bevölkerungs –, Berufs- und Bildungsgruppen die Artikel zuweist. Sind die sich genauso einig?

Während ich auf das Rezensionsexemplar wartete, machte ich aus meinem kleinen Pretest mit Excel eine richtige Umfrage bei Umfrage-online und postete diese in große Facebookgruppen. In zehn Tagen nahmen 651 Leute zwischen 13 und 70 Jahren an der Umfrage teil. Davon waren fast 90 Prozent Frauen. Sie fühlten sich offenbar stärker angesprochen. Oder der Algorithmus ist schuld und hat den Männern seltener das Angebot gemacht, an der Umfrage teilzunehmen.

Genusumfrage Auswertung

Jedenfalls gaben 85 Prozent Deutsch als Muttersprache an, 13 Prozent haben Deutsch erst später gelernt. Und 18 Prozent sind mehrsprachig aufgewachsen. Wer jetzt fleißig mitgerechnet hat, merkt, das sind mehr als 100 Prozent. Das liegt daran, dass mehrsprachig aufgewachsene Menschen sich zurecht als Muttersprachler sehen.

Das Ergebnis weicht etwas vom Pretest ab. Kein Wort erhält mehr zu 100 Prozent denselben Artikel zugewiesen und es gibt vier, die nicht oder knapp die 50-Prozent-Hürde schaffen. Etwa die Hälfte bekommt eine eindeutige Artikelzuweisung von mehr als 80 Prozent, die andere Hälfte nicht.

Schnond und Schraner sind aus Sicht der Teilnehmenden eindeutig männlich, Schrake und Gralle weiblich. Auch Krase ist weiblich, aber scheinbar assoziierten einige Käse und wählten männlich.

Genusumfrage - Auswertung

Sprann, Pfrom, Kalo und Grann erreichen weniger eindeutig Zuspruch für einen Artikel als im Pretest. Allerdings wird der Streit ausgefochten zwischen der und das. Und das ist der häufigste Konfliktfall, wenn in der deutschen Sprache zwei Artikel um die Vorherrschaft über ein Nomen kämpfen. Der Duden hat zahlreiche Beispiele, in denen er der und das als zulässig erklärt: der/das Blog, der/das Bonbon, der/das Event. Zufällig ist das nicht.

Einzig Gnicht, der Begriff, der auch im Pretest unklar abschnitt, hat sich noch mehr der Zufallsverteilung zu je ein Drittel jeder Artikel angenähert.

Wir assoziieren Regeln nicht gleich

Natürlich gibt es immer eine Zufallsvariable: Wenn ich bei Kalo zufällig an die Kalorie denke, assoziiere ich die. Denke ich bei Krase an Käse, der. Aber selbst das wäre ja regelhaft, nämlich orientiert an Bekanntem Ähnlichem.

Unterschiede gibt es neben der individuellen Befindlichkeit auch regional, etwa über den Dialekt oder über regionale Besonderheiten. Am häufigsten verlaufen unterschiedliche Zuordnungen, wie bei anderen Grammatikregeln auch, zwischen Norddeutschland auf der einen und Süddeutschland / Österreich / Schweiz auf der anderen Seite. Durch Wanderungsbewegungen der Menschen wird dieser Effekt dann wieder verwaschen.

Meine kleine Umfrage stützt also die These, dass wir Regeln für die Zuordnung von der, die und das haben und diese, ohne sie zu kennen, intuitiv beherzigen.

Entwarnung: Das deutsche Genus ist lernbar

Nun könnte man zu dem Schluss kommen, Mark Twain habe recht und es sei schlicht nicht möglich, Deutsch zu lernen. Aber so ist es nicht. Twain irrt. Im Pretest konnte ich zuordnen, ob jemand einen fremdsprachigen Hintergrund hat oder nicht und es war egal. Es sind keine messbaren Unterschiede bei der Artikelzuordnung feststellbar. Die Zweit- und Mehrsprachler hatten dieselbe Intuition wie die Monosprachler. Bei der zweiten Umfrage habe ich kontrolliert, wie sich das Ergebnis verändert, wenn sich die Zusammensetzung der Facebookgruppe verändert. Auch hier gibt es lediglich den Effekt, dass bei professionell mit Deutsch arbeitenden Gruppen die Zuweisung etwas eindeutiger ausfällt.

Wenn Sie also Deutsch als Fremdsprache lernen/sprechen und an der Artikelzuweisung verzweifeln. Fühlen Sie sich ermutigt: Das deutsche Genus ist lernbar, ob nun durch Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben, Intuition, ob mithilfe von Regelwerken, wie in dem vorgestellten Buch oder mit einer Mischung aus allem.

Und seien Sie beruhigt. Denn Muttersprachler sind keineswegs so sicher, wie es einem Fremdsprachler scheinen mag. Sogar diejenigen, die professionell mit Deutsch arbeiten, werden von ihrer Assoziation auf falsche Fährten geführt. Ich zum Beispiel: Den gesamten Artikel durch musste ich den Artikel für Genus nachträglich korrigieren. Irgendwas in mir flüstert mir ein, es heiße der Genus. Richtig ist aber das Genus. Ich vermute, mein Muttersprachendialekt mischt sich hier ein. Es gibt etliche solcher Konfliktfälle, manchmal sind mehrere Artikel nach Duden zulässig, manchmal nicht.

Als Dessert serviere ich Ihnen oder euch eine ganz besondere Spezialität des deutschen Genus: Worte, deren Bedeutung sich mit dem Artikel ändert. Also Worte, die durch einen anderen Artikel zu einer anderen Vokabel werden: der oder das Gehalt, das oder die Maß, der, die oder das Band.

Frohe Ostern! Sigi Lieb

Literatur und Links:

Der-Die-Das Buchtitel GenuszuweisungHier könnt ihr das Buch mit den Genus-Regeln kaufen:
Ich verlinke zur englischen Seite, dort gibt es Übersetzungen in Deutsch, Spanisch, Ungarisch, Italienisch, Griechisch und Mandarin/Chinesisch: https://der-die-das.ch/

Genusregeln von DaZ-Seiten:

Doppelgenera und Streitfälle:

Wissenschaftliche Texte:

* Nachweise: Bilder: Sigi Lieb, Daten/Umfrage: Sigi Lieb, Text: Sigi Lieb

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2 Kommentare

  1. Ergänzung zu den Nomen, die mit dem Artikel die Bedeutung wechseln. Morgens heißt es der Weizen und das Korn, abends das Weizen und der Korn.

  2. Interessanter Artikel.
    Zur Ergänzung: Es gibt auch regionale Unterschiede. Zum Beispiel heißt es in Süddeutschland / Österreich auch ‚der Butter‘ in Anlehnung an das französische ‚le beurre‘.

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