Suche
Suche Menü

Gendersprache und die Umfragen

Analyse einer Umfrage - Fakten und Fakes erkennen

Ich bin ja schon eine Weile mit dem Thema gendersensible und inklusive Sprache unterwegs. Und ich mache eine Beobachtung: Es gibt so eine Art Mode der Argumente oder Behauptungen, die Gegner*innen anbringen. Die funktionieren oft so lange, bis genug Menschen Bescheid wissen, was an diesen Thesen Fakt ist und was Fake.

Vor zwei oder drei Jahren hieß es oft: Gendern gebe es nur in Deutschland, andere Länder würden sich keinen Kopf machen. Falsch. Es hieß, Partizipien würden nur Tätigkeiten beschreiben. Falsch. Aktuell werden gerne Umfragen ins Feld geführt. Dabei wird behauptet, sie belegten, eine Mehrheit sei gegen gendergerechte Sprache.

Schauen wir uns mal eine solche Umfrage ganz genau an. Was wurde gefragt? Wer wurde gefragt? Wie wurde geantwortet? Und wie wurden die Zahlen interpretiert? Der folgende Blogbeitrag analysiert die Umfrage im Auftrag der WamS vom Mai 2021.

Gendersprache Gendergerechte Sprache | Gendern | Gendersprache Debatte, Demokratie und Medien, Diversity und Kommunikation, Sprache und Sprachwandel

Umfragen, Repräsentativität und Aussagekraft

Die Sache mit Umfragen ist eine komplizierte Angelegenheit. Was sagen sie aus? Auf wen darf ich verallgemeinern? Wenn ich zum Beispiel Leute in der Fußgängerzone an einem Freitagnachmittag frage, kann ich nur auf die Gruppe Menschen verallgemeinern, die freitags nachmittags in Fußgängerzonen gehen. Und ich muss die Leute natürlich gemäß ihrer Verteilung (Geschlecht, Alter, etc.) angemessen auswählen und genügend Personen fragen, um hochrechnen zu dürfen.

Die Umfrage, die hier näher untersucht wird, wurde von der Welt am Sonntag in Auftrag gegeben und von Infratest Dimap durchgeführt. Das Marktforschungsinstitut gibt an, per Zufallsauswahl 1.008 Wahlberechtigte via Festnetz- oder Mobiltelefon befragt zu haben (CATI-Umfrage). Der Befragungszeitraum war vom 18. bis 30. Mai 2021.

Repräsentatitvität in der Sozialforschung ist kompliziert. Im Grunde erfüllt kaum eine Befragung alle Kriterien für Repräsentativität und jede Stichprobe hat irgendwelche Fehler. Daher geben die Meinungsforschungsinstitute auch immer allerhand statistische Toleranzwerte an. Und deswegen kommen bei der gleichen Frage „Wen würden Sie wählen, wenn heute/nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“ je nach Institut unterschiedliche Ergebnisse heraus.

In Bezug auf die Sonntagsfrage zu den Wahlpräferenzen betonen die Marktforschungsinstitute, dass es sich um eine Momentaufnahme und eine Stimmung handelt. Das gilt natürlich auch für andere Fragen. Infratest Dimap erklärt selbst, was es mit den Methoden, der Auswahl und ihrer Aussagekraft auf sich hat.

Die genaueste Befragung in Deutschland ist das sozioökonomische Panel. Hier werden jährlich 30.000 Personen in 15.000 Haushalten befragt. Zum Vegleich: In der untersuchten Umfrage wurden 1.008 Wahlberechtigte via Telefon befragt.

Validität: Ist die Frage genau genug, um zu messen, was sie soll?

Ob eine Frage das misst, was sie messen soll, wird in der Wissenschaft mit dem Begriff Validität bestimmt. Bei der Frage „Wen würden Sie wählen, wenn heute Bundestagswahl wäre?“ ist die Validität hoch. Denn die Menschen antworten auf eine Frage, die sie weitgehend gleich verstehen. Und die Auswahlmöglichkeiten sind klar, nämlich Parteien, die zur Wahl antreten.

Die Frage „Sind Sie für/gegen Gendersprache?“ ist nicht valide. Das Problem: Die Leute verstehen unter „Gendersprache“ oder „Gendern“ völlig verschiedene Dinge. Und sie antworten auf das, was sie verstehen. Letztlich also auf viele verschiedene Fragen. Wenn du das nicht glaubst, mach den Test. Lass dir von verschiedenen Leuten erklären, was sie unter dem Wort „gendern“ verstehen. Meine Prognose: Du bekommst ziemlich unterschiedliche Antworten, besonders dann, wenn du in deiner Stichprobe Leute nimmst, die das gut finden, solche, die dagegen sind und solche, die sich keine Gedanken gemacht haben.

Gendersprache und die Umfragen Klick um zu Tweeten

Wir alle benutzen Sprache. Und die meisten haben irgendwo schon mal den Begriff Gendersprache oder  gendergerechte Sprache aufgeschnappt. Und die meisten haben auch schon mal ungewöhnliche neue Formulierungen gehört, wie etwa ein Wort, das mit dem Genderstern gesprochen wird. So verknüpfen sie den Begriff nur mit dem Sternchen und dem Ungewohnten, nicht aber mit all den gendersensiblen Formen, die sie selbst dauernd im Alltag verwenden, ohne es bewusst wahrzunehmen, die auch zur gendergerechten Sprache gehören. Befeuert wird dieses verzerrte Bild durch Polemiken und gezielte Falschinformationen.

Gender-Umfragen: Ist die Frage neutral formuliert oder framt sie in eine Richtung?

Während die Frage: „Sind Sie für/gegen das Gendern?“ zwar nicht valide ist, aber wenigstens neutral fragt, ist unsere Frage, die wir hier genauer ansehen, negativ geframt.

Die von der WamS in Auftrag gegebene Frage lautet:

Fragestellung der WamS zum Thema Gendersprache

Gefragt wird, ob in Medien und bei öffentlichen Auftritten Gendersprache verwendet werden soll. Dabei wird erklärt, dass statt Wählerinnen und Wähler, WählerInnen mit Binnen-I verwendet wird. Zweites Beispiel ist das ungewöhnliche Partizip Zuhörende.

Nun ändert das Binnen-I überhaupt nichts an der Gendersensibilität von Wählerinnen und Wählern. In beiden Fällen werden Männer und Frauen genannt. In beiden Fällen fallen nicht-binäre Menschen raus. Es wird also ein Beispiel genommen, das inhaltlich nichts verändert.  Eine so gestellte Frage zeugt entweder von völliger Ahnungslosigkeit. Das möchte ich den Leuten von der Welt nicht unterstellen. Oder sie lockt die Befragten absichtlich auf eine falsche Fährte. Warum soll ich was ändern, was keinen Unterschied macht? Gibt keinen Grund.

Im zweiten Satzteil wird das ungewöhnliche Partizip I Zuhörende genannt. Das deutet viel Veränderung an, was ebenfalls Ablehnung verstärkt. Denn Veränderung wird als eher unbequem und anstrengend empfunden. Gängige Partizipien wie Studierende, Reisende, Vorstandsvorsitzende würden dagegen keine Vorstellung von Anstrengung erzeugen.

Die Frage der WamS hat also viele suggestive Elemente und soll die Antwort in Richtung Ablehnung lenken.

Stimmungsbild: Gendersprache in den Medien

Oben wurde ja bereits erklärt, dass solche Befragungen nur ein momentanes Stimmungsbild messen können, aber keine dauerhaften Einstellungen. Wie gezeigt, wurde die Frage so gestellt, dass Leute, wenn sie schnell und impulsiv antworten und sich wenig Gedanken zum Thema gemacht haben, zur Ablehnung neigen. Gefragt wurden Wahlberechtigte, also Menschen ab 18 Jahren. Was haben sie geantwortet?

Ergebnisse der WamS-Frage zur Gendersprache

30 Prozent haben geantwortet: Lehne ich voll und ganz ab, 16 Prozent befürworte ich voll und ganz. 26 Prozent lehnen eher ab, 19 Prozent befürworten eher. Aufgeschlüsselt wird das nach Altersgruppen, Bildungsniveau und nach Mann/Frau. Danach stimmen Jüngere der Frage mehr zu als Ältere, Frauen mehr als Männer, Leute mit hohem Bildungsstand mehr also Leute mit niedrigem.

Aber was genau lässt sich aus diesen Ergebnissen interpretieren?

Genderumfragen Interpretation: Was können die Zahlen wirklich aussagen?

Schauen wir uns jetzt näher an, was wir sachlich aus diesen Zahlen ableiten können und was die Welt am Sonntag daraus macht. Obwohl nur Wahlberechtigte gefragt wurden, verallgemeinert die Welt am Sonntag und schreibt: Die Mehrheit der Deutschen lehnt Gendersprache ab. Diese Aussage ist schlicht falsch. Das geben die Zahlen überhaupt nicht her.

  1. Kann ich keine Aussagen über die Mehrheit der Deutschen treffen, wenn ich nur Wahlberechtigte frage, nicht aber Kinder und Jugendliche.
  2. Kann ich keine Aussage über Gendersprache allgemein treffen, wenn ich nur nach Medien und öffentlichen Anlässen frage.

Auch sonst wurden die Zahlen so zusammengefasst, dass eine Ablehnung suggeriert wird, die nicht in dem Maße in den Zahlen steckt. Schauen wir uns die Zahlen nochmal ganz genau an und überlegen, wie sie zustanden kommen.

Säulendiagramm aus den Ergebnissen der WamS-Umfrage

Du kennst das: Wenn du etwas gefragt wirst, wo du keine so klare und eindeutige Meinung hast, tendierst du zu eher ja oder eher nein. Man könnte die Antworten in der Mitte auch zusammenfassen mit: Kommt darauf an. 45 Prozent der Befragten, also fast die Hälfte haben unentschlossen geantwortet, obwohl die Frage negativ geframt war.

Sachlich richtig könnte die Schlagzeile also lauten:

  • 30 Prozent der Wahlberechtigten lehnen die Gendersprache ab.
  • 45 Prozent der Wahlberechtigten haben keine eindeutige Position zum Thema Gendersprache.
  • 61 Prozent der Wahlberechtigten sind nicht grundsätzlich gegen Gendersprache.

Diese Schlagzeilen klingen anders? Ja, tun sie. Und die Zeitung Welt ist im Kontext des Themas Gendersprache leider schon häufiger damit aufgefallen, journalistische Qualitätsgrundsätze zu missachten und stattdessen eine Kampagne gegen gendergerechte Sprache zu fahren.

Andere Umfragen zum Gendern haben aber doch ähnliche Ergebnisse

Das mag sein. Wie oben gesagt, müssen wir jede einzelne Umfrage – übrigens nicht nur zum Thema gendergerechte Sprache, sondern auch zu anderen Themen, – genau unter die Lupe nehmen und prüfen: Wer hat die Umfrage in Auftrag gegeben? Wer und wie wurde gefragt? Was wurde geantwortet? Und was kann ich tatsächlich aus den Antworten ableiten? Was sagen die Zahlen wirklich aus? Oft werden Zahlen missbraucht, um eigene Positionen zu bekräftigen. Leider.

Tatsächlich gibt es in der Bevölkerung viel Verunsicherung zum Thema gendern und gendergerechte Sprache. Die wenigsten Menschen wissen, was das Gendern meint, unabhängig davon, ob sie eine Meinung dazu haben. Die wenigsten wissen, dass sie jeden Tag viele gendersensible Formen verwenden, übrigens auch die, die mit Polemik und Desinformation dagegen wettern. Den wenigsten ist bewusst, dass es in erster Linie darum geht, Gendermarkierungen zu vermeiden und nicht nur Männer zu nennen, wenn ich alle Menschen meine. Oft tun sie das intuitiv. Wenn Leute merken, dass das alles kein Hexenwerk ist und sie einfach nur ein bisschen bewusster nachdenken sollen, welche Wörter sie verwenden und dass sie das in ihrem Tempo und mit ihrem Bauchgefühl machen können, sind die wenigsten dagegen.

Die Desinformations-Kampagnen und Verschwörungserzählungen aus den Ecken VDS, AfD und manchen Teilen der Union behindern eine sachliche Aufklärung und Auseinandersetzung mit dem Thema. Und sie behindern, dass wir als Sprachgemeinschaft die Formen finden, die alle gleich wertschätzen und die meisten gut und ok finden.

Ich finde es zum Beispiel völlig ok, wenn jemand sagt, diese Gendersterne mag ich nicht. Das heißt aber nicht, dass jemand deswegen nicht gendersensibel formulieren kann. Es gibt ja zig andere Formen, mit denen das geht. Und zumindest binär, also Männer und Frauen adressierend geht es komplett ohne Sonderzeichen.

Ich erlebe auch, dass viele Menschen Sonderzeichen gegenüber aufgeschlossener werden, wenn sie verstehen, warum es die überhaupt gibt. Intersexuelle Menchen hat die Natur von Anfang an geschaffen. Der Mensch hat sie aber in seiner künstlichen binären Ordnung nach Mann Frau verdrängt, aus der Wahrnehmung, der Existenz. Erst 2017, als das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass intersexuelle Menschen nicht gezwungen werden dürfen, sich für einen Personenstand Mann oder Frau zu entscheiden, gab es eine Änderung im Personenstandsrecht. Und erst seit 2021 ist es veboten, intersexuell geborene Säuglinge nicht zu Junge oder Mädchen zu operieren, sondern sie in ihrem Sosein zu lassen, soweit gesundheitlich alles ok ist.

Für Menschen, die unsere binäre Ordnung bisher nicht zugelassen hat, haben wir an vielen Stellen keine Wörter. Dieses Problem haben auch andere Sprachen und das müssen wir alle gemeinsam in unserer jeweiligen Sprache lösen. Damit alle, egal ob Mann, Frau oder Divers die gleiche Wertschätzung erfahren.

 

Kleine Hintergrundinfo: Bei diesem Blogbeitrag dachte ich mir, zu irgendetwas müssen die Vorlesungen, Übungen, Prüfungen zu Empirische Sozialforschung und Statistik in meinem Studium (Diplom-Sozialwissenschaften) ja nützlich gewesen sein. Eben dafür, dass ich solche Befragungen für euch auseinandernehmen und hinterfragen kann.

Hier der Link zur Umfrage bei infratest dimap: https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=umfrage+Welt+am+Sonntag+dimap+gendersprache

Titelbild: Sigi Lieb, Collage aus Screenshot Umfrage und freier Gestaltung

Teile/Teilen Sie diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.