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Sprachwandel: Widerstand und Wirklichkeit – von Anglizismen, Gendern, Grammatik und mehr

Einstellung zu Sprachwandel

Vor ein paar Jahren waren es die Anglizismen und der Verfall des Genitivs. Heute ist es das Gendern, das die Gemüter erhitzt. Und morgen? Wir werden es sehen, lesen und hören, welche Veränderung im Sprachgebrauch dann in der Kritik steht. Aber warum eigentlich? Und warum ist das Thema Gendern derzeit so konfliktträchtig, dass Leute nicht mehr normal miteinander diskutieren, sondern in ihren Gräben sitzen und verbal schießen – oder wie es meine Kollegin Annika Lamer ausdrückte – mit Porzellan schmeißen? Was ist Sprache eigentlich und wozu benutzen wir sie? Warum verändert sie sich überhaupt? Ist das gut oder schlecht oder vielleicht beides oder nichts davon?

Das alles war die Motivation für meine kleine Umfrage. Ich wollte ein Stimmungsbild einholen und das Thema Gendern und Sprachwandel in einen größeren Denkrahmen einbetten. Herzlichen Dank an alle, die mitgemacht haben. Hier kommen die Ergebnisse:

Ein bisschen Statistik: Wer hat mitgemacht?

Von den 177 Teilnehmenden, die die Online-Umfrage beantwortet haben, waren 24 Männer (13,6 Prozent), 151 Frauen (85,3 Prozent) und 2 gaben an, nicht-binär zu sein (1,1 Prozent). Die Altersstruktur reichte von über 20 bis über 90 Jahre, wobei 83,7 Prozent zwischen 30 und 60 Jahre alt waren. 92,7 Prozent bezeichneten sich als Muttersprachler und 7,3 Prozent haben Deutsch erst später als Fremd- oder Zielsprache gelernt. Die Ergebnisse sind also nicht repräsentativ, aber spannend sind sie doch.

Gewohnheiten und Frames sind schneller als wir denken

Gleich bei der ersten inhaltlichen Frage sind viele quasi reingefallen. Die Frage lautete: Am Anfang war… und als Antwortmöglichkeit gab es: …das Wort, die Sprache, die Grammatik.

Sprachwandel Auswertung

Richtig ist natürlich die Sprache, denn Sprache ist viel ursprünglicher als Wörter und kommt manchmal ganz ohne sie aus: Wir nicken, schütteln den Kopf, verziehen das Gesicht, geben Laute von uns und kommunizieren mit Händen und Füßen. Gemeinsame Wortbedeutungen und Sätze machen die Kommunikation natürlich vielseitiger und effizienter. Deswegen haben sie sich durchgesetzt.

Die Grammatik kam danach. Natürlich haben sich nicht drei Linguist*innen ans Lagerfeuer gesetzt, eine Grammatik erfunden und dann die Wörter und ihre Bedeutungen dazu. Sondern Menschen haben Sprache benutzt. Sprachwissenschaftler*innen haben nachgeforscht, Regeln gesucht und was sie fanden, beschrieben sie als Grammatik. Wir merken das heute zum Beispiel daran, dass es viele Sprachen und Dialekte gibt, deren Regelwerk zwar existiert, aber nicht schriftlich dokumentiert ist. Entsprechend entschieden sich nur 2,3 Prozent der Befragten für diese Antwort.

Auffällig ist, was mehr als zwei Drittel als Antwort wählten: Am Anfang war das Wort. Was war passiert? Vermutlich haben sie automatisch und ohne nachzudenken den Satz aus der Schöpfungsgeschichte weiterformuliert. Dort heißt es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ – niedergeschrieben im ersten Buch Mose und dem Johannesevangelium. Das hat zwar nichts mit der gestellten Frage zu tun, aber es ist tief eingegraben in das (Un)Bewusstsein derer, die mit Bibelzitaten im Ohr aufgewachsen sind.

So etwas passiert unserem Hirn dauernd. Wenn wir nicht aufpassen, folgt es quasi per Autopilot unseren Gewohnheiten, Mustern und Frames. Unser Gehirn, der alte Schlawiner, arbeitet extrem effizient und will mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel erreichen. Bewusste Reflektion findet nur statt, wenn sich der Frontallappen aktiv einschaltet und sie einfordert.

Unser Sprachgebrauch ist pragmatisch orientiert

Auch unser Sprachgebrauch bildet das ab. Wir benutzen Sprache ökonomisch. Es setzt sich durch, was praktisch ist. Deswegen sagen wir T-Shirt, nicht Baumwollkurzarmhemd, wir sagen E-Mail, nicht elektronischer Brief. Genauso funktionierte es auch mit Frau Merkel. Gendergegner meinten damals, als sie ihr Amt antrat, man müsse Bundeskanzler Angela Merkel sagen, generisches Maskulin und so. Aber das setzte sich nicht durch. Denn Frau Merkel ist eine Frau und die deutsche Sprache bietet für Funktionen und Berufe traditionell das generische Feminin, also Bundeskanzlerin. Heute kräht kein Hahn mehr danach.

Deutlich wird das auch bei den Verben. Haben und sein sind in (fast) allen Sprachen unregelmäßig. Sie wurden durch extrem häufigen Sprachgebrauch abgeschliffen und der Sprachökonomie angepasst. Man könnte auch sagen: Bei Wendungen, die der Mensch oft benutzt, pfeift er im Zweifel auf die Grammatik, wenn es anders energiesparender funktioniert. Das machen nicht nur wir Deutschsprechenden so, das tun (fast?) alle. Oder kennen Sie eine (lebende) Sprache, in der die Verben haben und sein regelmäßig konjugiert werden? Falls ja, bitte teilen Sie mir das unbedingt mit. Das wäre wirklich spannend.

Deswegen haben Regeln Ausnahmen

Ich habe lange Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Ehrlich gesagt spreche ich keine Fremdsprache so gut, dass ich mit Sicherheit sagen könnte, ob sie weniger Ausnahmen bereithält als das Deutsche. Das Englische scheint mir ähnlich inkonsequent. Spanisch kommt mir logischer vor. Aber das ist nur mein subjektives Empfinden.

Sprache Regeln und Ausnahmen

Durch Nachfragen oder Fehler meiner Schüler*innen sind mir jedenfalls viele Ausnahmen der Ausnahmen erst aufgefallen. Am Ende blieb bei mir manchmal das Bild, Deutsch sei eine Ansammlung von Ausnahmen von der Regel. Die Befragten sehen das nicht ganz so streng. 44 Prozent teilten diese Ansicht, dass Deutsch vor allem aus Ausnahmen besteht. Die Mehrheit (54,5 Prozent) sieht die Regel als Grundbestandteil der Grammatik an, von der es eben aus beschriebenen Gründen auch Ausnahmen gibt.

Sprache ist Ausdruck unseres Denkens und Fühlens

Sprache als Ausdrucksmöglichkeit

Große Einigkeit besteht darin, wofür wir Sprache benutzen. Wir erzählen von der Welt um uns herum und in uns drin. Wir drücken unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit aus, unsere Gefühle und Wünsche. Und wir erfahren das gleiche von anderen. Warum ich so etwas Selbstverständliches überhaupt gefragt habe? Nun ja, es ist vermutlich meiner Verwunderung über die heftigen Auseinandersetzungen zum Thema Sprachwandel, insbesondere beim Gendern, geschuldet. Wenn ich verwundert in die Welt blicke, tendiere ich dazu, nach dem Warum und Wozu zu fragen, um die Prioritäten danach zu justieren.

Sprachwandel ist Teil der gesellschaftlichen Veränderung

So wie sich die Welt um uns herum verändert, verändert sich unser Sprachgebrauch. Das sehen die meisten Befragten auch so: 79,7 Prozent der Teilnehmenden akzeptieren Sprachwandel als Teil der gesellschaftlichen Entwicklung und Veränderung. 11,3 Prozent wollen weniger oder keinen Sprachwandel und 7,9 Prozent wollen ihn bewusst vorantreiben als Gestaltungsmittel gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Einstellung zu Sprachwandel

An dieser Stelle wird der Freitext spannend, bei dem die Leute reinschreiben konnten, was sie wollten. Hier las ich etliche sehr differenzierte Aussagen. Nun muss ich dazu sagen, in meiner Filterblase sind besonders viele Menschen, die sich beruflich mit Text und Sprache auseinandersetzen. Ich sagte ja bereits, repräsentativ ist die Umfrage nicht, jedoch bringt sie spannende Aspekte  ans Tageslicht. Viele Kommentare beziehen zunächst auf die faktische Notwendigkeit sprachlicher Anpassung.

„Sprachwandel ist Bestandteil einer lebendigen Sprache, im Gegensatz zu den „toten“ wie Latein oder Altgriechisch. Die Welt wandelt sich, also auch ihre Beschreibung.“

„Ohne Sprachwandel verharrten wir noch immer im Althochdeutschen!“

Natürlicher versus gezielter Sprachwandel

Manche differenzierten zwischen „natürlichem“ Sprachwandel und dem, der bewusst vorangetrieben wird. Besonders kritisch wird es dort, wo die Sprache zumindest in der subjektiven Einschätzung eine politische Dimension bekommt, wenn es um Diskriminierung durch Sprache geht, also um politische Korrektheit und Gendersensibilität.

„Solange die Sprache einen natürlichen Prozess durchläuft, ist es ok. Man sollte die Sprache nicht von oben herab ändern, durch Befehle, Vorschriften oder Dienstanweisungen!“

„Ich bin eine Verfechterin des generisches Maskulinums. Und auch gegen den ganzen P.C.-Unfug und unnötige Aufblähung von Sätzen. Die Diskussionen finde ich mitunter regelrecht lächerlich und ärgerlich.“

„In Fällen, in denen sich Ungleichbehandlung oder Diskriminierung in der Sprache abbildet, bin ich durchaus für eine aktive Sprachgestaltung durch die Gesellschaft.“

Bewusste Sprachanpassung versus unbewusste Schludrigkeit

Andere differenzierten zwischen dem Sprachwandel, der die Sprache in Richtung Umgangssprache und falscher Grammatik verändert. Letzteres kritisieren sie. Den Sprachwandel dagegen, der uns besser in die Lage versetzt, gesellschaftliche Wirklichkeiten korrekt zu beschreiben, fanden sie gut.

„Ich finde es gut, wenn neue Wörter für neue Ideen und Konzepte dazukommen, aber ich ärgere mich über die Missachtung unserer Grammatik.“

„Es ist ja eine in der Linguistik vielzitierte Aussage, dass Sprachwandel oft zuerst als Normverstoß wahrgenommen wird. Die Art von Sprachwandel – z.B., dass immer stärker die Unterscheidung zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“ verloren geht oder dass jetzt oft „dem Toten“ statt „des Toten“ gedacht wird – ist etwas, womit ich durchaus meine Probleme habe. Bewusste Veränderungen des Sprachgebrauchs sind etwas anderes, denn die können oft hilfreich und notwendig sein.“

Unachtsamkeit und professioneller Anspruch

Viele zeigten sich genervt davon, wenn ohne Nachzudenken, Anglizismen übernommen werden, insbesondere dann, wenn sie falsch sind oder nicht zur Klarheit, Einfachheit und Schönheit von Sprache beitragen. Ähnlich oft kritisiert wurde der Verfall von korrekter Anwendung der Fälle und der dazugehörigen Endungen, insbesondere, wenn die Anwender Profis sind, zum Beispiel Zeitungsredaktionen.

„Es wäre schön, wenn die Menschen nicht gedankenlos Anglizismen (manche davon sind so unsinnig) nachplappern, sondern Sprache bewusst verwenden würden (passt auch zum Thema Gender-Gerechtigkeit). Und an vieles gewöhnt man sich mit der Zeit, der Wandel ist also einfach da.“

Die Macht der Gewohnheit

Einige Kommentare verweisen auf die Gewohnheit und darauf, dass eine Veränderung nur für kurze Zeit als anders wahrgenommen wird.

„Vor kurzem habe ich einer jungen Frau zugehört, die deutlich hörbar von Freund*innen sprach. Für sie war das der normale Sprachgebrauch. Ich verstehe, wenn Menschen Veränderungen, gerade bewusst herbeigeführte, ablehnen oder fürchten, aber es ist nur eine kleine Phase, in der das Ungewohnte ungewohnt ist, und irgendwann fragt man sich, warum man sich so aufgeregt hat.“

„Dinge, die ich für richtig falsch halte, versuche ich (als Lektorin) aufzuhalten = immer wieder zu korrigieren und anzumerken. Wenn es aber nach Jahren doch in die seltsame Richtung läuft, gebe ich mich geschlagen. Isso. :-)“

„Sprachtabus wandeln sich. Was heute normale Umgangssprache ist, wäre in meiner Jugend unvorstellbar gewesen. Ich habe meinen Töchtern sogar noch den Gebrauch von „geil“ verboten. Das ist über zwanzig Jahre her. In meiner Gegenwart benutzen sie diese Vokabel immer noch nicht, sondern bemühen sich um eine differenziertere Ausdrucksweise.“

Sprachwandel geht von der Gesellschaft aus

Sprachwandel - Autorität

Und natürlich lassen wir uns nicht vorschreiben, wie wir zu reden haben. Nicht von der Dudenredaktion und nicht von der Gesellschaft für deutsche Sprache und schon gar nicht von der Politik. 88,6 Prozent der Befragten sehen das auch so. Vielleicht mag Ihnen die Frage seltsam erscheinen, weil Ihnen diese Antwort so selbstverständlich ist, wie den allermeisten Teilnehmenden. Aber in manchen mit Verve vorgetragenen Statements – derzeit hauptsächlich gegen das Gendern gerichtet – wird genau dieser Vorwurf erhoben. Auch in den Kommentaren der Umfrage taucht er auf. Insofern war die Frage nur konsequent.

Vorgeschriebene Sprache am Arbeitsplatz

Richtig ist ja, dass manche Leute am Arbeitsplatz Vorschriften in Bezug auf die Sprache und die Schreibweise bekommen. Und das ist nicht immer die Form, die sie privat mögen und nutzen. Das stört und ärgert manche. Als Profi-Texterin gehe ich und gehen meine Kolleg*innen damit meist entspannt um. Entweder der Kunde macht Vorgaben, an die man sich zu halten hat. Oder –  er tut es nicht – dann schreiben wir gemäß der Vorgaben, die uns am Sinnvollsten erscheinen.

Ein konsistentes Wording und Regeln zu bestimmten Schreibweisen gehören schließlich zum professionellen kommunikativen Auftritt von Unternehmen. Im Bereich Personaleinstellungen und bei Behörden und anderen staatlichen Organen gibt es zusätzliche juristische Vorgaben, die berücksichtigt werden müssen. Und schließlich ist die Art und Weise, wie ich als Organisation oder Unternehmen sprachlich auftrete, imageprägend. Wen möchte ein Unternehmen ansprechen? Wen droht es mit bestimmten Formulierungen zu verärgern? Wie möchte es wahrgenommen werden?

Leichte und schwere Aspekte des Sprachwandels

Sprachwandel ist also ein Fakt. Und er ist nicht neu. Eine der Teilnehmerinnen schrieb, dass man anhand bestimmter Modewörter althochdeutsche Texte datieren könne. Wow! Aber zurück ins Hier und Jetzt. Sprachwandel ist zwar fester Bestandteil der Sprache, aber einfach ist er deswegen noch lange nicht. Besonders dann nicht, wenn die Anwendung sprachlich-professionell sein muss.

Ich zum Beispiel schwimme bei der Frage, ob ich Sie auf meiner Website und in diesem Blogbeitrag siezen oder dich duzen soll. Facebook ist klar du. Ein Businessmeeting Sie. Für mich ist beides ok. Ich richte mich nach Ihnen/dir. Aber ich weiß ja nicht, was Ihnen/dir lieber ist. Schwupp, sitze ich in der Falle. Aber da ich nicht dauernd die Doppelanrede wählen möchte und weil ich bei manchen Themen eher das Du, bei anderen eher das Sie im Bauchgefühl habe, orientiere ich mich daran, an meinem Bauchgefühl.

In meiner letzten Frage wollte ich wissen, welche Aspekte des Sprachwandels Ihnen leicht fallen, welche schwer. Wie wichtig sind Sie Ihnen?

Sprachwandel Aspekte

Anglizismen

An die Anglizismen in unserer Sprache scheinen wir uns schnell zu gewöhnen. Jedenfalls sagten 81 Prozent der Teilnehmenden, dass ihnen der Umgang damit leicht oder eher leicht fällt. Auch messen viele diesem Thema keine sonderliche Wichtigkeit zu.

Im Widerspruch dazu wurde im Freitext allerdings besonders häufig auf problematische und falsche Anglizismen hingewiesen. Ganz so entspannt scheint es mit den Anglizismen also nicht zu sein.

Gendergerechtigkeit

Gendersensible Formulierungen sind zweifellos und erwartbar das konfliktreichste und schwierigste Thema der aktuellen Sprachwandel-Tendenzen. Auch bei denen, die das Gendern befürworten, gibt es oft Unsicherheiten. Von den Teilnehmenden der Umfrage fällt es mehr als der Hälfte schwer oder eher schwer, gendergerecht zu formulieren, obwohl ihnen das Thema wichtig erscheint.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass es sich nicht um ein paar einzelne Begriffe handelt, sondern um einen konzeptionellen Ansatz, der durchgängig in den Sätzen auftaucht. Dazu kommt die politische Dimension, nämlich die Frage nach der Gleichberechtigung. Und dem nicht genug, greifen an bestimmten Stellen, etwa bei Jobanzeigen oder behördlicher Kommunikation rechtliche Vorgaben in Bezug auf die Ansprache aller Geschlechter. So etwas gibt es bei Anglizismen nicht.

Kultursensibilität

Die Frage nach Gleichberechtigung wird ebenso hitzig diskutiert wie die Frage nach Integration und rassistischer Diskriminierung. Entsprechend wichtig ist den Teilnehmenden auch die Frage nach der Kultursensibilität. Diese sprachlich anzuwenden empfinden sie allerdings nicht als Last. 77 Prozent finden den Umgang damit leicht oder eher leicht. Fast 7 Prozent allerdings nehmen an dieser Stelle überhaupt keine Sprachveränderung wahr. Im Freitext schreibt eine Person offen, sie wisse nicht, was damit gemeint sei. Und so deute ich das Ergebnis ein bisschen.

Die Frage gibt keine Auskunft darüber, inwieweit die Leute tatsächlich kultursensibel formulieren oder ob sie manche Probleme nicht wahrnehmen und sie daher auch nicht als Last empfinden.

Ein besonders häufiges Beispiel in der aktuellen Allgemeinsprache ist die Bezeichnung türkischstämmig für  Menschen deutscher wir türkischer Staatsbürgerschaft, deren Familie aus der Türkei eingewandert ist. Für viele Kurden darunter ist das ein Affront. Das Problem entsteht durch die Ableitung vom Adjektiv türkisch. Gemeint ist natürlich der Nationalstaat. Das Tückische aber ist, dass der Begriff gleichzeitig eine ethnische Zuordnung beinhaltet. Besser ist der Begriff türkeistämmig. Denn der bezieht sich eindeutig auf den Nationalstaat, unabhängig von der ethnischen Identität.

Durcheinander im Sprachgebrauch herrscht oft auch, wenn Religionen, Nationalitäten und familiäre Wurzeln durcheinander geworfen werden. Da werden Deutsche in Bezug zu Juden oder Muslimen gesetzt, was sprachlicher Quatsch ist, schließlich kann ich deutsch und jüdisch oder deutsch und muslimisch sein. Ähnliches gibt es bei Hautfarben oder bei unpräziser Verwendung des Begriffs Ausländer oder Migrant. Jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist, ist nun mal nicht migriert, sondern lebt da, wo er schon immer gelebt hat, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder anderen Attributen.

Anrede du oder Sie

In Fragen der Anrede gibt es keine klare Tendenz. Sie wird als ähnlich wichtig empfunden wie gendergerechte Sprache. Das finde ich logisch, geht es doch in beiden Fällen um eine Frage des Respekts und der Höflichkeit. Knapp zwei Drittel fällt die Entscheidung für du oder Sie leicht oder eher leicht. Allerdings nehmen auch 30 Prozent hier Schwierigkeiten oder Unsicherheiten wahr.

Immerhin 4,5 Prozent nehmen keinen Sprachwandel an der Stelle wahr. Das kann daran liegen, dass sie selten in solchen Situationen sind, in denen es Unsicherheiten gibt oder dass sie sich so klar für eine Version entschieden haben, dass ihnen egal ist, ob das für die andere Seite gerade passt.

Grammatik und Umgangssprache

Es gab in der Umfrage in der letzten Frage ein Freifeld, in das eigene Sprachwandelthemen eingetragen und bewertet werden konnten. Besonders häufig tauchen hier die Verflachung des Genitivs und andere grammatikalische Veränderungen auf, die als störend, weil falsch empfunden werden. Auch eine Zunahme von Umgangs- und Vulgärsprache sowie nicht nachvollziehbaren Abkürzungen wurde registriert und kritisiert.

Der Evergreen: die Jugendsprache

Die Jugendsprache wird vermutlich schon immer mit Argwohn betrachtet und ist sozusagen eine Konstante des Sprachwandels. Die Jugend grenzt sich durch eigene Sprachcodes von den Erwachsenen ab. Erwachsene kritisieren diese als umgangssprachlich, unhöflich oder unpassend. Das ist doch irgendwie auch tröstlich: Bei all dem Wandel, manche Dinge ändern sich nicht.

Wie geht es Ihnen mit den Veränderungen in der Sprache? Schreiben Sie mir gerne, in den Kommentaren oder auch per E-Mail an mail@gespraechswert.de

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