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Warum ich das Eszett liebe und wie du es richtig verwendest

Rechtschreibung: Maße oder Masse

Ich liebe das ẞ, das Eszett oder das scharfe S, wie es genannt wird. Es ist Bestandteil des Markenkerns der deutschen Sprache, der USP, der Unique Selling Proposition. Das Eszett ist identitätsstiftend für das Deutsche. Den Buchstaben ß gibt es nur in dieser unseren Sprache, so wie das Ñ und das ¿ typisch sind für das Spanische und das Ç für Französisch oder Katalan.

Das Eszett ist typografisch schön und wurde lange diskriminiert

Das Eszett ist auch typografisch ausgesprochen gelungen. Ein schöner Buchstabe, formvollendet, prall, geschwungen, spannend. Leider wurde das Eszett in der Typografie lange diskriminiert. Es war der einzige Buchstabe im deutschen Alphabet, den es nur in Kleinschreibung gab. Das liegt daran, dass es im Deutschen nicht ein einziges Wort gibt, das mit scharfem S beginnt. Am Wortanfang steht immer S, nie Doppel-S oder ß.

Das Problem entsteht dort, wo in Versalien, in Großbuchstaben, geschrieben wird. In Formularen zum Beispiel oder im Marketinggebrauch. Bis 2017 blieb dem ß nichts übrig, als sich wegzuducken und dem Doppel-S den Vorzug zu lassen. Was doof ist, denn dann kommen ganz seltsame Bedeutungen heraus, wie wir gleich sehen werden. Oder Namen werden falsch geschrieben und hinterher weiß keiner mehr, wie es richtig geht.

Gleichberechtigung: Seit 2017 ist ß auch als Großbuchstabe ẞ verfügbar

2017 hat der Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossen, für das Eszett auch eine Großschreibung einzuführen. Die Anleitung aus dem Netz, wie ich das Eszett als Großschreibung auf meiner Laptoptastatur erzeugen können soll (Shift + AltGr + ß) funktioniert bei mir nicht. Meine Tastatur produziert dabei das spanische – auf dem Kopf stehende – Fragezeichen, auch so eine USP, aber für Spanisch.

ß Großbuchstabe ScreenshotAber es gibt noch eine zweite Mögichkeit und die funktioniert auch bei meiner Tastatur: Ruf „einfügen“ und „Symbole“ auf. Wenn du das große ẞ nicht gleich findest, gib unten bei Zeichencode 1E9E ein (siehe Screenshot). Da ist es. Es sieht dem kleinen ß sehr ähnlich. Es ist ein bisschen größer und dicker. Hier nochmal beide zum Vergleich: klein ß, groß ẞ.

Rechtschreibregeln für s, ss und ß

Aber wann brauchst du nun das scharfe S (ẞ/ß), wann das einfache S und wann das Doppel-S? Nun, das ist gar nicht so schwer.

Der Regelfall in der deutschen Sprache ist das einfache S. Wie beim Erlebnis, der Sprache, dem Esel und der Siegerin.

  1. Am Wortanfang steht immer einfaches S.
  2. In der Wortmitte hilft es, wenn du genau hinhörst.
  3. Auch am Wortende hilft der Klang. Außerdem liefert der Plural oft Klarheit.

Stimmhaftes S ist einfaches s

Handelt es sich  um ein stimmhaftes S, das klingt wie eine Biene? Dann nimm s:

  • Weise sollst du sein, leise nicht immer, gerne auf Reisen. Auch bei Hase, Vase, Nase, Meise, Gräser, Läuse, Mäuse, Häuser, fräsen hörst du das stimmhafte S. Weil das S im Plural stimmhaft ist, werden auch die Singularformen Gras, Maus, Laus und Haus mit einfachem S geschrieben.

Stimmloses S: Doppel-S bei kurzem Vokal, ß bei langem Vokal und Diphtong

Hört sich das S an wie ein Luftzug oder das Zischen eines Souffleurs? Dann prüfe, wie der Vokal davor ausgesprochen wird.

  • Ist der betont und kurz, kommt ein Doppel-S: lassen, hassen, essen, fassen, Masse, Klasse, Tasse, bisschen, Schlüssel, müssen und so weiter.
  • Folgt der stimmlose S-Laut einem langen Vokal oder einem Doppellaut (Diphtong), kommt ß: Fuß, Fußball, Maß, Gruß, Grüße, heißen, beißen, reißen, außen oder außerdem.

Bist du am Wortende unsicher, nimm den Plural als Hilfestellung: Die meisten Worte, die mit s enden, enden mit einfachem S. Wenn du den Plural nimmst, siehst du klarer.

  • Haus – Häuser – stimmhaft, also einfaches S.
  • Kuss – Küsse – kurz und stimmlos Doppel-S
  • Fuß – Füße – Lang und stimmlos, also ß

Die Krücke mit anderen Formen des Wortes funktioniert auch bei Verben. Heißt es jetzt lies oder ließ? Nun, es kommt darauf an, was du sagen möchtest.

  • Lies – ist die Befehlsform von lesen (stimmhaftes S, also einfache S am Wortende)
  • Ließ – ist das Präteritum von lassen (stimmloses S, nach kurzem Vokal Doppel-S, nach Diphtong ß)

Du siehst, es ist gar nicht schwer. Die kompletten Regeln samt Ausnahmen kannst du in der Regel Nummer 159 im Duden nachlesen.

Damit du dir die s-ss-ß-Regel besser merken kannst:

Eine Verwechslung oder bizarre Vermischung von s und ß in einem Kommentar auf Linkedin war Anlass für diesen Blogbeitrag. Und die Geschichte ist gleich die erste Merkhilfe:

Rechtschreibung matters: So kannst du einen weißen alten Mann von einem weisen alten Mann unterscheiden. Klick um zu Tweeten

Weiße und weise sind komplett verschiedene Adjektive

Der Post zeigte ein Foto von Nelson Mandela mit einem Zitat von ihm „A winner is a dreamer who never gives up.“ Hat mich berührt. Schönes Zitat. Irritiert hat mich ein Kommentar darunter. Jemand schrieb: „Alte weiße Männer? Von wegen! Alte weise Männer“. Nun war Nelson Mandela sicher ein weiser Mann, aber kein weißer Mann, sondern dunkelhäutig. Im Gegenteil: Alte weiße Männer waren mit ihrer Rassepolitik dafür verantwortlich, dass er 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte. S und ß also bitte sauber auseinanderhalten.

In Maßen ist das Gegenteil von in Massen

  • Wer das Bier in Maßen genießt, erfreut sich an dem erfrischenden Geschmack von Hopfen und Malz.
  • Wer es  in Massen genießt, versäuft sein Gehirn, ruiniert seine Leber und risikert auch sonst eine Menge. Nimm dir dieses Bild als Merkhilfe.

Buße und Busse, Asse und aß

  • Ob jemand Buße will oder Busse, ist zwar kein Gegensatz, aber auch hier gibt es einen erheblichen Unterschied in der Satzaussage.
  • Herr Müller hat ein Ass in der Hand. Herr Müller aß einen Apfel (Präteritum von essen).

Oder als kleine Geschichte formuliert: Herr Müller aß die gezinkte Ass, auf dass ihm das Schummeln nicht bewiesen werden könne. Aber es half nichts. Frau Schmidt hatte die Tat beobachtet und forderte nun Buße von Herrn Müller. Sie sagte es und stieg in einen der wartenden Busse.

Ausnahme Schweiz

Aber Deutsch wäre nicht Deutsch, gäbe es keine Ausnahme. Die oben beschriebenen Regeln gelten in Deutschland, Österreich, Südtirol und bei deutschsprachigen Minderheiten zum Beispiel in Belgien. Nur auf Switzerdütsch, also in der Schweiz, da ist es anders. Die Schweiz kennt kein Eszett und daran änderte auch die Rechtschreibreform 2006 nichts.

Deswegen steht bei der Fifa, die ihren Sitz in Zürich hat, auch immer Fussball statt Fußball, es ist Schweizerdeutsch. In meinen deutschen Ohren klingt das immer nach Fusselball. Und wie es Schweizern gelingt, zu unterscheiden, ob jemand in Maßen oder in Massen trinkt, das muss mir mal ein Schweizer erklären.

Ich bin froh, dass wir das Eszett haben. Nicht nur weil es schön ist und besonders. Es hilft auch beim richtigen Verstehen.

Auf gute, schöne und korrekte Sprache und Schreibe.

Bilder: Bierkrüge: pixabay RitaE, bearbeitet von Sigi Lieb und Screenshot

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