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Richtig gendern: 16 Argumente rund um gendergerechte Sprache

Menschengruppe im Gespräch - Debatte gendern

Das Thema „richtig gendern“  hat es verdient, dass wir darüber debattieren. Denn Sprache ist unser zentrales Werkzeug, um unser Erleben von Welt auszudrücken. Und Sprache wirkt auf unser Denken und Handeln und erzeugt damit Wirklichkeit.

Leider ist die Debatte um gendergerechte Sprache oft vergiftet von unsachlichen, polemischen Beiträgen, von der Nicht-Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse, von falschen Faktenbehauptungen und subjektiven Empfindungen. In diesem Blogbeitrag findest du häufige Argumente und  jeweils eine Einordung.

Der Artikel ist vom Januar 2021 mit einem Update vom August 2021.

Gendern Argumente | Debatte | Gendergerechte Sprache Debatte, Demokratie und Medien, Diversity und Kommunikation, Sprache und Sprachwandel

Gendern stört den Redefluss

Es gibt sehr viele Gendertechniken, die bei Verwendung nicht einmal als bewusstes Gendern erkannt werden, etwa wenn ich vom Team spreche statt von Mitarbeitern, Mitarbeitenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder von Mitarbeiter*innen.

Was an den letzten vier Möglichkeiten stört, lässt sich nur subjektiv bewerten. Einzig die Doppelnennung hat einen sachlich-faktischen Nachteil: Sie benötigt mehr Redezeit, mehr Text, mehr Sauerstoff beim Sprechen. Die anderen drei Alternativen haben mehr mit Gewohnheit zu tun und mit persönlichem Sprachempfinden. Was für die eine Person normal klingt, findet ein anderer Mensch ungewöhnlich oder störend. Und dieses Sprachgefühl verändert sich auch über die Zeit.

In dem Argument: Das sieht doch nicht schön aus!, ist die Subjektivität der Bewertung besonders deutlich. Wer definiert Schönheit?

Gendern lenkt von der Sache ab

Dieses Argument erschließt sich mir nicht wirklich. Aus meiner Erfahrung realisieren viele bei gut geschriebenen Texten gar nicht, dass sie bewusst genderinklusiv formliert sind. Sie sind es einfach. Neuere Forschungen, die in Experimenten herauszufinden versuchen, ob an solchen Argumenten was dran ist, können keine Probleme feststellen.

Es mag ablenkend wirken, wenn ein Text schlecht formuliert ist, weil jemand zum Beispiel unzählige Doppelnennungen in einen Satz einbaut, umständlich formuliert oder mit inflationärem Gebrauch von Gendersternchen den Text zum Sternenhimmel macht. Das ist alles  nicht wünschenswert, hat aber mehr mit schlechten Stil zu tun als mit der Frage, ob genderinklusive Sprache hilfreich ist oder nicht. Schlechter Stil wäre es ja auch, wenn jemand alle Sätze eines Textes im gleichen Satzbau formuliert, also immer Subjekt – Prädikat – Objekt. Auch das will niemand lesen. Zum Glück bietet die deutsche Sprache viele Möglichkeiten, es besser zu machen.

Die Gendergap zu sprechen ist total kompliziert

Ungewohnt ja, kompliziert nein.

Ungewohnt ist es, die kleine Pause zum Beispiel bei Schüler – innen zu sprechen, jedenfalls für viele. Und selbst, wenn wir uns bemühen, fallen wir leicht in alte Sprachgewohnheiten und vergessen die kleine Pause. Also ja, es braucht Zeit, sich umzugewöhnen und es nicht schlimm, wenn es nicht immer klappt. Der Wille zählt und die Übung macht den oder die Meister*in.

Schwer zu sprechen ist sie nicht. Das kennen und können wir alle: Immer wenn zum Beispiel in einem Wort Silben durch Vokale getrennt werden, sprechen wir den sogenannten Glottisschlag, die kleine Pause. Zum Beispiel bei: beachten, beeilen, jahrhundertealt, geändert, aber auch bei Spiegelei, Patenonkel oder Klimawandel.

Es ist also eine Frage der Gewohnheit.

Wenn jemand sagt, das kann ich nicht hören oder sprechen, gibt es einen einfachen Test: Wenn diese Person den Unterschied zwischen verreisen und vereisen hören und sprechen kann, kann sie auch den Unterschied zwischen Mitarbeiterin und Mitarbeiter*in hören und sprechen.

Wer den Unterschied zwischen verreisen und vereisen hören und sprechen kann, kann auch den Unterschied zwischen Mitarbeiterin und Mitarbeiter*in hören und sprechen. Klick um zu Tweeten

Wer die Gendergap nicht mag, kein Problem: Es gibt sehr viele Möglichkeiten, auch ohne den Genderstern oder die Gendergap inklusiv zu formulieren, zum Beispiel Team, Personal, Beschäftigte.

Das generische Maskulinum meint alle

Generisch bedeutet verallgemeinernd. Generische Verwendungen in der deutschen Sprache gibt es dort, wo es auch spezifische Bedeutungen gibt. Zum Beispiel Katze. Das Wort Katze kann sowohl die Tierart bezeichnen als auch spezifisch ein weibliches Tier im Unterschied zum Kater. Weil wir uns Tiere nur selten mit Geschlecht vorstellen, hat das wenig Auswirkung. Anders bei Menschen. Wenn über Berufe, Funktionen und Titel gesprochen wird, sehen wir Menschen mit einem Geschlecht.

Was jemand meint, lässt sich nicht überprüfen. Wir können ja nicht in den Kopf schauen, sondern nur hören oder lesen, was die Person äußert. Was Leute verstehen, lässt sich mit Experimenten messen. Was zeichnen sie,  welche Zuschreibungen machen sie, wie lange dauert die Reaktionszeit? Oder auch: Welche Handlungen folgen, nachdem ihnen diese oder jene Formulierung präsentiert wurde?

Möglich sind auch Auswertungen mit A/B-Tests, etwa bei einer Stellenausschreibung. Wer bewirbt sich, wie gehen Personaler*innen mit Bewerbungen um, je nachdem, wie die Stelle ausformuliert wird? In all diesen Prozessen laufen viele Entscheidungen unseres Unterbewusstseins mit, von denen wir erstmal gar nichts mitkriegen, aber trotzdem danach handeln.

In zahlreichen Experimenten zeigt die Forschung immer wieder: Wenn wir im Deutschen nur männliche Bezeichnungen hören, tauchen in unseren Köpfen weit überwiegend Bilder von Männern auf. Das passiert sogar dann, wenn der Beruf stereotyp weiblich ist (z.B. Gygax et al 2008).

Natürlich wissen wir darum, dass männliche Begriffe alle meinen können. Aber es braucht mehr Anstrengung, mehr Interpretation, mehr Hirnleistung, sich auch das vorzustellen, was weggelassen, nicht erwähnt wird.

Dazu kommt: Dadurch, dass es zwei Bedeutungen gibt, wird es missverständlich: „Wir brauchen mehr Erzieher“ – was ist gemeint? Mehr Männer oder mehr Menschen in dem Beruf? Wir wissen es nicht.

Um noch einmal kurz auf die Frage der Ablenkung zu reagieren: Mich lenkt das generische Maskulinum vom Inhalt ab, weil ich stolpere und mich frage: Meinen die jetzt nur Männer? Oder nicht? Warum sagen sie nicht, was sie meinen? Und je häufiger gendergerechte Formen verwendet werden, umso missverständlicher wird das generische Maskulinum.

Zusammengefasst: Das generische Maskulinum ist ebenso erlaubt im Deutschen wie das generische Femininum. Aber es ist problematisch, weil diskriminierend und uneindeutig. Die Tatsache, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer sich heftig gegen einen Gesetzesentwurf im generischen Femininum gewehrt hat, und das generische Femininum gar für verfassungswidrig hält, nicht aber das generische Maskulinum, zeigt a), dass er wenig über deutsche Sprachregeln weiß. Das ist ok, denn er ist ja Innenminister, nicht Deutschlehrer. Und es zeigt b), dass die von Gendergegnern behauptete Unabhängigkeit von Genus und Sexus in der deutschen Sprache schlicht eine Falschbehauptung ist.

Da ist ein Unterschied zwischen grammatischem und sozialen Geschlecht

Das stimmt. Das Genus beschreibt das grammatikalische Geschlecht, der Sexus das biologische Geschlecht und Gender das soziale Geschlecht. Die Unterscheidung der letzten beiden ist einen eigenen Blogbeitrag wert, der demnächst folgt (Trag dich in den Newsletter ein, dann kommt er automatisch in deine Mailbox).

Bleiben wir also beim Unterschied von Genus und Sexus in der deutschen Sprache oder vielmehr ihrem Zusammenhang.

Prof. Ursula Doleschal von der Universität in Klagenfurt hat sich die Grammatiken von der Renaissance bis zur Jahrtausendwende vorgenommen und nach den Beziehungen zwischen Genus und Sexus untersucht.

Und ja, es gibt eine positive Beziehung zwischen Genus und Sexus bei Titeln, Funktionen und Berufsbezeichnungen. Das war früher nur nicht weiter auffällig, weil die Rollen klar verteilt waren. Es gab Könige und Königinnen mit ihren Prinzen und Prinzessinnen, Zofen und Dienern. Die Bäuerinnen und Bauern hatten Mägde und Knechte, die bei der Arbeit halfen. Der Vater, die Mutter, der Onkel, die Tante … überall herrscht Einklang zwischen Genus und Sexus.

Weibliche Ritter gab es nicht, weil der Beruf/Status des Ritters nur von Männern ausgeübt werden durfte. Eine männliche Amme ist aus biologischen Gründen nicht vorgesehen.

Ein Problem entstand, als Frauen zunehmend mehr Rechte bekamen, und Berufe nicht mehr eindeutig Geschlechtern zuzuordnen waren, weil der Chef eine Frau sein konnte und die Sekretärin ein Mann, es weibliche Ärzte gab und männliche Krankenschwestern. Erst in den 80er Jahren kam der Begriff „generisches Maskulinum“ in die deutsche Sprache, geprägt vom Linguisten Peter Eisenberg im Kampf gegen die Bemühungen um mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache von Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch.

Es gibt wichtigere Probleme als gendern

Das kann ich nachvollziehen. Nur: Was bedeutet das in der Konsequenz? Kann sich jemand, der sich um gendersensible Sprache bemüht, nicht mehr um andere Dinge kümmern? Wohl kaum. Das wäre absurd.

Kann sich jemand, der atmet, nicht mehr bewegen? Kann eine Person, deren Herz schlägt, nichts mehr hören? Natürlich nicht. Diese Prozesse laufen parallel ab. So ist das auch mit gendersensibler Sprache.

Es ist also keine Entweder-oder-Frage sondern ein Sowohl-als-auch. Eine Person, die darauf achtet, gendergerecht zu formulieren und sprachliche Diskriminierungen zu vermeiden, kann parallel alles andere genauso erledigen wie immer. Vielleicht sogar ein bisschen besser, weil die Kommunikation reflektierter und wertschätzender wird.

Gendern ist linguistisch betrachtet Quatsch

Das ist kein sachliches Argument sondern eine polemische Meinungsäußerung. Als Meinungsäußerung akzeptiere ich eine solche Aussage, als Faktenbehautung ist sie falsch.

Unter Linguist*innen wird bestenfalls gestritten, was zuerst da war: Muss der Sprachgebrauch der Struktur folgen oder passt sich die Struktur dem Gebrauch an?

Für mich ist die Antwort klar: Sprache ist das zentrale Werkzeug für Menschen, um ihr Erleben von Welt auszudrücken. Sie war vor der Linguistik da, die erst danach kam und erforscht, wie die Sprachen der Welt funktionieren. Es ist ja nicht so, dass Linguist*innen sich Sprachen und Regeln ausdenken, an die sich alle halten müssen.

Einmal gab es den Versuch, sich eine Sprache für Europa auszudenken, damit wir in der EU leichter miteinander kommunizieren können. Esperanto. Und was ist draus geworden? Eine Randnotiz der Geschichte.

Es ist also umgekehrt: Die Linguistik erforscht die Regelhaftigkeiten angewandter Sprache. Es ist sozusagen Kern dieser Wissenschaft, dass sich der Forschungsgegenstand verändert. Denn Sprache verändert sich mit den Gesellschaften und ihren Wertvorstellungen. Also: Die Linguistik folgt dem Sprachgebrauch, nicht umgekehrt.

Dazu kommt: Gerade im Deutschen ist es eine jahrhundertealte Tradition, dass die Institutionen, die über die deutsche Sprache wachen, keine normativen Befugnisse haben sondern deskriptiv arbeiten. Vereinfacht gesprochen: Wenn genügend Leute eine Sache lange und oft genug falsch sprechen und schreiben, wird sie irgendwann richtig. Aktuell beispielsweise zu beobachten an der Genitivregel zu wegen. Eigentlich müsste es wegen des Brauchtums heißen. Lange war dies die einzig richtige Anwendung. Inzwischen wird wegen aber so oft mit dem Dativ gebildet, dass zumindest umgangssprachlich wegen mit Dativ erlaubt ist.

Zum Thema „gendergerechte Sprache“ schreibt der Rechtschreibrat (26. März 2021):

„Der Rat für deutsche Rechtschreibung bekräftigt in seiner Sitzung am 26.03.2021 seine Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen. Dies ist allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthogra-fischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann.“

Wir können uns also alle entspannen, tief durchatmen. Halten wir fest: Nicht-gendern geht nicht, weil die deutsche Sprache voller Gendermarkierungen ist. Die Gewohnheit, nur Männer zu benennen, führt dazu, dass Nicht-Männer diskriminiert werden. Das ist gesellschaftspolitisch unerwünscht, problematisch, nicht verfassungsgemäß. Wie die Sprache sich entwickeln soll, ist ein Prozess, den wir gemeinsam gestalten.

Neutrale Formulierungen oder Partizipien sind schon heute kein linguistisches Problem. Einzig bei den Sonderzeichen wie Stern, Unterstrich oder Doppelpunkt streitet die Linguistik, ob diese angemessen sind oder nicht. Damit sind wir wieder beim Anfang, der Henne und dem Ei.

Texte mit Sternchen lese ich nicht, das ist mir zu kompliziert

Das ist kein Argument, sondern eine Verweigerung. Genauso könnte jemand sagen: Texte im generischen Maskulinum lese ich nicht, das ist mir zu diskriminierend. – Finde ich beides nicht hilfreich.

Kompliziert ist der Genderstern für durchschnittlich begabte Menschen nicht. Ein Asterisk zwischen zwei Buchstaben markiert, dass dieser Begriff alle Gender einbezieht. Es zeigt sozusagen die geschlechtsübergreifende Verwendung eines Wortes an und macht Sprache so präziser.

Diese Markierung fehlt dem generisch gemeinten Maskulinum oder Femininum und das macht sie mehrdeutig und missverständlich.

Der Genderdoppelpunkt ist barrierefreier als der Genderstern

Dieses Argument hat irgendwer in die Welt gesetzt. Es hat sich 2020 verbreitet wie ein Lauffeuer, ist inzwischen aber wieder etwas seltener zu hören. Vor allen Dingen ist es falsch. Streng genommen baut der Doppelpunkt sogar mehr Barrieren als der Stern.

Ursprung dieses Arguments ist, dass die meisten Sreenreader bei Doppelpunkten eine Satzzeichenpause lesen, während bei Stern oder Untersstrich meist das Wort gelesen wird. Das Problem: Satzzeichenpausen sind keine Glottis-Pausen, sondern zerren die Worte unangenehm auseinander. Die Glottis-Pause entspricht der Leerzeichenpause, die sehr viel kürzer ist. Amazon Polly spricht beim Stern die richtige Pause, Google Translate kann den Plural richtig, andere müssen nachziehen. Einen Überblick mit Hörproben gibt Taner Aydin. Wie sich der NVDA-Screenreader konfigurieren lässt, damit der Stern richtig als Satzzeichenpause vorgelesen wird, erklärt eine blinde Netzwerkkollegin in diesem -Blogbeitrag.

Im Grunde ist es also Aufgabe der Programmierung von Sprachausgaben, dass sie Genderzeichen richtig vorlesen. Wäre sicher einfacher, wenn es nicht so viele verschiedene gäb. Im Rennen sind derzeit vor allen Dingen Stern, Doppelpunkt und Unterstrich.

Der Doppelpunkt hat den Charme, dass er weniger auffällt, was gleichzeitig sein Problem ist. Menschen mit Sehbehinderung oder Schnell-Leser*innen überlesen ihn und lesen so das Feminium. Andere, die genauer hinsehen, stolpern, weil sie überlegen müssen, Satz- oder Genderzeichen? Dies dürfte auch ein Problem bei der Programmierung von Sprachausgaben sowie in Suchalgorithmen sein, die permanente Mehrdeutigkeit im Satzgefüge.

Letztlich sind wir auf dem Weg und im Moment werden mehrere Formen ausprobiert. Das finde ich ok und wir werden sehen, was sich mittelfristig durchsetzt.

Durch Gendern wird keine Gleichberechtigung hergestellt

Stimmt. Das wäre auch krass, wenn Sprache allein so mächtig wäre, dass sie den Gehaltszettel ganzer Gruppen korrigiert oder dafür sorgt, dass sich Männer und Frauen zu gleichen Anteilen um die Haushalts- und Pflege-Aufgaben kümmern. Dazu gehört mehr, als nur gendersensibel zu formulieren. Selbstverständlich.

Es stimmt aber auch, dass Sprache Frames – also Vorstellungen und Assoziationen – erzeugt und so auf das Denken und Handeln wirkt.

Wie oben bereits erwähnt, ist die Forschung hier klar: Wenn von Piloten, Polizisten, Chefs, Schriftstellern, Schauspielern, Krankenpflegern und Putzmännern die Rede ist … stellen wir uns signifikant mehr Männer vor.

Beispiele

  • Zwei Ärzte stehen an der Bar. Sagt der eine: Ich bin schwanger.
  • Der Prinz reitet durch die Nacht, kämpft sich durch Rosensträucher und küsst den Prinzen wach.

Ach nein, halt: Beim Prinzen gibt es gar keine generische Verwendung. Da muss die Prinzessin als solche genannt werden. Bei Geschichten, die wir Kindern erzählen, wäre es aus meiner Sicht nötig, dass auch Prinzessinnen durch die Nacht reiten und Prinzen retten. – Hätte mir als Kind gut getan. Ich fand Prinzessinnen langweilig. Die Prinzen haben viel Spannenderes erlebt.

Beim Schreiben und Sprechen auf gendersensible Formulierungen zu achten, ist eine Stellschraube von vielen. Ich betrachte den Genderstern gerade aufgrund seiner Auffälligkeit als gutes Element, um das Bewusstsein für unbewusst transportierte Geschlechterstereotypen zu erkennen und zu hinterfragen.

Ich fand Prinzessinnen langweilig. Die Prinzen haben viel Spannenderes erlebt. Klick um zu Tweeten

Gendern wird von Ideologen erzwungen

Dieses Argument  höre ich zumeist von Leuten, die gendergerechte Sprache am liebsten verbieten wollen. Da denke ich mir: Wer ist hier eigentlich ideologisch motiviert?

Ich zwinge niemanden, gendersensibel zu formulieren und erwarte umgekehrt, dass dies Leuten, die das wollen, auch nicht verwehrt wird. Lassen wir doch dem Sprachwandel in der Gesellschaft seinen Lauf. Gendersensible Sprache lässt sich weder erzwingen noch verbieten. Es wird sich das durchsetzen, was viele Menschen als angemessen und praktikabel erachten. So war das in der Sprache schon immer.

Gendersensible Sprache lässt sich weder erzwingen noch verbieten. Es wird sich das durchsetzen, was viele Menschen als angemessen und praktikabel erachten. Klick um zu Tweeten

Und genauso ist es sprachhistorischer Standard, dass die Sprache ein Ausdruck von Gesellschaft und ihren Moralvorstellungen ist. Ändern sich die Werte, ändert sich die Sprache. Normal.

Ich mag diese Aussage von Phillip Bahrt:

Mein Hauptargument gegenüber Leuten, die verbissen auf ihrer Meinung beharren und diese als allgemeingültig betrachten, ist dann meistens, dass auch ich den „missionarischen“ Charakter solcher Debatten nicht mag – und wer für sich in Anspruch nimmt, nicht bevormundet werden zu wollen, doch bitteschön andere Menschen selbst entscheiden lassen sollte, welche Sprache sie gerne nutzen.

Dieses Gendergaga ist ein rein deutsches Phänomen

Diese Behauptung ist schlicht falsch. Vielmehr wird die Debatte um gendergerechte Sprache in vielen Gesellschaften und Sprachen geführt. Das Thema wird vor allem in freien, offenen, demokratischen Gesellschaften diskutiert, in denen es relevante Fortschritte im Kampf gegen Frauendiskriminierung gibt. Und natürlich auch in dem Maße, in dem Transpersonen und intersexuelle Menschen sich öffentlich zeigen und sprechen dürfen.

Das betrifft Englisch ebenso wie Deutsch, Französisch, Spanisch und die skandinavischen Sprachen. Zum Thema gendern in anderen Sprachen habe ich einen eigenen Blogbeitrag geschrieben.

Was mich in dem ewigen Gezeter so nervt ist der Dogamtismus, das Rechtahberische und die Wirklickeitsverweigerung, die mitschwingen. Carolin Kebekus hat der Verbissenheit Humor eingehaucht: Alles wird sich gendern, singt Lady Gender Gaga:

Gendern zerstört die schöne deutsche Sprache von Goethe

Ach ja, früher war einfach mehr Lametta. Bullshit. Die schöne deutsche Sprache von Goethe ist im Original heute für die meisten kaum noch oder gar nicht mehr zu verstehen.

Beispiel gefällig? Hier ein Zitat aus einem Brief von Goethe aus dem Jahr 1824

Schon im Laufe des ganzen Jahres soviel Gnade, Wohlwollen und Vertrauen, nun aber noch am Ende die fürstväterliche Vorsorge für meinen Familienkreis danckbar anzuerkennen, möchte einem fühlendem Gemüthe fast unerschwinglich werden.

Alles klar? Nur tote Sprachen ändern sich nicht.

Selbst ein Original von Emil und die Detektive von Erich Kästner aus dem Jahr 1929 dürfte von heutigen Kindern nicht ohne Übersetzungshilfe verstanden werden, ganz abgesehen davon, dass wir damals in Sütterlin schrieben.

Gendern kann man auch übertreiben

Ja, das finde ich auch. Man kann alles übertreiben.

Der Mensch ist ebenso genderneutral wie die Person, das Mitglied oder das Kind. Hier gibt es also keinen Genderbedarf.

Auch bei Gegenständen muss mensch nicht päpstlicher sein als der Papst. Ein Messer ist ein Gegenstand, egal ob Küchenmesser oder Fleischermesser. Andererseits kann ich auch Fleischmesser sagen und das Gender ist weg. Ist im Grunde auch logischer. Wir sagen auch Brot-, Fisch- und Küchenmesser, je nachdem, was wir damit schneiden wollen oder wo es zu finden ist, nicht wer das Messer in der Hand hält. Das ist nicht relevant. Gleiches gilt für Redepult, ein Möbelstück, das für Reden verwendet wird, egal, welches Gender spricht.

Es gibt nicht die eine Lösung oder die eine Wahrheit. Wir befinden uns mitten in einer dynamischen Phase des Sprachwandels und werden sehen, wie sich das Deutsche entwickelt.
Hier wünsche ich mir einfach mehr Sachlichkeit, mehr Entspanntheit, mehr Kreativität.

Wer verstanden hat, worum es beim Thema gendergerechte Sprache geht und ein Grundverständnis für die deutsche Sprache und ihre Möglichkeiten mitbringt, der soll probieren, spielen, kreativ sein. Das Deutsche ist zum Spielen gemacht. Es ist eine Legosprache, in er sich leicht neue Wörter, Her- und Ableitungen bilden sowie die Wortarten verändern lassen.

Die Mehrheit ist gegen das Gendern

Die Umfragen, die hierzu durchgeführt werden, sind zumeist weder valide noch reliabel und im besten Fall quasi-repräsentativ, aber nicht respräsentativ im wissenschaftlichen Sinne.

Aber da werden doch rennomierte Meinungsforschungs-Institute beauftragt, wirst du dir vielleicht denken. Richtig, Allensbach, infratest dimap und so weiter – WERDEN BEAUFTRAGT.  Wenn ich wissen will, ob Menschen gegen stinkenden Müll sind oder ob Menschen wollen, dass Politiker*innen mehr auf ihre Bedürfnisse eingehen, kann ich solche Fragen bei entsprechenenden Unternehmen in Auftrag geben und je nachdem, wie viel Geld ich ausgeben mag, gibt es unterschiedliche Techniken, wie Leute befragt werden. Dann bekomme ich Stimmungsbilder, Momentaufnahmen. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun.

Meistens dienen solche Umfragen dazu, eine vorher festgelegte Position der auftraggebenden Institution mit Zahlen zu untermauern.

Wenn ich frage: Möchten Sie, dass mit Ihnen wertschätzend kommuniziert wird? – wird eine überwältigende Mehrheit mit Ja antworten. Frage ich dagegen: Möchten Sie zu einer bestimmten Sprache gezwungen werden, wird eine ebenso überwältigende Mehrheit mit Nein antworten. Ich auch.

Hier ein kleiner Ausflug in die Empirische Sozialforschung und Statistik (für irgendwas muss das im Studium ja gut geweesn sein). Was bedeutet valide, reliabel, repräsentativ?

  • Valide bedeutet: Ich messe das, was ich messen will. Wenn ich zum Beispiel das Gewicht wissen möchte und dafür messe, wie groß Leute sind, wäre das nicht valide. Bei Umfragen ist die Validität ziemlich komplex. Denn es muss sichergestellt werden, dass eine Frage eindeutig verstanden wird.
  • Reliabel bedeutet: Die Messung ist zuverlässig, das Ergebnis also nicht abhängig von Uhrzeit, Wochentag oder Wetter.
  • Repräsentativ bedeutet: Die Gruppe der Befragten bildet die Gesamtgruppe, über die eine Aussage getroffen werden soll, so gut ab und ist verhältnismäßig in ausreichender Zahl vertreten, dass ich von der kleinen Gruppe auf die Gesamtgruppe hochrechnen darf. Perfekt sind diese Stichproben nie, aber eben mehr oder weniger gut.

Jetzt drehen wir den Spieß um und fragen: Was genau verstehen Sie unter „Gendern“? Und hören zu. Wenn wir die Antworten hierzu auswerten, können wir uns vorstellen, wie viel verschiedene unterschiedliche Vorstellung die Menschen von diesem Wort füllen, wie unterschiedlich sie es also mit Bedeutung füllen. Und jetzt gehen wir zurück zur Frage, ob Leute für oder gegen Gendern sind. Auf wie viele verschiedene Fragen, je nach Vorstellung, was das Wort bedeutet, haben die Leute wohl geantwortet?

Meine Erfahrung in vielen Seminaren, Some-Talks und anderen Settings zum Thema Gender:

  • Die allermeisten Techniken für inklusive Sprache sind mehrheitlich akzeptiert und werden mehr oder weniger oft unbewusst angewendet.
  • Viele Menschen tun sich schwer, wenn Sterne inflationär auftauchen, ab und zu stört sich kaum jemand.
  • Manche Menschen lehnen Sterne oder andere Sonderzeichen ganz ab.
  • Manchen Menschen fällt Veränderung schwer und damit auch Sprachwandel.
  • Viele Menschen wissen nicht, dass es außer Mann und Frau auch Intersexuelle Menschen gibt und wissen kaum etwas über Transpersonen oder Nicht-Binarität.
  • Viele Menschen wissen nicht, dass der Stern eine Selbstbezeichnung eben der Menschen ist, die wir bisher sprachlich komplett ignoriert haben.

Ich gendere nicht

Die Aussage „Ich gendere nicht“ wirkt in drei Worten wie ein Beleg für das, was ich in der Frage darüber erklärt habe.

Der Begriff „Gendern“ ist unklar definiert. Jede*r versteht etwas anderes darunter. Fairerweise muss ich sagen: Das Wort ist auch irreführend, denn im Grunde bedeutet gendergerecht zu formulieren, Gender zu vermeiden oder alle Gender zu benennen, die adressiert werden.

Der Punkt ist: Die deutsche Sprache ist in ihrer Struktur durchgegendert. Genus und Sexus gehen eine innige Beziehung ein. Im Englischen ist diese Beziehung auch da, aber schwächer. Es gibt auch Sprachen, in denen es kein Gender gibt. Linguistisch betrachtet ist die Frage also nicht, ob wir gendern, sondern wie. Gendern wir nur maskulin oder berücksichten wir alle Gender und bemühen uns um inklusives Gendern.

Lustig ist auch immer wieder, wenn Leute, die von sich behaupten, sie würden nicht gendern und dabei inklusive Formulierungen verwenden. Auch das ein Beleg, dass ein Wort sehr willkürlich und ungenau verwendet wird.

Lass uns debattieren und die besten Lösungen finden

Debatten sind wichtig und richtig. Sachlich ausgetragen helfen sie, eine Frage in allen Details auszuleuchten und sind ein Quell für das Verhandeln bester Lösungen. Ein Geschenk unserer Demokratie.

In Bezug auf gendergerechte Sprache gibt es noch viele Fragen, für die es noch keine zufriedenstellenden Antworten gibt, etwa beim Umgang mit Pronomen im Satz. Lasst uns also in andere Sprachen schauen, unsere Sprache und ihre typischen Merkmale und Muster analysieren, die angebotenen Lösungen debattieren, sie hinterfragen und auf ihre Praktikabilität hin prüfen.

Das Deutsche ist eine so schöne Sprache, lädt zur Kreativität ein und ist dabei enorm präzise. Die Sprache ist viel zu schön, als dass wir keine guten Lösungen finden können.

Literaturtipps

Wer Lust hat, tiefer in das Thema einzusteigen, hier zwei Literaturtipps:

  • Prof Ursula Doleschal, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt: Das generische Maskulinum im Deutschen. Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne, Januar 2002
  • Prof. Gabriele Diewald und Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache, Duden 2020

Quellen

Goethe-Zitat: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1824

Rechtschreibrat: https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/

Wissenschaft, Überblick: https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht/

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Bildnachweis: geralt, pixabay

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20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Frau Lieb,

    Ihrer eigenen Aussage nach mögen Sie diese Aussage von Phillip Bahrt
    > … wer für sich in Anspruch nimmt, nicht bevormundet werden zu wollen,
    > [soll] doch bitteschön andere Menschen selbst entscheiden lassen sollte, welche Sprache sie
    > gerne nutzen.

    Sagen Sie das bitte mal all jenen linguistischen Blockwarten (und -wartinnen), die allen Ernstes „gendergerechte Sprache“ als Bewertungskriterum z.B. für Studien- und Seminar-Arbeiten anwenden.

    Ich selbst wurde z.B. für die Formulierung „die Fähigkeit, mit dem Gegenüber in dessen Muttersprache zu kommunizieren, ist der Vertrauensbildung potentiell zuträglich“ gerüffelt.

    Was geht in einem Hirn vor, das in einem so alltäglichen Begriff wie „Muttersprache“ ein Diskriminierung zu erkennen glaubt? Ich dachte immer, es gehe um den Inhalt, anstatt irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe mit Hilfe imaginärer Formfehler auf meine Kosten zu kultivieren.

    Sie sagen, es werde sich durchsetzen, was viele Menschen als angemessen und praktikabel erachten. Das mag so sein. Die Frage ist nur, wer hier mit „viele“ gemeint ist. Meiner Beobachtung nach sitzen die meisten davon in den Redaktionsstuben der Zeitungen. Unter ihren Opfern (also den Lesern der entsprechenden Machwerke) indessen ist die Genderista in der krassen Minderheit. Aber das hat ja noch keinen Weltverbesserer je gestört.

    Antworten

    • Hallo Jens Grillemeyer,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich persönlich habe kein Problem mit Wörtern wie Muttersprache, Mutter Erde oder Vaterland. Ich akzeptiere aber, dass andere Leute Dinge anders sehen. Was genau wurde denn kritisiert? In welchem Zusammenhang geschah das? Sprache geschieht immer in einem Kontext. Normalerweise passen wir uns in unserer Kommunikation dem Kontext an. Wir sprechen zum Beispiel im Fußballstadion anders als im Businessmeeting.
      Sprache gehört nicht einer Person alleine. Sie gehört auch nicht der Linguistik. Die erforscht nur dieses Gebilde aus Wörtern, Strukturen und gesellschaftlichen Normen, die sich in ihr spiegeln.
      Die Kampfrhetorik, mit der Sie kommunizieren, zeigt, dass auch bei Ihrer Toleranz Luft nach oben ist. Sie beschweren sich einerseits über Kritik, sparen aber nicht mit Anklagen und Unterstellungen, die Menschen abwerten, die anders denken als Sie.
      Ich gebe sehr viele Seminare und Trainings und meiner Beobachtung nach ist die „krasse Minderheit“ dogmatisch. Die meisten Menschen gehen sehr pragmatisch mit Sprache um. Viele Sprachanpassungen geschehen unbewusst. Es gibt auch viele, die sich aktiv bemühen, weil sie das Anliegen richtig finden. Oft höre ich, dass sich Ältere von ihren Kindern, Neffen oder Nichten haben am Küchentisch überzeugen lassen. In der Debatte steckt auch ein Generationenthema.
      In den Redaktionsstuben gibt es die gleiche Diskussion wie überall in der Gesellschaft. Es gibt glühende Verfechter des generischen Maskulinums und des Gendersterns und alles dazwischen. Insofern fand ich es mutig, konsequent und für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angemessen, als der DLF seinen Autor*innen freigab, wie sie gendern wollen: maskulin, Doppelnennung, Gendergap. Andere ÖR-Sender zogen nach. Gerade für den ÖR finde ich so demokratisches Vorgehen sehr gut.
      Für andere Redaktionen ist das schwer machbar und dort finden Sie ebenso alles. Vom generischen Maskulinum bis zu Gendersonderzeichen. Die Nachrichtenagenturen haben sich kürzlich verständig, generische Maskulina zurückzudrängen, aber vorerst keine Sonderzeichen zu verwenden. Sprache ist derzeit sehr in Bewegung und wir als Gesellschaft können das aushalten.
      Die Wissenschaft zeigt eindeutig: Wenn nur männlich gegendert wird, werden Nicht-Männer aus der Wahrnehmung gedrückt und dadurch benachteiligt. Sprache und Denken prägen sich gegenseitig. Denken prägt handeln. Warum glauben Sie, gibt die Wirtschaft so viel Geld für Marketingkommunikation aus? Sicher nicht, weil Sprache keinen Einfluss hat.

      Antworten

    • Sehr geehrter Herr Grillmeyer,
      beim zweiten Lesen und Nachdenken fiel mir auf, vielleicht wurde gar nicht der Begriff „Muttersprache“ gerüffelt, sondern der Inhalt. Sie formulieren ja, dass Sie Muttersprachlichkeit als Voraussetzung für Vertrauen sehen. Den Satz alleine finde ich etwas dünn, um darüber zu urteilen. Aber je nachdem, was da im Umfeld steht, ist da kritisches Potenzial. Das ist aber nicht sprachlicher, sondern inhaltlicher Natur. Also nochmal: Was genau wurde gerüffelt und mit welcher Begründung?

      Antworten

  2. Liebe Diskutierende,

    aus meiner Sicht ist Gendern Diskriminierung!
    Zum einen wird dadurch auf Unterschiede im Geschlecht hingewiesen, die meist gar nicht relevant sind.
    Wichtiger ist mir allerdings, dass durch das Gendern (üblicherweise ) nur zwischen Frauen und Männern unterschieden wird, während z.B. dagegen gerade in Bewerbungen das „divers“ doch so wichtig geworden ist.
    Gendern schließt also Personen aus!

    Viele Grüße
    Burkart

    PS: Und nein, ich möchte nicht, dass unsere Sprache noch weiter verschandelt wird, in dem weitere Geschlechter in ihr ständig brücksichtigt werden müssen…

    Antworten

    • Lieber Burkart,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Hier liegt offenbar ein Missverständnis vor.
      Beim Thema gendergerechte und inklusive Sprache geht es gerade darum ALLE Gender zu berücksichtigen, nicht nur Mann und Frau. Genau dafür gibt es ja den Stern. Sonst bräuchten wir den nicht. Der Stern ist das sichtbare Symbol für die Vielfalt von Genderidentitäten.
      Und nein, das Gender wird nicht betont. Es ist vielmehr so, dass darauf geachtet wird, unbewusste männliche Gendermarkierungen zu vermeiden und darauf zu achten, das zu sagen, was man meint:
      Wenn ich von Männern rede, nehme ich das Maskulinum. Wenn ich von Frauen rede, nehme ich das Femininum. Wenn ich von gemischten Gruppen spreche, von nicht-binären Menschen oder wenn ich über einen Beruf unabhängig vom Geschlecht sprechen möchte, verwende ich eine neutrale Form. Neutral kann sein: Lehrer*in, Lehrkraft, Lehrperson, Lehrende (Plural), im Unterricht, … je nach Kontext.
      Leider versuchen interessierte Kreise mit Falschinformationen und Polemik, eine sachliche Debatte zu verhindern. Und sie verwirren viele Menschen.
      Dagegen hilft nur immer wieder: aufklären.
      Eine wertschätzende Ansprache und Sichtbarkeit in der Kommunikation hat jeder Mensch verdient, unabhängig vom Geschlecht. Danke für das Lesen.
      Viele Grüße
      Sigi

      Antworten

  3. Sehr geehrte Frau Lieb
    Frauen haben jahrzehntelang darum gekämpft, nicht nur „mitgemeint“ zu sein. Endlich werden sie seit einigen Jahren mehr und mehr gesondert genannt (z.B. „Künstler und Künstlerinnen“). Nun nimmt ihnen das Sternchen, der Schrägstrich oder der Doppelpunkt diese Eigenständigkeit wieder. Frauen sind damit nur noch ein Suffix ohne Wortstamm. Das ist keine Lösung im Sinne der Frauen, die doch mehr als 50% der Gesellschaft ausmachen. Konsequenter ist da die Lösung von Hermes Phettberg, der den Schnitt nach dem Wortstamm macht und dort ein -y setzt für alle.

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    • Sehr geehrte*r Uli Henke, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich sehe das entspannt. Beim Thema inklusive Sprache geht es nicht nur um Männer und Frauen, auch Nicht-Binäre haben einen Anspruch auf Wahrnehmung. Mitarbeiterin ist eine Frau, Mitarbeiter ist ein Mann und Mitarbeiter*in benutze ich, wenn ich entweder von einer nicht-binären Person spreche, das Gender unbekannt ist oder der Begriff genderübergreifend verwendet wird. So gibt es keine Mehrdeutigkeiten durch generische Anwendungen.
      Sprache gehört uns allen und sie entwickelt sich so, wie sie viele Menschen gebrauchen. Ob die Variante nach Phettberg hier zielführend ist, mag jede*r selbst entscheiden. Aus meiner Sicht ist sie derzeit wenig hilfreich. Zudem sie von dem eigentlichen Problem ablenkt, bei dem andere Sprachen schon weiter sind, die Frage nach genderinklusiven Pronominia (Englisch: they, Französisch: iel/yel, Spanisch ele/eklle, Deutsch: ?)

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  4. Hallo Andrea,
    vielen dank für diesen ausführlichen und differenzierten Kommentar. Sie haben ja sicher gelesen, dass ich nicht dogmatisch bin, sondern der Überzeugung: Es gibt nicht eine Lösung für alle Fälle, sondern die angemessene Sprache hängt vom Kontext ab. Sprache gehört uns allen und sie entwickelt sich mit der Gesellschaft. Dogmen jeder Art lehne ich ab, weil sie starr sind. Und starr mag ich nicht.
    Sie schreiben: „es werden tendenziell spontan etwas mehr männliche Bilder bzw. Stereotype im Kopf aktiviert, wenn im generischen Maskulinum formuliert wird,“ – tendenziell und spontan klingt ein bisschen verniedlichend. Die Forschung ist hier sehr eindeutig, übrigens auch multisprachlich, weil hier 2 Effekte wirken: einerseits Stereotype, die gibt es in allen Sprachen. Andererseits die Grammatik der jeweiligen Sprache. Für das Deutsche heißt das: Mit der männlichen Bezeichnung z.B. für Erzieher oder Kosmetiker werden sogar Stereotype überschrieben.
    Erst gestern gab es in meinem Seminar zum Thema Richtig gendern genau dieses Beispiel nachgerade in Perfektion. Die TN waren so fokussiert auf einen Mann, dass sie sehr lange nachdenken mussten, um zu erkennen, dass der Begriff hier generisch verwendet worden war. Es ging um einen sehr angesehenen und mächtigen Beruf, der stereotyp eben männlich besetzt ist. Hier wirken männliche Begriffe fatal.
    In einer Übung mit einem Text aus einer Zeitung kam heraus, dass hier überhaupt nicht klar ist, wer hier gemeint ist, auch hier waren maskuline Begriffe verwendet worden und es war nicht nicht herauszufinden, worauf sie sich beziehen.
    Recht haben Sie natürlich: Diese Wirkung wird umso stärker, je mehr Menschen auf generische Verwendungen verzichten.
    Ein weiterer Punkt ist die KI: KI kann nicht unterscheiden und abwägen, ob ein Wort spezifisch oder generisch verwendet wird. Wer also das Internet mit männlichen Begriffen vollschreibt, macht KI frauendiskriminerender.
    Wenn Ihnen das generische Maskulinum gefällt, nutzen Sie es. Wie gesagt: Sprache gehört uns allen und lässt sich weder erzwingen noch verbieten.
    Ich habe es mir weitgehend abgewöhnt, dafür spreche ich inzwischen recht flüssig die Gendergap. Damit ist es kurz und knapp klar: Wenn ich Männer meine, benenne ich Männer. Wenn ich Frauen meine, benenne ich Frauen. Wenn ich Diverse meine oder alle Geschlechter, verwende ich den Genderstern.
    Ich mag aber keine Texte, die wie Sternenhimmel aussehen. Dafür bietet unsere Sprache zahlreiche Möglichkeiten, wie das von Ihnen angesprochene Team zum Beispiel und sehr viel mehr. Das vermittle ich meinen Teilnehmenden in meinen Seminaren.
    Elegant und stilvoll kombiniert, ergeben sich gut verständliche und angenehm lesbare und sprechbare Texte.

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  5. Hallo Frau Lieb,

    vielen Dank für Ihren freundlich, entspannt und undogmatisch formulierten Text zum Thema „Gendern“, ich habe ihn daher gern gelesen! Tatsächlich habe ich für mich persönlich (und das als Frau ;-)) über meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema während der vergangenen Monate den Wert des geschlechtsabstrahierenden generischen Maskulinums erst richtig entdeckt und nutze es mittlerweile sogar häufiger als früher. Auch da ich es als Verlust empfinde würde, wenn das generische Maskulinum aufgrund der ständigen Nutzung z.B. der Paarformen (die neben dem Genderstar etc. immer häufiger zu hören und zu lesen sind) mehr und mehr seine (fast) neutrale Bedeutung verliert und irgendwann tatsächlich nur noch als Bezeichnung für männliche Vertreter wahrgenommen wird.

    Ja, es stimmt, es werden tendenziell spontan etwas mehr männliche Bilder bzw. Stereotype im Kopf aktiviert, wenn im generischen Maskulinum formuliert wird, aber dieser gewisse Nachteil wiegt für mich die vielen Vorteile dieser Form nicht auf, die beispielsweise darin bestehen, kurz und weitestgehend prägnant Informationen zu übermitteln, insbesondere wenn das konkrete Geschlecht von Personen absolut nebensächlich sind. Die Umwege über sogenannte Partizipformen („Die zu Fuß Gehenden“) finde ich persönlich künstlich und sprachlich teilweise sehr schräg, den eigentlich haben wir doch diese (weitestgehend) neutrale Form durch das generische Maskulinum schon.

    Die von Ihnen angesprochenen Assoziationstest sind kritisch zu sehen, da sie die konkrete Kommunikationssituation, die den Interpretationsspielraum automatisch verkleinern, oftmals außer acht lassen. In einer echten Sprechsituation würde wohl zudem kaum jemand sagen “ Zwei Ärzte stehen an der Bar. Sagt der eine: Ich bin schwanger.“ (Zitat eines Ihrer Beispiele). Im Normalfall würde man in einer Echtsituation bei diesem Beispiel von vornherein situationsangemessener formulieren: „Ein Arzt und eine Ärztin stehen an der Bar…“ oder „Zwei Ärztinnen stehen an der Bar…“.

    Assoziations- und Stereotypenexperimente gibt es ja auch außerhalb der gendersprachlichen Thematik. Fordert man z.B. Menschen auf, spontan eine beliebige Farbe zu nennen, wird „rot“ am häufigsten genannt (bei den Musikinstrumenten ist es die Geige :-)). Das bedeutet deswegen ja nicht, dass wir Menschen die anderen Farben nicht ausreichend würdigen oder das das Schifferklavier nicht so viel wert ist wie die Geige.

    Sprache wird nie zu 100% präzise sein (vermutlich ist dass auch gut so), alles immer ganz eindeutig abzubilden – damit wäre das Sprachsystem überfordert. Aus dem konkreten Kommunikationskontext heraus wird dennoch meistens intuitiv verstanden, wie welche Formulierung gemeint ist (wenn auch nicht immer). Und wenn ich betonen möchte, des es mehr Männer im den Kitas braucht, kann ich doch einfach schreiben „Wir brauchen mehr männliche Erzieher.“

    Ich finde das situationsabhängige Nutzen des generischen Maskulinums UND der geschlechtsmarkierenden Formen viel sinnvoller als die beobachtbare Tendenz, ständig und immer – unabhängig vom Kontext – alle Geschlechter mit (zu) nennen (zu müssen).

    Auch markierte Formen können (ebenso wie zuweilen das generische Maskulinum) mehrdeutig und missverständlich sein, das liegt in der Natur der Sprache. Der Satz „In diesem Team arbeiten 4 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ lässt offen, ob es 4 Frauen und 4 Männer sind (also insgesamt 8 Menschen) oder aber insgesamt 4 Leute. Da finde ich den Satz „In diesem Team arbeiten 4 Mitarbeiter“ fast eindeutiger (es sind insgesamt vier Leute, unabhängig vom Geschlecht, welches im Hinblick auf die zu transportierende Satzinfo womöglich auch überhaupt keine Rolle spielt).

    Einig sind wir uns auf jeden Fall, dass etwas mehr Gelassenheit und Toleranz der ganzen Diskussion gut tun würde. 🙂 🙂

    herzliche Grüße,
    Andrea S.

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  6. Zu Ihrem Absatz „Das generische Maskulinum meint alle“
    der erste Satz: „Nun ja: generisch heißt verallgemeinernd. “
    Das ist schlicht falsch. Das generische Maskulinum leitet sich nicht aus „generell“ (allgemein) ab sonder von Genus (unglückliche Übersetzung: Geschlecht; bessere Übersetzung: Abstammung). Wie Sie selbst richtig schreiben, haben Genus und Sexus nichts miteinander zu tun.
    Der Lehrer (Funktion) beinhanltet:
    a) der Lehrer (männliche Person, die lehrt, b) die Lehrerin (weibliche Person, die lehrt)
    Es gibt also eine Äquivalenz die für beide Geschlechter gilt, die aber nichts mit dem Generischen Maskulinum zu tun hat.
    Dass beide Formen in der Funktion gleichberechtigt existieren, sehen Sie an folgendem Beispiel: Wöchnerin. Hier gibt es keine männliche Referenz.
    Ferner richtet sich die feministische Linguistik immer nur gegen das generische Maskulinum. Wenn die feministische Linguistik „geschlechterneutral“ sein will, muss sie genauso das generische Femininum oder das generische Neutrum kritisieren.
    Beispiel: „Wilhelm Gustloff“ war ein Nationalsozialist. Wilhelm Gustloff ist hier maskulin (genus) und männlich (sexus). „Die Wilhelm Gustloff sank am 30.01.1945.“ Hier ist der Mann Wilhelm Gustloff nicht etwa weiblich geworden, sondern das Schiff, das seinen Namen trug, ist im Genus feminin. Das Schiff ist neutral, das bestimmte Schiff ist feminin. Das ist immer so. Noch keine feministische Linguistin hat sich je darüber beschwert, dass die männlichen Schiffe nur mitgemeint sind.

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    • Sehr geehrter Thomas Kay,
      ich habe mir lange überlegt, was ich mit Ihrem Bombardement an Kommentaren mit Falschbehauptungen machen soll. Damit Sie mir nicht vorwerfen, ich ließe nur zu, was mir gefällt, habe ich einen Kommentar freigeschaltet.
      Die Bedeutung von „generisch“ in der Sprachwissenschaft heißt „allgemein“ oder „verallgemeinernd“. Das können Sie ganz einfach bei Wikipedia nachlesen. Da Sie Wert darauf legen, von sich zu sagen, Sie seien studierter Sprachwissenschaftler, genügt Ihnen Wikipedia vermutlich nicht als Beleg, daher habe ich für Sie ein linguistisches Wiki herausgesucht: https://dewiki.de/Lexikon/Generisch_(Linguistik)
      Eine Wöchnerin bezeichnet eine Frau kurz nach der Geburt eines Babys. Dass es hierfür keinen männlichen Begriff gibt, liegt also daran, dass in Männerbäuchen keine Kinder wachsen und hat wenig mit Grammatik zu tun. Selbiges gilt für Amme, ein Begriff, der sich auf das Stillen bezieht.
      Eine ausführliche linguistische Betrachtung zu der Frage, wo das Generische im generischen Maskulinum liegt, liefert Prof. Dr. Henning Lobin, Direktor des Leibnitz-Instituts für deutsche Sprache, den ich hier gerne verlinke: https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/wo-genau-ist-das-generische-im-generischen-maskulinum/
      Und natürlich hat ein Schiff kein Gender sondern nur ein Genus. Ein Schiff ist eine Sache, keine Person. Warum bei Schiffen, die mit Namen erwähnt werden, immer von die + Name die Rede ist, selbst dann, wenn das Schiff einen männlich gelesenen Namen hat, weiß ich nicht. Es heißt zwar die Yacht, die Jolle, aber das Schiff, das Boot und der Tanker. Wäre interessant, das herauszufinden.
      Hier erkläre ich, wie Genus, Gender und generisch zusammenhängen: https://www.gespraechswert.de/gendergerechte-sprache-einfach-erklaert/#gender-genus-generisch
      Und wenn Sie sich wirklich mit meinen Inhalten befasst hätte, dann hätten Sie gesehen, dass ich mich für inklusive Sprache einsetze, die alle Menschen einschließt. Männer also genauso sieht und benennt, wie Frauen und diverse Menschen.

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  7. Liebe*r Thurid,
    vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich habe Sie genderneutral angesprochen, weil ich nicht weiß, ob Sie m, w oder d sind und Ihr Gender wertschätze, auch wenn ich es nicht kenne. Ich werde häufig im falschen Geschlecht angesprochen und weiß, wie ätzend sich das anfühlt.
    Ich möchte in dieser Antwort ein bisschen Wissenschaft ergänzen.
    Über die Frage, wo das Generische im generischen Maskulinum steckt, hat Prof. Henning Lobin, Direktor des Leibnitz-Instituts für deutsche Sprache, einen Blogartikel geschrieben, den hier hier verlinken möchte: https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/wo-genau-ist-das-generische-im-generischen-maskulinum/ – das ist eine sprachwissenschaftliche Betrachtung.
    Verlinken möchte ich ebenfalls einen lebenspraktischen Filmbeitrag, in dem eine Journalistin in einer Schulklasse mit Kindern über das Thema spricht. Die Kinder sind hier viel entspannter als so manche Erwachsene. Die Journalistin macht übrigens auch das von Ihnen vorgeschlagene Experiment. Sehen Sie selbst, was die Kinder malen, wenn sie Lehrer und Schüler zeichnen sollen und zählen sie vor allen Dingen die weiblichen Personen bei den Bildern der Jungs.
    https://www.youtube.com/watch?v=YZY3m5GfSxg – Und das entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Selbst bei stereotyp weiblich besetzten Berufen, erzeugen maskuline Berufsbezeichnung tendenziell männliche Bilder. Nicht immer und bei allen, aber eben in signifikanter Häufigkeit.
    Das generische Maskulinum ist schlicht mehrdeutig und missverständlich: Wir brauchen mehr Erzieher. – Dieser Satz ist richtig, hat aber einen anderen Inhalt, je nachdem, ob ich den Begriff spezifisch oder generisch verstehe.
    Ihre Anklage in Bezug auf Originalstexte von vor 100 oder 200 Jahren finde ich schlicht unfair. Ich habe niemandem unterstellt, Goethe oder Kästner nicht lesen zu können. Geschrieben habe ich, dass die Originalsprache aus der Lebenzseit dieser Autoren heute für viele schwer bis nicht verständlich ist. Das gilt auch für mich. Texte zu lesen in einem Sprachgebrauch aus einer anderen Zeit ist anstrengend.
    Sie unterstellen mir Unwissen. Schade, so wird eine sachliche Debatte erschwert. Wie tief und gründlich mein Wissen ist, das mögen die Leser*innen selbst entscheiden. Ich weiß die Forschung und die Wissenschaft auf meiner Seite.

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  8. Sehr geehrte Frau Lieb

    Das generische Maskulinum ist “ein maskulines Nomen oder Pronomen, das sich auf eine Personengruppe mit unbekanntem Geschlecht bezieht. Hierbei ist das Geschlecht der Personen nicht relevant.“ Es sind männliche, weibliche und transsexuelle Personen gemeint.

    Ihr Arrangement in Ehren und es ist schön, dass Sie sich mit Sprache und ihrer Bedeutung befassen. Doch Sprachwissenschaft kann eine Antwort auf ihre aufgeworfenen Frage geben, ob das generische Maskulinum tatsächlich stärker Männer als Frauen repräsentiert, wie von Ihnen als Kritikerin, anderen Kritikerinnen und Kritikern gern behauptet wird.

    Unterziehen wir das generische Maskulinum einem in diesem Zusammenhang oft bemühten Assoziiationstest. Besondere Kenntnisse sind nicht erforderlich.

    Beispiel für die Verwendung des generischen Maskulinum:
    Die Lehrer streiken.

    Wen assoziieren die Adressaten mit dem Wort „Lehrer“?
    Die Mehrheit assoziiert Frauen und Männer, große und kleine, dicke und dünne. Denn das generische Maskulinum ist eine in der Sprache tief verankerte, elegante und leistungsstarke Möglichkeit zur Vermeidung von Diskriminierung. Trotzdem wird es Menschen geben, die in der Aussage ausschließlich männliche Lehrer erkennen wollen bzw. in die Aussage hineininterpretieren möchten. Es ist ihnen unbenommen, Einspruch einzulegen.

    Gegenbeispiel generisches Femininum:
    Die Lehrerinnen streiken.

    Werden mit dieser Aussage Frauen und Männer assoziiert? Haben wir hier ein genauso starkes generisches Femininum, das sowohl Frauen und Männer meint?
    Nein, natürlich nicht. Hier haben die Adressaten nur weibliche Lehrkräfte vor Augen. Vielleicht fragt man sich noch, warum nur Frauen. Werden sie ungleich entlohnt und streiken deshalb?

    Folglich stellt sich die Frage:
    Können Lehrerinnen auch Männer sein?

    Würde wir nun behaupten, mit Lehrerinnen männliche und weibliche Lehrkräfte seien gemeint, dann würde nahezu jede Person uns einen Vogel zeigen.

    Im ersten Satz, ist die Verwendung des Wortes „Lehrer“ das Normalste der Welt. Für Adressaten ist völlig klar, dass auch Frauen gemeint sind. Im zweiten Satz ist die Aussage eine ganz andere. Hier deutet die Verwendung des Begriffs „Lehrerin“ nicht darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen gemeint sind. Das ist undenkbar.

    Irgendwas stimmt also nicht, oder?

    Es ist nicht richtig, dass wir bei der Verwendung des generischen Maskulinums ausschließlich an Männer denken, vielmehr ist es im Beispiel geschlechtsneutral.

    Es sei zugestanden, dass das generische Maskulinum als sprachliches Phänomen die männliche Dominanz in unserer Gesellschaft verstärke. Gleichzeitig führt die sprachliche Gleichberechtigung durch Nennung beider Geschlechter nicht zu einer gleichrangigen Denkweise oder gar zu sozialer Gleichstellung von Mann und Frau. Letztere muss erkämpft werden. Die Verbannung des generischen Maskulinum aus der Sprache hilft hier eher nicht weiter. Sie können das oben genannte Beispiel auch mit Dirigenten, Richtern, Philharmonikern etc. bilden; eine Gleichstellung der Frau erreichen Sie durch die Verbannung des generischen Maskulinum nicht. Vielmehr sollten wir dafür sorgen, dass es in Zukunft mehr Dirigentinnen, Richterinnen etc. gibt als jetzt. Dann tun wir etwas für die Gleichstellung der Frauen in unserer Gesellschaft. Dann wird sich auch das soziale Geschlecht im Sprachgebrauch verändern und Assoziationstests werden überflüssig.

    Noch ein Wort zur Sprache von Goethe in ihrem Blog

    Ihr Text:
    „Gendern zerstört die schöne deutsche Sprache von Goethe und Kästner

    Ach ja, früher war einfach mehr Lametta. Bullshit. Die schöne deutsche Sprache von Goethe ist im Original heute für die meisten kaum noch oder gar nicht mehr zu verstehen.

    Beispiel gefällig? Hier ein Zitat aus einem Brief von Goethe aus dem Jahr 1824

    Schon im Laufe des ganzen Jahres soviel Gnade, Wohlwollen und Vertrauen, nun aber noch am Ende die fürstväterliche Vorsorge für meinen Familienkreis danckbar anzuerkennen, möchte einem fühlendem Gemüthe fast unerschwinglich werden.

    Alles klar? Nur tote Sprachen ändern sich nicht.

    Selbst ein Original von Emil und die Detektive von Erich Kästner aus dem Jahr 1929 dürfte von heutigen Kindern nicht ohne Übersetzungshilfe verstanden werden, …“

    Ihre Bemerkungen zeugen von Unwissen. Sie behaupten, dass die Mehrheit Goethe oder Kästner weder lesen noch verstehen können. Damit unterstellen Sie der Mehrheit, dass sie dumm seien, unfähig Literatur zu lesen und zu verstehen. Das ist einfältig. Viele Menschen – auch junge – lesen Goethe. Viele Kinder lieben Kästners‘ Bücher – auch heutzutage. Sie benötigen keine Textübersetzung.

    MfG, Thurid

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  9. Hallo,

    generell finde ich es gut, wenn alle in die Sprache und deren Bedeutung einbezogen werden.
    Aber wie Sie schon schreiben, sollte es sich in der Gesellschaft entwickeln.

    Daher ist es doch eigentlich nicht zielführend, wenn z.B. an einer Hochschule Dozierende bei Prüfungen das Gendern als Notenbestandteil heranziehen. Selbst wenn es im Vorfeld angekündigt wurde.

    Für mich stellt sich dabei auch folgende Frage: Welche Variante des Gendern bevorzugt denn jede*r einzelne Dozierende*r? Oder soll jede erdenkliche Variante gelernt werden? Solange sich keine klare Regelung durchgesetzt hat, sollte das Gendern freiwillig sein – egal ob im Studium oder anderswo.

    Denn es hat sich ja auch bei Studierenden noch nicht jede*r mit dem Thema Gendern beschäftigt – genauso wie im Rest der Gesellschaft.

    Sollte ich irgendwo falsch gegendert haben, dann hat es damit zu tun, dass ich mich erst seit kurzem damit beschäftige.

    Gruß
    Markus

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    • Hallo Markus,
      gendern besagt ja erstmal nichts Anderes, als dass sprachlich darauf geachtet wird, möglichst alle Gender zu inkludieren. Das meiste davon klappt prima ohne Stern oder Sonderzeichen. Und die Gesellschaft ist auf dem Weg. Sprache verändert sich mit ihr.
      Ich weiß zwar, dass der VDS massiv agitiert und mit großem Aufwand und händeringend Studierende sucht, die angeblich schlechter benotet wurden, weil sie sich weigerten zu gendern, aber ich habe keine valide Information darüber, ob bzw. wie oft das wirklich vorkommt. Offensichtlich findet der VDS nicht so richtig viele Fälle. Um das vernünftig beurteilen zu können, müssten umgekehrt auch die Studierenden gezählt werden, die gezwungen werden, das generische Maskulinum zu verwenden oder schlechter benotet werden, weil sie gendern.
      Daran hat der VDS kein Interesse. Möglicherweise käme heraus, dass es mehr Fälle gibt, die zum generischen Maskulinum zwingen als andersherum.
      Ich gebe dir völlig recht: Zwang ist hier nicht angebracht. Sprache gehört uns allen und Sprache lässt sich weder erzwingen noch verbieten. Es lohnt sich, über Sprache nachzudenken und darüber, wie wir sie so verwenden, dass wir verstanden werden, ohne andere auszuschließen oder zu verletzen.

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  10. Soll es in Zukunft heißen:

    Väter:innen unser im Himmel,
    geheiligt werde euer Name.
    Euer Reich komme.
    Euer Wille geschehe,
    wie im Himmel so auf Erden.
    Unser tägliches Brot gebt uns heute.
    Und vergebt uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unsern Schuldiger:innen.
    Und führet uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöst uns von dem Bösen.
    Denn Euer ist das Reich und die Kraft
    und die Herrlichkeit:innen ? in Ewigkeit.
    Amen.
    Eines der 10 Gebote lautet dann so:
    Du sollst keine anderen Gött:innen neben uns haben

    Vielen Dank liebe Gäst:innen und andere

    Ich bitte inständig meine Provokation nicht falsch zu verstehen…

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    • Wie soll ich Ihre Provokation richtig verstehen? Sie gendern ja absichtlich falsch.
      Genderrelevanz haben nur Begriffe, die eine Gendermarkierung enthalten, die nicht dem Gemeinten entspricht. Ein Vater ist ein Vater. Eine Mutter ist eine Mutter. Keine generische Verwendung, also auch kein Genderbedarf. Für diverse Menschen fehlt bisher ein Wort.
      Kreative Weiterentwicklung von Sprache passiert aber nicht durch Polemik, sondern durch Verstehen und Weiterdenken.
      Für meinen Teil können Sie Gäste sagen, ich verstehe das als genderübergreifend. Wenn jemand lieber Gäst*innen sagt, auch fein. Wenn es im Grimm’schen Wörterbuch stand, gab es das ja offenbar schon mal. So what?
      Als Markierung für eine genderübergreifende Bedeutung bevorzuge ich den Stern, weil er eindeutig ist und von KI auch richtig gelesen wird. Der Doppelpunkt baut zu viele Barrieren auf und wirkt auf KI mit frauenfeindlicher Tendenz.
      Ich lade Sie ein, besuchen Sie mein Online-live-Training und verstehen Sie den Sinn. Sie werden sehen, es geht einfach, sprachlich schön, präzise und der DNA der deutschen Sprache entsprechend.

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  11. Liebe Sigi, das ist ein sehr sehr guter Beitrag, danke dafür.
    Den würde ich am liebsten in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, an die Wände pflastern. Denn dort ist MANN noch lange nicht so weit. Gerade eben erst wurde eine Publikation, an der ich mitgearbeitet habe und wo auf Autorinnen- und Autorenwunsch mit Gendersternchen geschrieben wurde, wieder gestoppt – jetzt muss alles rückgeändert werden, weil Gendersternchen angeblich „eine politisch unerwünschte Aussage“ sind.
    Da sind noch viele dicke Bretter zu bohren …

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    • Vielen Dank. Ja, wir sind hier mitten in einer gesellschaftlichen Debatte. In den meisten Unternehmen dürfte es sowohl Leute geben, die mit den Hufen scharren, wann sie nun endlich den Genderstern oder Genderdoppelpunkt verwenden dürfen. Und gleichzeitig gibt es Leute, die sagen: Geh mir weg mit diesem Genderzeugs. Aber ich bin guter Dinge. In den letzten beiden Jahren ist hier viel in Bewegung geraten. Der Deutschlandfunk und andere öffentlich-rechtliche Sender erlauben mittlerweile den Autor*innen, das so zu machen, wie sie es für richtig halten. Das finde ich eine gute Vorgehensweise.

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