Suche
Suche Menü

Richtig gendern: 14 Argumente rund um gendergerechte Sprache

Menschengruppe im Gespräch - Debatte gendern

Das Thema „richtig gendern“  hat es verdient, dass wir darüber debattieren. Denn Sprache ist unser zentrales Werkzeug, um unser Erleben von Welt auszudrücken. Und Sprache wirkt auf unser Denken und Handeln und erzeugt damit Wirklichkeit.

Leider ist die Debatte um gendergerechte Sprache oft vergiftet von unsachlichen, polemischen Beiträgen, von der Nicht-Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse, von falschen Faktenbehauptungen und subjektiven Empfindungen. In diesem Blogbeitrag findest du häufige Argumente und  jeweils eine Einordung.

Gendern Argumente | Debatte | Gendergerechte Sprache Debatte, Demokratie und Medien, Diversity und Kommunikation, Sprache und Sprachwandel

Gendern stört den Redefluss

Es gibt sehr viele Gendertechniken, die bei Verwendung nicht einmal als gendern erkannt werden, etwa wenn ich vom Team spreche statt von Mitarbeitern, Mitarbeitenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder von Mitarbeiter*innen.

Was an den letzten vier Möglichkeiten stört, lässt sich nur subjektiv bewerten. Einzig die Doppelnennung hat einen sachlich-faktischen Nachteil: Sie benötigt mehr Redezeit, mehr Text, mehr Sauerstoff beim Sprechen. Die anderen drei Alternativen haben mehr mit Gewohnheit zu tun und mit persönlichem Sprachempfinden. Was für die eine Person normal klingt, findet ein anderer Mensch ungewöhnlich oder störend. Und dieses Sprachgefühl verändert sich auch über die Zeit.

In dem Argument: Das sieht doch nicht schön aus!, ist die Subjektivität der Bewertung besonders deutlich. Wer definiert Schönheit?

Gendern lenkt von der Sache ab

Dieses Argument erschließt sich mir nicht wirklich. Aus meiner Erfahrung realisieren viele bei gut gegenderten Texten gar nicht, dass sie gegendert sind. Neuere Forschungen, die in Experimenten herauszufinden versuchen, ob an solchen Argumenten was dran ist, können keine Probleme feststellen.

Es mag ablenkend wirken, wenn ein Text schlecht gegendert ist, weil jemand zum Beispiel unzählige Doppelnennungen in einen Satz einbaut oder selbigen mit inflationärem Gebrauch von Gendersternchen zum Sternenhimmel macht. Beides ist nicht wünschenswert und einfach schlechter Stil. So wie es schlechter Stil ist, wenn jemand alle Sätze eines Textes im gleichen Satzbau formuliert, also immer Subjekt – Prädikat – Objekt. Auch das will niemand lesen. Zum Glück bietet die deutsche Sprache viele Möglichkeiten, es besser zu machen.

Die Gendergap zu sprechen ist total kompliziert

Ungewohnt ja, kompliziert nein.

Ungewohnt ist es, die kleine Pause zum Beispiel bei Schüler – innen zu sprechen, jedenfalls für viele. Und selbst, wenn wir uns bemühen, fallen wir leicht in alte Sprachgewohnheiten und vergessen die kleine Pause. Also ja, es braucht Zeit, sich umzugewöhnen und es nicht schlimm, wenn es nicht immer klappt. Der Wille zählt und die Übung macht den oder die Meister*in.

Schwer zu sprechen ist sie nicht. Das kennen und können wir alle: Immer wenn zum Beispiel in einem Wort Silben durch Vokale getrennt werden, sprechen wir den sogenannten Glottisschlag, die kleine Pause. Zum Beispiel bei beachten, mäandern, beeilen, jahrhundertealt, geändert.

Es ist also eine Frage der Gewohnheit.

Und wer die Gendergap nicht mag, kein Problem. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, auch ohne den Genderstern oder die Gendergap inklusiv zu formulieren.

Das generische Maskulinum meint alle

Nun ja: generisch heißt verallgemeinernd. Das gilt für das generische Maskulinum wie für das generische Femininum und ist als Technik in beiden Fällen erlaubt. Das Problem dabei: Es bleibt unklar, ob hier Genus=Sexus gemeint ist, wie es die Sprache eigentlich vorsieht, oder ob das Genus generisch, also verallgemeinernd für alle eingesetzt wird.

In jeden Fall erfordert es mehr Hirnleistung, sich darüber Gedanken zu machen. Die Forschung zeigt: Im Automatismus der schnellen Kommunikation bestimmt in der Wahrnehmung im Deutschen das grammatikalische das soziale/biologische Geschlecht. Das trifft sogar dann zu, wenn es sich um Kosmetiker oder Erzieher handelt, also Berufe, die zu einem sehr hohen Prozentsatz von Frauen ausgeübt werden, wie Studien zeigen (Gygax et al 2008).

Um noch einmal kurz auf die Frage der Ablenkung zu reagieren: Mich lenkt das generische Maskulinum vom Inhalt ab, weil ich stolpere und mich frage: Meinen die jetzt nur Männer? Oder nicht? Warum sagen sie nicht, was sie meinen? Und je häufiger gendergerechte Formen verwendet werden, umso missverständlicher wird das generische Maskulinum.

Die Tatsache, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer sich heftig gegen einen Gesetzesentwurf im generischen Femininum gewehrt hat und das generische Femininum gar für verfassungswidrig hält, nicht aber das generische Maskulinum, zeigt a), dass er wenig über deutsche Sprachregeln weiß. Das ist ok, denn er ist ja Innenminister nicht Deutschlehrer. Und es zeigt b), dass die von Gendergegnern behauptete Unabhängigkeit von Genus und Sexus in der deutschen Sprache schlicht eine Falschbehauptung ist.

Da ist ein Unterschied zwischen grammatischem und sozialen Geschlecht

Das stimmt. Das Genus beschreibt das grammatikalische Geschlecht, der Sexus das biologische Geschlecht und Gender das soziale Geschlecht. Die Unterscheidung der letzten beiden ist einen eigenen Blogbeitrag wert, der demnächst folgt (Trag dich in den Newsletter ein, dann kommt er automatisch in deine Mailbox).

Bleiben wir also beim Unterschied von Genus und Sexus in der deutschen Sprache oder vielmehr ihrem Zusammenhang.

Prof. Ursula Doleschal von der Universität in Klagenfurt hat sich die Grammatiken von der Renaissance bis zur Jahrtausendwende vorgenommen und nach den Beziehungen zwischen Genus und Sexus untersucht.

Und ja, es gibt eine positive Beziehung zwischen Genus und Sexus bei Titeln, Funktionen und Berufsbezeichnungen. Das war früher nur nicht weiter auffällig, weil die Rollen klar verteilt waren. Es gab Könige und Königinnen mit ihren Prinzen und Prinzessinnen, Zofen und Dienern. Die Bäuerinnen und Bauern hatten Mägde und Knechte, die bei der Arbeit halfen. Der Vater, die Mutter, der Onkel, die Tante … überall herrscht Einklang zwischen Genus und Sexus.

Weibliche Ritter gab es nicht, weil der Beruf/Status des Ritters nur von Männern ausgeübt werden durfte. Eine männliche Amme ist aus biologischen Gründen nicht vorgesehen.

Ein Problem entstand, als Frauen zunehmend mehr Rechte bekamen, und Berufe nicht mehr eindeutig Geschlechtern zuzuordnen waren, weil der Chef eine Frau sein konnte und die Sekretärin ein Mann, es weibliche Ärzte gab und männliche Krankenschwestern. Erst in den 80er Jahren kam der Begriff „generisches Maskulinum“ in die deutsche Sprache, geprägt vom Linguisten Peter Eisenberg im Kampf gegen die Bemühungen um mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache von Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch.

Es gibt wichtigere Probleme als gendern

Das kann ich nachvollziehen. Nur: Was bedeutet das in der Konsequenz? Kann sich jemand, der sich um gendersensible Sprache bemüht, nicht mehr um andere Dinge kümmern? Wohl kaum. Das wäre absurd.

Es ist also keine Entweder-oder-Frage sondern ein Sowohl-als-auch. Eine Person, die in ihren Formulierungen gendert, kann also parallel alles andere genauso erledigen wie immer. Vielleicht sogar ein bisschen besser, weil die Kommunikation reflektierter und wertschätzender wird.

Gendern ist linguistisch betrachtet Quatsch

Das ist kein sachliches Argument sondern eine polemische Meinungsäußerung. Als Meinungsäußerung akzeptiere ich eine solche Aussage, als Faktenbehautung ist sie falsch.

Die Linguistik folgt dem Sprachgebrauch, nicht umgekehrt. Es ist also nicht so, dass Linguist*innen sich zusammentun, sich eine Sprache und Regeln ausdenken, an die sich alle halten müssen. Vielmehr ist es umgekehrt: Sie erforschen die Regelhaftigkeiten angewandter Sprache. Es ist sozusagen Kern dieser Wissenschaft, dass sich der Forschungsgegenstand verändert. Denn Sprache verändert sich mit den Gesellschaften und ihren Wertvorstellungen.

Dazu kommt: Gerade im Deutschen ist es eine jahrhundertealte Tradition, dass die Institutionen, die über die deutsche Sprache wachen, keine normativen Befugnisse haben sondern deskriptiv arbeiten. Vereinfacht gesprochen: Wenn genügend Leute eine Sache lange und oft genug falsch sprechen und schreiben, wird sie irgendwann richtig. Aktuell beispielsweise zu beobachten an der Genitivregel zu wegen. Eigentlich müsste es wegen des Brauchtums heißen. Lange war dies die einzig richtige Anwendung. Inzwischen wird wegen aber so oft mit dem Dativ gebildet, dass zumindest umgangssprachlich wegen mit Dativ erlaubt ist.

Es gibt zahlreiche Linguist*innen, die das Thema Gendergerechtigkeit in der Sprache für wichtig erachten. Insofern darf jemand die persönliche Meinung haben, es für Quatsch zu halten. Nur ist das kein Faktum, sondern eine Meinung.

Texte mit Sternchen lese ich nicht, das ist mir zu kompliziert

Das ist kein Argument, sondern eine Verweigerung. Genauso könnte jemand sagen: Texte im generischen Maskulinum lese ich nicht, das ist mir zu diskriminierend. – Finde ich beides nicht hilfreich.

Kompliziert ist der Genderstern für durchschnittlich begabte Menschen nicht. Ein Asterisk zwischen zwei Buchstaben markiert, dass dieser Begriff alle Gender einbezieht. Es zeigt sozusagen die generische Verwendung eines Wortes an und macht Sprache so präziser.

Diese Markierung fehlt generischen Formen und das macht sie mehrdeutig und missverständlich.

Der Genderdoppelpunkt ist barrierefreier als der Genderstern

Dieses Argument ist oft zu hören. Es hat eine ehrenwerte Absicht, aber es ist nicht ganz stimmig. Richtig ist, dass Screenreader beim Doppelpunkt eine Pause lesen und beim Stern lesen sie in der Standardeinstellung Stern. Richtig ist aber auch, dass sich Screenreader konfigurieren lassen, damit sie den Stern ebenfalls als Pause lesen. In diesem Beitrag erklärt eine blinde Netzwerkkollegin, wie das geht.

Hintergrund: Der Doppelpunkt ist als Satzzeichen in der Standardschrift und so liest es der Screenreader vor, allerdings eben eine Satzzeichenpause und die ist deutlich länger als der Glottislaut, wie du ihn zum Beispiel aus Spiegel-ei kennst. Aus meiner Sicht ist das vor allen Dingen eine Aufgabe für die Programmierer*innen von Screenreader-Software und deren Usability für die Menschen, die damit arbeiten. Im Grunde müssten sie der Software beibringen, dass ein Stern, der ohne Leerzeichen zwischen anderen Buchstaben steht, als Leerzeichenpause zu lesen ist.

Im Gegenzug hat der Genderstern nämlich mehr Vorteile als der Doppelpunkt:

Für Sehende ist der Doppelpunkt eine Stolperfalle. Weil das Zeichen bereits als Satzzeichen vergeben ist, erfüllt der Doppelpunkt im Text zwei Rollen und das Auge muss entscheiden, welche gemeint ist. Das stört beim Lesen, im Übrigen ist der Doppelpunkt auch in der Brailleschrift mehrdeutig. Außerdem wird er auch leicht überlesen, was die Wirkung des Zeichens reduziert. Und KI tendiert dazu, den Doppelpunkt als Wortende zu interpretieren, was dazu führt, dass sie das Maskulinum liest und KI damit frauenfeindlicher macht.

Letztlich sind wir auf dem Weg und im Moment werden mehrere Formen parallel ausprobiert. Das finde ich ok und wir werden sehen, was sich mittelfristig durchsetzt.

Barrierefrei im Kontext leichter Sprache für Menschen mit geistiger Behinderung sind weder der Genderstern noch der Doppelpunkt noch das generische Maskulinum. Denn alle drei erfordern zu viel kognitive Transferleistung. Hier bleiben nur die Doppelnennung und neutrale Begriffe.

(dieser Punkt wurde am 20. März 2021 aktualisiert)

Durch Gendern wird keine Gleichberechtigung hergestellt

Stimmt. Das wäre auch krass, wenn Sprache allein so mächtig wäre, dass sie den Gehaltszettel ganzer Gruppen korrigiert oder dafür sorgt, dass sich Männer und Frauen zu gleichen Anteilen um die Haushalts- und Pflege-Aufgaben kümmern. Dazu gehört mehr, als nur gendersensibel zu formulieren.

Es stimmt aber auch, dass Sprache Frames – also Vorstellungen und Assoziationen – erzeugt und so auf das Denken und Handeln wirkt.

Wie oben bereits erwähnt, ist die Forschung hier klar: Wenn von Piloten, Polizisten, Chefs, Schriftstellern, Schauspielern, Krankenpflegern und Putzmännern die Rede ist … stellen wir uns signifikant mehr Männer vor.

Beispiele

  • Zwei Ärzte stehen an der Bar. Sagt der eine: Ich bin schwanger.
  • Der Prinz reitet durch die Nacht, kämpft sich durch Rosensträucher und küsst den Prinzen wach.

Ach nein, halt: Beim Prinzen gibt es gar keine generische Verwendung. Da muss die Prinzessin als solche genannt werden. Bei Geschichten, die wir Kindern erzählen, wäre es aus meiner Sicht nötig, dass auch Prinzessinnen durch die Nacht reiten und Prinzen retten. – Hätte mir als Kind gut getan. Ich fand Prinzessinnen langweilig. Die Prinzen haben viel Spannenderes erlebt.

Beim Schreiben und Sprechen auf gendersensible Formulierungen zu achten, ist eine Stellschraube von vielen. Ich betrachte den Genderstern gerade aufgrund seiner Auffälligkeit als gutes Element, um das Bewusstsein für unbewusst transportierte Geschlechterstereotypen zu erkennen und zu hinterfragen.

Ich fand Prinzessinnen langweilig. Die Prinzen haben viel Spannenderes erlebt. Klick um zu Tweeten

Gendern wird von Ideologen erzwungen

Dieses Argument  höre ich zumeist von Leuten, die gendergerechte Sprache am liebsten verbieten wollen. Da denke ich mir: Wer ist hier eigentlich ideologisch motiviert?

Ich zwinge niemanden, gendersensibel zu formulieren und erwarte umgekehrt, dass dies Leuten, die das wollen, auch nicht verwehrt wird. Lassen wir doch dem Sprachwandel in der Gesellschaft seinen Lauf. Gendersensible Sprache lässt sich weder erzwingen noch verbieten. Es wird sich das durchsetzen, was viele Menschen als angemessen und praktikabel erachten. So war das in der Sprache schon immer.

Und genauso ist es sprachhistorischer Standard, dass die Sprache ein Ausdruck von Gesellschaft und ihren Moralvorstellungen ist. Ändern sich die Werte, ändert sich die Sprache. Normal.

Ich mag diese Aussage von Phillip Bahrt:

Mein Hauptargument gegenüber Leuten, die verbissen auf ihrer Meinung beharren und diese als allgemeingültig betrachten, ist dann meistens, dass auch ich den „missionarischen“ Charakter solcher Debatten nicht mag – und wer für sich in Anspruch nimmt, nicht bevormundet werden zu wollen, doch bitteschön andere Menschen selbst entscheiden lassen sollte, welche Sprache sie gerne nutzen.

Dieses Gendergaga ist ein rein deutsches Phänomen

Diese Behauptung ist schlicht falsch. Vielmehr wird die Debatte um gendergerechte Sprache in vielen Gesellschaften und Sprachen geführt. Das Thema wird vor allem in freien, offenen, demokratischen Gesellschaften diskutiert, in denen es relevante Fortschritte im Kampf gegen Frauendiskriminierung gibt. Und natürlich auch in dem Maße, in dem Transpersonen und intersexuelle Menschen sich öffentlich zeigen und sprechen dürfen.

Das betrifft Englisch ebenso wie Deutsch, Französisch, Spanisch und die skandinavischen Sprachen. Zum Thema gendern in anderen Sprachen habe ich einen eigenen Blogbeitrag geschrieben.

Gendern zerstört die schöne deutsche Sprache von Goethe

Ach ja, früher war einfach mehr Lametta. Bullshit. Die schöne deutsche Sprache von Goethe ist im Original heute für die meisten kaum noch oder gar nicht mehr zu verstehen.

Beispiel gefällig? Hier ein Zitat aus einem Brief von Goethe aus dem Jahr 1824

Schon im Laufe des ganzen Jahres soviel Gnade, Wohlwollen und Vertrauen, nun aber noch am Ende die fürstväterliche Vorsorge für meinen Familienkreis danckbar anzuerkennen, möchte einem fühlendem Gemüthe fast unerschwinglich werden.

Alles klar? Nur tote Sprachen ändern sich nicht.

Selbst ein Original von Emil und die Detektive von Erich Kästner aus dem Jahr 1929 dürfte von heutigen Kindern nicht ohne Übersetzungshilfe verstanden werden, ganz abgesehen davon, dass wir damals in Sütterlin schrieben.

Gendern kann man auch übertreiben

Ja, das finde ich auch. Man kann alles übertreiben.

Der Mensch ist ebenso genderneutral wie die Person, das Mitglied oder das Kind. Hier gibt es also keinen Genderbedarf.

Auch bei Gegenständen muss man nicht heiliger sein als der Papst. Ein Messer ist ein Gegenstand, egal ob Küchenmesser oder Fleischermesser. Andererseits kann ich auch Fleischmesser sagen und das Gender ist weg.

Es gibt nicht die eine Lösung oder die eine Wahrheit. Wir befinden uns mitten in einer dynamischen Phase des Sprachwandels und werden sehen, wie sich das Deutsche entwickelt.
Hier wünsche ich mir einfach mehr Sachlichkeit, mehr Entspanntheit, mehr Kreativität.

Wer verstanden hat, worum es beim Thema gendergerechte Sprache geht und ein Grundverständnis für die deutsche Sprache und ihre Möglichkeiten mitbringt, der soll probieren, spielen, kreativ sein. Das Deutsche ist zum Spielen gemacht. Es ist eine Legosprache, in er sich leicht neue Wörter, Her- und Ableitungen bilden sowie die Wortarten verändern lassen.

Lass uns debattieren und die besten Lösungen finden

Debatten sind wichtig und richtig. Sachlich ausgetragen helfen sie, eine Frage in allen Details auszuleuchten und sind ein Quell für das Verhandeln bester Lösungen. Ein Geschenk unserer Demokratie.

In Bezug auf gendergerechte Sprache gibt es noch viele Fragen, für die es noch keine zufriedenstellenden Antworten gibt, etwa beim Umgang mit Pronomen im Satz. Lasst uns also in andere Sprachen schauen, unsere Sprache und ihre typischen Merkmale und Muster analysieren, die angebotenen Lösungen debattieren, sie hinterfragen und auf ihre Praktikabilität hin prüfen.

Das Deutsche ist eine so schöne Sprache, lädt zur Kreativität ein und ist dabei enorm präzise. Die Sprache ist viel zu schön, als dass wir keine guten Lösungen finden können.

Literaturtipps

Wer Lust hat, tiefer in das Thema einzusteigen, hier zwei Literaturtipps:

  • Prof Ursula Doleschal, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt: Das generische Maskulinum im Deutschen. Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne, Januar 2002
  • Prof. Gabriele Diewald und Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache, Duden 2020

Quelle Goethe-Zitat: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1824

Richtig gendern im Businessalltag – Online-live-Training

Richtig gendern im Businessalltag - Online-Seminar

Sie möchten sich nicht durch Literatur quälen, sondern kompakt, lebendig und praxisnah in einem Workshop lernen, wie Sie schön und gendersensibel formulieren können. Dann sind Sie bei meinem Online-live-Training genau richtig. In 2 Modulen zu je 3 Stunden zeige ich Ihnen Techniken, Tipps und Tricks und gehe auch auf Fragen zu Barrierefreiheit und SEO ein. Sie können sich via E-Mail anmelden.

Termine für den Basiskurs und die Masterclass finden Sie – wenn Sie am Desktop sitzen – in der rechten Spalte oder – egal ob am Handy oder Desktop auf der Seite Seminartermine.

In der Masterclass werden die Grundlagen aus dem Basiskurs vorausgesetzt. Bitte schreiben Sie in die E-Mail, für welchen Kurs zu welchem Termin Sie sich anmelden wollen.

Preis: Pro Modul 160 Euro zzgl. MwSt., brutto 190,40 Euro – oder im Doppelpack 294 Euro zzgl. MwSt., brutto 349,86 Euro.

Anmeldung Seminar Richtig gendern im Businessalltag

 

Sprechen Sie mich auch gerne an, wenn Sie eine Inhouse-Schulung möchten oder Beratung, wie Sie bei allen verschiedenen Meinungen in Ihrem Haus und unter Ihren Stakeholdern eine praktikable Strategie für mehr Inklusivität und Diversity in der Sprache umsetzen können.

Gendersensible Sprache in der Unternehmenskommunikation.

Alle Infos zur Anmeldung.

Bildnachweis: geralt, pixabay

Teile/Teilen Sie diesen Beitrag:

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sigi, das ist ein sehr sehr guter Beitrag, danke dafür.
    Den würde ich am liebsten in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, an die Wände pflastern. Denn dort ist MANN noch lange nicht so weit. Gerade eben erst wurde eine Publikation, an der ich mitgearbeitet habe und wo auf Autorinnen- und Autorenwunsch mit Gendersternchen geschrieben wurde, wieder gestoppt – jetzt muss alles rückgeändert werden, weil Gendersternchen angeblich „eine politisch unerwünschte Aussage“ sind.
    Da sind noch viele dicke Bretter zu bohren …

    Antworten

    • Vielen Dank. Ja, wir sind hier mitten in einer gesellschaftlichen Debatte. In den meisten Unternehmen dürfte es sowohl Leute geben, die mit den Hufen scharren, wann sie nun endlich den Genderstern oder Genderdoppelpunkt verwenden dürfen. Und gleichzeitig gibt es Leute, die sagen: Geh mir weg mit diesem Genderzeugs. Aber ich bin guter Dinge. In den letzten beiden Jahren ist hier viel in Bewegung geraten. Der Deutschlandfunk und andere öffentlich-rechtliche Sender erlauben mittlerweile den Autor*innen, das so zu machen, wie sie es für richtig halten. Das finde ich eine gute Vorgehensweise.

      Antworten

  2. Soll es in Zukunft heißen:

    Väter:innen unser im Himmel,
    geheiligt werde euer Name.
    Euer Reich komme.
    Euer Wille geschehe,
    wie im Himmel so auf Erden.
    Unser tägliches Brot gebt uns heute.
    Und vergebt uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unsern Schuldiger:innen.
    Und führet uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöst uns von dem Bösen.
    Denn Euer ist das Reich und die Kraft
    und die Herrlichkeit:innen ? in Ewigkeit.
    Amen.
    Eines der 10 Gebote lautet dann so:
    Du sollst keine anderen Gött:innen neben uns haben

    Vielen Dank liebe Gäst:innen und andere

    Ich bitte inständig meine Provokation nicht falsch zu verstehen…

    Antworten

    • Wie soll ich Ihre Provokation richtig verstehen? Sie gendern ja absichtlich falsch.
      Genderrelevanz haben nur Begriffe, die eine Gendermarkierung enthalten, die nicht dem Gemeinten entspricht. Ein Vater ist ein Vater. Eine Mutter ist eine Mutter. Keine generische Verwendung, also auch kein Genderbedarf. Für diverse Menschen fehlt bisher ein Wort.
      Kreative Weiterentwicklung von Sprache passiert aber nicht durch Polemik, sondern durch Verstehen und Weiterdenken.
      Für meinen Teil können Sie Gäste sagen, ich verstehe das als genderübergreifend. Wenn jemand lieber Gäst*innen sagt, auch fein. Wenn es im Grimm’schen Wörterbuch stand, gab es das ja offenbar schon mal. So what?
      Als Markierung für eine genderübergreifende Bedeutung bevorzuge ich den Stern, weil er eindeutig ist und von KI auch richtig gelesen wird. Der Doppelpunkt baut zu viele Barrieren auf und wirkt auf KI mit frauenfeindlicher Tendenz.
      Ich lade Sie ein, besuchen Sie mein Online-live-Training und verstehen Sie den Sinn. Sie werden sehen, es geht einfach, sprachlich schön, präzise und der DNA der deutschen Sprache entsprechend.

      Antworten

  3. Hallo,

    generell finde ich es gut, wenn alle in die Sprache und deren Bedeutung einbezogen werden.
    Aber wie Sie schon schreiben, sollte es sich in der Gesellschaft entwickeln.

    Daher ist es doch eigentlich nicht zielführend, wenn z.B. an einer Hochschule Dozierende bei Prüfungen das Gendern als Notenbestandteil heranziehen. Selbst wenn es im Vorfeld angekündigt wurde.

    Für mich stellt sich dabei auch folgende Frage: Welche Variante des Gendern bevorzugt denn jede*r einzelne Dozierende*r? Oder soll jede erdenkliche Variante gelernt werden? Solange sich keine klare Regelung durchgesetzt hat, sollte das Gendern freiwillig sein – egal ob im Studium oder anderswo.

    Denn es hat sich ja auch bei Studierenden noch nicht jede*r mit dem Thema Gendern beschäftigt – genauso wie im Rest der Gesellschaft.

    Sollte ich irgendwo falsch gegendert haben, dann hat es damit zu tun, dass ich mich erst seit kurzem damit beschäftige.

    Gruß
    Markus

    Antworten

    • Hallo Markus,
      gendern besagt ja erstmal nichts Anderes, als dass sprachlich darauf geachtet wird, möglichst alle Gender zu inkludieren. Das meiste davon klappt prima ohne Stern oder Sonderzeichen. Und die Gesellschaft ist auf dem Weg. Sprache verändert sich mit ihr.
      Ich weiß zwar, dass der VDS massiv agitiert und mit großem Aufwand und händeringend Studierende sucht, die angeblich schlechter benotet wurden, weil sie sich weigerten zu gendern, aber ich habe keine valide Information darüber, ob bzw. wie oft das wirklich vorkommt. Offensichtlich findet der VDS nicht so richtig viele Fälle. Um das vernünftig beurteilen zu können, müssten umgekehrt auch die Studierenden gezählt werden, die gezwungen werden, das generische Maskulinum zu verwenden oder schlechter benotet werden, weil sie gendern.
      Daran hat der VDS kein Interesse. Möglicherweise käme heraus, dass es mehr Fälle gibt, die zum generischen Maskulinum zwingen als andersherum.
      Ich gebe dir völlig recht: Zwang ist hier nicht angebracht. Sprache gehört uns allen und Sprache lässt sich weder erzwingen noch verbieten. Es lohnt sich, über Sprache nachzudenken und darüber, wie wir sie so verwenden, dass wir verstanden werden, ohne andere auszuschließen oder zu verletzen.

      Antworten

  4. Sehr geehrte Frau Lieb

    Das generische Maskulinum ist “ein maskulines Nomen oder Pronomen, das sich auf eine Personengruppe mit unbekanntem Geschlecht bezieht. Hierbei ist das Geschlecht der Personen nicht relevant.“ Es sind männliche, weibliche und transsexuelle Personen gemeint.

    Ihr Arrangement in Ehren und es ist schön, dass Sie sich mit Sprache und ihrer Bedeutung befassen. Doch Sprachwissenschaft kann eine Antwort auf ihre aufgeworfenen Frage geben, ob das generische Maskulinum tatsächlich stärker Männer als Frauen repräsentiert, wie von Ihnen als Kritikerin, anderen Kritikerinnen und Kritikern gern behauptet wird.

    Unterziehen wir das generische Maskulinum einem in diesem Zusammenhang oft bemühten Assoziiationstest. Besondere Kenntnisse sind nicht erforderlich.

    Beispiel für die Verwendung des generischen Maskulinum:
    Die Lehrer streiken.

    Wen assoziieren die Adressaten mit dem Wort „Lehrer“?
    Die Mehrheit assoziiert Frauen und Männer, große und kleine, dicke und dünne. Denn das generische Maskulinum ist eine in der Sprache tief verankerte, elegante und leistungsstarke Möglichkeit zur Vermeidung von Diskriminierung. Trotzdem wird es Menschen geben, die in der Aussage ausschließlich männliche Lehrer erkennen wollen bzw. in die Aussage hineininterpretieren möchten. Es ist ihnen unbenommen, Einspruch einzulegen.

    Gegenbeispiel generisches Femininum:
    Die Lehrerinnen streiken.

    Werden mit dieser Aussage Frauen und Männer assoziiert? Haben wir hier ein genauso starkes generisches Femininum, das sowohl Frauen und Männer meint?
    Nein, natürlich nicht. Hier haben die Adressaten nur weibliche Lehrkräfte vor Augen. Vielleicht fragt man sich noch, warum nur Frauen. Werden sie ungleich entlohnt und streiken deshalb?

    Folglich stellt sich die Frage:
    Können Lehrerinnen auch Männer sein?

    Würde wir nun behaupten, mit Lehrerinnen männliche und weibliche Lehrkräfte seien gemeint, dann würde nahezu jede Person uns einen Vogel zeigen.

    Im ersten Satz, ist die Verwendung des Wortes „Lehrer“ das Normalste der Welt. Für Adressaten ist völlig klar, dass auch Frauen gemeint sind. Im zweiten Satz ist die Aussage eine ganz andere. Hier deutet die Verwendung des Begriffs „Lehrerin“ nicht darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen gemeint sind. Das ist undenkbar.

    Irgendwas stimmt also nicht, oder?

    Es ist nicht richtig, dass wir bei der Verwendung des generischen Maskulinums ausschließlich an Männer denken, vielmehr ist es im Beispiel geschlechtsneutral.

    Es sei zugestanden, dass das generische Maskulinum als sprachliches Phänomen die männliche Dominanz in unserer Gesellschaft verstärke. Gleichzeitig führt die sprachliche Gleichberechtigung durch Nennung beider Geschlechter nicht zu einer gleichrangigen Denkweise oder gar zu sozialer Gleichstellung von Mann und Frau. Letztere muss erkämpft werden. Die Verbannung des generischen Maskulinum aus der Sprache hilft hier eher nicht weiter. Sie können das oben genannte Beispiel auch mit Dirigenten, Richtern, Philharmonikern etc. bilden; eine Gleichstellung der Frau erreichen Sie durch die Verbannung des generischen Maskulinum nicht. Vielmehr sollten wir dafür sorgen, dass es in Zukunft mehr Dirigentinnen, Richterinnen etc. gibt als jetzt. Dann tun wir etwas für die Gleichstellung der Frauen in unserer Gesellschaft. Dann wird sich auch das soziale Geschlecht im Sprachgebrauch verändern und Assoziationstests werden überflüssig.

    Noch ein Wort zur Sprache von Goethe in ihrem Blog

    Ihr Text:
    „Gendern zerstört die schöne deutsche Sprache von Goethe und Kästner

    Ach ja, früher war einfach mehr Lametta. Bullshit. Die schöne deutsche Sprache von Goethe ist im Original heute für die meisten kaum noch oder gar nicht mehr zu verstehen.

    Beispiel gefällig? Hier ein Zitat aus einem Brief von Goethe aus dem Jahr 1824

    Schon im Laufe des ganzen Jahres soviel Gnade, Wohlwollen und Vertrauen, nun aber noch am Ende die fürstväterliche Vorsorge für meinen Familienkreis danckbar anzuerkennen, möchte einem fühlendem Gemüthe fast unerschwinglich werden.

    Alles klar? Nur tote Sprachen ändern sich nicht.

    Selbst ein Original von Emil und die Detektive von Erich Kästner aus dem Jahr 1929 dürfte von heutigen Kindern nicht ohne Übersetzungshilfe verstanden werden, …“

    Ihre Bemerkungen zeugen von Unwissen. Sie behaupten, dass die Mehrheit Goethe oder Kästner weder lesen noch verstehen können. Damit unterstellen Sie der Mehrheit, dass sie dumm seien, unfähig Literatur zu lesen und zu verstehen. Das ist einfältig. Viele Menschen – auch junge – lesen Goethe. Viele Kinder lieben Kästners‘ Bücher – auch heutzutage. Sie benötigen keine Textübersetzung.

    MfG, Thurid

    Antworten

  5. Liebe*r Thurid,
    vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich habe Sie genderneutral angesprochen, weil ich nicht weiß, ob Sie m, w oder d sind und Ihr Gender wertschätze, auch wenn ich es nicht kenne. Ich werde häufig im falschen Geschlecht angesprochen und weiß, wie ätzend sich das anfühlt.
    Ich möchte in dieser Antwort ein bisschen Wissenschaft ergänzen.
    Über die Frage, wo das Generische im generischen Maskulinum steckt, hat Prof. Henning Lobin, Direktor des Leibnitz-Instituts für deutsche Sprache, einen Blogartikel geschrieben, den hier hier verlinken möchte: https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/wo-genau-ist-das-generische-im-generischen-maskulinum/ – das ist eine sprachwissenschaftliche Betrachtung.
    Verlinken möchte ich ebenfalls einen lebenspraktischen Filmbeitrag, in dem eine Journalistin in einer Schulklasse mit Kindern über das Thema spricht. Die Kinder sind hier viel entspannter als so manche Erwachsene. Die Journalistin macht übrigens auch das von Ihnen vorgeschlagene Experiment. Sehen Sie selbst, was die Kinder malen, wenn sie Lehrer und Schüler zeichnen sollen und zählen sie vor allen Dingen die weiblichen Personen bei den Bildern der Jungs.
    https://www.youtube.com/watch?v=YZY3m5GfSxg – Und das entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Selbst bei stereotyp weiblich besetzten Berufen, erzeugen maskuline Berufsbezeichnung tendenziell männliche Bilder. Nicht immer und bei allen, aber eben in signifikanter Häufigkeit.
    Das generische Maskulinum ist schlicht mehrdeutig und missverständlich: Wir brauchen mehr Erzieher. – Dieser Satz ist richtig, hat aber einen anderen Inhalt, je nachdem, ob ich den Begriff spezifisch oder generisch verstehe.
    Ihre Anklage in Bezug auf Originalstexte von vor 100 oder 200 Jahren finde ich schlicht unfair. Ich habe niemandem unterstellt, Goethe oder Kästner nicht lesen zu können. Geschrieben habe ich, dass die Originalsprache aus der Lebenzseit dieser Autoren heute für viele schwer bis nicht verständlich ist. Das gilt auch für mich. Texte zu lesen in einem Sprachgebrauch aus einer anderen Zeit ist anstrengend.
    Sie unterstellen mir Unwissen. Schade, so wird eine sachliche Debatte erschwert. Wie tief und gründlich mein Wissen ist, das mögen die Leser*innen selbst entscheiden. Ich weiß die Forschung und die Wissenschaft auf meiner Seite.

    Antworten

  6. Hallo Frau Lieb,

    vielen Dank für Ihren freundlich, entspannt und undogmatisch formulierten Text zum Thema „Gendern“, ich habe ihn daher gern gelesen! Tatsächlich habe ich für mich persönlich (und das als Frau ;-)) über meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema während der vergangenen Monate den Wert des geschlechtsabstrahierenden generischen Maskulinums erst richtig entdeckt und nutze es mittlerweile sogar häufiger als früher. Auch da ich es als Verlust empfinde würde, wenn das generische Maskulinum aufgrund der ständigen Nutzung z.B. der Paarformen (die neben dem Genderstar etc. immer häufiger zu hören und zu lesen sind) mehr und mehr seine (fast) neutrale Bedeutung verliert und irgendwann tatsächlich nur noch als Bezeichnung für männliche Vertreter wahrgenommen wird.

    Ja, es stimmt, es werden tendenziell spontan etwas mehr männliche Bilder bzw. Stereotype im Kopf aktiviert, wenn im generischen Maskulinum formuliert wird, aber dieser gewisse Nachteil wiegt für mich die vielen Vorteile dieser Form nicht auf, die beispielsweise darin bestehen, kurz und weitestgehend prägnant Informationen zu übermitteln, insbesondere wenn das konkrete Geschlecht von Personen absolut nebensächlich sind. Die Umwege über sogenannte Partizipformen („Die zu Fuß Gehenden“) finde ich persönlich künstlich und sprachlich teilweise sehr schräg, den eigentlich haben wir doch diese (weitestgehend) neutrale Form durch das generische Maskulinum schon.

    Die von Ihnen angesprochenen Assoziationstest sind kritisch zu sehen, da sie die konkrete Kommunikationssituation, die den Interpretationsspielraum automatisch verkleinern, oftmals außer acht lassen. In einer echten Sprechsituation würde wohl zudem kaum jemand sagen “ Zwei Ärzte stehen an der Bar. Sagt der eine: Ich bin schwanger.“ (Zitat eines Ihrer Beispiele). Im Normalfall würde man in einer Echtsituation bei diesem Beispiel von vornherein situationsangemessener formulieren: „Ein Arzt und eine Ärztin stehen an der Bar…“ oder „Zwei Ärztinnen stehen an der Bar…“.

    Assoziations- und Stereotypenexperimente gibt es ja auch außerhalb der gendersprachlichen Thematik. Fordert man z.B. Menschen auf, spontan eine beliebige Farbe zu nennen, wird „rot“ am häufigsten genannt (bei den Musikinstrumenten ist es die Geige :-)). Das bedeutet deswegen ja nicht, dass wir Menschen die anderen Farben nicht ausreichend würdigen oder das das Schifferklavier nicht so viel wert ist wie die Geige.

    Sprache wird nie zu 100% präzise sein (vermutlich ist dass auch gut so), alles immer ganz eindeutig abzubilden – damit wäre das Sprachsystem überfordert. Aus dem konkreten Kommunikationskontext heraus wird dennoch meistens intuitiv verstanden, wie welche Formulierung gemeint ist (wenn auch nicht immer). Und wenn ich betonen möchte, des es mehr Männer im den Kitas braucht, kann ich doch einfach schreiben „Wir brauchen mehr männliche Erzieher.“

    Ich finde das situationsabhängige Nutzen des generischen Maskulinums UND der geschlechtsmarkierenden Formen viel sinnvoller als die beobachtbare Tendenz, ständig und immer – unabhängig vom Kontext – alle Geschlechter mit (zu) nennen (zu müssen).

    Auch markierte Formen können (ebenso wie zuweilen das generische Maskulinum) mehrdeutig und missverständlich sein, das liegt in der Natur der Sprache. Der Satz „In diesem Team arbeiten 4 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ lässt offen, ob es 4 Frauen und 4 Männer sind (also insgesamt 8 Menschen) oder aber insgesamt 4 Leute. Da finde ich den Satz „In diesem Team arbeiten 4 Mitarbeiter“ fast eindeutiger (es sind insgesamt vier Leute, unabhängig vom Geschlecht, welches im Hinblick auf die zu transportierende Satzinfo womöglich auch überhaupt keine Rolle spielt).

    Einig sind wir uns auf jeden Fall, dass etwas mehr Gelassenheit und Toleranz der ganzen Diskussion gut tun würde. 🙂 🙂

    herzliche Grüße,
    Andrea S.

    Antworten

  7. Hallo Andrea,
    vielen dank für diesen ausführlichen und differenzierten Kommentar. Sie haben ja sicher gelesen, dass ich nicht dogmatisch bin, sondern der Überzeugung: Es gibt nicht eine Lösung für alle Fälle, sondern die angemessene Sprache hängt vom Kontext ab. Sprache gehört uns allen und sie entwickelt sich mit der Gesellschaft. Dogmen jeder Art lehne ich ab, weil sie starr sind. Und starr mag ich nicht.
    Sie schreiben: „es werden tendenziell spontan etwas mehr männliche Bilder bzw. Stereotype im Kopf aktiviert, wenn im generischen Maskulinum formuliert wird,“ – tendenziell und spontan klingt ein bisschen verniedlichend. Die Forschung ist hier sehr eindeutig, übrigens auch multisprachlich, weil hier 2 Effekte wirken: einerseits Stereotype, die gibt es in allen Sprachen. Andererseits die Grammatik der jeweiligen Sprache. Für das Deutsche heißt das: Mit der männlichen Bezeichnung z.B. für Erzieher oder Kosmetiker werden sogar Stereotype überschrieben.
    Erst gestern gab es in meinem Seminar zum Thema Richtig gendern genau dieses Beispiel nachgerade in Perfektion. Die TN waren so fokussiert auf einen Mann, dass sie sehr lange nachdenken mussten, um zu erkennen, dass der Begriff hier generisch verwendet worden war. Es ging um einen sehr angesehenen und mächtigen Beruf, der stereotyp eben männlich besetzt ist. Hier wirken männliche Begriffe fatal.
    In einer Übung mit einem Text aus einer Zeitung kam heraus, dass hier überhaupt nicht klar ist, wer hier gemeint ist, auch hier waren maskuline Begriffe verwendet worden und es war nicht nicht herauszufinden, worauf sie sich beziehen.
    Recht haben Sie natürlich: Diese Wirkung wird umso stärker, je mehr Menschen auf generische Verwendungen verzichten.
    Ein weiterer Punkt ist die KI: KI kann nicht unterscheiden und abwägen, ob ein Wort spezifisch oder generisch verwendet wird. Wer also das Internet mit männlichen Begriffen vollschreibt, macht KI frauendiskriminerender.
    Wenn Ihnen das generische Maskulinum gefällt, nutzen Sie es. Wie gesagt: Sprache gehört uns allen und lässt sich weder erzwingen noch verbieten.
    Ich habe es mir weitgehend abgewöhnt, dafür spreche ich inzwischen recht flüssig die Gendergap. Damit ist es kurz und knapp klar: Wenn ich Männer meine, benenne ich Männer. Wenn ich Frauen meine, benenne ich Frauen. Wenn ich Diverse meine oder alle Geschlechter, verwende ich den Genderstern.
    Ich mag aber keine Texte, die wie Sternenhimmel aussehen. Dafür bietet unsere Sprache zahlreiche Möglichkeiten, wie das von Ihnen angesprochene Team zum Beispiel und sehr viel mehr. Das vermittle ich meinen Teilnehmenden in meinen Seminaren.
    Elegant und stilvoll kombiniert, ergeben sich gut verständliche und angenehm lesbare und sprechbare Texte.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.