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Gendern: Wie werden Artikel und Pronomen gegendert?

Wenn wir über Berufe, Funktion oder Rollen sprechen und alle Geschlechter inkludieren wollen, hat sich inzwischen der Genderstern verbreitet. Er wird zwischen Wortstamm und weibliche Endung eingefügt und erzeugt so einen Gattungsbegriff, der anzeigt, dass alle Geschlechter angesprochen sind. Aber was machen wir mit den Artikeln und Pronomen? Darum soll es in diesem Blogbeitrag gehen (mit Update vom 20. April 2026).

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Welchen Artikel verwende ich bei Wörtern mit Genderstern?

Die deutsche Sprache zählt zu den „highly gendered languages“. Das bedeutet: Die Markierung des Geschlechts als männlich oder weiblich ist strukturell tief in die Grammatik geschrieben. Wenn wir zum Beispiel über Berufe oder Rollen sprechen, benennen wir das Geschlecht der Personen direkt mit. Konkret sieht das so aus:

  • Die Ärztin behandelt die Patientin.
  • Die Ärztin behandelt den Patienten.
  • Der Arzt behandelt die Patientin.
  • Der Arzt behandelt den Patienten.

Wenn wir diesen Satz genderneutral schreiben wollen, schreiben wir Ärzt*in und Patient*in und zeigen so, dass es nicht um das Geschlecht geht, sondern um die Situation, den Beruf, die Rolle.

Das Problem: Die Nomen stehen im Singular und fordern einen Artikel. Im Plural ist das unproblematisch, weil es da sowieso nur „die“ gibt. Aber im Singular müssen wir uns entscheiden: der oder die oder der*die oder die*der oder…?

Betrachten wir die Möglichkeiten:

Recherche kostet Zeit

Ich investiere viel Arbeitszeit in meine Blogbeiträge, beachte journalistische Kriterien und stelle viel weiterführende Information zur Verfügung. Das alles stelle ich kostenlos für alle zur Verfügung – ohne bezahlte Werbung auf meiner Seite. Aber natürlich muss auch ich im Supermarkt mit Euros bezahlen. Daher freue ich mich, wenn du meine ehrenamtliche redaktionelle Arbeit unterstützt.

  • „Der*die Ärzt*in behandelt den*die Patient*in“ führt zu einem Sternenhimmel, was die Lesbarkeit stört und tatsächlich Sprachbarrieren baut.
  • „Der oder die Ärzt*in behandelt den oder die Patientin“ ist ziemlich umständlich.

Was ist mit einem Neo-Artikel? Abgeleitet aus den Entwicklungen in anderen Sprachen könnte aus „die“ und „der“ der neue neutrale Artikel „dier“ lauten.

  • „Dier Ärzt*in behandelt dier Patient*in“ funktioniert zwar, ist aber so neu und ungewöhnlich, dass es zumindest derzeit mehr verwirrt als nützt.

Daher plädiere ich für diese einfache und pragmatische Lösung:

  • Die Ärzt*in behandelt die Patient*in.

Durch den Stern im Nomen ist eindeutig klar, dass es hier um den Gattungsbegriff geht, der einen Beruf oder eine Rolle beschreibt, nicht um ein bestimmtes Geschlecht. Und die Lesenden oder Zuhörenden sind nicht so minderbemittelt, dass wir diese Information doppelt und dreifach liefern müssen.

Auf diese Weise schaffst du elegant beides: Du schreibst geschlechtersensibel und du beachtest die Regeln zur Barrierefreiheit. Gendern und Barrierefreiheit sollte immer zusammengedacht werden.

Deklination der Artikel in den vier Fällen

Jetzt fragst du dich vielleicht: Warum die und nicht der oder das? Das ist ganz einfach:

  • „Die“ ist der häufigste Artikel in der deutschen Sprache. Fast die Hälfte aller Nomen im Singular und alle Nomen im Plural werden mit „die“ gebildet.
  • „Die“ passt phonetisch zur Endung, fügt sich also in den Sprachfluss ein.
  • Und „die“ ist einfacher zu deklinieren als „der“ oder „das“.

Lass uns das an einem Beispiel mit Schüler*innen und Klassenzimmern veranschaulichen.

Während der Artikel „the“ im Englischen immer gleich bleibt, verändern sich die Artikel im Deutschen nach Genus, Numerus und Kasus (Fall). Im Genitiv muss im Maskulinum und Neutrum zusätzlich das Nomen angepasst werden. Und während es im Femininum nur zwei Formen gibt, im Neutrum drei, gibt es im Maskulinum vier verschiedene Artikel.

In Anbetracht der Tatsache, dass Deutsch ohnehin nicht zu den leichtesten Sprachen zählt, ist „die“ also das Mittel der Wahl.

Sollten sich irgendwann Neo-Artikel im Sprachgebrauch durchsetzen, empfiehlt es sich, die Deklination am Femininum zu orientieren, weil es dann nur zwei Varianten gibt.

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Falls du dich über die Reihenfolge der Fälle wunderst, weil du sie in der Schule anders gelernt hast. Ich orientiere mich an der Reihenfolge, wie sie für Deutsch als Zielsprache gelehrt werden. Mit dem Nominativ fängt alles an, das ist so etwas wie die Grundform. Akkusativ und Dativ brauchen wir auch in einfachen Sätzen ständig. Der Genitiv dagegen ist für fortgeschrittene Deutsch-Lernende. Er ist deutlich seltener und kommt vor allen Dingen in komplexeren Sätzen vor.

  • Falls du Fremdsprachler*in bist und den Genitiv nicht kannst: Don’t worry about the Genitiv. Viele Muttersprachler*innen können ihn auch nicht richtig.
  • Falls du den Genitiv beherrschst, sei stolz auf dich, denn viele Muttersprachler*innen beherrschen ihn nicht.

Weiter geht es mit den Pronomen.

Und wie werden Pronomen gegendert?

Pro-Nomen stehen im Satz anstelle von Nomen und ersetzen diese. Das ist praktisch, weil wir so die Nomen nicht ständig wiederholen müssen. Darüber hinaus erfüllen sie unterschiedliche Aufgaben. Während Personalpronomen einfach für das Nomen stehen, zeigen Possessivpronomen zusätzlich Besitzverhältnisse an, Relativpronomen leiten Nebensätze ein. Und all diese Pronomen haben eine Gendermarkierung und werden in den vier Fällen dekliniert.

Das macht die Sache kompliziert. Dabei sind die genannten nur ein Teil der Pronomenarten. Es gibt auch noch Interrogativpronomen, Reflexivpronomen und Indefinitpronomen. Die haben allerdings wenig bis keinen Genderbezug.

Bleiben wir also bei den Pronomenarten, in denen immer auch das Genus berücksichtigt werden muss und daher bei Personenbezeichnungen eben auch das Geschlecht.

Pronomenübersicht

Alle werden in den vier Fällen dekliniert. Bei den Possessivpronomen kommt erschwerend hinzu, dass sie sich in beide Richtungen anpassen müssen:

  • Das ist der Hund seines Vaters, seiner Mutter, seines Kindes, seiner Eltern.
  • Das ist der Hund ihres Vaters, ihrer Mutter, ihres Kindes, ihrer Eltern.

Wem gehört der Hund?

  • ihm
  • ihr
  • ihm
  • ihnen

Es geht also nicht nur um Genus und Numerus des Nomens, das durch ein Possessivpronomen ersetzt wird, sondern ebenfalls um Genus und Numerus des Besitzes, der angezeigt wird. Noch ein Beispiel:

  • Sie ist seine Freundin.
  • Sie ist ihre Freundin.
  • Er ist sein Freund.
  • Er ist ihr Freund.

Konstrukte wie „Er*sie ist seine*ihre Freund*in“ sollten vermieden werden. Sie stören tatsächlich den Lesefluss und erzeugen Barrieren. Aber welche praktikablen Lösungen gibt es, um gendergerecht und barrierefrei zu formuliern?

Klar, ganz vorne steht die Vermeidung solcher Konfliktfälle, indem wir anders formulieren. So wird zum Beispiel aus „der*die Chef*in“ die Führungskraft und die Rolle ist ganz ohne Sonderzeichen benannt.

Aber das funktioniert nicht immer. Für Ingenieur*in, Ärzt*in oder Elektriker*in gibt es keine solchen neutralen Begriffe. Und in vielen Firmen arbeiten Menschen, die sich als nicht-binär identifizieren oder den Geschlechtseintrag „divers“ haben eintragen lassen. Ganz unabhängig davon, wie jemand persönlich dazu steht, benötigen wir Lösungen, um über solche Menschen wertschätzend zu sprechen.

Welche Pronomen verwende ich für nicht-binäre Personen?

Im Englischen ist es einfach. Dort hat sich die Verwendung von „they“ und seinen Verwandten (their, them, themself) für neutrale Bedeutungen im Singular oder zur Benennung nicht-binärer Personen längst verbreitet. Erläuterungen dazu gibt es sowohl im Merriam Webster als auch im Online Oxford Dictionary. Wobei der Streit über die identitätspolitschen Konflikte dahinter in der englischsprachigen Welt ebenso geführt wird, wie in der deutschssprachigen. Zurück zur Sprache:

In Bezug auf die Pronomen ist die deutscche Debatte in einer Sackgasse. In der queeren Community und ihren Allies herrscht die Vorstellung vor, dass sich jede Person ihr eigenes Pronomen aussucht. Die Website nibispace.com listet inzwischen mehr als 40 Vorschläge für genderneutrale Personalpronmen auf.

Darunter: en, em, nin, dey, xier, they, sier, xer, zier.

Im mündlichen, direkten Kontakt mit einer nicht-binären Person mag das ja noch funktionieren. Vor allem deshalb, weil im direkten Gespräch selten Pronomen in der dritten Person nötig sind. Und bei ich oder du gibt es keine Gendermarkierung.

Im Sprechen über Dritte im Sprachgefüge aber ist diese Pronomenvielfalt weder hilfreich noch praktikabel. Denn dazu müsste für jedes dieser Prononmenvarianten geklärt und allgemein bekannt sein: Wie werden diese Personalpronomen in den vier Fällen dekliniert? Wie heißen die dazugehörigen Posssesiv-, Relativ- und Demonstrativpronomen? Und wie werden die dekliniert?

Auf diese Fragen wissen auch die meisten nicht-binären Personen keine Antwort. Denn nicht-binär zu sein bedeutet ja nicht, gleichzeitig auch Expert*in für deutsche Grammatik zu sein.

Und was machen wir, wenn wir einen Text schreiben, in dem mehrere nicht-binäre Personen mit unterschiedlichen Pronomen vorkommen? Wenn ens zusammen mit xier nins in ninsens Haus besucht. Dann erzählt nin, dass nin zier vermisst? Das versteht kein Mensch mehr. Eine solche Sprachanwendung ist das Gegenteil von inklusiv. Das wäre sehr exkludierend, eine Geheimsprache für wenige Eingeweihte.

Außerdem brauchen wir eine Anwendung, wenn es ganz allgemein darum geht, alle Geschlechter zu integrieren, ohne eine konkrete Person zu benennen, etwa wenn es um einen Beruf geht und dafür Pronomen nötig sind.

Einfacher Merksatz: Pronomen sind keine zweiten Vornamen.

Deshalb lass uns für eine mögliche Lösung kurz über den Tellerrand in andere Sprachen schauen. Was können wir daraus für das Deutsche lernen?

Was können wir aus anderen Sprachen lernen?

Im Englischen ist es, wie erwähnt, deutlich einfacher. Denn dort gibt es nur einen Artikel und weniger Fälle, also auch weniger Variantenreichtum an Pronomen.

Statt der, die das gibt es nur „the.“ „The pupil“ ändert sich nur im Genitiv in „the pupil’s„. Im Deutschen gibt es alleine im Singular sechs Varianten, davon vier im maskulinen, zwei im femininen Singular.

Artikel Englisch-Deutsch-Vergleich

Daher sind Anleihen aus dem Englischen für das Deutsche nur begrenzt hilfreich. Denn sie passen nicht zur Komplexität der deutschen Grammatik. Besser bei den romanischen Sprachen. Sie gehören ebenfalls zu den „highly gendered languages“ und haben ähnlich komplexe Herausforderungen, wenn es darum geht, genderneutrale Lösungen zu finden.

Im Spanischen oder Französischen gibt es noch keine offiziellen, von den Sprachakademien abgesegnete Lösungen für genderneutrale Pronomen. Dennoch sind diese Sprachen weiter als das Deutsche. Hier bilden sich Neo-Pronomen aus einer Kombination der männlichen und der weiblichen Form:

  • Französisch: il und elle werden zu iel oder yel
  • Spanisch: el und ella werden zu ele oder elle

Wenn wir das auf Deutsch übertragen, könnte es so aussehen (Tabelle):

  • die und der werden zu dier
  • sie und er werden zu sier
  • sein und ihr werden zu sihr beziehungsweise sihre und sihres
Pronomenübersicht mit genderneutraler Alternative

Da diese Formen sich aus dem Sprachsystem ableiten, lassen sie sich auch in den vier Fällen deklinieren. Beim Personalpronomen sieht das dann so aus: Nominativ sier, Akkusativ sier oder sien, Dativ sier, sien oder siem und Genitiv siener (Tabelle).

Personalpronomen mit genderneutraler Alternative

Weil es bei den Possessivpronomen zu unübersichtlich wäre, verzichte ich auf eine tabellarische Darstellung. Aber da funktioniert es genauso. Angelehnt an die Deklination der weiblichen oder männlichen Pronomen ließe sich sihr in alle Richtungen deklinieren und ins Sprachssystem integrieren.

Beim Artikel und Relativpronomen sähe die Deklination zum Beispiel so aus: Nominativ und Akkussativ dier, Dativ und Genitiv diem.

Artikel in 4 Fällen - mit genderneutralem Vorschlag

Natürlich könnten wir die Deklination eines neutralen Artikels und Relativpronomens auch von der männlichen Form ableiten. Aber dann wird es halt komplizierter. Und ich plädiere ja immer für einfache, nachvollziehbare und pragmatische Lösungen.

Solche Neo-Artikel und Neo-Pronomen tauchen bisher nur sehr selten im Sprachgebrauch auf und sind weithin unbekannt.

Mir geht es in dem Beitrag nicht darum, zu sagen, was gut oder richtig ist, sondern darum, zu zeigen, warum die individuelle Pronomenwahl eine Sackgasse ist, welche Anforderungen geschlechtsneutrale Artikel und Pronomen erfüllen müssen und nach vorne zu denken und eine Möglichkeit zu präsentieren. Was sich letztlich entwickeln wird, entscheidet die Sprachgemeinschaft gemeinsam durch ihren Sprachgebrauch.

Wenn es jetzt noch keine neutrale Lösung gibt, was mache ich dann mit den Pronomen?

Seit ich den Artikel im Oktober 2022 geschrieben habe, hat sich das Thema noch weiter politisiert und polarisiert. Ich bin darum bemüht, Sprache zu entpolitisieren. wir gewinnen nichts, wenn wir Menschen durch die Verwendung oder Nicht-Verwendung bestimmter Formulierungen als „rechts“ oder „links“, als „woke“ oder „anti-woke“ framen. Im Gegenteil: Damit beteiligen wir uns nur an Spaltung.

Besser ist es, pragmatisch mit der Sprache umzugehen. Schließlich ist Sprache unser Werkzeug, um einander zu verstehen. Bis sich in der deutschen Sprache akzeptierte Lösungen für neutrale Pronomen durchsetzen, mische ich die Varianten:

  • Ich umgehe umständliche Sätze durch andere Formulierungen.
  • Ich verwende die Beidnennung.
  • Ich nutze den Genderstern, vermeide aber aus Gründen der Lesbarkeit und Barrierefreiheit, Pronomen oder Artikel ebenfalls mit Sternchen zu versehen. Im Artikel zu Barrierefreiheit erkläre ich ausführlich, warum.
  • Und wenn es im Kontext passt, probiere ich die oben genannte Neopronomen aus.

Kommen wir nun zum letzten Abschnitt in diesem Blogbeitrag und aus den dunklen Tiefen grammatikalischer Strukturen wieder in das Licht des alltäglichen Sprachgebrauchs.

Was soll das mit den Pronomen hinter den Namen?

Du hast bestimmt schon gesehen, dass manche Leute hinter ihrem Namen in Klammern Pronomen angeben. Warum tun sie das? Ursprünglich war die Idee dahinter, anderen dabei erkennen zu helfen, ob sie in der Anrede einen Mann oder eine Frau adressieren sollen.

Das ist bei vielen Namen nicht so eindeutig (Alex, Chris, Kai, Luca, Sascha…). An welches Geschlecht denkst du bei Gabriele, Simone oder Andrea? Bist du sicher, dass das stimmt? Im deutsch-kulturellen Kontext sind es Frauennamen, im italienisch-kulturellen Kontext Männernamen. Dazu kommen all die Namen aus anderen Kulturkreisen, bei denen wir überhaupt keine Geschlechtervorstellung mit dem Namen verbinden.

Gleichzeitig wird es als sehr unangenehm empfunden, wenn jemand im falschen Geschlecht angesprochen wird. Als Sigi weiß ich ein Lied davon zu singen, misgendert zu werden. Einmal im Jahr kann so ein Fehler passieren, kein Ding. Drei Mal die Woche als Herr Lieb angesprochen zu werden, ist deutlich zu viel.

Soweit die Sachgrundlage. In den letzten Jahren jedoch wurden Pronomen mehr und mehr politisiert, von identitätspolitischer Seite ritualisiert und weit weg von ihrer grammatikalischen Rolle eingesetzt. Das wiederum regte andere Leute furchtbar auf, so dass die an sich harmlose Kennzeichnung hinter einem Namen 2026 zu empörten Reaktionen führen kann.

Mein Plädoyer: mehr Sprachwissen, mehr Pragmatismus, weniger ideologischen Dogmatismus

Nun besitze ich selbst einen genderneutralen Namen. Ich möchte von meinem Gegenüber korrekt wahlweise neutral oder als Frau angesprochen werden. Da mich diese massive Politisierung und Polarisierung nervt, nutze ich inzwischen oft (w) in Klammern dahinter. Damit ist klar, dass ich kein Mann bin, aber ohne die identitätspolitsch aufgeladene Pronomenrunde.

Ich bedaure, dass die Entwicklung seit der Erstfassung dieses Blogartikels 2022 eher in noch mehr Spaltung und Ideologisierung mündete, statt in Sachdebatten für pragmatische Lösungen. Denn das verzögert einen sinnvollen Sprachwandel, der für Berufe, Funktionen und Rollen neutrale Gattungsbegriffe findet und einheitliche neutrale Pronomen sowohl für übergeordnete geschlechtsneutrale Bezeichnungen, wie für konkrete Pronomen für Menschen mit Geschlechtseintrag „divers“ oder „ohne Eintrag“.

Wichtig zu wissen: Die Angaben (sie/ihr) oder (er/ihm) hinter den Namen sind grammatikalisch nicht stringent. Wenn wir Personal- und Possessivpronomen im Nominativ angeben, müsste es (sie/ihr) und (er/sein) heißen. Aber wie gesagt: Nur weil jemand Deutsch spricht, ist die Person keine Expertin für deutsche Grammatik.

Mein Tipp also zum Abschluss: Bevor du andere adressierst, prüfe nach, ob die Anrede stimmt oder lass zumindest eine Geschlechtszuweisung weg.

Der eigene Bauch ist hier kein guter Ratgeber, denn was er vorschlägt, hängt von privaten subjektiven Erfahrungen und von stereotpyen Bildern ab. Und die haben wir alle. Prüfe also lieber doppelt, statt deiner spontanen Eingebung zu vertrauen.

Pronomen: Drei schnelle Fragen und Antworten

Was bedeuten die Pronomen in Klammern hinter den Namen?

Die Information in Klammern hilft dabei zu wissen, ob wir eine Person als Mann, als Frau oder ohne Geschlechtszuschreibung ansprechen, zum Beispiel in der Brief- oder Mailanrede. Aber sie sollte nicht politisiert werden, empfiehlt Sigi Lieb als erfahrene Expertin für Sprachwandel und inklusive Kommunikation.

Wie werden Artikel und Pronomen gegendert?

Im Deutschen müssen Artikel, Pronomen und weitere Wortarten nach Kasus, Genus und Numerus dekliniert werden. Für Wörter mit Genderstern gibt es jedoch noch keine einheltlichen Regeln. Empfehlung von Sigi Lieb: Aus der Perspektive von Verständlichkeit und Barrierefreiheit ist es sinnvoll, die Personenbezeichnung mit Stern als geschlechtsneutralen Oberbegriff zu betrachten und im Femininum zu deklinieren.

Pronomen polarisieren. Was ist eine praktikable Lösung?

Pronomen als zweite Vornamen zu behandeln, ist eine Sackgasse, die der Rolle der Pronomen in der Grammatik nicht gerecht wird. Pronomen sind Verweise auf Nomen. Für Personen, die sich nicht-binär identifizieren, haben wir bisher keine einheitlichen neutralen Pronomen. Empfehlung: ruhig bleiben, versachlichen, mit pragmatischen Lösungen improvisieren.

Hilfreiche Links

Bilder: Titelbild und alle Grafiken/Tabellen: Sigi Lieb

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3 Kommentare zu „Gendern: Wie werden Artikel und Pronomen gegendert?“

  1. Liebe Sigi,
    das mit dem ganzen gegendere in der Sprache fühlt sich für mir nicht natürlich an. Gesprochen hört man das Sternchen sowieso nicht und bei dem Prozentsatz der Bevölkerung, der ein eigenes Pronomen für sich wünscht, besteht kaum Hoffnung, dass je eins in der Sprache natürlich verankert wird.

    Wir haben „Fräulein“ abgeschafft, um verheiratete und nicht verheiratete Frauen sprachlich auf die gleiche Ebene zu stellen. Warum sollten wir nicht einfach das „-in /-innen“ abschaffen, um den gleichen Effekt zu erzielen. Zur Vereinfachung der Sprache könnte man dann ja den (jetzt noch) weiblichen Artikel verwenden: die Arzt, die Polizist, … Pronomen dann immer „sie“. Wie du schon schriebst, würde man so die Sprache mit dem weiblichen Artikel auch einfacher erlernen können. Den Artikel „der“ und das Pronomen „er“ bzw. die Endung „-in / -innen“ könnte man dann verwenden, wenn man das Geschlecht betonen möchte.

    Ich bin der Meinung, wir brauchen nicht noch mehr Schubladen, in die wir Menschen kategorisieren, sondern weniger. Entsprechend sollte die Sprache einfacher werden, statt komplexer.

    Liebe Grüße

    Antworten
    • Hallo Marcel,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Gendern ist nicht nur der Genderstern. Gendern bedeutet zuvorderst, Männer und Frauen sprachlich gleichzustellen.
      Fräulein gibt es nicht mehr, weil unverheiratete Männer auch keine Männlein waren/sind. DAS nämlich wäre die Gleichbehandlung. Aber die patriarchale Welt sah noch vor wenigen Jahrzehnten eine Frau nur dann als FRAU, wenn sie verheiratet war. Andernfalls war sie Mädchen, Fräulein, spätes Mädchen, alte Jungfer. War sie sexuell aktiv, war sie nicht etwa eine Männerheldin, eine Donna Maria oder eine Casanova (analog zu Frauenheld, Don Juan, Casanova), sondern ein Flittchen, eine Hure oder Nutte.
      Die sprachliche Auslöschung von Frauen ist kein emanzipatorisacher Akt. Ebenso könnten wir das Maskulinum streichen. Wäre für Fremdsprachenlerner*innen einfacher. Das Femininum ist das häufigste Genus und einfacher zu deklinieren.
      Wenn dir der Genderstern nicht gefällt, benutze ihn nicht. Es gibt viele andere Möglichkeiten, Frauen in der Sprache wertzuschätzen und den Männern gleich zu behandeln.
      Ich betrachte den Genderstern als praktisches Zeichen, um fehlelnde Gattungsbegriffe zu erzeugen – und ganz nebenbei auch die Menschen sprachlich zu integrieren, bei denen die Zuordnung zu Mann oder Frau aus welchen Gründen auch immer etas komplexer ist.
      Kurz gesagt: Der Elektriker ist ein Mann. Die Elektrikerin ist eine Frau. Die Elektriker*in ist eine Person mit diesem Beruf.
      Zur Hörbarkeit: Die Hörbarkeit ist es doch, was die meisten Leute laut Umfragen empört. – Ich kann ihn flüssig sprechen. Es ist in der Aussprache der gleiche Unterschied wie der zwischen verreisen und vereisen. Diesen Unterschied hören wir auch – ganz ohne Empörung.

      Antworten

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