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Wie viele Geschlechter gibt es denn nun wirklich?

Zahl der Geschlechter Symbolbild

Wie viele Geschlechter gibt es denn nun wirklich: zwei, drei oder unendlich viele? Die einfache Antwort: Das kommt darauf an, welchen Geschlechterbegriff du verwendest. Der Streit, der insbesondere auf Twitter sehr gehässig ausgetragen wird, ist nicht zu lösen, weil unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Definitionen des gleichen Begriffes verwenden. Das ist ein bisschen so, wie wenn sich zwei Personen darüber zerstreiten, ob eine Birne ein Obst oder ein Leuchtmittel ist. Aber der Reihe nach:

geschlecht biologishe Geschlecht | DSD | Geschlecht Geschlecht und Gender, Diversity und Kommunikation

Das evolutionsbiologische Geschlecht

Evolutionsbiologisch gibt es zwei Geschlechter: männlich und weiblich. Die Zuordnung ist abhängig von den Gonaden und Gameten. Gonaden sind Eierstöcke und Hoden und Gameten die Zellen, die sie produzieren: Eizellen und Spermien. Menschen haben nur Eierstöcke oder Hoden, Eizellen oder Spermien. Sehr selten werden Babys geboren, die sowohl Eierstockgewebe wie auch Hodengewebe haben. Und das sind immer noch zwei.

Die Evolutionsbiologie leitet ihre Definition von der Fortpflanzung ab. Bist du der Teil mit den Spermien, bist du männlich. Bist du der Teil mit den Eizellen, bist du weiblich.

In der Tierwelt gibt es Arten, die verändern ihr Geschlecht nach einem biologischen Bauplan:

  • Anemonenfische zum Beispiel, darunter Clownfische, werden männlich geboren. Das größte und stärkste Tier ist ein Weibchen. Stirbt das Weibchen, wandelt sich das stärkste Männchen in ein Weibchen um und übernimmt die Rolle.
  • Aale werden hermaphrodit geboren. Sie entwickeln sich während der Laichwanderung zu Männchen oder Weibchen. Dabei bilden sich ihre Verdauungsorgane zurück und nach der Fortpflanzung sterben sie.
  • Bei Spinnen sind die Weibchen größer und haben eine längere Lebenserwartung als Männchen. Während oder nach der Abgabe der Spermien dienen Männchen oft als Nahrung für das Weibchen, das dadurch größere Eier für den Nachwuchs legen kann. Sie werden quasi zum Futter für die Spinnenbabys.
  • Manche Echsenarten leben monogeschlechtlich als Weibchen und pflanzen sich fort, indem sich die Weibchen klonen. Gibt es großen Anpassungsdruck an die Umwelt, gibt es eine Generation lang Männchen, weil dadurch mehr Genvarianz entsteht und sich Arten schneller an Umweltbedingungen anpassen können.

Wir sehen also: Die Natur ist wild und bunt und vielfältig, aber Geschlechtsänderungen passieren dort nicht, weil ein Tier eine andere Identität hat und sich das wünscht, sondern es ist ein natürlicher Prozess für den es biologische Gründe gibt.

Und wir müssen auch festhalten: Menschen sind weder Fische noch Echsen noch Spinnen, sondern Säugetiere. Unter den Säugetieren ist mir keine Art bekannt, die ihr Geschlecht im Laufe des Lebens durch natürliche Prozesse verändert, sondern nur durch medizinische Eingriffe und/oder kulturelle beziehungsweise rechtliche Definition.

Das medizinische Geschlecht

Damit sind wir bei der Medizin, also immer noch Biologie, aber eine andere Definition von Geschlecht. Denn so einfach und binär, wie es die Evolutionsbiologie sieht, ist es in der Medizin nicht.

Der Mensch hat in der Regel zwar entweder Eierstöcke oder Hoden, das heißt aber keineswegs, dass auch die anderen Geschlechtsmerkmale in die gleiche geschlechtliche Richtung weisen.

Die Medizin unterscheidet genetische, gonadale und genitale Geschlechter:

  • Wenn XX, Eierstöcke und Vulva, verbunden mit weiblichem Hormonstatus: Frau.
  • Wenn XY, Hoden und Penis, verbunden mit männlichem Hormonstatus: Mann.
  • Wenn XY und Vulva oder XX und männliche äußere Merkmale oder eine andere Kombination aus Genen, Gonade und äußeren Geschlechtsmerkmalen: Intergeschlecht.

Beispiele für Intergeschlecht: Klinefelder, CAIS, AGS. Manche zählen auch Turner (X0) zum Intergeschlecht. Andere zählen nur als Intergeschlecht, wenn gemischte Gonaden vorliegen (echter Hermaphrodismus). Deshalb gehen die Zahlen über die Prävalenz von Intergeschlecht so stark auseinander. Ein Hamburger Forschungsteam hat verglichen und in der wissenschaftlichen Literatur Prävalenzen von 0,02 bis 4 Prozent gefunden.

Zum Vergleich:

Die Prävalenz von Klinefelter (XXY und andere Kombinationen mit mindestens zwei X- und einem Y-Chromosom) wird mit 1:500 oder 1:600 in Bezug auf männlich gelesene Babys angegeben, also Babys, die von außen aussehen wie ein Junge.

In jedem Fall gibt es eine Dunkelziffer. Denn erfasst wird nur die diagnostizierte Intergeschlechtlichkeit. Manchmal fällt eine Intergeschlechtlichkeit erst auf, wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt, manchmal auch nie. Und wer von uns kennt schon seinen Chromosomensatz?

Bei einer Prävalenz von 0,5 Prozent bedeutet das, dass an einer durchschnittlichen Grundschule mit 200 Kindern eines intergeschlechtlich ist. Und dieses Kind findet nicht statt: Nicht im Denken, nicht in den Räumlichkeiten, nicht in der Sprache.

In den vergangenen Jahrzehnten war es zudem üblich, dass Babys und Kinder, bei denen eine Intergeschlechtlichkeit diagnostiziert wurde, zu einem der binären Geschlechter operiert wurden, ohne dass sie eine Chance hatten, selbst zu entscheiden. Das ist eine Menschenrechtsverletzung und diese Praxis wurde in Deutschland erst 2021 verboten.

Wie sich intergeschlechtliche Kinder entwickeln, wenn wir sie lassen und wertschätzen, wissen wir noch nicht. Denn bisher ist Intergeschlecht ein gesellschaftliches Tabu. Viele Menschen wissen nichts von Intergeschlechtlichkeit oder halten es für eine Krankheit. Die allermeisten Interpersonen outen sich nicht beziehungsweise nur im engsten Famlien- und Freundeskreis.

Das rechtliche Geschlecht

Bis vor wenigen Jahren mussten sich intergeschlechtliche Menschen entscheiden, ob sie rechtlich als Mann oder Frau geführt werden wollen. Erst 2017 erstritt eine intergeschlechtliche Person beim Bundesverfassungsgericht, dass es auch für Interperseonen einen positiven eigenen Personenstand geben muss.

Das führte dazu, dass in Deutschland Ende Dezember 2018 das Personenstandsrecht geändert wurde und es seit Anfang 2019 neben männlich und weiblich auch divers als Geschlechtseintrag gibt. Außerdem kann der Geschlechtseintrag offen bleiben. In Österreich gibt es sechs Optionen, in der Schweiz nur männlich und weiblich.

Was hingegen noch fehlt, ist, diesen dritten Personenstand in unsere Rechts- und Regelsysteme zu integrieren. Das ist bisher bestenfalls ansatzweise geschehen. Zwei Beispiele:

  • Vor dem Amtsgericht in Darmstadt klagt eine nicht-binäre Person auf die Anerkennung der Elternschaft ihres leiblichen Kindes. Ein Elternteil ist nicht-binär und hat divers im Personenstand stehen. Im Abstammungsrecht dagegen gibt es nur männlich und weiblich. Deshalb meint das Standesamt, Personen mit dem Personenstand „divers“ müssten das Kind adoptieren.
  • Frauen ab 50 werden standardmäßig zur Mammografie eingeladen, als gesundheitliche Vorsorgeleistung. Eine Person, die Ü50 ihren Personenstand in divers geändert hat, erzählte mir, dass sie mit 50 noch diese Einladung bekommen habe, aber jetzt nicht mehr. Denn auch hier fehlt in den entsprechenden Regelungen die Berücksichtigung des Personenstands „divers“.

Hier haben wir als Gesellschaft noch viel zu tun, diesen neuen Personenstand in unsere Rechte, Regeln und Räume zu integrieren. Ich sehe darin eine Chance auch für die Debatte um Transgeschlechtlichkeit und das Selbstbestimmungsgesetz.

Ebenso müssen wir uns klar darüber sein, dass es Interpersonen gibt, die sich nicht als intergeschlechtlich outen möchten und mit ihrem Eintrag männlich oder weiblich vollends zufrieden sind. Auch das gilt es zu respektieren.

Eine Person mit dem Geschlechtseintrag divers kann intergeschlechtlich sein. Sie kann aber auch eindeutig männlich oder weiblich in ihrem Körper sein, aber sich in ihrer Geschlechtsidentität nicht-binär fühlen.

Die Psyche oder auch die geschlechtliche Identität

Auf der Ebene der Psyche, Identität, Empfindungen gibt es eine unendliche Vielfalt von Identifikationsmöglichkeiten, denn jeder Mensch ist einzigartig. Das Problem dabei: Die Identität ist nicht validierbar. Wir können nicht objektiv überprüfen, ob es stimmt, was eine Person über ihre gefühlte Identität sagt.

Klar ist:

  • Die menschliche Vorstellung von Geschlecht geht in allen Gesellschaften weit über die biologische Fortpflanzungsfähigkeit hinaus und ist mit zahlreichen kulturellen Zuschreibungen von „Mann“ und „Frau“ verknüpft. Diese Zuweisungen sind kulturelle Stereotype.
  • Manche Kulturen haben neben „Mann“ und „Frau“ weitere Geschlechter, aber keine kommt ohne die Kategorien Mann und Frau orientiert am Körpergeschlecht aus.
  • Es gibt Menschen, die sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen als ihrem Körpergeschlecht entspricht. Auch das gibt es schon lange und überall auf der Welt. Warum das so ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt.

Vermutlich ist es eine Mischung aus angeborenen Eigenschaften in Kombination mit kulturell erlerntem Wissen über Geschlecht in einer geschlechterstereotypen Umwelt

Denn klar ist auch,

  • dass sich Identität erst im Laufe eines Lebens entwickelt.
  • dass bereits Babys anders behandelt werden, je nachdem, ob sie von ihrer Umwelt für einen Jungen oder für ein Mädchen gehalten werden. Diese kulturelle Formung des Gehirns beginnt ab Geburt.

Wir müssen also festhalten:

Transgeschlechtlichkeit ist real und Transmenschen haben Menschenrechte wie alle anderen auch. Was wir nicht wissen ist, wie Transgeschlechtlichkeit entsteht. Vermutlich gibt es vorgeburtliche Einflussfaktoren, wobei wir nicht wissen, ob sie geschlechtlich sind oder erst durch Kultur geschlechtlich gemacht werden. Sicher wissen wir, dass kulturelle Geschlechterstereotype eine wichtige Rolle spielen, wenn wir eine Vorstellung davon entwickeln, wer Mann oder Frau ist, was männlich oder weiblich ist.

Der Körper ist hier nur der Ausgangspunkt: Penis oder Vulva. Und diese sichtbare Unterscheidung wird kulturell aufgeladen mit 1.001 Rollenerwartungen und Zuschreibungen.

Gibt es ein männliches oder weibliches Gehirn?

Der Streit darum, welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen natürlich sind (nature) und welche kulturell erzeugt werden (nurture), wird seit Jahrzehnten geführt. Zahlreiche Studien suchen nach Unterschieden in den Gehirnen von Männern und Frauen. Neuerdings gibt es Studien, die versuchen Transgeschlechtlichkeit im Hirn zu messen.

Das Problem: Die Methoden, mit denen Transgeschlechtlichkeit im Hirn gemessen werden soll, sind wissenschaftlich umstritten. Und je mehr zum Gehirn und Geschlecht geforscht wird, umso geringer ist die Evidenz für geschlechterspezifische Unterschiede in den Gehirnen.

Zwar gibt es messbare Unterschiede in Größe, weißer und grauer Masse und der Dicke des Verbindungsbalkens, doch lassen sich daraus keine Rückschlüsse auf Geschlechtlichkeit ziehen. Wenn wir eine Korrelationen messen, wissen wir noch nichts über die Ursache oder die Folgen.

Nach aktuellem Wissensstand der Gehirnforschung gibt es kein männliches oder weibliches Gehirn. Der deutlichste Unterschied ist die Größe, wie bei Lunge, Herz oder Nieren. Weil Männer im Durchschnitt größer sind als Frauen, sind es auch ihre Organe.

Forschungsteams, die die letzten 40 Jahre Gehirnforschung unter die Lupe nehmen, kommen zu diesem Ergebnis, dass gemessene Unterschiede oft überinterpretiert oder über-publiziert wurden. Die Neuro-Wissenschaftlerin Lise Eliot spricht von einem Zombie-Konzept und von Neuro-Sexismus.

Babys haben bei Geburt einen geschlechtslosen, individuellen Gencocktail und einen geschlechtlichen Körper und Phänotyp. Ihr Gehirn ist noch unreif und entwickelt sich angepasst an die Umwelt, also durch kulturelle Einflüsse.

Eine Identität haben sie noch nicht. Es dauert etwa zwei Jahre, bis sie sich im Spiegel erkennen und sich als Individuum wahrnehmen. Bis sie über sich als Junge oder Mädchen reden können, sind mehrere Jahre geschlechtsspezifische Sozialisation über ihre Gehirne gelaufen und haben sie verändert.

Natürlich haben Babys einen individuellen und unveränderlichen Wesenskern, Talente, Interessen, Eigenschaften, die sie einzigartig machen. Durch die Zuschreibung von Talenten, Interessen, Verhaltenserwartungen zum Geschlecht, bekommen geschlechtsunspezifische Wesensmerkmale auf einmal eine geschlechtliche Bedeutung. Hier ist aus meiner Sicht der größte und stärkste Hebel, eine vielfältige, gleichberechtigte Gesellschaft zu ermöglichen: Stereotype abbauen.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden überbewertet

Aber es gibt doch Unterschiede zwischen Männern und Frauen! Das sehen und beobachten wir doch jeden Tag. Richtig. Die gibt es. Aber wir haben uns angewöhnt, die falschen Unterschiede als wichtig zu erachten und die wichtigen Unterschiede zu ignorieren.

Wir können nicht zu 100 Prozent auflösen, welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen angeboren, welche sozialisiert sind, was also „nature“ ist und was „nurture“. Wie oben erwähnt: Korrelationen geben noch keine Auskunft über die Kausalitäten.

Ein lesenswertes, populärwissenschaftliches Buch zu den Unterschieden von Männern und Frauen ist: „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“, von Gerald Hüther. Die Kernthese: Das menschliche Gehirn entwickelt sich, wofür wir es mit Begeisterung benutzen. Möglicherweise macht aber Testosteron männliche Personen etwas impulsiver, weswegen sie andere Erfahrungen machen, was die Gehirnentwicklung beeinflusst.

Allerdings gibt es auch zum Testosteron mehr Mythen als wissenschaftliche Fakten. Und Testosteron wirkt unterschiedlich, je nach sozialer Organisation einer Gruppe. Vergleichende Studien von Bonobos (matriarchale Gesellschaften) und Schimpansen (patriarchale Gesellschaften) zeigen, dass sich Bonobo-Männchen in Freundschaftspflege und Hilfsbereitschaft engagieren, während Schimpansen-Männchen den aggressiven Macho raushängen lassen. Letztlich geht es in beiden Fällen darum, sich einen guten Platz in der sozialen Hierarchie der Gruppe zu erobern. Welches Verhalten dabei hilft, hängt von der sozialen Organisation der Gruppe ab. Ähnliche Ergebnisse gibt es bei Testosteron-Studien bei Menschen-Männern. Sie werden unter dem Einfluss von Testosteron sowohl großzügiger und sozialer wie auch geiziger und aggressiver. Vermutlich führt Testosteron vor allen Dingen zu mehr Impulsivität, also weniger Nachdenken und schnelleres Handeln.

Wichtige Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden ignoriert

Interessant dabei ist, dass zu Testosteron sehr viel mehr geforscht wurde als zu Estradiol oder Gestagenen. Und damit sind wir bei der anderen Seite der Geschlechterunterschiede. Während auf der Ebene von Verhalten, kognitiven Kompetenzen und Talenten viel zu viele Unterschiede kulturell erfunden wurden und durch Sozialisation in Geschlechterstereotypen und patriarchaler Hierarchie reproduziert werden, werden relevante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Körpern ignoriert.

In der medizinischen Forschung wurde und wird weitgehend mit männlichen Versuchstieren sowie mit männlichen Menschen-Probanden geforscht, weil der weibliche Zyklus die Forschungsergebnisse beeinflusst. Das bedeutet: Relevante körperliche Prozesse bei der Hälfte der Menschheit mit Auswirkungen auf Symptomatik und Verarbeitung von Wirkstoffen werden ignoriert, weil es bequemer ist. Mit fatalen Folgen für alle Menschen mit weiblichem Körper.

Der weibliche Zyklus ist real. Die XX-Chromosomen im Vergleich zu XY-Chromosomen auch. Aber uns fehlen Daten und Wissen. Die Gendermedizin ist ein junges Forschungsfeld. Sie untersucht geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen, Symptomatik und welche Wirkstoffe in welcher Dosis wie wirken.

Zum Beispiel wird Herzinfarkt bei Frauen oft zu spät erkannt, weil in den Lehrbüchern Männersymptome gelehrt werden.

Auf dem X-Chromosom sind viele Stoffwechselfunktionen. Da Frauen zwei X-Chromosomen haben, von denen in der Regel eines inaktiv ist, Männer aber nur eines, sind sie seltener von bestimmten Erbkrankheiten betroffen. Auf der anderen Seite verstoffwechseln körperliche Frauen Wirkstoffe anders als körperliche Männer.

Zu Interpersonen und zu medizinisch transitionierten Transpersonen gibt es noch weniger Wissen. Aber auch sie profieren, wenn wir die geschlechtsspezifischen Prozesse im Körper besser verstehen.

Geschlechtschromosomen und Hormone haben auch in anderen Zusammenhängen eine starke Wirkung auf menschliche Körper: Testosteron verändert die Muskel-Fett-Verteilung, lässt Muskeln und Kraft ausbilden, Haare an manchen Stellen wachsen, an anderen ausfallen. Männer und Frauen haben unterschiedliche Skelette und unterscheiden sich in Bindegewebe und Hautstruktur. Hände bei Männern sind nicht nur größer, sondern haben mehr Kraft. Frauen haben Busen, der in Sicherheitswesten passen muss und einen anderen Harnausgang, was zum Beispiel relevant ist, wenn sie in einen Schutzanzug gehüllt sind und pinkeln müssen. Da funktionieren Lösungen für Männerkörper nicht für Frauenkörper. Oft werden Frauen und ihre Körper aber nach wie vor vergessen und ignoriert.

Es ist erschreckend, wie stark Frauen bis heute strukturell benachteiligt werden, oft an Stellen, die uns im ersten Blick gar nicht auffallen, weil wir es nicht anders kennen. Die Bücher „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez und „Das Patriarchat der Dinge“ von Rebekka Endler sind voller aktueller Beispiele. Nicht nur in der Medizin, auch bei der KfZ-Sicherheit, der Zahl verfügbarer Toiletten, bei Produkten von Landmaschinen bis Leistungssport. Mit lebensgefährlichen Folgen. Wenn wir hier für Gleichberechtigung sorgen wollen, brauchen wir bessere Daten.

Geschlechtliche Körper verstehen und Geschlechterstereotype abbauen

Wir müssen also endlich anfangen, Geschlechtsunterschiede dort zu berücksichtigen, wo sie relevant sind. Und wir müssen aufhören, sie zu konstruieren, wo sie irrelevant sind, etwa bei Kleidung und Styling, kognitiven Kompetenzen oder Hobbies. Danach sollten wir unsere Gesetze ausrichten.

Fassen wir zusammen:

  1. Unsere Vorstellung von Mann und Frau ist stark beeinflusst von kulturellen Geschlechterstereotypen. Diese behindern alle Menschen, die in ihrem Sosein nicht diesen Stereotypen entsprechen. Solche Stereotype müssen wir abbauen.
  2. Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die wurden in einer patriarchalen Gesellschaft bisher vernachlässigt. Diese Unterchiede müssen wir stärker als bisher berücksichtigen.
  3. Seit 2019 haben wir in unserem Rechtssystem eine dritte Geschlechtskategorie „Divers“. Diese Kategorie muss noch in die vielfältigen geschlechtsspezifischen Regeln und Räume eingearbeitet werden. Diesen Raum können wir außerdem aktiv gestalten und ihn für alle Menschen öffnen, die nicht in die binären Kategorien „männlich“ und „weiblich“ passen. Die Kriterien dafür müssen wir als Gesellschaft aushandeln.

Unsere Verfassung trägt uns auf, Menschen nicht wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung oder einer Behinderung zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Statt über die Zahl der Geschlechter zu streiten, sollten wir fragen:

  1. Welche Geschlechterstereotype behindern unsere freie Entwicklung? Und wie können wir sie abbauen?

Ich verstehe zum Beispiel nicht, wieso Klamotten immer nach Männer und Frauen sortiert sind und warum es bestimmte Designs nur ab Schuhgröße 41 oder für flachbrüstige und schmalhüftige Männer gibt. Ich habe Schuhgröße 38/39 und ein weibliches Becken, finde oft aber  die Designs in der Männerabteilung schöner. Leider passen sie oft nicht. Das nervt und ist unnötig. Ebenso hat eine Person mit 1,95 m Körperlänge und Schuhgröße 45 das Recht auf leichte Stoffe, bunte Farben und hohe Hacken.

Kleidung ist ein persönliches Statement, ganz ohne Geschlecht. Gleiches gilt für Interessen, Talente oder Hobbies: Wenn zum Beispiel eine Transidentität über Geschlechterstereotype definiert wird, ist das ein Rückschritt. Anstatt dass sich Menschen frei in ihrem Sosein entwickeln dürfen, werden kulturelle Stereotype absolut gesetzt und der menschliche Körper soll sich den Stereotypen anpassen.

  1. Wozu brauchen wir welche Informationen über Geschlecht?

Unsere Verfassung legt nicht fest, dass wir überhaupt Daten über Geschlecht erfassen müssen. Insofern ist die Frage berechtigt: Wann und wo brauchen wir Informationen über Geschlecht?

Im Krankenhaus zum Beispiel ist es wichtig, um Fehlbehandlungen zu vermeiden. Auch bei Vorsorgeuntersuchungen und anderen medizinischen Leistungen müssen Geschlechtsunterschiede berücksichtigt werden.

Daten über das Geschlecht brauchen wir auch, um fairen Sportwettbewerb zu ermöglichen, da Körper, die eine männliche Pubertät durchlaufen haben, andere Leistungsvoraussetzungen mitbringen. Manche dieser Unterschiede werden durch eine medizinische Transition abgebaut, andere bleiben.

Wichtig sind Geschlechtsdaten auch, wenn wir Diskriminierung aufgrund von Geschlecht erfassen wollen oder den Erfolg von Präventionsarbeit messen. Gesundheitsverhalten zum Beispiel unterscheidet sich stark nach Geschlecht. Frauen sind in Führungsetagen weiterhin stark unterrepräsentiert, übernehmen dafür einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Rentnerinnen beziehen im Durchschnitt sehr viel weniger Rente als Rentner.

In der Kriminalitätsstatistik sehen wir, dass Männer ungefähr genauso oft Opfer von Gewalt werden wie Frauen. Die allermeiste Gewalt aber geht von Männern aus. Wenn eine männlich sozialisierte Person mit einem weiblichen Personenstand eine Sexualstraftat begeht, wäre es grob Daten verfälschend, diese Gewalt als Frauengewalt zu führen und nicht als Männergewalt.

Kurzum: Wir benutzen demografische Daten, dazu zählen auch die über das Geschlecht, um damit Politik zu gestalten, die auf die Erfüllung der Werte unseres Grundgesetzes hinwirkt.

Das gelingt uns nur, wenn wir uns ehrlich der dritten Frage stellen:

  1. Wann ist welche Geschlechterdefinition relevant: Phänotyp, medizinisches Geschlecht, Rechtsgeschlecht, Identität?

Nur so bekommen wir sinnvolle Kategorien, die Diskriminierung abbauen helfen.

Hier einige praktische Beispiele:

Ob eine Person Jana, Josef oder Jil heißt, ist für diese Person wichtig, für die Gesellschaft irrelevant. Einzig die Beständigkeit des Namens hat gesellschaftliche Relevanz, deshalb sollte eine Namensänderung einfach sein, aber nicht beliebig oft möglich.

In zahllosen Alltagssituationen ist das Geschlecht nur insofern relevant, dass ich der Person sprachlich höflich begegnen kann und darüber hinaus egal. Das gilt umso mehr, wenn die Person in ihrem Phänotyp dem Geschlecht entspricht, in dem sie angesprochen werden möchte. Ein Zwangsouting einer Interperson oder postoperativen Transperson ist hier vollkommen unnötig.

Umgekehrt ist es Unsinn, von einem Zwangsouting zu sprechen, wenn das Geburtsgeschlecht einer Transperson sichtbar ist oder aus anderen Gründen bekannt. Es ist eine Frage von Höflichkeit, Menschen entsprechend ihres Identitätsgeschlechts anzusprechen, aber niemand darf dazu unter Strafandrohung gezwungen werden.

In Gruppen-Nackträumen lesen wir andere Menschen anhand ihrer Körper. In der Gruppendusche im Fitnesscenter, der Gruppenumkleide oder geschlechterspezifischen Saunatagen sehen wir Körperhaare, Busen, Penis, Vulva, aber keine Identität. Und der Phänotyp sollte auch das Kriterium sein, wenn solche Räume geschlechtsspezifisch ausgewiesen sind.

Wenn ein Raum geschlechtsspezifisch ausgewiesen ist, muss es der Betreiber*in freigestellt sein, ob das Transpersonen einschließt und unter welchen Umständen (post-operativ, alle). Für Besucher*innen dieser Räume muss das klar kommuniziert werden.

Bei Einzelkabinen ist es dagegen relativ egal, weil dort jede Person für sich ist. In Unisex-Umkleiden oder Unisex-WCs sollten die Kabinen vom Boden bis zur Decke geschlossen sein, um einen Safe Space zu schaffen.

Wenn eine Seniorin in der Pflegeeinrichtung sagt, sie möchte nur von einer körperlichen Frau gewaschen werden, muss das möglich sein. Das ist das Recht auf Selbstbestimmung dieser Seniorin.

Dazu gibt es sehr viele rechtliche Verstrickungen, die für Transpersonen kompliziert werden können. So darf eine Person im Sicherheitskontext nur Menschen ihres Geschlechts abtasten. Relevant ist der Personenstand. Für die Menschen, die abgetastet werden, ist der Phänotyp relevant, also das Geschlecht, das sie sehen und wahrnehmen. Wenn also eine Person mit Vollbart einen weiblichen Geschlechtseintrag hat, darf sie nur Frauen abtasten. Das werden die Menschen am Flughafen aber kaum ohne Protest mitmachen.

Es braucht also auch eine gute Beratung und Begleitung von Transpersonen im Arbeitsumfeld, damit sie ihre Transitionsschritte so planen, dass sie rechtliche Fallstricke möglichst umgehen.

Ein Selbstbestimmungsgesetz braucht eine Rechtsfolgenabschätzung

Ein Selbstbestimmungsgesetz, das die Akzeptanz von Transgender wirklich stärken will, darf nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Wenn wir die Definition von Geschlecht ändern, hat das vielfältige Folgen für unsere Daten, mit denen wir Politik machen, für unsere Regeln und Räume. Und es betrifft genau 100 Prozent aller Menschen. Denn jeder Mensch hat ein Geschlecht. Unsere gesamte Gesellschaft mit ihren vielen Gesetzen, Regeln und Räumen ist geschlechtsspezifisch organisiert.

Wenn wir also Transrechte stärken wollen, ohne die Rechte von Frauen, Glaubensgemeinschaften, Schutzrechte von Kindern und so weiter zu schwächen oder zu beschädigen, brauchen wir eine Rechtsfolgenabschätzung. Und wir brauchen kluge Formulierungen, damit das Gesetz denen hilft, für die  es bestimmt ist und Missbrauch durch andere Gruppen und Interessen möglichst verhindert sowie unter Strafe stellt.

Nützliche Links

Definition medizinisches Geschlecht: https://flexikon.doccheck.com/de/Geschlecht, , abgerufen am 25. Oktober 2022

Hauck, Lena, Richter-Appelt, Hertha und Schweizer, Katinka: Zum Problem der Häufigkeitsbestimmung von Intergeschlechtlichkeit und Varianten der Geschlechtsentwicklung: Eine Übersichtsarbeit, Z Sex Forsch 2019; 32(02): 80-89, DOI: 10.1055/a-0897-0404, https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0897-0404,abgerufen am 25. Oktober 2022

Nicht-binärer Elternteil klagt Elternschaft ein: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/diskriminierung-eltern-nicht-bienaer-klage-standesamt-hessen-amtsgericht-darmstadt?page=2, , abgerufen am 25. Oktober 2022

Hirnforschung:

Marcus Hirnstein, Kenneth Hugdahl und Marco Hausmann: Cognitive sex differences and hemispheric asymmetry: A critical review of 40 years of research: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1357650X.2018.1497044, abgerufen am 25. Oktober 2022

Natalie Sauer: You don’t have a male or female brain – the more brains scientists study, the weaker the evidence for sex differences, https://theconversation.com/you-dont-have-a-male-or-female-brain-the-more-brains-scientists-study-the-weaker-the-evidence-for-sex-differences-158005, abgerufen am 25. Oktober 2022

Lise Eliot, Adnan Ahmed, Hiba Khan und Julie Patel: Dump the “dimorphism”: Comprehensive synthesis of human brain studies reveals few male-female differences beyond size, https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.02.026, , abgerufen am 25. Oktober 2022

Gendermedizin: https://gendermedwiki.uni-muenster.de/mediawiki/index.php/Modul_1:_Geschlecht_und_Medizin/Fachartikel

Bilder: Sigi Lieb

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Deana, wo in dem Beitrag ist von Pathologie die Rede? Du interpretierst da etwas hinein, was da nicht steht. Es ist nun mal so, dass Sex = Körper ist und Identität = Psyche. Das hat nichts mit Krankheit zu tun. Das ist normal.

    Antworten

  2. Vielleicht auch mal ein Link zur aktuell größten Studie zum Thema neuroanatomische Phänotypen. Sie ist recht aktuell aus 2021. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34030966/

    Ich wehre mich dagegen, dass Transgeschlechtlichkeit noch immer fast ausschließlich auf Basis der psychopathologischen Perspektive der 1970er Jahre bewertet und eingeordnet wird.

    Das ist auch hier im Blogbeitrag so. Es gibt in der Psychologie genauso wenig gesicherte Evidenz zum Thema wie es sie in der Neuroanatomie gibt. Warum also wird so getan als wäre es klar, dass es sich um eine psychische Normabweichung handelt und genauso selbstverständlich negiert, dass eine angeborene neuroanatomische Abweichung, die Transgeschlechtlichkeit prädisponiert, nicht vorliegt?

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