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Gendern: Wie machen das andere Sprachen?

Gendern international

Ich habe mich heute dabei erwischt, wie ein neues Wort in meinen Sprachgebrauch eingezogen ist. In einem Kommentar auf Linkedin wollte ich schreiben, dass niemand immer perfekt sein kann. Dafür verwendete ich intuitiv den Begriff Mx-perfect. Mr-perfect kennen wir alle. Mx, gesprochen Em-Ex, ist die genderneutrale englische Anrede. Bereits 2015 hielt sie Einzug in die Online-Ausgabe des Oxford English Dictonary. Praktisch, so etwas hätte ich im Deutschen auch gerne, aber da hinken wir hinterher. Was gibt es sonst noch in anderen Sprachen zu entdecken und was können wir für die deutsche Sprache daraus lernen?

Gendern Gendern | Gendern international | Sprache Sprache und Sprachwandel

Gendern auf Englisch

Überhaupt sind die Briten und US-Amerikaner – so ganz anders als ihre aktuellen Regierungschefs – recht weit vorne, wenn es darum geht, die Sprache inklusiver und weniger diskriminierend zu gestalten. Gut, sie haben es auch einfacher. Anders als im Deutschen gibt es nur einen Artikel, nämlich the.

Falsch wäre jedoch die Behauptung, im Englischen sei gendern kein Thema. Denn das ist es. Gestritten wird zum Beispiel darüber, ob man und mankind, genderneutral für Mensch und Menschheit stehen, oder ob der Mann als Ausdruck patriarchaler Gesellschaft im Vordergrund steht und der Begriff deswegen auszutauschen oder zu ändern ist.

Mit dem Austauschen von Berufsbezeichnungen macht sich die englischsprachige Welt keinen Stress. Begriffe, die in ihrem Wort einen Verweis auf Mann oder Frau haben, werden einfach neutralisiert. Aus fireman wurde fireworker, aus policeman policeofficer, aus stewardess flight attendant oder aus barman bartender.

Im Umgang mit den Pronomen sind die Briten kreativ: Ursprünglich wurde oft (s)he oder s/he verwendet, um genderneutral zu formulieren. Klammer oder Slash werden manchmal gespart und she gilt als das Pronomen der Wahl. Das He ist im She ja irgendwie schon drin. Eine weitere Möglichkeit ist es, das altenglische Singular-They zu reaktivieren. Das war bis ins 18. Jahrhundert als genderneutrales Personalpronomen gebräuchlich. Bis 1850 per Gesetz das He als alleinig korrektes Pronomen für genderübergreifende Bedeutungen festgelegt wurde. Und als dritte Alternative wird versucht, ze als neues, genderneutrales Pronomen zu etablieren. Ich bin gespannt, wie sich das Englische entwickelt.

Gendern in den Niederlanden

Relativ geräuschlos wird die Sprache auch in den Niederlanden inklusiver. Das Niederländische kennt zwar, wie auch das Deutsche, drei Genera: maskulin, feminin, neutrum. Allerdings gibt es nur zwei Artikel. Praktischerweise ist der/die im Niederländischen identisch de. Das erleichtert es ungemein, Berufsbezeichnungen als neutral zu interpretieren. Viele Berufsbezeichnungen haben eh nur eine Version und bei denen, die zwei Bezeichnungen haben, dürfte die weibliche Alternative mittelfristig verschwinden. Anders bei vormals weiblich dominierten Berufen, die nun auch von Männern ausgeübt werden: Hier werden zumeist neue Wörter geschaffen.

Das biologische Geschlecht ist im Niederländischen wichtig. Das sieht man etwa an Pronomen. Het meisje ist im Niederländischen ebenso sächlich wie das Mädchen im Deutschen. Während wir auf Deutsch aber sagen: Das Mädchen steckt die Hände in seine Taschen würde man auf Niederländisch dem Sexus den Vorzug geben und sagen: Das Mädchen steckt die Hände in ihre Tasche.

Ebenso wird Rücksicht auf die LGBT-Community genommen und auf all die, die sich nicht eindeutig der Kategorie Mann oder Frau zuordnen wollen. So spricht die niederländische Bahn ihre Fahrgäste nicht mehr mit „Damen und Herren“ an, sondern neutral „liebe Reisende“.

Gendern in Schweden

Viel Aufsehen gab es 2015, als das genderneutrale Personalpronomen hen offiziell in die Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen wurde. Lange hat die schwedische Gesellschaft darüber gestritten. Weniger Aufsehen erregte die Neutralisierung der Berufe. Wie im Deutschen gibt es auch im Schwedischen  Berufe, die auf -frau (-kvinna) oder -mann (-man) enden. Aber anders als im Deutschen, wo die genderneutrale Lösung -leute nur im Plural funktioniert, ersetzen die Schweden -kvinna/-man einfach durch -person. Schwupp, alles genderneutral.

Gendern auf Französisch

Die Französinnen und Franzosen haben es doppelt schwer: Zum einen ist das Französische noch genderintensiver als das Deutsche, weil zum Beispiel auch Adjektive oder Verben angepasst werden müssen. Zum anderen wacht mit der Académie Française eine besonders mächtige und besonders konvervative Gruppe über die Reinheit der französischen Sprache.

Noch 2017 aktivierte sie sogar den damaligen Premierminister Phillippe, der sich in die Debatte um ein Schulbuch einmischte, das in inklusiver Sprache geschrieben war und verbot solcherlei Französisch im offiziellen Sprachgebrauch. Ministerinnen mussten sich als Madame le minstre anreden lassen, ob sie das wollten oder nicht.

Erst Anfang dieses Jahres gab die Académie Française dem Volkswillen oder sagen wir, dem ohnehin praktizierten französischen Sprachgebrauch nach. Seither sind neue weibliche und genderneutrale Berufsbezeichnungen im offiziellen Französisch erlaubt. Benutzt werden sie ohnehin – im Alltag, in Zeitungen oder in den Wörterbüchern privater Verlage. Zum Beispiel gibt es zum acteur (Schauspieler) und zur actrice (Schauspielerin) den neutralen acteure, der alle Geschlechter vereint.

Schwierig wird es in den Sätzen. Die Franzosen kennen einen Genderpunkt, analog zu unserem Genderstern oder Gendergap. Allerdings sehen Sätze damit doch sehr gewöhnungsbedürftig aus:

Genderpunkt auf Französisch Beispiel

Eine mehrheitsfähige Lösung ist das vermutlich noch nicht. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die französische Sprache entwickelt und welche Ideen sich durchsetzen.

Gendern im spanischsprachigen Raum

Das Spanische ist ähnlich durchgegendert wie das Französische. Die ganze Sprache wird in männlich/weiblich dekliniert. Der einfache Satz „Alle feiern zusammen“ heißt anders, je nachdem, ob es sich um eine Jungs- oder eine Mädchengruppe handelt. In der patriarchalen Sprachtradition wurde alles maskulinisiert, sobald unter 1.000 Frauen ein Mann war. Das ist heute vielerorts nicht mehr akzeptiert. Die Diskussion um Machismo und Gleichberechtigung hat auch im spanischen Sprachraum für Änderungen gesorgt.

Beispiel gendern auf Spanisch

Analog zum Genderstern und Gendergap gibt es im Spanischen das @- oder x-Zeichen. Und die Varianten um das weibliche -a und das männliche -o werden oft um ein neutrales -e als Endung ergänzt. Kreative Alternativen, wie ich finde.

Als in Argentinien Kirchner an die Spitze kam, wurde aus el presidente schnell la presidenta. Und natürlich gab es auch in Argentinien und Spanien Gegner, die el presidente verteidigten. Wie es auch in Deutschland Leute gab, die Angela Merkel als Bundeskanzler bezeichnen wollten, nicht als Bundeskanzlerin, generisches Maskulinum und so. Aber das hat sich nicht durchgesetzt. Nicht in Deutschland, nicht in Argentinien. El oder der als maskuline Artikel passen nicht zu einer Frau. Die Menschen sehen eine Frau und sagen die, la. Logisch.

Auch sonst läuft die Diskussion in Spanien vielerorts ähnlich wie im Deutschen: Einerseits gibt es von offizieller Seite, auch im Rahmen der EU-Gesetzbung zu Diskriminierungsverboten, Anweisungen, möglichst genderneutral zu formulieren. Andererseits verfügt auch Spanien über eine Akademie, die Academia Royale, die solche Ändernungen kritisch sieht.

Gendern ist ein Teil des gesellschaftlichen Wandels

Gerade im spanischen Sprachraum sieht man ganz gut, dass sich die Sprache mit der Gesellschaft entwickelt. Dort, wo Frauen nach wie vor stark unterdrückt sind, und die Gesellschaften streng nach patriarchalen Regeln funktionieren, ist auch gendergerechte Sprache kaum ein Thema. Dort, wo Frauen, Transgender und andere diskriminierte Gruppen eine Stimme haben und gehört werden, gibt es auch Debatten über Diskriminierung im Sprachgebrauch.

Wie geschmeidig und geräuschlos Änderungen in eine Sprache einziehen, hängt von mehreren Faktoren ab. Einer davon ist, wie leicht sich Änderungen in die sonstige Sprachlogik einfügen.

Im Vergleich der Genderdebatten in verschiedenen Sprachen fällt auf: Dort, wo die Artikel nicht zwischen der und die unterscheiden, werden Berufe, soweit sie keinen direkten Verweis auf das biologische Geschlecht im Namen tragen, als neutral wahrgenommen. Dort wo ein Der oder Die davor steht, werden biologisches und generisches Geschlecht vermischt und verbunden.

Sprachen, die komplett in männlich/weiblich durchgegendert sind und sogar Adjektive oder Verben an das Genus anpassen, haben es schwerer. Gendergerechte Lösungen sind hier wesentlich anspruchsvoller.

Pragmatische Lösungen

Fortschrittlich sind die, die bereits genderneutrale Pronomen und Anreden entwickelt haben. Die anderen werden folgen, soweit sie in offenen Gesellschaften leben, in denen alle Gruppen eine Stimme haben.  Menschen in den Sprachen dieser Welt erfinden kreative Möglichkeiten. Durchsetzen werden sich am Ende die, die sich in die Sprache integrieren lassen und zur Gewohnheit werden. Auch das Deutsche ist auf dem Weg. Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten, schön und flüssig zu schreiben und dennoch Rücksicht auf Gendergerechtigkeit zu nehmen.

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Bildnachweis: Sigi Lieb

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. […] Denn anderen zu sagen, was sie fühlen sollen, ist übergriffig. Wir alle wollen in unserem Sosein gesehen und wertgeschätzt werden. Wertschätzung zeige ich auch mit meiner Sprache. Wie du siehst, habe ich hier den Genderstern verwendet. Aus meiner Sicht erzeugt er neue Wörter. Neben den bekannten Pronomen für Männer „er“ und Frauen „sie“ erzeugen wir also ein drittes neues Pronomen, das für alle Geschlechter steht: „er*sie“. Meinetwegen ginge auch „sier“, aber soweit sind wir in der deutschen Sprache noch nicht. Die englische Sprache ist hier weiter. […]

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  2. Die Entwicklung der gegenderten Schrift ist eine Sache. Ich beobachte mit großem Unbehagen, dass das Gesprochene immer mehr so läuft als gäbe es nur mehr die weibliche Form, d.h. es gibt dann, auch oft bei hoch Gebildeten und im ORF, vor dem Binnen-I keine Pause. Ich betrachte es grob unhöflich, wenn gegenüber einem Auditorium kein Platz mehr für beide oder die 3 Geschlechter ist.
    Abgesehen davon gibt es bedeutendere Bereiche für geschlechtergerechte Behandlung, wie die gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit, für die man sich sichtlich weniger oder gar nicht einsetzt. Was ist also der wirklich Fortschritt? MfG

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    • Hallo Herr Strauss,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Nun im Englischen gibt es nur einen Artikel und daran scheint sich niemand zu stören. Wenn es im Deutschen nur noch einen Artikel geben sollte, wäre „die“ linguistisch tatsächlich am geschicktesten, denn 46 Prozent der Nomen im Singular und 100 Prozent der Nomen im Plural werden im Deutschen mit die gebildet. Zusätzlich ist „die“ einfacher zu deklinieren, weil es in den Fällen weniger Anpassungsstress macht.
      Ich verstehe aber auch, dass Sie sich als Mann irgendwie vergessen fühlen, wenn etwas nach generischem Femininum klingt. Genau deswegen gibt es ja in so vielen Sprachen die Debatte um mehr Gendersensibilität in der Sprache. Nämlich überall dort, wo Frauen und Minderheiten zumindest soweit Erfolge gefeiert haben, dass sie eine Stimme haben, die gehört wird. Alle Menschen wollen sich angesprochen fühlen, egal ob M, W oder D. Und dort, wo die Sprache im Genus zwischen M und W unterscheidet, haben diese Artikel eine starke Wirkung auf die Vorstellungskraft. So wurde aus dem an sich neutralen presidente eine presidenta, wegen el als Artikel, das passt nicht zu einer Frau.
      Sprache ist unser zentrales Werkzeug, um über unser Erleben von Welt und unsere Bedürfnisse zu sprechen und uns mitzuteilen. Deshalb ist es nur logisch, dass sich Sprache mit der Gesellschaft verändert. In den 50er Jahren waren viele Berufe feminin, nämlich all die, die tradtionell von Frauen ausgeübt wurden: Krankenschwester, Kidnergärtnerin, Sekretärin, Stewardess, Putzfrau. Und als Männer diese Berufe ergriffen, mussten neue Wörter her. Umgekehrt wurde dies Frauen nicht oder nur gegen hartnäckigen Kampf zugestanden.
      Und natürlich ist die Sprache nicht das alleinige Mittel, um für mehr Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit zu sorgen. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Im Gegenteil: Wenn ich präzise benenne, was ich meine, habe ich größere Chancen, Missstände zu erkennen und zu beheben.
      Schauen Sie gerne bei dem Artikel vorbei, in dem ich frage, wie wir eine männliche Kinderfrau nennen sollen oder bei meinem Blogbeitrag über die gängigen Argumente im Kontext gendergerechter Sprache.

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