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Intersektionalität: Was ist das? Und was ist es nicht?

Der Begriff Intersektionalität geht zurück auf die US-amerikanische Juristin Kimberly Crenshaw und hat sich über den Globus verbreitet. Der Ansatz dient dazu, strukturelle Diskriminierung sichtbar zu machen, zu verstehen und sie abzubauen. In Teilen hat sich die Interpretation des intersektionalen Ansatzes jedoch verselbstständigt und verkehrt sich in ihr Gegenteil. In diesem Blogartikel erkläre ich, was intersektional bedeutet und wie wir konstruktiv damit umgehen können (mit Update vom 20. April 2026).

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Was bedeutet Intersektionalität?

Kimberly Crenshaw ist eine US-amerikanische Juristin mit den Spezialgebieten institutionalisierter Rassismus im US-amerikanischen Recht und feministische Rechtstheorie. Entsprechend geht der von ihr geprägte intersektionale Ansatz zurück auf die Diskriminierung von Schwarzen und von Frauen im US-Justizsysem. Der intersektionale Ansatz beschreibt eine Mehrfachdiskriminierung: Eine Schwarze Frau kann als Schwarze, als Frau oder als Schwarze Frau diskriminiert werden. Dabei beeinflussen und verstärken sich die Diskriminierungskategorien gegenseitig.

Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat sich in den 1970er Jahren mit einem ganz ähnlichen Phänomen im deutschen Bildungssystem beschäftigt. Den Begriff intersektional gab es damals noch nicht und doch beschreibt er genau das. Bei Dahrendorf war es die katholische Arbeitertochter vom Land, deren Chancen erheblich geringer waren als bei weniger religiösen Familien, bei Akademiker*innen, in der Stadt und sowieso für Söhne.

Beiden Ansätzen ist gemein, dass sich die Diskriminierungen gegenseitig beeinflussen und verstärken und nicht einfach nur addieren.

Die globalen Diskriminierungsklassen Sex, Class und Race

Sex (Körpergeschlecht), Class (sozio-ökonomischer Status) und Race (ethnischer Hintergrund) sind die drei großen, globalen Diskriminierungskategorien. Darüber hinaus gibt es weitere Kategorien wie Behinderung, Neurodiversität, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentiät oder Alter.

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Klassistische Diskriminierung

Das Phänomen der Bildungsbenachteiligung ist für Deutschland gut erforscht, aber leider bisher ohne dass sich etwas daran ändert. Die Iglu-Studie von 2023 zeigt 20 Jahre Stillstand in Sachen klassistische Diskriminierung: Anstatt Unterschiede aufgrund der sozio-ökonomischen Herkunft auszugleichen und so allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildungserfolg zu ermöglichen, verstärkt unser Bildungssystem diese Klassenunterschiede noch.

Während Körpergeschlecht und ethnischer Hintergrund für alle sichtbar sind, gehört Klassismus zu den unsichtbaren Diskriminierungskategorien. Ich sehen einem Menschen nicht an, aus welchem sozio-ökonomischen Hintergrund er kommt und welche Extra-Hürden die Person überwinden musste, um da anzukommen, wo sie heute ist.

Außerdem gibt es eine zeitliche Dimension: Betrachte ich den Zustand heute? Oder betrachte ich die Herkunft und den Weg, den ein Mensch zurückgelegt hat. Ich bin heute Akademikerin in der Großstadt, aber ich bin auch die von Dahrendorf beschriebene „katholische Arbeitertochter vom Land“. Dass ich Abitur machte und studierte, war alles andere als „vorgesehen“. Und hätte ich es nicht alleine geschafft, hätte mir niemand geholfen. Ich bin sicher, auch in deinem Umfeld gibt es Kolleginnen oder Kollegen, die als Arbeiterkinder einen deutlichen weiteren Weg zu ihrer heutigen Position hatten als die Kinder von wohlhabenden und akademisch gebildeten Familien.

Pierre Bourdieu war so jemand, ein Arbeiterjunge, der es als Wissenschaftler und Intellektueller an eine Pariser Elite-Uni schaffte. Und doch fremdelte er zeitlebens mit den Gewohnheiten und Normen der Oberschicht. Es gibt einen ganzen Katalog an ungeschriebenen Regeln, die oft unbewusst befolgt werden und jemanden als „zugehörig“ zu einem sozialen Milieu markieren. Bourdieu beschreibt dies in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“.

Ethnische Diskriminierung

Ethnische Diskriminierung bedeutet, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Phänotyps bewertet und hierarchisiert werden. Obwohl Hautfarbe, Form von Augen, Nase, Lippen oder die Haarstruktur eines Menschen keinerlei Einfluss auf die Intelligenz, den Charakter oder die Talente eines Menschen haben, wirkt der ethnische Phänotyp nicht nur stereotyp zuschreibend, sondern auch hierarchisierend.

Global haben es Weiße leichter als Schwarze. Dabei gibt es regionale und kulturelle Unterschiede. Die Situation Schwarzer in den USA kann nicht mit der in Europa gleichgesetzt werden. Und auch innerhalb Europas gibt es erhebliche kulturelle und rechtliche Unterschiede.

Kulturell bedingt gibt es weitere Zuschreibungen: Nicht jeder indisch, chinesisch oder japanisch aussehende Mensch ist ein IT- oder Mathe-Genie, Schwarze können weder alle super tanzen noch sind sie automatisch Fußball- oder Basketball-Talente. Ähnliches gilt für Leute mit latein-amerikanischem Hintergrund.

In der Blogartikel-Serie „Heimat und Identität“ erzählen in Deutschland geborene und nach Deutschland migrierte Menschen von ihren Erfahrungen.

Geschlechtliche Diskriminierung

Die Sache mit dem Geschlecht ist komplex, weil um die Definition der Begrifflichkeiten derzeit heftig und vor allen Dingen ideologisch gestritten wird. Versuchen wir, uns der Sache sachlich zu nähern:

Das Wort Geschlecht kann vieles bedeuten. Laut Duden:

Geschlecht

1a: (von Lebewesen, besonders dem Menschen und höheren Tieren) Gesamtheit der Merkmale, wonach ein Lebewesen in Bezug auf seine Funktion bei der Fortpflanzung meist eindeutig als biologisch männlich oder weiblich bestimmt werden kann

1b: Gesamtheit der Lebewesen, die dasselbe Geschlecht (1a) haben

1c: Gender

2: Kurzform für Geschlechtsorgan

3a: Gattung, Art

3b: Generation

3c Familie, Sippe

4: Genus

Lassen wir die Bedeutungen drei bis vier außen vor und widmen uns den Bedeutungen 1 a/b und 2 im Vergleich zu 1c.

Der Duden schreibt in seiner Online-Ausgabe (19. Mai 2023, nochmal geprüft am 20. April 2026) zu Gender:

Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie (z. B. im Hinblick auf seine Selbstwahrnehmung, sein Selbstwertgefühl oder sein Rollenverhalten)

Es gibt also auf der einen Seite das Geschlecht im Sinne eines geschlechtlichen Körpers (1a, b und 2). Auf der anderen Seite gibt es das Gender (1c). Der Begriff Gender stammt aus der Soziologie und verweist auf kulturelle und sozialisierte Effekte von Geschlechtervorstellungen und Geschlechterrollen. Ursprünglich war er das Gegenstück zu Sex, dem Körpergeschlecht.

Gender selbst ist inzwischen ebenfalls ein vieldeutiger Begriff. Kathleen Stock ermittelt in ihrem Buch „Material Girls“ vier Definitionen von Gender: als Synonym für Sex/Geschlecht, soziale Stereotype, soziale Rollenzuschreibung, Geschlechtsidentität.

Nicht zuletzt wegen der mitunter anzüglichen Mehrdeutigkeit des Wortes Sex und vielleicht auch, weil Leute nicht gerne über körperliches Geschlecht reden, hat sich immer mehr der Begriff Gender durchgesetzt und die Differenzierung verschwand.

Auch ich habe der Differenzierung zwischen Sex und Gender lange kein Gewicht beigemessen. Es bezeichnete ja die gleiche Gruppe von Menschen, die auf zwei Arten von Diskriminierung betroffen waren:

  • wegen ihrer Körper und
  • wegen ihrer sozialen Rollenzuschreibung.

Begriffe wie Gender Mainstreaming, Gendermedizin oder Gendersprache bedienen sich ebenfalls des Begriffs Gender, obwohl körpergeschlechtliche Aspekte im Vordergrund stehen. In einem eigenen Blogartikel widme ich mich der Verwirrung um Begriffe wie Geschlecht, Gender, sexuelle Orientierung und Identität und ordne sie.

Meine Einschätzung änderte sich, als ich die Konflikte zwischen Feminist*innen, LGBs und Trans-Aktivist*innen beobachtete, die immer aggressiver und ideologischer wurden. Dabei stellte ich fest, dass genau an dieser Verschmelzung unterschiedlicher geschlechtlicher Kategorien im Begriff ‚Gender‘ enormes Konflikt- und Diskriminierungs-Potenzial steckt.

Geschlecht und damit geschlechtliche Diskriminierung findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, die wir in Kategorien eigens benennen und trennen müssen:

Körpergeschlecht: Biologische Frauen werden aufgrund ihres Körpers diskriminiert, anders sozialisiert, bekommen weniger Räume, Rechte und strengere Regeln, werden stärker von Männern kontrolliert, gehören Männern und haben keine eigenen Rechte. XX-Föten werden häufiger abgetrieben.

Auch Männer werden aufgrund ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale anders behandelt und mit Rollenerwartungen konfrontiert, die nicht immer passen müssen. In einer patriachalen Welt stehen sie hierarchisch jedoch über den Frauen.

Eine besondere Form der geschlechtlichen Diskriminierung erfahren intergeschlechtliche Menschen, also Menschen, die mit gemischtgeschlechtlichen Körpern geboren werden. Bis vor wenigen Jahren wurden sie als Kinder oft ungefragt geschlechtszuweisend operiert (das ist seit 2021 in Deutschland verboten). Oder sie realisieren erst viel später, das ihr biologisches Geschlecht nicht dem entspricht, was ihnen ihre Umwelt über viele Jahre erzählt hat.

Sexuelle Orientierung: Lesben, Schwule und bisexuelle Menschen werden diskriminiert, weil sie nicht in die Vorstellung Heterosexualität als Norm passen. Um Crenshaws Ansatz hier anzuwenden: Eine lesbische Frau kann als Frau, als Lesbe oder als lesbische Frau diskriminiert werden.

Genderidentität: Genderidentiät ist eine gefühlte Zugehörigkeit zu einer Geschlechterkategorie. Das betrifft insbesondere Personen, bei denen die empfundene Geschlechtszugehörigkeit und das Körpergeschlecht zu verschiedenen Geschlechterkategorien gehören (Transgender) oder die sich keiner Kategorie zugehörig fühlen (nicht-binär).

Was unter den Begriff „trans“ fällt, ist nicht eindeutig definiert und hat sich seit den 1980er Jahren erheblich verändert. Während in den 1980er Jahren Transsexuelle Personen waren, die ihren Phänotyp mittels Medizin so weit wie möglich an das Identitätsgeschlecht angeglichen haben, ist die heutige Definition sehr viel offener und auch ungenauer.

Aber genau das führt zu vielen Konflikten innerhalb der LGBTIQA-Community. In meinem Buchbeitrag „In oder out: Wer ist wir, wer queer und wer gehört nicht dazu?“, in: Jahrbuch Sexualitäten 2024, erschienen im Juli 2024 bei Wallstein, gehe ich auf die Etymologie des Begriffes „queer“ ein und beleuchte, wie die aktuellen Kämpfe um Deutungshoheit von Begriffen die Community spalten.

Der intersektionale Ansatz hat viel Potenzial, strukturelle Benachteiligungen aufzudecken. Allerdings wurde er in den letzten Jahren im Zuge identitätspolitischen Aktivismus häufig so ausgelegt, dass sich die gute Absicht in ihr destruktives Gegenteil verkehrt. Und das führt an vielen Stellen zu Konflikten.

Das Rad der Macht und der Privilegien

Das von mir überarbeitete und auf den deutschen Kulturraum angepasste „Rad der Macht und der Privilegien“ unterscheidet zwischen Geschlecht, Gender und sexueller Orientierung als drei eigenständige Kategorien. Das ist ein entscheidender Unterschied zum kanadischen Modell vom Canadian Council of Refugees oder in der illustrierten Fassung „The Wheel of Power and Privilege” von der kanadischen Illustratorin Sylvia Duckworth.

Das Fehlen der Diskriminierungskategorie „Geschlecht“ war mir aufgefallen, als ich aus diesem Modell eine Übung für ein Anti-Bias-Training in einem Unternehmen ableiten wollte.

Das ist fatal und meiner Meinung nach eine der Hauptursachen für die unerbittlichen und hasserfüllten Konflikte rund um Transgender in mehreren Ländern.

Sex ist neben Class und Race eine der drei großen Diskriminierungskategorien in der Welt. XX-Chromosomen werden häufiger abgetrieben, Mädchen und Frauen werden weniger Rechte und Räume zugestanden. Diese Realitäten können nicht in einer Genderidentität aufgelöst werden. Beides muss nebeneinander sichtbar sein.

Rad der Macht und der Privilegien. Modell zum intersektionalen Ansatz. Kreis mit 12 Tortenstücken, die jeweils von innen nach außen in drei Privilegienstufen geteilt sind. Themen: Formale Bildung, Wohlstand, Wohnen, Sprache, Hautfarbe, Körpergeschlecht, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Behinderung, Neurodiversität, Körperform, Staatsbürgerschaft

Ich habe also das Konzept überarbeitet, auf den deutschen Kulturraum übertragen und Körpergeschlecht, sexuelle Orientierung und Genderidentität als eigenständige Kategorien behandelt. Birgit Jansen von Bürgie hat meine Überlegungen in eine neue Illustration gegossen. Gemeinsam haben wir das Ergebnis unter die Lizenz CC-BY-ND 3.0 DE gestellt. Das bedeutet, unter Angabe der Quelle, mit Link auf meine Seite und ohne die Grafik zu verändern, darfst du sie verwenden. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/. Bei Newsletter-Anmeldung gibt es die Grafik zum Download.

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Was hat das „Rad der Macht und der Privilegien“ mit Intersektionalität zu tun?

Der intersektionale Ansatz hilft uns zu verstehen, dass wir alle in bestimmten Bereichen privilegiert und in anderen diskriminiert sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir unsere Privilegien oft gar nicht wahrnehmen. Wenn wir diskriminiert werden, fällt uns das dafür umso deutlicher auf.

Wenn du dich in diesem Rad verorten sollst, wirst du vermutlich sehen, dass du privilegierter bist, als du zunächst angenommen hast. Oder du siehst, dass du in manchen wichtigen Bereichen zwar diskriminiert wirst, in anderen dafür aber Privilegien genießt. Im besten Fall führt das dazu, dass du etwas geduldiger, empathischer und reflektierter mit Menschen umgehst, deren Diskriminierungsmomente du vorher nicht richtig wahrgenommen hast.

Im schlechtesten Fall benutzt du das Rad und machst daraus ein Diskriminierungsranking, bei dem du dich selbst als die diskriminierteste aller Personen siehst. Das wäre eine egozentrische, destruktive und anti-emanzipatorische Herangehensweise. Und leider ist es diese Herangehensweise, die das Wort „intersektional“ inzwischen zu einem Triggerwort werden ließ, bei dem es in Debatten schnell zu Zuschreibungen und wahlweise offener Ablehnung oder stiller Verweigerung kommen kann. Beides ist nicht im Sinne eines Changes hin zu gegenseitiger Akzeptanz, Chancengerechtigkeit und Vielfalt.

Kritik und Grenzen am Modell „Rad der Macht und der Privilegien“

Im April 2023 habe ich mein „Rad der Macht und der Privilegien“ auf Linkedin geteilt und hatte den erfolgreichsten Post ever. Fast 100.000 Ansichten in kürzester Zeit. Offenbar traf ich damit einen Nerv. In den Kommentaren gab es auch ein paar kritische Stimmen zu dem, was im Modell fehlt. Ein Modell ist ein Modell ist ein Modell. Es ist nicht vollständig. Als Diplom-Sozialwirtin ist mir bewusst, dass solche Modelle immer Wirklichkeit reduzieren und nicht die ganze Komplexität abbilden können.

Umso richtiger und wichtiger ist es, auf diese Grenzen auch explizit hinzuweisen. Modelle müssen Entscheidungen treffen und reduzieren, damit sie übersichtlich und handhabbar bleiben. Wollte es sämtliche Diskriminierungen und biografischen Möglichkeiten erfassen, wäre es kein Modell mehr und wir landen irgendwann bei 8 Milliarden Individuen. Bitte sei also nachsichtig, wenn dir etwas fehlt.

Altersdiskriminierung

Ohne Zweifel werden Menschen aufgrund ihres Alters diskriminiert. Und dennoch habe ich Altersdiskriminierung aus dem Modell bewusst weggelassen. Denn sie lässt sich nicht in dieser linearen dreigliedrigen Struktur abbilden.

  1. werden sowohl junge wie auch alte Menschen diskriminiert
  2.  werden Frauen anders altersdiskriminert als Männer. Frauen haben eigentlich ihr Leben lang das falsche Alter: könnten schwanger werden, haben kleine Kinder, haben zu wenig Führungserfahrung, weil wegen Kinder in Teilzeit gewesen. Das kommt zu „zu jung“ oder „zu alt“ zusätzlich dazu.
  3. hängt die Altersdiskrimnierung stark von jeweiligen Kontexten ab.

Antisemitismus

Antisemitismus gibt es schon immer. Seit Oktober 2023 ist die Zahl antisemitischer Übergriffe massiv angestiegen. Und trotzdem fehlt diese Kategorie im obigen Modell. Ebenso fehlt Islamfeindlichkeit. Aus einem einfachen Grund: Die vermutete oder tatsächliche Zugehörigkeit zu einer Religion oder religiösen Strömung innerhalb einer Religion lässt sich nicht eine dreigliedrige Hierarchie bringen.

Reduktion für die Übersichtlichkeit

Desweiteren fehlen in den Tortenstücken manchmal Begriffe. Zum Besipiel fehlt die Meister*in, die als Aufstiegsabschluss im dualen Bildungssystem Deutschlands einem FH-Abschluss gleichgestellt ist, ebenso Techniker*in und die Fachwirt*in und vermutlich noch ein paar mehr Bezeichnungen auf ähnlichem Level. Würde ich all das in das Rad schreiben wollen, wäre es unübersichtlich und vermutlich hätte ich trotzdem noch einen Abschluss vergessen.

Gleiches bei der sexuellen Orientierung. Hier fehlt bisexuell ebenso wie die neueren Begriffe wie pan- oder asexuell.

Diskutieren lässt sich auch, ob das Englisch-Niveau als eigene Kategorie aufgeführt werden sollte. Einerseits ist Englisch die internationale Business-Sprache. Andererseits gibt es auch viele Berufe, die fast kein oder gar kein Englisch benötigen und in wieder anderen Bereichen ist es eher vorteilhaft, eine Sprache wie Arabisch, Türkisch oder Mandarin zusätzlich zu Deutsch zu können.

Damit wird hoffentlich klar, warum ich das weggelassen habe. Weil es zu voll und damit zu unübersichtlich wird. Solche Details sollten auf der Tonspur, also mündlich in der Arbeit mit der Grafik geklärt werden.

Es gibt vielfältige, unterschiedliche und widersprüchliche Diskriminierungen. Das Modell kann nicht alles abbilden. Und soll es auch nicht. Aber es kann uns helfen, tiefer zu denken, Strukturen zu hinterfragen und uns immer wieder an die moralische Grundlage zu erinnern: die universellen Menschenrechte gemäß der Charta von 1948.

Wie intersektional ist die queerfeministische Intersektionalität?

In letzter Zeit ist immer wieder von Feminismus, Radikal-Feminismus, Anti-Feminismus, Queer-Feminismus oder intersektionalem Feminismus die Rede. Auf unterschiedliche feministische Sichtweisen und Strömungen einzugehen, wäre ein eigener Blogbeitrag. Eine Übersicht über feministische Strömungen weltweit und über 250 Jahre liefert das Buch von Lucy Delap: Feminisms – also Feminsmen (Der deutsche Titel ist leider bescheuert), das ich in einem Blogartikel rezensiere.

Ich möchte mich hier nur mit dem Aspekt „intersektionaler Feminismus“ beschäftigen. Unter dieser Verschlagwortung werden teilweise Texte und Thesen produziert, die den intersektionalen Ansatz in sein Gegenteil verkehren. Und die auf mich eher frauenfeindlich als feministisch wirken. Ebenso gibt es einzelne Personen, die sich als Opfer inszenieren, um damit Macht auszuüben. Auch das führt eher zur Ablehnung und Spaltung, denn zu etwas Gutem.

Ja, es ist richtig, auch Männer in den Feminismus einzubeziehen. Wenn ich Feminismus als emanzipatorisches Gegenmodell zu Patriarchat begreife, dann fordert Feminismus alle Menschen aller Geschelchter dazu auf, sich von stereotypen Rollenbildern zu befreien. Wenn dann jemand stattdessen in einem Text Genderstereotype als Ersatz nimmt, um Geschlecht zu beschreiben, ist das nach meinem Verständnis eine anti-emanzipatorische Perspektive, also im Grunde das Gegenteil, wofür Feminismus in all seiner Vielfältigkeit seit 250 Jahren steht.

Ebenso ist es grundfalsch, die Diskriminerungskategorie Sex auszublenden oder sie Gender unterzuordnen. Mädchen und Frauen – sowie Interpersonen, die mit Vulva geboren werden – werden nicht wegen ihrer Identität diskriminiert, sondern wegen ihres geschlechtlichen Phänotyps und wegen ihrer erwarteten Gebärfähigkeit. Sie haben weniger Rechte, weniger Räume, strengere Regeln und Kontrolle über ihr Leben.

Was kann der intersektionale Ansatz?

Der intersektionale Ansatz trägt dem Rechnung, dass ein Weißer Mann aus sozio-ökonomisch schwierigen Verhältnissen mit geringen Deutschkenntnissen und ohne Aufenthaltsstatus ebenfalls eine mehrfach diskriminierte Person mit erheblich schlechteren Chancen ist.

Konstruktiv verstanden verhindert der intersektionale Ansatz, dass eine wohlsituierte erfolgreiche Weiße Transfrau als diskriminierter gilt als eine geburtsgeschlechtliche Frau und Mutter, die früh Verantwortung in der Familie übernehmen musste, weshalb sie keine Karriere machen konnte und darüber hinaus in einer gewalttätigen Ehe gefangen ist, weil sie finanziell abhängig ist.

Eine Schwarze Person aus reichem, gebildetem und bestens vernetztem Elternhaus, die selbst einen hohen Bildungsabschluss hat, die Landessprache beherrscht und Eigentum besitzt, wird immernoch wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, hat aber in anderen Diskriminerungsklassen erhebliche Privilegien.

Der intersektionale Ansatz soll uns also helfen, strukturelle Mehrfachdiskriminerung zu erkennen und unsichtbare Diskriminierungskategorien sichtbar zu machen. Aber er dient nicht dazu, einen Diskriminerungswettbewerb zu veranstalten. Und er dient auch nicht dazu, dass wir nur einige wenige sichtbare Kategorien beachten und alles andere unter den Tisch fallen lassen.

In der neuen Version des Rades von Dezember 2025 habe ich den Begriff „cis“ gestrichen. In diesem Beitrag erkläre ich, warum ich in alten Texten den Begriff verwendet habe, das inzwischen aber vermeide.

Ich selbst bedaure sehr, dass die Polarisierungen zwischen woke und anti-woke, zwischen Identiätspolitik und identitärer Politik die Polarisierung in der Gesellschaft, aber auch in den Teams oder zwischen Niederlassungen vorangetrieben haben. Denn richtig verstanden – ohne Dogma und als Modell – hilft der intersektionale Ansatz, eigene Vorteile in der Biografie zu sehen und wertzuschätzen. Ebenso kann er helfen, eigene Fehlschläge besser wegzustecken oder andere Menschen im Team differenzierter zu würdigen.

Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Polarisierung in diesem Bereich wieder zurückzudrängen und der Differenzierung und Sachlichkeit wieder mehr Raum zu schenken.

Fragen und Antworten zum intersektionalen Ansatz

Was bedeutet „intersektionaler Ansatz“?

Der intersektionale Ansatz geht zurück auf die US-amerikanische Juristin Kimberly Crenshaw. Er zeigt, dass sich unterschiedliche Formen von Diskriminierung gegenseitig verstärken, was Betroffene zusätzlich benachteiligt. Das daraus abgeleitete Privilegienrad hat Sigi Lieb auf den deutschen Kulturraum übertragen.

Warum ist intersektional in Debatten oft Triggerwort für Empörung?

Besonders in öffentlichen Debatten wurden oft im Namen der Intersektionalität Opferhierarchien gebildet oder Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Das hat zu viel Frust und Ablehnung geführt, födert Polarisierung und gefährdet DEI-Strategien in Unternehmen. Ein moderierter „Korridor der Akzeptanz“ kann versachlichen und passgenaue Strategien entwickeln.

Wie kann DEI den intersektionalen Ansatz sinnvoll integrieren?

Diversity, Equity and Inclusion muss widersprüchliche Interessen und Erwartungen in einen gemeinsamen Weg übersetzen. Der intersektionale Ansatz kann dabei konstruktiver Hebel sein oder Konflikte sogar verschärfen. Die Kunst besteht darin, mit Rückgrat und Resilienz einen Raum zu schaffen, in dem Ambiguitäten ausgehalten werden. Das ist eine Moderations- und Beratungsaufgabe, die Sigi Lieb in Workshops und Projekten begleitet.

Bild: Grafik Birgit Jansen nach Inhalten von Sigi Lieb

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5 Kommentare zu „Intersektionalität: Was ist das? Und was ist es nicht?“

  1. Oh, jetzt habe ich gesehen, dass Sie das thematisiert haben. Aber wir als Eltern von Schulpflichten Kindern mit Behinderung erleben diesen Faktor als extrem schwerwiegend. So schwerwiegend, dass er eben häufig untergeht.

    Antworten
  2. Guten Tag Herr Lieb
    Ihre Illustration ist super und eindrücklich. Mir ist aufgefallen, dass der Parameter „Alter“ fehlt.
    Kinder haben viel weniger Plattformen, Rechte und Lobbymöglichkeiten als Erwachsene.
    In der Schweiz haben sie sogar die Schulpflicht ohne freie Schulwahl.
    Beste Grüsse
    Monique Wittwer

    Antworten
    • Wieso sprechen Sie mich als Herr an?
      https://www.gespraechswert.de/
      https://www.gespraechswert.de/sigi-lieb/

      Wie Sie gesehen haben, spreche ich im Blogbeitrag an, dass ein Modell nicht alle Formen von Diskrimnierung abbilden kann. Jedes Modell muss reduzieren. Alterdiskriminierung lässt sich ebensowenig wie Antisemitismus in dieser Dreigliedrigkeit abbilden. Trotzdem existieren beide. Das Modell soll eine Hilfestellung dafür sein, dass wir als Menschen vor dem Gesetz zwar alle gleich sind, aber keineswegs die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben. Und dass wir es unserem Gegenüber nicht ansehen. In der aktuellen Debatte werden oft Opfer-Hierarchien gebildet, die aufgrund weniger äußerer Merkmale die Welt in Täter und Opfer einteilen. Das ist anti-emanzipatorisch und falsch. Es gibt viele unsichtbare Formen struktureller Diskriminierung. Und dann hat jedes Individuum auch noch eine individuelle Biografie.

      Antworten
  3. Vielen Dank für den tollen Artikel! Vor allem das Rad finde ich sehr wertvoll für die eigene Reflexion und die Reflexion in der Gruppe.

    Eine Anmerkung habe ich: Ich würde nicht den sexistischen Begriff der „Muttersprache“ gebrauchen, sondern den neutralen Begriff der „Erstsprache“ verwenden.

    Antworten

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