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Geschlechtsdysphorie und Transgender bei Kindern und Jugendlichen

Links Lebkuchenmensch mit Text auf Bauch: Geschlecht, Körper, Begehren, Identität, Kultur, Natur Rechts: Scrabble mit den Wörtern Mann, Frau, Inter, Trans, Schwul, Lesbisch Unten Selbestbestimmung und Schutzinteressen Illu zu Geschlechtsdysphorie und Queerness

Die Zahlen der Kinder und Jugendlichen und ihrer Eltern, die wegen Geschlechtsdysphorie Behandlung anfragen, sind so stark gestiegen, dass es keine einfachen Erklärungen dafür gibt. Gleichzeitig ist das Thema Transgender und Selbstbestimmung ideologisch und politisch massiv umkämpft und wird sehr polarisierend diskutiert. Nicht einfach, hier durchzublicken und einen sachlichen und kühlen Kopf zu bewahren.

Geschlechtsdysphorie Genderdysphorie | Geschlechtsdysphorie | Kinder und Jugendliche Geschlecht und Gender, Bücher und Rezensionen

Derzeit wird die „S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik und Behandlung“ überarbeitet. Geplante Fertigstellung ist Ende 2023. Das Dutch Protocoll, welches bisher als Standard für die Behandlung galt, ist zunehmend in die Kritik geraten. Und auf meinem Schreibtisch liegen zwei Bücher zum Thema zur Rezension. Lange bin ich um „Queere Kinder“ und „Geboren im falschen Körper“ herumgeschlichen und wusste nicht recht, wie ich damit umgehen soll. Beide Bücher befassen sich mit Transgender, Queerness und LGBTQIA bei Kindern und Jugendlichen. Beide haben Stärken und ihre Berechtigung. Beide haben Defizite, die vor allen Dingen in der stark ideologisch geprägten Debatte zu suchen sind.

Deshalb ist dieser Beitrag nicht bloß eine Rezension. Ich gehe auf die Bücher ein und ergänze um weitere aktuelle Beiträge zum Thema. In der Hoffnung, dass der Blogbeitrag eine umfassende Grundlage für Information bietet und eine sachliche Debatte unterstützt.

Elternratgeber „Queere Kinder“

„Queere Kinder“ von Verena Carl und Christine Kolb ist ein Elternratgeber. Er will, so steht es im Untertitel „Eine Orientierungshilfe für Familien von LGBTQIA+-Kindern und –Jugendlichen“ sein.

Carl ist Journalistin und Mutter einer Jugendlichen, die sich als nicht-binär beziehungsweise genderfluid verortet. Kolb ist Sexualwissenschaftlerin und arbeitet als Beraterin und Referentin für sexuelle Bildung. Die beiden Autorinnen fragen, wie sich Eltern verhalten können, wenn sich Kinder nicht geschlechterstereotyp entwickeln. Sie behandeln sexuelle Orientierung und Transgeschlechtlichkeit zusammen und gehen am Rande auch auf Intergeschlechtlichkeit ein.

Begriffe rund um Geschlecht, Gender und Begehren

Sexuelle Orientierung: schwul, lesbisch, bisexuell, Oberbegriff: homosexuell – beschreibt das sexuelle Begehren.

Transgeschlechtlichkeit: beschreibt, dass die empfundene Geschlechtszugehörigkeit nicht dem Körpergeschlecht entspricht. Transmann (weiblicher Körper, männliche Identität)
Transfrau (männlicher Körper, weibliche Identität)
non-binär (männlicher oder weiblicher Körper, Sammelbecken für verschiedene Begriffe, die auf zur Geschlechtsidentität von non-binär über genderfluid, Demiboy, Demigirl, Two Spirit und so weiter)

Intergeschlechtlichkeit: beschreibt, dass bei Geburt gemischtgeschlechtliche Körpermerkmale vorliegen.

In diesem Blogartikel geht es um die Begrifflichkeiten: Gender was? Wer ist eigentlich divers? Was heißt trans*, inter*, nicht-binär*?

Verständnis und Entlastung für Eltern und Kinder

Geschrieben ist „Queere Kinder“ in einem freundlichen, warmen Ton, einer Elternperspektive, die ihre Kinder liebt, sich aber auch Sorgen macht, das Beste für das Kind will. Das Buch plädiert dafür, dass Eltern die Ruhe bewahren und mit ihren Kindern im Gespräch bleiben. Es bietet Anregungen, die eigenen Gedanken zu Geschlecht, Gender und Begehren sowie zur eigenen Kindheit und Pubertät zu reflektieren. Das ist gut gelungen.

Carl erzählt von den Gesprächen mit ihrer Tochter*, die sie mit Stern schreibt, um ihre Genderfluidität anzuzeigen. Sie erzählt, dass sie froh ist, dass die Tochter* zumindest zum Zeitpunkt des Buchschreibens keinen Wunsch nach geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen äußert. Und dass es für Familien, die vor solchen Entscheidungen stehen, schwierig ist, eben weil es schwerwiegende Entscheidungen sind, die nicht übereilt getroffen werden sollten.

Die beiden Autorinnen gehen schrittweise vor, greifen unterschiedliche Aspekte aus der Debatte auf, lassen betroffene Jugendliche, Väter, Mütter, erwachsene Transpersonen sowie Fachleute zu Wort kommen.

Unter den Fachleuten ist der Hamburger Endokrinologe und Kinderarzt Dr. Achim Wüsthof, der geschlechtsdysphore Kinder und Jugendliche und ihre Eltern berät und behandelt. Wüsthof sagt:

„Wenn ich nicht überzeugt bin, gibt es von mir kein Rezept, denn manche Indikationen werden meiner Ansicht nach nicht sorgfältig genug gestellt. Dann plädiere ich zumindest für eine weitere Beurteilung durch Spezialist*innen, deren Expertise ich vertraue.“

Queere Kinder, Seite 155f

Wüsthof geht auch auf die Schwierigkeit ein, eine echte Transidentität zu erkennen. Er verweist darauf, dass dies für leidende Menschen auch ein Strohhalm sein kann, an den sie sich klammern, der aber nicht ihre Probleme löst, wenn die Transidentität nicht die Ursache ist.

Carl und Kolb betonen, dass es keine angeboren männlichen oder weiblichen Gehirne gibt, sondern dass unsere Gehirne in erster Linie durch unser Denken, Fühlen und Handeln geprägt werden, also durch unsere Erfahrungen. Positiv ist auch ihr entspannter Umgang mit Homosexualität und ihr Plädoyer dafür, dass sich Teenager ausprobieren wollen und das auch dürfen sollen.

„Die Entwicklung reifen zu lassen, das ist unsere Herausforderung. Mit unserer Unterstützung kann das Kind am besten erkunden, was und wie (es) ist, in Aussehen, Persönlichkeit, Beziehungen. So hat unser Kind die Möglichkeit, sich seiner Identität bewusst zu werden, oder kann eine Phase in guter Elternbindung in dem Bewusstsein ‚So bin ich nicht‘ verabschieden, weil sich das Sein so doch nicht richtig angefühlt hat.“

Queere Kinder, Seite 63

Lass abwarten, reifen, ausprobieren. Diese Freiheit ist wichtig für Kinder und Jugendliche. Und da stimme ich absolut zu. Ich stolpere etwas über „sich seiner Identität bewusst werden“. Es suggeriert, Identität sei etwas Fixes, gar Angeborenes.

Identität ist jedoch weder angeboren noch stabil. Sie entwickelt sich im Zusammenspiel des angeborenen Wesenskerns in Interaktion mit der Umwelt. Identitätskonflikte sind normaler Teil der Pubertät. Mit etwa 25 Jahren gilt der körperliche Reifungsprozess als abgeschlossen und das Gehirn ist in seinem Erwachsenen-Ich angekommen. Die Identität kann sich trotzdem weiter entwickeln und verändern. Unsere Auseinandersetzung mit uns selbst, ebenso wie die kulturellen Einflüsse unseres Umfeldes enden ja nicht, sondern gehen ein Leben lang weiter. Und wir verändern uns mit ihnen.

https://www.gespraechswert.de/geschlechter-zahl/

In die queer-aktivistische Falle getappt

Über weite Strecken bietet das Buch hilfreiche und nützliche Gedanken für verunsicherte Eltern. Trotzdem bemerke ich immer wieder Schlagseite in Richtung queer-theoretischer Sichtweisen, die aber weder transparent benannt, noch von anderen Perspektiven auf die geschlechtliche Entwicklung abgegrenzt werden.

Im Buch finden sich die typischen queer-aktivistischen Narrative, die eher dem politischen Aktivismus als wissenschaftlicher Redlichkeit zuzuordnen sind. Darunter das irreführende Zitieren von Claire Ainsworth.

„‘Die Annahme, es gebe zwei Geschlechter, ist zu simpel‘, erläutert Wissenschaftsjournalistin Claire Ainsworth 2015 in ihrem viel beachteten Artikel ‚Sex redefined‘.“

Queere Kinder, Seite 126

Irreführend ist das deshalb, weil Ainsworth bereits 2017 klargestellt hat, dass sie falsch interpretiert wird. Auf die Frage, ob sie in ihrem Artikel „Sex redfined“ ausdrücken wollte, dass es mehr als zwei biologische Geschlechter gebe, antwortet Ainsworth klar und deutlich: „Nein, keinesfalls. Zwei Geschlechter und eine Vielfalt anatomischer/physiologischer Varianten.“

Dr. Li Qi Huang, 10. Juli 2017 @ClaireAinsworth In your piece 'Sex Redifined' are you making the claim there are more than 2 sexes? Claire Ainsworth, 21. Juli 2017: No, not at all. Two sexes, with a continuum of variation in anatomy/physiology.

Dieser Tweet von Ainsworth wird tausenfach auf Twitter zitiert und geteilt. Es ist schwer vorstellbar, dass ihn die Autorinnen bei der Recherche übersehen haben. Entweder haben sie nicht umfassend und kritisch genug recherchiert oder diese Einordnung absichtlich weggelassen.

Stattdessen zitieren Carl und Kolb zur Begründung den Sexual- und Sozialwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß. Voß ist der Name, der inflationär auftaucht, wenn es darum geht, die biologische Zweigeschlechtlichkeit infrage zu stellen. Voß Perspektive ist keine biologische, naturwissenschaftliche, sondern eine eher sozialwissenschaftliche.

Diese Unterfütterung führt in dem Buch dann zu befremdlichen Äußerungen wie dieser

„Zugleich macht die Umfrage Mut, denn die Zustimmung für die Existenz von mehr als zwei biologischen Geschlechtern ist vermutlich höher denn je“

Queere Kinder, Seite 139

Bitte? Sollen Jugendliche nicht mehr lernen, wie sie ungewollte Schwangerschaften verhindern? Sollen sie ihre Körper nicht mehr benennen, kennen und lieben lernen? Die Körper beruhen auf der biologischen Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, wie bei allen Säugetieren, auch wenn es anatomische Varianten gibt. Verwechseln die Autorinnen Sex und Gender? Verwechseln sie Körper und Identität?

Richtig, Geschlecht ist komplexer als der XX-/XY-Chromosomensatz und es gibt anatomisch uneindeutige Körper. Richtig ist auch, dass das eigene geschlechtliche Empfinden vielfältiger ist als geschlechterstereotype Vorstellungen. Das ändert aber nichts an der biologischen, zwei-geschlechtlichen Fortpflanzung und den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen aufgrund des biologischen Geschlechts.

Eine andere problematische Stelle:

„Natürlich gab und gibt es Theorien, die Transidentität mit bestimmten Erfahrungen beim Aufwachsen, Geschlechterrollen der Eltern, Traumata oder sexueller Gewalt verknüpfen. Es wird immer klarer, dass sie Spekulationen sind und jeder Grundlage entbehren.“

Queere Kinder, Seite 132

Woher nehmen die Autorinnen diese Sicherheit? Auf welcher Quelle gründet diese Aussage? Wo sie sonst auf Nachvollziehbarkeit und Quellen achten, kann ich hier nichts finden. Warum urteilen sie so leichtfertig, wo sie an anderer Stelle so gewissenhaft arbeiten?

Wenn sich Menschen mit ihrem Geschlecht unwohl fühlen, kann das ganz unterschiedliche Ursachen haben. Es kann eine Transsexualität vorliegen. Muss aber nicht. Mir erzählte eine Therapeutin die Geschichte eines Mannes, der sich für trans hielt, tatsächlich aber das Leben seiner im Mutterleib verstorbenen Zwillingsschwester mitleben wollte. Nachdem das in einer Threapie herausgearbeitet worden war, er um die verlorene Schwester trauern konnte, war sein Wunsch, als Frau zu leben, weg.

Wie es Wüsthof zuvor erläutert hat, gibt es verschiedene Ursachen, warum sich Menschen in ihrem Geschlecht unwohl fühlen. Und die gilt es zu explorieren, um der Person wirksam helfen zu können.

Einseitig recherchiert ist auch der Umgang mit der medizinischen Transition bei Kindern, Jugendlichen und Adoleszenten auf den Seiten 140 bis 146. Gerade in den letzten Jahren gab es etliche Publikationen, die den bisherigen Behandlungsstandard für transidente Minderjährige kritisieren und fehlende Evidenz beklagen. England, Schweden und andere Länder haben ihre Standards geändert und geben Pubertätsblocker nur noch in begründeten Ausnahmefällen. Ich hätte erwartet, dass dieser aktuelle Stand der Wissenschaft im Buch abgebildet wird. Wird er leider nicht.

Illustration zu Geschlechtsdysphorie: Lebkuchenmensch mit Text im Bauch: Geschlecht, Körper, Begehren, Identität, Kultur, Natur

Für Menschen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, wurde die rechtliche Geschlechtskategorie „divers“ geschaffen. Das ist gut so. Diese könnten wir für weitere Formen der Uneindeutigkeit nutzen. Ich würde es begrüßen, über die Chancen und Möglichkeiten dieses rechtlichen Personenstandes zu diskutieren.

Stattdessen argumentieren die Autorinnen auch hier queer-aktivistisch, indem sie einen Personenstandswechsel von männlich zu weiblich oder von weiblich zu männlich als harmlos beschreiben (Seite 161). Natürlich ist die personenstandsrechtliche Eintragung reversibel, insofern etwas anderes als eine geschlechtsangleichende Operation. Trotzdem hat sie weitreichende Folgen, für die Person selbst sowie für unbeteiligte Dritte, deren Rechte und Räume vom körperlichen Gegengeschlecht beansprucht werden. Und genau hieraus, aus der Betroffenheit Dritter, erwachsen die erbitterten Konflikte um Self-ID-Gesetze in den Ländern des Globalen Nordens.

https://www.gespraechswert.de/selbstbestimmungsgesetz/

Immer wieder betonen die Autorinnen, dass sie kein politisches Buch schreiben wollen und dass diese Diskussion andernorts geführt werden müsse. Dann hätte ich mir gewünscht, dass sie sich daran halten und nicht einseitige politische Aussagen treffen und die unterschiedlichen Positionen nicht einseitig werten, sondern an gleichen Standards messen und prüfen.

Fachbuch „Geboren im falschen Körper: Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen“

„Geboren im falschen Körper. Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen“ ist in gewisser Weise das Gegenstück zu „Queere Kinder“. Hier werden Fragen der körperlichen, psycho-sozialen Entwicklung, der therapeutischen Praxis, des Rechts und der Ethik erörtert, die bei „Queere Kinder“ vernachlässigt werden. Allerdings hat auch dieses Fachbuch Schwächen und blendet Aspekte aus, die in „Queere Kinder“ toll behandelt sind.

„Geboren im falschen Körper“ ist ein Fachbuch, herausgegeben von Bernd Ahrbeck, Professor für Psychoanalytische Pädagogik und Marion Felder, Professorin für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Inklusion und Rehabilitation. Im Vorwort formulieren sie das Ziel des Buches:

„Dieser Band enthält Beiträge ausgewiesener Fachleute aus Medizin, Psychologie, Pädagogik, Psychotherapie, Philosophie und Sozialethik. Grundlegende Wissensbestände werden wiedergegeben, über unterschiedliche Positionen kritisch reflektiert, Praxisbeispiele vorgestellt. Dabei kommen auch Stimmen zu Wort, die ansonsten selten zu hören sind. Ziel ist es, sachliche Bezüge zu stärken, die in einem emotional aufgebrachten Diskurs über Genderdysphorie und Transgender häufig in den Hintergrund treten. Problematische Entwicklungen, die unübersehbar sind, werden benannt und ihre Konsequenzen beschrieben.“

Geboren im falschen Körper, Seite 9

Fachbeiträge zu Transgender aus unterschiedlichen Disziplinen

In der Tat kommen erfahrene Fachleute und Praktiker*innen aus verschiedenen relevanten Disziplinen zu Wort. Als Fachbuch ist „Geboren im falschen Körper“ deutlich wissenschaftlicher geschrieben, mit den für Wissenschafts- und Fachbeiträge typischen Quellenverweisen auf Studien und Forschungsarbeiten. Damit ist es anstrengender zu lesen, dafür aber transparent, auf welche Fachbeiträge und Forschungsarbeiten sich die Aussagen und Analysen jeweils beziehen.

Die Aufsätze im Einzelnen

  • Bernd Ahrbeck und Marion Felder: Geboren im falschen Körper? Klinische und pädagogische Fragestellungen.
  • Alexander Korte: Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen aus medizinischer und entwicklungspsychologischer Sicht.
  • Karla Etschenberg: Sex, Gender, Inter und Trans als Themen für die Sexualbildung.
  • Alfred Walter: Zwischen allen Stühlen. Transsexuelle Jugendliche in der psychotherapeutischen Praxis.
  • Annette Streeck-Fischer: Leben im falschen Körper? Transgendering im Entwicklungsprozess von Kindern und Jugendlichen
  • Debbie Hayton: Mein Transgender Leben – ein persönlicher Erfahrungsbericht
  • Christioph Türcke: Im falschen Körper
  • Heather Brunskell-Evans: Die Stimme der ‚Detransitioner‘
  • Axel Bernd Kunze: Kinderrecht auf sexuelle Selbstbestimmung? Kinderrechts- und bildungsethische Überlegungen zur rechtlichen Neuregelung von Fragen geschlechtlicher Selbstbestimmung

Natürlich kenne ich nicht sämtliche Aufsätze und Studien samt deren methodischer Qualität und kann nicht immer erkennen, wie umfangreich diese einbezogen oder gezielt weggelassen werden. Da ich mich aber schon lange mit dem Thema befasse (und selbst ein Buch geschrieben habe), erkenne ich in der Auswahl der Autor*innen eine gewisse Einseitigkeit.

Deutlich wird das zum Beispiel daran, dass die kinder- und jugendpsychiatrische Perspektive von Alexander Korte vertreten wird. Korte ist quasi der Gegenspieler zu Georg Romer. Beide sind erfahrene Professoren für Kinder- und Jugendpsychiatrie und spezialisiert auf das Thema Geschlechtsdysphorie. Aber sie bewerten die ethischen Fragen unterschiedlich. Ihre therapeutische Kontroverse kannst du anhand ihrer Präsentationen für den Deutschen Ethikrat nachlesen.

Erwachsene tragen Verantwortung für das Wohl von Kindern und Jugendlichen

Im Kern geht es in dem Fachbuch um die Verantwortung insbesondere für Kinder und Jugendliche, die körperlich wie psychosozial noch nicht erwachsen sind und besondere Schutzrechte genießen. Der Blick richtet sich auf die Verunsicherung, auf fehlende Evidenzen und auf mögliche Fehlentwicklungen. Im Fokus steht der Blick auf Kinder und Jugendliche, die noch nicht wissen können, welche Identität ihr Erwachsenen-Ich haben wird. Sie entwickeln sich. Die Pubertät ist ein holpriger Weg und niemand kann vorhersehen, welche Kapriolen sie schlägt.

Der Punkt, der bei „Queere Kinder“ beiseite gewischt wird, bekommt in „Geboren im falschen Körper“ Relevanz und wird zum Untersuchungsgegenstand: Eine Transition ist nur dann hilfreich, wenn eine Transsexualität zugrunde liegt und nicht das Transsein als Strohhalm verstanden wird, um Lösungen für andere Leiden zu finden.

Die Autor*innen kritisieren, dass zu euphorisch über medizinische Transitionen und zu wenig über Probleme und Komplikationen gesprochen wird. Und sie drängen darauf, die Komorbititäten stärker zu berücksichtigen.

„Bis zu 70 Prozent der Jugendlichen mit ‚Gender Dysphoria‘ leiden demnach an Depressionen, Angststörungen, bi-polaren und dissoziativen Störungen.“

Geboren im Falschen Körper, Seite 30

Tatsächlich zeigen etliche Studien aus unterschiedlichen Ländern enorme Zahlen von parallel auftretenden Diagnosen, wie Ess-, Angst- und anderen psychischen Störungen sowie neurodiversen Auffälligkeiten wie ADHS oder Autismus.

„Im diagnostischen Prozess muss deshalb Sorge dafür getragen werden, dass die Ablehnung des eigenen Geschlechts nicht eine Folge einer komplexen Autismusspektrumsstörung ist, die eine ganz andere Behandlung erfordert“

Geboren im Falschen Körper, Seite 31

Und sie verweisen auf die steigende Zahl von Detransitionern, als Personen, die eine Transition soweit es möglich ist, wieder rückgängig machen wollen. Oft stellt sich später heraus, dass es sich um ein homosexuelles Begehren handelte, nicht aber um eine Transidentität.

Merkwürdiger Umgang mit Beispielen und Zahlen

Debbie Hayton berichtet von ihrer persönlichen Geschichte als Transfrau. Hayton ist jedoch keine gewöhnliche Transfrau im Sinne von ICD-10 F 64.0 (Transsexualismus), sondern eine autogynophile Person im Sinne von ICD-10 F 65.1 (transvestitischer Fetischismus). Hayton ist weder gefährlich noch irgendwie schlimm. Dennoch finde ich den Beitrag problematisch. Er wäre gut, wenn er im Rahmen mehrerer Beiträge eine Variante vorstellen würde oder wenn er kritisch reflektieren würde, was heute alles unter „trans“ verstanden wird. Das geschieht aber nicht. Hayton ist das einzige Beispiel einer Transperson. Und das ist eine verzerrende Darstellung von Transfrauen. Denn die Standard-Diagnostik ist weder F 65.1 (transvestititscher Fetischismus) noch F 64.1 (Transvestititsmus ohne Fetisch), sondern F 64.0 (Transsexualismus).

Den Beitrag von Christoph Türcke halte ich für verzichtbar. Er liefert wenig Erhellendes, dafür Futter für Polemik. Das hilft uns für die Versachlichung der Debatte nicht weiter.

Kritisch bewerte ich auch den Umgang mit Daten und Zahlen im Beitrag von Annette Streeck-Fischer. Sie benennt Hermaphroditismus mit einer Häufigkeitsangabe von 0,007 Prozent beziehungsweise mit 1:4.700 (Seite 136), aber sie erwähnt nicht, welche intergeschlechtlichen Varianten sie damit meint. Und sie schreibt nicht, dass die Datenlage zur Häufigkeit von Intergeschlecht extrem dünn und widersprüchlich ist. Das erwarte ich aber von einer seriösen Arbeit.

Letztendlich ist die Häufigkeit von Intergeschlechtlichkeit nicht bekannt.

Dazu kommen zahlreiche weitere DSD-Varianten (Differences of Sexual Development) und, dass sich die Wissenschaft nicht einig ist, welche als intergeschlechtlich zu werten sind. In einer Übersichtsarbeit eines Hamburger Forschungsteams um Lena Hauck werden Inter-Häufigkeiten von 0,018 bis vier Prozent der Weltbevölkerung genannt.

Der fragwürdige Umgang mit Daten und Zahlen betrifft letztlich beide Bücher. In „Queere Kinder“ wird suggeriert, dass die Zahl der Detransitioner extrem gering sei. Obwohl sie steigt. Im Dezember 2022 veröffentlichte Reuters einen gut recherchierten Text mit zahlreichen Quellen und Studien, die Detrans-Raten zwischen einem und 26 Prozent zeigen. Ebenso Studien, die zeigten, dass die wenigstens Detrans-Personen zurück zu den Ärzt*innen gehen, die ihre Transition betreut hatten. Das hätten die Autorinnen einbringen müssen.

Wenn ich auf Beiträge stoße, in denen mir auffällt, dass unseriös mit Zahlen, Daten, Zitaten umgegangen wird, geht das Vertrauen flöten und mit ihm die Lust auf Lektüre.

Sexualaufklärung im Unterricht für die Akzeptanz von LGBTQIA

Positiv hervorheben möchte ich den Beitrag von Karla Etschenberg. Etschenberg ist Pädagogin und Biologie-Didaktikerin und befasst sich mit den biologischen Aspekten von Trans- und Intergeschlechtlichkeit sowie der Sexualbildung und -aufklärung in Kita und Schule. Ihr Beitrag ist eine ruhige, sachliche und fachliche Stimme in einer extrem aufgeheizten Stimmung.

Weder reduziert sie Geschlecht auf den XX-/XY-Chromosomensatz, noch spekuliert sie von einem Spektrum. Sie benennt wissenschaftliche Fakten in ihrer Komplexität. Besonders gefällt mir ihre Übersicht auf Seite 94, wo sie aufzählt, welche Geschlechtsorgane sich unterschiedlich aus einem gemeinsamen embryonalem Gewebe entwickeln und welche sich aus unterschiedlichem Gewebe entwickeln, aber Organe mit ähnlichen Funktionen hervorbringen.

Etschenberg erläutert, warum eine altersangemessene und wissenschaftlich abgesicherte Sexualbildung und Sexualaufklärung wichtig sind, damit sich Kinder und Jugendliche selbst und einander akzeptieren, schützen und frei entwickeln können. Sie liefert Vorschläge für die didaktische Umsetzung und thematisiert die Herausforderungen. Sie fordert, die im Sach- und Biologieunterricht verwendeten Medien zu untersuchen, ob sie aktuellen wissenschaftlichen Standards entsprechen und diese entsprechend zu aktualisieren.

Gleiches gilt für heteronormative und stereotype Bilder und Texte:

„Es gibt aus sachlicher und pädagogischer Sicht keine Verpflichtung und keine Berechtigung zu irgendeinem Verhalten, das mit dem Hinweis auf das biologische Geschlecht zu legitimieren oder einzufordern ist.“

Geboren im falschen Körper, Seite 101

Begründete Ausnahmen gibt es bei Arbeiten, die enorme Körperkraft erfordern, gefährliche Strahlen für Frauen im gebärfähigen Alter oder die Geschlechtertrennung im Sport nach der Pubertät wegen unterschiedlicher Leistungsvoraussetzungen.

Therapeutische Einblicke in die Arbeit mit Trans-Jugendlichen und die Rolle der Eltern

Alfred Walter berichtet aus seiner therapeutischen Praxis und von den vielen Verstrickungen der individuellen psychosozialen und sexuellen Entwicklung der Jugendlichen, die zu ihm kommen. Und er verweist darauf, dass es ein sensibler Prozess ist, der Zeit braucht.

„Ich halte es von zentraler Bedeutung, dass die in der bisherigen Leitlinie für Kinder und Jugendliche favorisierte Ergebnisoffenheit der Therapie gegenüber den Jugendlichen und Eltern von Anfang an klar ist, gerade angesichts des immensen Drucks, den sie ausüben“

Geboren im falschen Körper, Seite 118

Er thematisiert, dass es für Jugendliche eine Enttäuschung ist, wenn sie hören, wie lange dieser Prozess dauert und welche rechtlichen Beschränkungen es für medizinische Geschlechtsangleichungen in Deutschland gibt. Andererseits beschreibt er auch, dass viele, nach einem ersten Tief, die gewonnene Zeit konstruktiv für sich zu nutzen wissen, um den individuellen Problemlagen auf den Grund zu gehen und die passenden Lösungen zu erarbeiten.

Eltern können in diesem Prozess eine Hilfe sein oder ein Hindernis. Walter beschreibt es nicht nur als problematisch, wenn Eltern die Transsexualität ihrer Kinder ablehnen und zurückweisen, sondern ebenso, wenn sie allzu affirmativ jede Exploration ablehnen.

Ethische Fragen im Umgang mit Selbstbestimmungsrechten und Transition

Heather Brunskell-Evans ist eine britische Philosophin und setzt sich mit zwei widersprüchlichen ethischen Paradigmen auseinander, die in diesem Thema eine Rolle spielen:

1: „Das erste ethische Paradigma geht davon aus, dass die soziale Gerechtigkeit die Bestätigung der inneren Geschlechtsidentität des Kindes oder Jugendlichen erfordert und das Recht auf einen Körper beinhaltet, der seinem authentischen Selbst entspricht.“

2: „Das zweite ethische Paradigma wendet sich dagegen, dass die Medikalisierung von Kindern normalisiert und der Kinderschutz dadurch vernachlässigt wird (…), ohne dass die Ursachen ihrer Überzeugung, im falschen Körper geboren zu sein, ausreichend berücksichtigt werden.“

Geboren im falschen Körper, Seite 172 und 173

Axel Bernd Kunze befasst sich mit menschenrechtlichen Fragen im Kontext von Transgender und Selbstbestimmung. Menschenrechte sind universell und unteilbar. Das bedeutet: Kein Menschenrecht darf dazu benutzt werden, ein anderes Menschenrecht einzuschränken. Daraus ergibt sich der Grundsatz der Diskriminierungsfreiheit. Übertragen auf Kinderrechte gilt es, die Schutzinteressen, Förderinteressen und Beteiligungsinteressen der Kinder zu berücksichtigen.

Das sind spannende Fragen, die wir diskutieren müssen. Nicht nur in Bezug auf Kinderrechte, sondern ebenso in Bezug auf Frauenrechte, LGB-Rechte, Transrechte, Interrechte.

Eine demokratische Debatte lädt alle Perspektiven ein

Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich um beide Bücher so herumgeschlichen bin. In beiden habe ich wertvolle Gedanken und Beiträge gefunden und bei beiden verstörende Defizite. Diese Erfahrung machte ich auch oft bei der Recherche für mein eigenes Buch, das im März 2023 im Querverlag erschienen ist. Oft waren Beiträge von der einen oder anderen Seite ideologisch überschrieben, bis in die Wissenschaft hinein. Mich hat das unglaublich genervt.

Letztendlich haben beide Bücher auch viele Gemeinsamkeiten. Carl und Kolb laden in „Queere Kinder“ die Eltern zur Selbstreflexion ein. Sie plädieren für Ruhe und Gelassenheit, für Gespräche, Kompromisse und dafür, sich Zeit zu lassen und keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Eine Haltung, die auch auch das Buch „Geboren im falschen Körper“ durchzieht.

Buchcover: Blasslila Hintergrund, Einhorn mit Regenbogenschweif. Text: Verena Carl & Christiane Kolb "Queere Kinder" Eine Orientierungshilfe für Familien von LGBTQIA+-Kindern und -Jugendlichen, Beltz

Verena Carl und Christiane Kolb: Queere Kinder: Eine Orientierungshilfe für Familien von LGBTQIA+-Kindern und -Jugendlichen, Beltz, 2023, ISBN 978-3-407-86768-1

Buchcover oben orange unten dunkelblau Text: Bernd Ahrbeck/Marion Felder (Hrsg.) Geboren im falschen Körper Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, Kohlhammer

Bernd Ahrbeck und Marion Felder (Hrsg.): Geboren im falschen Körper: Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, Kohlhammer, 2022, ISBN 978-3-17-041239-2

Umso bedauerlicher ist es, dass ideologische Verzerrungen Gräben vertiefen. Es wäre vielmehr sinnvoll, bei allen unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und Widersprüchlichkeiten zu hinterfragen und zu erforschen.

Natürlich ist niemand von uns ohne Vorurteile. Deshalb ist es gut, die Perspektive, aus der wir eine Sache betrachten, transparent zu machen. Wenn Carl über sich selbst und ihre nicht-binäre Tochter* reflektiert, wird deutlich: Carl war offenbar gerne Mädchen, ist gerne Frau und beschreibt weibliche Geschlechterstereotype unproblematisch als Teil ihrer Identität.

Sie hat damit eine völlig andere Perspektive als zum Beispiel ich. Ich bin ebenso Mutter und eine andere Generation als die heute Jugendlichen und Adoleszenten. Aber meine Erfahrung und Identität sind davon geprägt, dass ich als Kind ein Junge sein wollte und bis heute immer wieder in Situationen komme, in denen nicht mein Sosein gesehen wird, sondern ich anhand stereotyper Vorstellungen von und Erwartungen an „Frau“ bewertet werde. Und die passen früher wie heute einfach nicht zu mir und meiner Identität.

Während Carl auf ihre Tochter* blickt, die offenbar so anders fühlt als sie selbst, so habe ich den Eindruck, ich empfinde ähnlich wie manche nicht-binäre oder trans-männliche Jugendliche und frage mich: Was würde das für mich bedeuten, wäre ich heute in diesem Alter?

Beide Sichtweisen sind wertvoll und wichtig. Und wenn wir ehrlich und offen darüber sprechen, ohne dass jemand deshalb soziale Ausgrenzung oder Abwertung erfährt, lernen wir mit- und voneinander und wir können Lösungen entwickeln, die unseren Kindern, Jugendlichen und Adoleszenten helfen, sich frei zu entwickeln.

Letztlich sind wir alle Gefangene unseres eigenen Denkens. Und wir alle sind dazu verführt, unsere Weltsicht auf andere zu übertragen. Auffallen tut uns das erst, wenn wir davon überrascht werden, dass solche Annahmen falsch sind. Und genau dafür ist Perspektivenvielfalt so wichtig.

Aktuelle Fachbeiträge zu Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen

Zum Abschluss möchte ich einige aktuelle Beiträge ergänzen mit Studien, Argumenten und Fragen, die derzeit in den Fachgremien diskutiert werden, die die neue „S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik und Behandlung“ beraten und ausarbeiten.

Neuere Studien zeigen, dass das Dutch Protocoll, auf das sich die bisherige Behandlung stützt, erhebliche Schwächen hat. Die Ergebnisse ließen sich nicht reproduzieren. Die Kohorten haben sich verändert. Es fehlt eine Kontrollgruppe, so das Veränderungen nicht eindeutig auf einen Parameter zurückzuführen sind. Andere Studien zeigen, dass eine medizinische Transition keineswegs automatisch zu einer Verbesserung der psychischen Gesundheit führt. Auch das Gegenteil kann der Fall sein.

Der Bericht zur Tavistock-Klinik in England legte erschreckende Qualitätsmängel in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz offen. Andere Forschungsberichte verweisen auf eine schlechte Datenlage und wenig medizinische Evidenz bei gleichzeitig hohen Risiken. England, Schweden und Finnland haben ihre Behandlungsleitlinien geändert und geben Pubertätsblocker nur noch in begründeten Ausnahmefällen.

Michael Landén, Professor für Psychiatrie an der Universität Göteborg bringt es auf den Punkt:

„Why should you require a lower level of evidence for this patient group than you do for all other patient groups? It’s just not fair.”

The Transgender Protocol (2023) Dutch with English Subs (1:19)

Warum sollten für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz geringe Evidenz-Standards gelten als für alle anderen Patient*innen-Gruppen? Dafür gibt es keinen sachlich-plausiblen Grund. Diese Dokumentation aus den Niederlanden (mit englischen Untertiteln, 28. Oktober 2023) halte ich für absolut sehenswert. Sie arbeitet die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie, die Hoffnungen an das Dutch Protocoll und die Kritik daran chronologisch auf und lässt viele Fachleute zu Wort kommen.


Geschlechtsdyshphorie ist der Begriff, wie er im DSM-Manual seit 2013 verwendet wird.

Geschlechtsinkongruenz ist der Begriff, wie er im neuen ICD-11 verwendet wird. Der ICD-11 löst den ICD-10 ab. Es dauert aber noch, bis er ins deutsche Gesundheitssystem eingearbeitet sein wird. Derzeit gilt der ICD-10

Eine der Stimmen, die in dem Video zu Wort kommt, ist Riittakerttu Kaltiala, Psychiatrie-Professorin an der Tampere Universität in Finnland. Sie baute 2011 die Versorgung für genderdysphore Kinder und Jugendliche mit auf. In diesem Artikel vom 30. Oktober 2023 beschreibt sie ihre Erfahrungen und warum sie eine affirmative Versorgung bei Geschlechtsinkongruenz für gefährlich hält. Bereits im Februar 2023 berichtete Schwulissimo, dass laut Kaltiala viele falsche Informationen in Bezug auf den richtigen Umgang mit Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie in Umlauf seien und betont die Vulnerabilität gerade bei Kindern und Jugendlichen.

In einem ausführlichen Artikel widmet sich das Ärzteblatt am 9. Oktober 2023 der Fachdiskussion in Deutschland und international zum Thema Pubertätsblocker und der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Genderdysphorie. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte schrieb bereits im September 2023, ebenfalls im Ärzteblatt einen Artikel, der die Zunahme geschlechtsangleichender Operationen und gleichzeitig die zunehmenden Fragen und Kritiken in der Fachwelt beleuchtet. Im Juni hatte das Ärzteblatt berichtet, dass England die Gabe von Pubertätsblockern massiv einschränkt und welche Untersuchungen diesem Schritt vorausgegangen sind.

Ich maße mir nicht an zu wissen, welche Behandlung für Kinder und Jugendliche die richtige ist. Das ist Aufgabe von Fachleuten und Forschung, die medizinisch evidente und wissenschaftlich abgesicherte Behandlungen herausarbeiten müssen. Ich ärgere mich, dass Ideologie, Dogmatik und politischer Aktivismus beim Thema Geschlechtdsyphorie und Transgender bei Kindern und Jugendlichen genau diese Evidenz, Forschung und hochwertige Behandlungsstandards behindern. In der Forschung und der Erarbeitung von Behandlungsleitlinien hat aber Politik nix verloren. Unsere Kinder und Jugendlichen haben es verdient, dass wir sie ernst nehmen, unterstützend begleiten und schützen.

Bilder: Cover von den jeweiligen Verlagen, Lebkuchenmensch-Illu Birgit Jansen, Collagen daraus Sigi Lieb

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